Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 13 (1927)
- Issue
- 22 (3.6.1927)
- Date
- 1927-06-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 152 JÜDISCHE PRESSE Nr. 22 Lebensversicherungs-Gesellschaft Zentrale 1 Wien! I»! Riemergasse Nr. 3 Voll eingezahltes Aktienkapital: $ 4,000.000.— Versicherungsbestand Ende 1926: 900 Millionen Schilling Prämien-Einnahme i. Jahre 1926: 46 Millionen Schilling Tätigkeitsgebiet: Oesterreich, Dentsdies Reich, Frankreich, Belgien, Holland, Italien, Spanien, tschedioslov. Republik, Polen, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien, Griechenland, Türkei, Aegypten, Sämtliche Arten voH Lebens- und Rentenversicherungen, Unfall-, Auto- und Haftpflichtverslcherurtgen Pensions-Versicherung mit Rentenansammlung (Rentenbezug beim 55., 60. oder 65. Lebensjahr oder bei früherer Berufsunf&higkeit Monatliche Prämie Sofortige Unverfallbarkeit) gemeinschaftlich mit der VERSICHERIINGS-AKTIEN-GESELLSCHAFT früher PENSIONS-VEREIN für Handel, Industrie und Gewerbe Wien, I., Schellinggasse Nr. 1 «1יסיי ׳*»*׳•* «>* 4b»trt issiicht Seit vielen Jahren das anerkannt beste נשמדדליכט Man achte auf die ges. gesch. Marke ״Hygien. Königslicht“ u. Name Schulz. Fabrik und Bureau: XIV., Braunhirschengasse 3 1 Wien, II., Taborstr. 20 a Buchhondlung und Antiquariat Tel. 43-1-58 I Grosses, bestassortiertes Lager an schöner und wissen- | schaftlicher Literatur, Novitäten, Jugendschriften, | Hebraica und Judaica Sachkundige Bedienung und Besorgung jed s Buches 1 Billigste Preise! Empfehlenswerte Werke bester Autoren in guter Aus- § stattung schon zu S 1.20, S 1.50, S 2.— und S 3.— | Schöne bil ige Halbleder-Ausgaben Auf Wunsch werden Novitäten zur Ansicht geliefert | Ankauf von Büchern und ganzen Bibliotheken Die Einheit des Judentums. Einst schaute ein •Prophet in Israel auf das Leben in all seinen Irrungen und Wirrungen; da suchte sein Herz Licht und Stärke im Gebete.!So fand er den Weg zum Sinai zurück und des Lebens Bild und aller Welten Ziel lag klar vor seinem Auge. Ihm tat ־!sich auf die überwältigende Einheit des Weltganzen und er sprach: Sein sind die Wege der Welt (Haiichaus aulam lau). Willst du, so sagen unsere Weisen, desselben Glückes teilhaftig werden, so lies einmal statt ״Haiichaus“ Halochaus, so wisse, daß all diese Wege in den Pfad münden, von dem Pfad ausgehen, den die Halacha, des Lebens Führung an der Hand der g-ttlichen Gebote geht und zu gehen heißt. 0, möchten doch am Tage der Offenbarung alle jüdischen ׳Kreise sich auch nur eines ׳Augenblickes Spanne darüber klar werden, welch unendliche Fülle von Glücksmögl'iclnkeit in diesem schlichten Wort alljüdischer Wahrheit geborgen ist. Auf und ab wogt der Kampf um die Bedeutung der Thora für das jüdische Volk und für dessen! einzelne Glieder, bald Treue bis zur letzten Hingabe seines Selbst, bald schnöde Untreue bis zur vollkommenen Leugnung des Zusammenhangs zwischen Mensch und G-ttes Wort. Dazwischen eine unabsehbare• Fülle derer, die haltlos ••schwanken. Es war unserer Zeit Vorbehalten, eine ׳geschichtlich fast ganz neue ׳Erscheinung ins!Leben treten, zu lassen.!Man sucht ■den!Geltungsbereich der Thora zu beschränken, man weist ihr bestimmte Gebiete zu, auf denen man sich ihrer Führung •anvertraut, ,man wehrt ihr aber den Eintritt!in einer Unzahl von Belangen.!Man sucht nach Wegen :in •der ■Welt, durch die Welt, die mit clem Pfad der Thora ■zusammenhanglos parallel laufen, und keine Verbindung führt zu diesem Pfad. Und so geht das Weltenglück in!Scherben •und des Judentums in sich geschlossene ׳Einheit in Trümmer. Es ist aber das Kennzeichen der Thoratreue, daß alle Gestaltungen des Lebens in öffentlicher und privater Beziehung für den einzelnen ebenso wie für ׳die Gesamt- •heit ihre ■Norm aus der Thora holen. ׳Es gibt schlechterdings!kein Problem, das nicht die Wurzeln seiner Lösung in der Thora hat. •Das und das allein ist das Kennzeichen der Orthodoxie. Ob es Fragen der Wissenschaft sind oder die kraus verschlungenen Wege der Politik, ob das ■Zittern der Gefühle oder die steile Höhe der Gedanken, •ob die ernste Stunde der Arbeit oder die lösende ׳Zeit des .'Genießens — der Weg und sein Ziel, der Weg und seine ׳Grenzen s׳ind in ■der Thora klar gezeichnet. Man muß nur es wollen, muß suchen, muß vor allen Dingen sich selbst an diesem Weltemweg messen wollen. Wer spricht• da noch, wer kann da noch sprechen vorn starren Buchstaben, von der Zeiten Wandel und gar von einer!Unzulänglichkeit des Thorawortes für :irgend in jeder Fasson f ■■■ Zentrale Taborstrasse 39 Versand nach allen Staaten I eine Frage des Lebens? Am Offenbarungsfest ruft es zu dem klaren :Bekenntnis, daß es schlechterdings, daß es für den Juden!keinen Weg durch die Welt gibt außerhalb der Halacha. Nicht ein Denkmal aus Stein und Erz wurde am Sinai gesetzt, wohl aber ein geschichtliches Wunderwerk mit dem feineh Geäder pulsender Herzen und ׳ahnender Seelen, seliger Hingabe und jubelnden Glückes, Myriaden von Menschen und e i 11^ Gedanke, Tausende von Jahren und ein Weg, der Weg G-ttes durch die Welt, der Weg der Welt zu G-tt. P. K. חג השבעות ־־ זמן מתן תורה. •Nach einem Midraschwort ist das der Sinn dieser sieben Wochen vom Auszug aus Aegypten bis zum Tage von!Matan Tauro: Den durch Aegyptens Sklaverei und Bedriiekung geschwächten Juden einige Wochen der Erholung und Kräftigung zu gewähren, daß ein starkes Geschlecht die Thora empfange, lerne und betätige! ״Rabbi Jizchok sagte: ,Israel war, als es aus Aegypten zog, würdig, sofort die Thora zu empfangen. Der Hei- J:ige,. gelobt sei er, sprach aber: Noch sehen meine von Lehm ׳und Ziegel geschwächten Kinder nicht blühend genug aus, darum können sie die Thon nicht sogleich empfangen. Wem gleicht dies? Eines Königs Sohn genas von einer Krankheit. Da sprach der Prinzenerzieher zu.m Vater: ״Nun möge dein Sohn sein Studium fortsetzen.“ Antwortete der König: ״Mein Sohn ist noch nicht ganz erholt und gekräftigt, und du meinst, daß er schon wieder arbeiten soll.!Möge er sich zwei bis drei Monate bei Speise und Trank gut!kräftigen, dann mag er seine Studien wieder aufnehmen.“ So sprach ׳auch G-tt:' ״•Noch sind!meine Kinder nicht erholt! Aus Aegyptens Fron kommen sie — da soll ich ihnen schon die Thora geben?!Mögen sie sich erst •zwei bis •drei Monate erholen, durch gute ׳Nahrung 1—,מ|/ באל/ שלו—kräftigen, dann will ich ihnen ■die Thora :geben׳.“ Und wir zählten diese 7 Wochen immer als ein heiliges Zählen, das ׳der Vorbereitung der Seele, auf ihr größtes Erlebnis diente, begriffen sie als eine, jedes Jahr neu zu uns sprechende Mahnung, Pesach nur um Schowuaus willen begreifen und begehen wollen, verstanden sie als heilige Kette vom Fest zum Fest! Und nun sollen diese 7 Wochen nur etwa den Charakter einer großen Ferien- und Erholungszeit haben, und wir sollen bisher den wahren Sinn dieser ״Tage der Zählung" so ganz verkannt, sie ungerechtfertigt in die Sphäre geweihter Heiligkeit erhoben haben? Wir haben den Sinn der Sefiratage nicht falsch verstanden, wenn wir ihn heiligster Gedanken voll und zur Vorbereitung unserer Seele auf Matan Tauro bestimmt, erfaßt haben. Denn die Deiitung, die Rabbi Jizchok diesen Wochen gibt, kennzeichnet selbstverständlich nicht ihren ausschließlichen Charakter, und selbst wenn sie es täte, so nähme sie damit nichts von ihrer hohen Weihe, von ihrem inhaltsvollen Bedeuten! . i Denn was besagt diese Deutung? / Nur starke,׳ gesunde, guternährte Menschen• waren, im Sinne des g-ttlichen Willens, geeignet und'1׳ darum würdig, die Thora zu empfangen! Ein unterernährtes, aus Sklaverei 1kommendes Geschlecht sollte, durfte' nicht am Sinai stehen. Noch bevor das Volk die Lehre empfing, wurde mithin für ihre Erlerner, Erfüiler und Künder gefordert, daß sie stark seien. Die Wunder des Mana, des Bruhnens lind der Wachteln geschahen, um starken, gesundem Körpern durch die Gabe der Thora eine starke gesunde Seele zu geben. Ist diese Lehre unwichtig, ■dieses aus Rabbi Jizchoks Mitteilung fließende Wissen geringen Wertes, oder ist es nicht vielmehr unser schlechtes Gewissen, das uns diese Lehre überhören, an dieser Forderung Vorbeigehen heißt? mr—iintqautfpgw Grünes. Die Not ist schon lange nicht mir zu Gast in diesen engen Stuben. Sie hat sich in allen Winkeln fest eiligebiirgert ׳und ist nicht mehr daraus zu verscheuchen. Das Tischlerlmndwcrk, das Reb Schaul betreibt, hat keinen ״goldenen Boden“. Die Juden im Städtchen, die in genau solch elendsgrauen Häusern wohnen wie er, haben wenig Arbeit für ihn und die ״Gojim“ gehen lieber zehnmal zu ihren Glaubensgenossen in die Umgegend, als einmal einem Juden Verdienst zu geben. Und ein krankes und fünf gesunde Kinder — sie sollen leben und gesund sein — brauchen viel. Der Aelteste, Jizchok, ist rückenmarksleidend. Er würde ein ״Illu“ werden, prophezeien die Leute, wenn — ja, wenn er leben bleiben würde. Aber er ist sehr krank. Er leidet unsäglich. Solange es erträglich ist, schweigt er ergeben. Immer ״lernt“ er. Aber oft des Nachts fährt ihm ein wütender Schmerz in den Rücken, daß er laut aufstöhnt. Dann erwachen die Kinder verstört und der Vater steht auf, setzt sich an sein Bett und beginnt laut zu lernen. Er will den Schmerz des kranken Jungen betauben. *Er denkt wohl an jenen tyrannischen König, dem ein böses Insekt marternd im Hirn heruinflog und der sich vor den Amboß eines Schmieds stellte, um das böse Tier in seinem Hirn zur Ruhe zu bringen . . . Mit den Schmerzen Jizchoks geht es wie mit der Fliege des Königs. Eine Weile iibertäuben die lauten Worte des Vaters den Schmerz, die lernende Stimme klingt tröstlich durch die Nacht, er vermag dem Sinn des Gehörten zu folgen. Doch dann nehmen die Stiche überhand und er muß schreien, schreien . . /Dann weinen die Kinder, die Mutter beruhigt 1 vergeblich den Kranken und der Vater sagt lautlos, aus tiefstem Herzen: ״Min hamezar korrossi jo . . .“- Zu Pessach hatte man mit viel Mühe und Not noch alles herbeigeschafft: Mazzoth und Wein und Fleisch und Fisch. Der Vater hatte die Arbeit seines müden Leibes für ein Vierteljahr voraus verkauft, die Mutter hatte halbe Nächte für fremde Leute genäht und geflickt, aber das Pessaohfest war würdig und in Herrlichkeit gefeiert worden. Heute ist Ehrew Schwuaus. Die Kinder sind in den Wald gegangen, um ״Grünes“ zu holen. Schwer beladen mit frischem jungen Laub kommen sie heim. Ob die Last, die sie in der drückenden Sonnenhitze tragen, auch schwer auf ihre Aermchen drückt — sie achten es nicht. Ihre Augen strahlen von der Reinheit ihrer Seelen, vor Festesfreude und Erwartung des Kommenden. Ach, •und welch erhebendes Gefühl ist es, wenn die ganze Gasse voll gojischer Jungen ihnen neidisch nachblickt, wie sie in Mittagsglut ihre duftende Last tragen — genau so wie am Simchas Thauro, wenn sie mit ihren bunten Fahnen zur Schul eilen und den vergoldeten Fahnenknauf mit dem aufgespießten Apfel übermütig in der Sonne funkeln lassen . . . Sie hören nicht die Schimpfreden und •unterdrückten Flüche, die die ״Gojim“ den verhaßten Bräuchen des verhaßten Volkes nachsenden, sie nehmen es für baren Neid und fühlen sich wahrhaft als Kinder eines ״auserwählten Volkes“. Zu Hause sitzen Vater und Mutter schwer bedriicikt. Woher etwas nehmen, um für Jontef vorzubereiten? Reb Schaul w!ar!heute schon •zeitig auf gestanden. Vom Roschbakohl bis zum Schuldiener herab .hatte er alle auf- ■gesucht — er wallte ״borgen“.!Eine ganze Stufenleiter von Demütigungen und ׳Erniedrigungen!hatte er durohgemacht — ׳vergeblich. Die Zeiten waren schwer, jeder hatte für eine!zahlreiche Familie zu sorgen und dann — man!hatte •Reb Schaul schon oft und oft ״geborgt“ — man ermüdete .auch ein bißchen im Wohltun.!Zuletzt war er noch dem lahmen, kinderreichen Melnmed begegnet und seine Lippen׳ haben stereotyp, fast ohne seinen Willen, die!Frage geformt, die er heute schon so oft vergeblich gestellt hatte. Ein bitteres Lächeln des!Melameds war die Antwort. Dem ging es ähnlich. Reb SChaud denkt: Vierzig Jahre ist .er nun alt geworden, hat Krieg und Entbehrungen mitgemacht, aber niemals׳ noch!hatte seine Familie ,an Jontef oder Schabbes;gedarbt. Heute würde es das erste!Mal sein. Ihm •bangt‘ vor den Blicken der Kinder... : Es ist schon spät ׳nachmittags. Die Mutter hat' die Kinder gewaschen und gekämmt und ihnen die schönen Kleider ungezogen, die sie zu Pessach •bekommen haben. Auch ׳der Vater legt schweren Herzens seine Jontef-Gewärider!an. Wie würde es sein, wenn er mit den Kindern vom ,Beten: nach Hause käme? Traurig — finster •die Stuben, leer!der Tisch?!Nachts fürchten Eltern so sehr, wie die fragenden und fordernden!Blicke der Kinder... Es!ist •nach Schul. Reb Schaul .kommt mit den Kindern nach Hause. Die Stuben sehen festlich aus. Hell ׳brennen ■die Jontef lichter,!in allen Ecken und Winkeln ist es sauber — ,denn ׳das kostet kein Geld, bloß die schwere Arbeit eines Tages- und Jizcihoik ist zu Ehren des Jontof aufges landen. Er wollte ׳den Eltern Freude machen, müh- ׳satn beherrscht sitzt er da und ׳böse Rosen entbrennen rauf seinen Wangen... Festlich sieht alles aus, die Gesichter, die Gewänder, lind!die geschmückten Stuben. In •jedem Fensterrahmen, in jeder Türritze, hinter jedem -Nagel steckt ״Grünes“. Reb Schaul schüttet das Restohen' Wein in den Becher und beginnt, Kiddusch zii machen. ״Nichts als Grünes“ denkt er wehen Herzens, ״nichts als Grünes ist da für Jontef, aber es ist doch Jontef, eine Weihe und Andacht ist in den Seelen und über dem Raume ... gelobt •seist •du, Ewiger, unser ׳G-tt, der uns erreichen ließ lasrpan hase, diese Zeit“... ■ Die■ Kinder sind zu •müde, um nach dem Fehlenden zu fragen. Sie •sind milde von dem!weiten Weg in den Wald, vor Festesfreude und Erwartung. •Morgen, ach morgen, da wird im Schul der Vorsteher wie ■an jedem ׳Schowuaus alle Kinder, ,die armen. und reichen, mit Zuckerln ׳beteilen. Auch solch feine Süßigkeiten;bekommt man sonst!das ganze Jahr nicht zu sehen. Wenn man stundenlang nachher die Finger in den Mud nimmt, dann spürt m׳an noch ״Tarn Ganeden“...!Und sie sehen sich ׳um in der festlichen, mit ׳Grün so seltsam geschmückten Stube, sehen sich in die lichten, leuchtenden ׳Gesichtlein und ihre Blicke sagen sich, ohne Worte, in Freude, in Seligkeit, im Triumph: ״Alles müssen Juden haben, alles, sogar Grünes!“... T. S.