Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 13 (1927)
- Issue
- 17 (29.4.1927)
- Date
- 1927-04-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 124 JÜDISCHE PRESSE Nr. 17 iia A. SACHSEL, Wien, II. Zentrale Tabdirstrasie 19 Versand nach allen Staaten gegenüberstehenden Blättern, wie ״Neue Freie Presse“ ׳und ״Neues Wiener Tagblatt“, wird ,ihm gesagt, daß es nicht allein auf die gewiß bürgerlich fühlenden Juden, sondern auf alle Freisinnigen verblüffend wirkte, als Dr. Seipel, der katholische Priester und auf detn ■Boden der Staatsgrundgesetze stehende ■Kanzler, in dem Neujahrspr.ogramm seiner Partei, wenn auch verklausuliert, deren antisemitischen Charakter scharf betonte, obwohl irrt Grunde genommen sowohl die christlichen als die sozialen Ziele den Antisemitismus als Programmpunkt ausschließen müßten. Nicht nach, sondern vor der ■Auf- Stellung der!Kandidatur Riehls wurde Herr Dr. Seipel nicht nur in jüdischen, sondern auch in allen freisinnigen Organen daran gemahnt, daß die Zumutung, für den einstigen blutrünstigen Pogromverkünder zu stimmen, nicht nur einen Faustschlag in das Antlitz der Juden, sondern aller freisinnig denkenden Menschen bedeuten würde. Herr Dr. Seipel ließ sich doch Dr. Riehl aufdrängen und suchte dann vergebens die Wucht dieses Faustschlages dadurch abzuschwächen, daß er Dr. Riehl aus der Leopoldstadt nach Mariahilf verbannte. Die Be- .. Sorgnis, daß zahlreiche Stimmen ■Freisinniger — ohne Unterschied der Konfession — durch Riehls Kandidatur der sozialdemokratischen Partei sich zuwenden würden, war keine unbegründete. Vergebens blieben dann später die gewiß höchst ehrenhaften und anerkennenswerten Bemühungen Dr. Seipels durch wiederholte loyale und feierliehe Versicherungen, daß er als Bundeskanzler wie bisher auch fürderhin nur eine Riehtschnür: ■die •Glei׳chheit aller, ohne Unter- ,,schied der ■Kqnfiession und der Abstammung!kennen und hierin!sich von niemandem b e- ■ irren lassen werde. Es hatte sich gezeigt, daß die 120.000 jüdischen Wähler in Wien, die nicht allein wegen ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Bedeutung, die Rücksicht auf ihre Selbstachtung verdienen, keine quantite negligable sind. Es zeigte sich diesmal erfreulicherweise, daß die Betonung und Unterstützung antisemitischer Grundsätze' es war, die —■ zersetzend gewirkt hatte. Die sozialdemokratische Partei war die Nutznießerin der Riehlschen Kandidatur.' Diese Partei muß, wenn sie nicht die schmachvollste Verleugnung ihres Grundprinzipes der Gleichheit aller zum Dogma erheben will, den Antisemitismus als die verkörperte Schande verdämmen. Sie hat es trotzdem unterlassen, in der Wahlkampagne die Brandmarkung und Bekämpfung des Anti- ■semitisrmis offen zu verkünden und hat die Propagierung dieses gewiß achtungswerten Teiles ihrer politischen Prinzipien einem — ״Komitee werktätiger Juden“ überlassen. Die Juden verlangen keine Dankbarkeit von der sozialdemokratischen Partei, aber sie dürfen von ihr verlangen, Was sie in Bekundung ihrer Prinzipien ohnehin tun. jtiüßte. Die auf religiöser Basis ihr Leben gestaltenden Juden {ja VVien sehen sich nur zu oft der Tatsache gegenüber; daß .dfe Partei, die angeblich unter allen Umständen Freiheit, Recht und Gerechtigkeit für alle fordert, nicht nur ver-' ständnislos, sondern geradezu feindlich den Juden gegeiVr übersteht, die selbstverständlich nur innerhalb der vo.ti. den staatlichen Gesetzen geschützten Grenzen' , für die Pflege ihrer religiösen Institutionen sorgen walten.. Die Sozialdemokraten haben sich nicht darum zu kümmern, wie religiöse Juden ihren Sabbat feiern und wie siei sich den Religionsunterricht ihrer Kinder einrichten wollen. Aber sie haben weder Recht und Grund, die Juden in diesen Be- Strebungen zu stören und zu hindern. Ja, noch mehr: gerade die Sozialdemokraten sollten nicht vergessen, daß sie die erste Anregung zu einer der kostbarsten, nunmehr durch die Gesetze festgelegten Errungenschaften der Arbeiter: den einen vollen Ruhetag in der Woche nur der in der Thora zum erstenmal für alle gebotenen Sabbatruhe verdanken. Wollen wir hoffen, daß das ״Komitee werktätiger Juden“ fortab nicht nur unter den Juden für die Interessen der Sozialdemokraten wirbt, sondern vielmehr unter den Sozialdemokraten für die Berücksichtigung der berechtigten kulturellen und wirtschaftlichen Ansprüche der Wiener Judenschaft eintreten wird. A. 1 Rund um Erez Jisroel. Wir bringen im folgenden!drei kurze Aufsätze, die sich mit Erez Isroel beschäftigen, zum Abdruck. Zuerst einen Bericht einer!kleinen, thor-atreuen Kwuzah, deren Mitglieder sich ■auf dem Boden der agudistischen Kolonie Mach ne Jisroel betätigen, dann einen Bericht eines hervorragenden!Mitgliedes ׳des Zentralvereines deutscher!Staatsbürger jüdischen Glaubens, des Herrn R. A. Dr. Bruno Weil, Berlin, über seine Reiseeindrücke in Palästina. Der Bericht ist in Nr. 16 der ״Jüdisch-liberalen Zeitung“ erschienen und fällt durch! seine Sachlichkeit wohltätig auf. ■Für unseren!Leserkreis dürfte hauptsächlich die Ansicht des Herrn Dr. Weil über Lebensversicherungs-Gesellschaft PHÖNIX Zentrales Wien, I., Riemergasse Nr. 2 Voll eingezahltes Aktienkapital: S 4,000.000.— Versicherungsbestand En (fit 1926 : 900 Millionen Schilling Prämien-Elnnahme 1. Jahre 1926 : 46 Millionen Schilling Tätigkeitsgebiet: Oeslerreidi, Deuisdies Reidi, Frankreich, Belgien, Holland, Italien, Spanien, tsdiechoslow. Republik, Polen, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien, Griechenland, Türkei, Aegypten, Palästina. 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Unter der Ueberschrift ״Von unserem Leben in Erez Jisroel“ befindet, sich im jüngsten Heft der ״Führerschaftsblätter des Esra“ ein Brief von dem Führer einer kleinen Arbeitergruppe in Machane Jisroel, den wir auszugsweis im folgenden wiedergeben: Ueber die allgemeine Lage im Lande kann ich Euch nur wenig berichten, weil ich mit den Hauptzentren jüdischen Lebens, Jerusalem und Tel-Awiw,. nur wenig Fühlung habe und man nur über Selbsterlebtes urteilen kann. Wenn Ihr aber damit vorlieb nehmen wollt,, etwas von unserem Leben in unserem kleinen Kreise zu hören, so will ich gern davon erzählen.. Die meisten von Euch werden sicher eine unklare Vorstellung von dem Begriff ״Kwuzah“ haben,, weil sie ihn in verschiedensten Zusammenhängen gehört haben und daher nicht das Wesentliche an ihm erkennen können. Man kann die Kwuzath nach den verschiedensten Gesichtspunkten einteilen; je nachdem man sie von der Wirtschaftliehen, sozialen oder kulturellen Seite betrachtet, unterscheidet man große und kleine Kwuzoth (mit dem Unterschied in der Zahl der Chawerim sind naturgemäß tiefe innere Probleme des Zusammenlebens verknüpft), städtische und landwirtschaftliche, unter letzteren wiederum angesiedelte und nichtangesiedelte, ferner kommunistische und kooperative Kwuzoth und so fort. Unsere ״Kwuzath Esra“ besteht zurzeit aus vier Chawerim und einer Chawerah, wir besitzen kein eigenes Land und sind nicht angesiedelt (das hindert natürlich nicht, als landwirtschaftliche Kwuzah zu gelten). Wirtschaftlich betrachtet leben wir auf kooperativer Grundlage, das heißt wir bilden eine enge Arbeitsgemeinschaft; ob sie die Lebensgemeinschaft werden wird, wie wir sie uns jetzt vorstellen, wird erst die zukünftige Entwicklung ergeben. Der Verdienst, den die Chawerim für ihre Arbeit erhalten, fließt in die gemeinsame Kasse, aus der die Lebenshaltungskosten bestritten werden (gemeinsame Küche); was der einzelne an privatem Gelde besitzt, stellt er, wenn notwendig, der Kwuzah zur Verfügung, behält aber natürlich das Recht, es im Bedarfsfälle herauszunehmen. Das Geld der Kwuzah wird naturgemäß zur Anschaffung von Produktionsmitteln und Vervollständigung des Inventars verwendet. Bei Gründung unserer Kwuzah im Tammus 86 konnten wir durch Aufnahme eines privaten Darlehens ein Gespann Maultiere kaufen; auf diese Weise gelang es uns, unsere Arbeitsmöglichkeiten zu vergrößern und im Laufe der Zeit konnten wir unsere Außenschulden decken, so daß das Gespann jetzt ziemlich schuldenfrei der Kwuzah gehört und ein großes Positivum darstellt, wenn man bedenkt, daß wir von keiner Organisation unterstützt werden, wie das sonst bei anderen landwirtschaftliehen Kwuzoth durch langfristige Kredite gang und gäbe ist. Zwei Chawerim sind Landwirte und zwei Gärtner; jetzt zur Hauptvegetationszeit im Lande haben wir ziemlieh viel Arbeit; die Saat des Wintergetreides (Weizen, Gerste, Chazir) ist beendet und bald wird man mit der Be- Rabbi Samuel Keil Halewi. Verfasser des מחציה השקל Von Rabbiner G. Löwy, Levoca (Leutschau), Slowakei. (Schluß.) Rabbi Wolf besaß schon in seinem elften, sage elf ten Lebensjahre, einen solch ausgebildeten reifen Verstand, ein solch reiches ׳talmudisches Wissen, daß er seine talmudischen Erörterungen aus dieser Zeit selbst in seinem Greisenalter für einwandfrei richtig befand und ihnen in einem ■seiner Werke ohne weiteres Aufnahme gewährte. (עיין שושן עדות דף לח׳ ע״א וכד הויגא טליא וג״ו) Und mit dieser Geistesschärfe seines Sohnes rechnete Rabbi Samuel ganz besonders. Wie ׳dies auch bei anderen ■Jeschibähleitem üblich ist, ■hatte Rabbi Samuel ׳stets mindestens zwei!sogenannte Haus- .baohurim um sich; mit ■diesen pflegte er in später Nachtstunde sich vorzubereiten ■für!das talmudische Pensum (Schiur), *das er ■tags darauf seinen zahlreichen Talmudschülern vorzutragen ■beabsichtigte. ,׳Bei ■solchem Anlasse unterließ er gewöhnlich nicht, ״auszureden“, d. h. in Erwägung zu ziehen, die möglicheii ׳I$nwe11d׳ungen gegen seine Erklärungen von seiten seines Sohnes Wolf, und bemerkte: Sollte mein Sohn Wo.lfele so und so fragen, will ich diese iund diese Antwort ■geben. Da geschah es einmal, daß der junge Wolfele, der in dem Zimmer schlief, ׳wo sein Vfiater י lernte, plötzlich er wachse, *ind :, Nicht ■doch,,;lieber Vater, nicht, jene,!sondern diese Frage möchte ich als Einwendung: erheben. Von welcher Versiertheit in den talmudischen •Disziplinen, von; ■{welch ^pdenbar jehneijer welch überraschender Schlagfertigkeit eine solche rasche Einwendung zeugt, können nur talmudgeschulte Männer voll und ■ganz begreifen. Ein zweiter Sohn hieß Rabbi Jokew, der ebenso Kaufmann war und blieb sein Leben Jang wie der dritte Sohn (unser Urgroßvater) des von uns schon erwähnten Rabbi Jehuda, obgleich beide Wissen und Fähigkeiten genug besaßen, um auch die größte Rabbinerstelle in Ehren auszufüllen. Jener zeichnete sich besonders durch seinen rastlosen, eisernen Fleiß aus, während dieser, ein zweiter ■Rabbi Jehuda Hachasid, hervorrägte durch ׳seine seltene Frömmigkeit, durch :minutiöse, ■mit flammender Begeisterung geübte jüdische Pflichterfüllung. Wenn nun jemand unserem Rabbi Samuel wegen seiner von der Thora getragenen, herrlichen Lebensführung irgendwelche Anerkennung zollen wollte, wehrte er es ab und meinte: Besäße ich den Kopf meines Wolf; hätte ich den Fleiß meines Jokew ■und möchte ich so fromm sein wie mein Jehuda, dann erst wäre ich ein ״schöner ,Balbos“, ein guter Jude. ׳Schon diese Aeußerung berechtigt uns zur Annähme, daß er sich stets vor Augen hielt, den Aussprach ■in Mischie (28, 6): אשרי אדם מפחד תמיד heil dem, der immer fürchtet, wozu im Talmud erklärend bemerkt wird:*חאי:נןדבךיתורח כתיב! ברכות ם (s., Raschi z. St), was er vielleicht so äufgefaßt haben ■dürfte, daß man stets von der bangen Sorge erfüllt ■ sei,;. ob man. ,den Worten, d. i. * den Anforderungen der heiligen Thora immer und überall pünktlich näqhgekprrvrien sei• was ■ an sich;d;er wirksamstei etjplk^i9J^f.^!;!4P?PÖ?n t is|־ zwjp •§festreb9n, daß man jenen Anforderungen riachkomme, entim^phe^Rabbl ^artyieV AW polier: dajrob,• (laß |1!t!üloht§:anz näich Ausmaß seiner |Cräfte und Fähigkeiten Seine jüdische Aufgabe gelöst habe und fürchtete, wie einst der Prophet Samuel, den Tag des göttlichen Gerichts (חגינה ד׳), eine Furcht, der er •in rührenden Worten Ausdruck verleiht in dem Vorwort zu seinem Werke Machacis Hasohekel. Bei ׳Nennung des Wortes Machacis iHaschekel denkt man zunächst an das Werk, das er als Kommentar zum ersten Teil des aus vier Teilen bestehenden Religionskodex Schulchan Aruch geschrieben; dieser Teil ist aber auch jener, der nicht bloß dem Fachgelehrten, sagen wir: dem Rabbiner zugute kommt, sondern auch jedem Juden, der in den -täglich oder öfters wiederkehrenden Lebensäußerungen dem Religionsgesetz entsprechen will und soll und sich nach der nötigen Anweisung und Belehrung zum ״Orach Chajim“, zum ״Wohl des jüdischen׳ Lebens“ sehnt. Daher wünschte er, daß gerade dieses von seinen übrigen Werken nach seinem Tode der Oeffentlichkeit zum allgemeinen Gebrauch durch den Druck übergeben werde. Warum belegte er aber dieses ■sein Werk eben mit dem Titel: Machacis Haschekel (ein halber Schekel)? Weil er, ln seiner Bescheidenheit glaubte: wäre es ihm auch nicht geglückt, immer ganz den Sinn der Mögen Abrohom wiederzugeben, so hätte er sich doch nicht ganz vergebens verbucht,, wenn er in seiner Forschung bloß bis zur Hälfte der gesuchten Wahrheit näher gekommen wäre. ועוד טעם אחר בלבי עצור , sagt er weiter in seiner Vorrede, und noch ein anderer Grund ■dafür' ist in meinem Herzen verschlossen. Aber-welcher Grund? Nicht sich selbst wollte er ein.. Denkmal, errichten mit seinen geistigen Erzeug!■ nissen, sondern den breitesten ,Schichten seiner Glaubensgenossen ejnert Dienst, erweisen; iiicht Wollte er, daß . ,sein VV^erk;unter N$nnupg...seines Namens als Verfassers in die Oeffeiitlichfceit gelänge.