Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 13 (1927)
- Issue
- 22 (3.6.1927)
- Date
- 1927-06-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2629891-2630197-2630218--2642-2634547- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 154 JÜDISCHE PRESSE Nr. 22 dem dann die Blüten des freien Denkens und Fuhlens ersprießen werden können, die endgültige Freiheit gegeben wäre. Solchen Anschauungen tritt die תירה entgegen, indem sie spricht: מהחל חרמש בקמה תחל לספור שבעה שבועות. Wenn schon die Sichel angefangen am Getreide, wenn Jisroel schon das Ziel erreicht hat, das den Höhepunkt des Nationaistrebens anderer Völker bildet, irdische Freiheit, Land und Boden, da soll das jüdische Volk erst zu zählen beginnen bis zu dem Tag, an dem es die חורה den Inbegriff der wahren geistigen und seelischen Freiheit, in Empfang genommen hat. Mit seiner nationalen Freiheit, mit seinem eigenen Land und Boden hat Jisroel sein Ziel noch nicht erreicht, sondern vielmehr steht es erst am Anbeginn seiner Bestimmung und muß sehnsüchtig Tage und Wochen zählen, bis zu jenem Tage, so in Erfüllung gehen wird die Verheißung. והיה בי מי צאתך מארץ מצרים כן אראנו נפלאות. Schewuoth, ein Gedenktag! Wir bringen aus der Feder unseres Prager L-Korrespondenten folgende Ausführungen mit dem Bemerken, daß unser geschätzter Mitarbeiter Wert darauf legt, festzustellen, daß in dem Artikel seine persönliche Meinung zum Ausdruck gebracht wird. D. R. Schewuoth, der Gedenktag für Mathan Thora, der Gedenkag für die Verkündigung des Sinaigesetzes, wird in allen Gebeten und Piulim des Tages als solcher gefeiert, die Redner auf den Kanzeln würdigen die Bedeutung der Gesetzgebung und der Thora und doch scheint eine Sehewuoth als Gedenktag in anderer Beziehung nicht minder wichtig, •als Gedenktag für die Erhaltung der Thora, für den Opfermut und Opferwillen, mit dem unsere Väter das Gesetz der Thora bewahrten. Die Zeit von Pessacn bis Schewuoth ist die Zeit der Verfolgungen der Juden kat exochen. Wohl gibt es keine Jahreszeit, keinen Monat, ja nicht einmal einen Tag im Jahre, an dem man nicht des Btutes von Hekatomben jüdischer Märtyrer gedenken könnte, aber in dieser Zeit, der Sefirah, sind vom ausgehenden 12. Jahrhundert bis ins 15. Jahrhundert viele hunderttausende Juden al kidusch haschem getötet worden. Große Gemeinden wurden um diese Zeit Unter dem Mantel der Nächstenliebe seliggemacht, um nur die bekanntesten zu nennen, Worms, Mainz, Frankfurt, Köln und Prag, sogar am Schewuoth selbst. In den alten Memorbüchern findet sich häufig bei den langen Verzeichnissen der Märtyrer der Sefirazeit die Bemerkung, daß man ihrer am Sabbat vor Schewuoth zu gedenken habe, denn damals war die Feiertagshaskara noch nicht eingeführt. Wir gedenken am Schewuoth und an anderen Feiertagen auch der Verstorbenen, wir verewigen das Andenken de Frommen, die irgend eine fromme oder wohltätige Stiftung gemacht, wir sind so weitherzig, daß wir sogar derer gedenken, die ihr ganzes Leben lang für Judentum und Thora wenig übrig hatten, die erst sterben mußten, um ihre Erben zu einer Stiftung von einigen Silberlingen zu veranlassen, wir vergessen aber derer, die ihr Leben hingegeben für Judentum und Thora, die hochgemut sich in die Feuerflammen stürzen ließen, um Zeugnis abzulegen für G־tt und seine Lehre. Die Haskara Ist zum Geschäft geworden, hier Geld, hier Haskara; eine unentgeltliche Haskara ist-äußerst selten, da muß einer schon Kultusvorsteher gewesen sein. Und unsere Kedoschim, sie waren ja keine Kultusvorsteher, sie haben ja nur ihr Blut, sie haben ja nur ihr Leben geopfert, das trägt!keine Zinsen für Wohltätigkeit, dafür kann man eine Thorarolle nicht schön drapieren, dafür nicht von jemand die Jahrzeit.halten lassen. — Und doch, es ist manches Gold, wenn es auch nicht metallisch glänzt! Unsere Kedoschim, sie haben uns die Thora, unseren Lebensnerv erhalten und je mehr-,von ihnen sich al kidusch haschem hinschlachten ließen, 'desfo fester wurde die Anhänglichkeit des oft kargen Restes an die Lehre. — Verba docent, exmpla trahunt! Die schönsten, begeisterndsten Reden der alten Lehrer, die blumenreichsten Predigten der modernen Redner, alle zusammen haben nicht soviel!hinreißende Ueberzeugungskraft, wie die hingebungsvolle Aufopferung eines Einzigen. Und wir, die wir so arm sind an Mitteln, die Thorabegeisterung zu erwecken und zu erhalten, wir verzichten darauf, diese Kedoschim auch nur zu erwähnen, wir langweilen die Besucher des G־tteshauses mit unzähligen Namen, um ja nur ein paar Schilling herauszuschlagen und lassen unsere Am Schebuoth feiern wir das Fest der Offenbarung. Die Zehngebote stehen im Mittelpunkt unserer Gedanken an diesem Tage. ״Gedenke des Sabbattages, um ihn zu heiligen“, lautet das vierte Gebot. Das fünfte schreibt uns vor: ״Ehre deinen Vater und deine Mutter“. Zwischen diesen zwei Geboten besteht auch ein innerer Zusammenhang. Sind die Eltern darauf bedacht, daß ihre Kinder den Sabbat heilig halten, so können sie sicher sein, daß ein Geschlecht heranwächst, das auch das fünfte Gebot respektiert. Jüdische Eltern, selbst jene, die streng nach den Satzungen der Thora leben wollen, sind aber oft nicht sorgsam genug, um den Sabbat ,ihren Kindern und ihre Kinder dem Sabbat zu erhalten. Aus Bequemlichkeit, aus Ersparungsgründen oder aus irgend einem anderen Motiv schicken sie ihre Kinder in die allgemeine Volks- und Bürgerschule, die auf den Sabbat keine Rücksicht nimmt. Wohl können Eltern ihre Kinder von jeder Werktagsarbeit, wie Schreiben und ׳Zeichnen, an den Sabbattagen befreien lassen, aber vom Schulbesuch am iS abbat gibt es keine Befreiung. Das zarte jüdische Kind gewöhnt sich daran, am Sabbat die Schule zu besuchen und Sonntag die goldene Freiheit zu genießen. Das Elternhaus ist sabbatlich geschmückt, der heilige Tag G-ttes ruft in die Synagoge, unsere Kinder müssen aber ganz werktagsmäßig, in die Schule eilen, wo sie an diesem Tage eine unangenehme Sonder- Stellung einnehmen, falls sie die sabbatliche Vorschrift der Meldung von Werktagsarbeit einhalten wollen. Ein Zwiespalt entsteht in der Seele des Kindes, der während der acht Jahre der 1Schulpflicht vertieft und meist für das ganze!Leben unheilbar wird. Gibt es keine Möglichkeit, unsere Kinder vor diesem Zwiespalt, vor dieser Vergiftung ihrer jüdischen Seele zu bewahren? Jawohl! Der Ta ,1 m u d-T hör a־S c h u 1 v e rein i n W i e n erhält unter sehr empfindliehen Opfern eine mit Oeffentlichkeitsrecht ausgestattete Volks- und Bürgerschule für Knabe n ‘.tu nd Mädch e n. ״^Die Wiener israelitische Kjiltusgemeinde, die Adas Jisroel 'und der Vorstand des Schulvereines bemühen sich gemeinsam, um in der!Großstadt, wo dem religiösen Abfall Tor und Tür weit geöffnet sind, für das jüdische Kind eine Zufluchtsstätte zu erhalten, die ihm vor allem die Möglichkeit gibt, den S a b b a t u n g e s t ö r t im Kreise der F am ilie und in den geweihten Stätten der Andacht zu!verbringen. Ueberdies sammelt das jüdische Kind an dieser jüdischen Schule in einem jüdischen Märtyrer den Schatz, aus dem wir unsere Lebenskraft schöpfen, in Vergessenheit geraten. Und darum wäre es höchste Zeit, Schewuoth nicht nur zu feiern als Gedenktag der Erhaltung der Thora, indem man, wenn schon nicht einzelne Kedoschim, so doch wenigstens der bedeutenderen Gemeinden gedenkt und so die Haskara wiederum wenigstens teilweise macht zu dem, was sie ursprünglich war, zu einem belebenden Teile des G-ttesdienstes, zu einer Abstattung der Ehrenschuld an unsere Besten, zu einer Manifestation des Kidusch haschem. L. | Milieu jüdische Kenntnisse, die es mit dem besten Rüstzeug für sein künftiges Leben, mit jüdischem Wissen, ausstatten. Es gibt merkwürdigerweise noch immer viele sabbathaltende jüdische Eltern in Wien, welche die Vorteile dieser jüdischen Schule nicht kennen oder von ihnen keinen Gebrauch machen. Mögen diese an dem Fest der Offenbarung der Thora über ihre jüdische Pflicht ihren Kindern gegenüber nachsinnen! Nach einem Midraschwort unserer Weisen hat G-tt von unseren Vätern am Sinaitage Bürgschaften verlangt, daß die Thora, der kostbarste jüdische Schatz auf Erden, richtig verwaltet wird. Das jüdische Volk konnte damals so manches heilige Gut als Bürgschaft anbieten: Seine Vergangenheit, seine treue Gefolgschaft in!die Wüste, seine Fürsten, seine Führer upd Aeltesten. Jedoch all diese Bürgschaften wurden verschmäht. Als dann das jüdische Volk seine Jugend als Bürgen für die treue Bewahrung und!Befolgung der Thora anbot, hat .G-tt diese Bürgschaft als die einzig wertvolle und verläßliche angenommen.!Seither /ist das Schicksal unserer Jugend mit dem Schicksal der Thora auf Erden, auf Gedeih und Verderb unlöslich verknüpft. So sagt auch ein Propheten wort: Wenn du der L,e h r e deines G-ttes vergißt, so werde ich deiner Kinder vergessen. Jüdische Eltern müßten von Jahr zu Jahr am Tage von Mathan Thora neuerlich prüfen, ob sie imstände sind, heute noch die erforderliche Bürgschaft zu leisten, ob sie ihre Kinder so erziehen, daß!sie noch immer als vollwertige Bürgen angenommen werden könnten. Jüdische Eltern! Prüfet daher endlich euere Pflicht eueren Kindern gegenüber. Ihr werdet sicherlich kein Opfer zu groß finden, wenn es um die jüdische Zukunft euerer Kinder geht. In Wien wird zurzeit um die!Neugestaltung der ׳ ׳Schule erbittert gekämpft. Jede Partei kämpft in dem Bewußtsein, daß die ׳künftige Gestaltung der' Schule mit der künftigen Gestaltung der jungen Generation, ,mit der Gestaltung der Zukunft identisch ist. Jüdische Eltern! Ihr habt euch für die jüdische Schule zu 1entscheiden. Fasset alle den Entschluß: das jüdische Kind in die jüdische Schule! J. P. Bollinger-Eiskasten sind seit 7870 die besten Fabrik: Wien, XV., Staglgasse Nr. 10. Telephon 38-419־ Filiale: V1I., Burggasse Nr. 17. Telephon 3280־3־ Das jüdische Kind in die jüdische Schule. nach .Sephoris und kamen an einem Ackerlande vorüber, welches Rabbi Jochanan als sein Eigentum dem Rabbi Chijari ,bezeichnete. Sie gingen weiter und gelangten zu einem großen Weinberg. ״Auch diese Weinberge sind mein Eigentum“ sagte Rabbi Jochanan. Da weinte Rabbi Ghija. ״Warum weinst du?“ fragte ihn!sein Reisegefährte. ״Weil du nicht an dein Alter dachtest“, denn Rabbi Jochauan wollte dieses ׳Besitztum •verkaufen, uim sich mehr •dem Thorastudium zu widmen. Rabbi Jochanan sagte dem, weinenden Rabbi Chija: ״So geringfügig erscheint es dir, daß ich Gegenstände, •die Gott in sechs Tagen geschaffen, •für etwas, das geschaffen in vierzig Tagen, wo Gott dem Moses die Tihora gab, eintausche?“ (Midrasch Sobir Haschirum.) Rabbi •Meir erklärt: ״!Reich ist derjenige, der mit seinem Reichtume sich freut, der durch Streben nach Mehr oder ,Geiz den Genuß seines Besitzes nicht verdirbt.“ (Beza 32.)!Reich ist derjenige, der durch seinen Reichtum bei den!Bewohnern seiner Stadt ehrenwert und geachtet ist. (Kidd. 49/b.) Wer sich der Gotteslehre vollkommen hingibt, ist reich, weil ihm Streben nach Ueberfluß fehlt. Synagoge — Schul — Tempel. Von Dr, Josef Löwy. Seit undenklichen Zeiten ist es Brauch geworden, am Feste der Offenbarung die Synagoge mit Blumen und Bliiten zu schmücken, um in sinnfälliger Weise kundzutun, daß die höchste Prachtentfaltung der Natur zum Beginn des Frühsommers dem großen Ereignis ,gelten ׳soll, von dem die sittliche und moralische Entwicklung der Menschheit ihren Ausgangspunkt genommen hat. Wlenn an diesem frohen Feste die Natur selbst in die Synagoge einzieht und wirkliches Leben die heiligen Räume erfüllt, so liegt ein tieferer Gedanke für die Bedeutung der Synagoge im jiidisehen Leben diesem Brauch zugrunde. Es ist daher gerade am Wochenfest die Frage berechtigt: Hat die Synagoge ihre Stellung als Brennpunkt des jüdischen Lebens behauptet oder ist die Synagoge nur die Andachtsstätte geblieben, wo ausschließlich die vorgeschriebenen Gebete verrichtet werden sollen? Schon zu Esras Zeiten hat es in Palästina und Babylon Synagogen gegeben, und nach der Zerstörung des Tempels wurden überall, wo Juden sich niedergelassen hatten, Synagogen errichtet. Denn es wurde von den Weisen der Grundsatz aufgestellt, daß das Gebet nur in der Synagoge Gehör finden kann. Deshalb war es verboten, sich in einer Stadt niederzulasseh, in welcher keine Synagoge besteht. Derjenige, welcher die Synagoge in seiner Stadt nicht besucht, wird als böser Nachbar bezeichnet. Es galt als in höchstem Maße unsozial, sich von der Gemeinde abzusondern, und von dem Gebet •der Gemeinde wird gesagt, daß es niemals unbeantwortet blieb, ein Grund mehr für jeden einzelnen, die Synagoge, die Andachtsstätte der Gemeinde, zum gemeinsamen Gebet aufzusuchen. Wird also bereits in den ältesten Zeiten der soziale Charakter der Synagoge betont — und der Name בית הכנסת Haus der Versammlung kennzeichnet den allgemeinen Charakter der Synagoge als nicht nur den religiösen Zwecken dienend —, so tritt diese Bedeutung der Synagoge in den Zeiten des Ghettos noch stärker hervor. In diesen Zeiten des fiirchteriiehsten Druckes, der blutigsten Verfolgungen und schwersten Heimsuchungen war die Synagoge die wahre Heimstätte jüdischen Gemeinschaftssinnes. Hier wurde nicht nur gemeinsam das tägliche Gebet verrichtet, hier fanden sich die vom gleichen schmerzlichen Schicksal Betroffenen zusammen, hier vollzog sich der soziale Aus- *gleich zwischen den von Kummer und Leid Verschonten und den Unglücklichen, welchen die Synagoge die letzte, Zufluchtsstätte war und die nur durch das Gefühl der wahrhaften Brüderlichkeit wieder aufgerichtet werden konnten. Allen diesen Stimmungen trug die Synagoge vollends Rechnung, und so blieb sie der Mittelpunkt des jüdischen Lebens. Für die Oeffentlichkeit ׳bestimmte Bekanntmachungen wurden in der Synagoge ausgerufen, Streitigkeiten wurden ausgetragen, ja sogar eine zarte Rücksicht auf die Heimatlosen ist deutlich erkennbar, denn manche Gebete, welche lediglieh für das Haus bestimmt sind, wie Kiddusch und Habdaiah, wurden in die Gebetoränung der Synagogen aufgenommen, um denjenigen, welche kein ■eigenes Heim haben, die Sorge um die Erfüllung dieser religiösen Pflichten abzunehmen. In den Synagogen freute man sich mit dem Bräutigam und der Braut und trauerte man um die Verstorbenen, die sich Zeit ihres Lebens für die Gemeinde betätigt hatten. Aber die Bedeutung der Synagoge ist nicht durch diese Form ihrer religiösen oder sozialen Bestimmung erschöpft, sie könnte nicht das Hauptgebiet jüdischer Betätigung bleiben, wenn sie nicht gleichzeitig die Bildungsstätte für alle Lerneifrigen wäre. Und so mußte der Fremdausdruck, den griechisch sprechende Juden für das בית הכנסת geprägt hatten, der traulicheren und ehrenvolleren Bezeichnung Schul weichen, und dieser Name kennzeichnet den Charakter des ׳Beth Hakneset am treffendsten und hat sich bis heute ungeschwächt erhalten. Wem würde es einfallen, der Altneuschul in Prag einen modernen Namen zu geben oder!die Schönlaternschul, Schiffschul, Spiegelschul umbenennen zu wollen? In einer solchen Schul fühlen sich alle Gemeindemitglieder nicht als andächtige Gottsucher, sondern als Angehörige derselben Familie, welche zu allen Anlässen in Freud und Leid Zusammenkommen, um den jüdischen Bruder zu finden, zu dem es sie immer wieder hinzieht wie Moses, der trotz seiner scheinbaren Zugehörigkeit zum Königshof der Pharaonen zu seinen bedrängten Brüdern ging. Diese klare jüdische Atmosphäre, dieses rein jüdische Milieu ist es, welches immer wieder auch solche Elemente anzieht, die sich im Laufe der Zeit dem Judentum entfremdet haben, und das scheint!auch die Ursache zu sein, warum ein •äußerer Anlaß solche Gleichgültige auf dem Weg zur Synagoge dem Judentum wieder zuführt. Wir sehen also, daß die Schul weit mehr als ein Heiligtum oder der ׳Schauplatz!jener rein gottesdienstlichen Handlungen sein kann, welche sich an geweihter Stätte vollziehen. Die eindringlichen Ermahnungen unserer Lehrer, das Auge niederzusenken und das Herz emporzuheben, wenn wir C«־tt suchen und dienen wollen, zeigen deutlich, daß ehrliche und lautere Andacht nur durch Verinnerlichung zu finden ist. Fehlt diese innere, weihevolle Empfänglichkeit, das Bewußtsein, vor G-tt zu stehen, so sind alle äußeren Mittel zur Hebung der Andacht vergeblich, und die Stätte des G.ttesdienstes wird zu einem Versammlungsort ׳von Menschen, die durch ihr Erscheinen zeigen, •daß sie an dieser Stätte gesehen werden wollen und es gewissermaßen eine gesellschaftliche Funktion ist, bei bestimmten Gelegenheiten anwesend zu sein. Man lauscht dem Vortrag des Kantors mit demselben Behagen, wie man etwa im Konzertsaal die Arie des Opernstars anhört, nur daß man sich das Recht herausnimmt, viel kritischer zu sein, zumal man sich ausschließlich in jüdischer Umgebung befindet. Diese Verinnerlichung, gegeben in der rein jüdischen Atmosphäre der Synagoge, ist wahrhaft unverfälschte Religiosität. Und zu allen Zeiten flössen jüdische Riligiosität und jüdisches Leben ineinander. Dieses jüdische Leben pulsierte auch an deif der religiösen Betätigung geweihten Stätten so!kräftig, daß man in der Synagoge mitunter ׳vergaß, vor wem man steht, sondern nur wußte, daß man sich unter gleichgesinnten jüdischen Brüdern befindet. Dieses Prinzip der Gleichheit, der Grundsatz חבחם כל ישראל der so häufig im Gebet zum Ausdruck kommt, schafft die geeignete Grundlage nicht nur für religiöse, sondern auch soziale Betätigung in der Synagoge. So ist das jüdische Leben in der Synagoge jene wirkliche Kraft, welche ■das Judentum, unter welchem Gesichtspunkt immer es auch betrachtet werden mag, lebendig erhält und es fortbildnerisch gestaltet. Ist die Synagoge erfüllt von Leben, von jüdischer Tätigkeit, dann wird sie ihrem Ehrennamen gerecht und zur Schule des Lebens.