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Jüdische Presse · 1927-04-15 · 15-16 (15.4.1927) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
13 (1927)
Issue
15-16 (15.4.1927)
Date
1927-04-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 112 JÜDISCHE PRESSE Nr. 15/16 Lebensversicherungs-Gesellschaft mmmm Zentrale! Wien, I■! Rfemergasse Nr. 2 Voll eingezahltes Aktienkapital: $ 4,000.000.— Versicherungsbestand Ende 1926: 900 Millionen SdiMling Prämten-Einnahme i. Jahre 1926 : 40 Millionen Schilling Tätigkeitsgebiet: Oesferrßicfi, Deutsches Reich, Frankreich, Belgien, Holland, Italien, Spanien, tsdiedioslew. Republik, Polen, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien, Griechenland, Türkei, Aegypten, Palästina. Pensions-Versicherung ״ mit Rentenansammlung (Rentenbezug beim 55., 60. oder 65. Lebensjahr oder bei früherer Berufsunfähigkeit Monatliche Prämie Sofortige Unverfallbarkeit) gememschaftlich mit der VERSICHERUNGS-AKTlEN-GESELLSCHftFY früher für Handel, Industrie und Gewerbe Wien, I■, Schelllnggasse Nr. 1 Beste Ausführung! Billige Preise! Günstigste Gelegenheit durch das große Lager von dauergewellten Scheiteln und Perücken ist jetzt Damenfriseur und Pärfumeur Wi6n,i.,Mahlerstraße 5, Tel.77-0-54 Versand nach allen Staaten iiiiiiiiiiiiui ppiiiiiiiiyj miiimhimlnitltiiniiHirlrl וווווווו וווו! ,י..1 iiirMmuiHiiiiiiiiiiiiiiViVrfittiiiiinliitlnriiinii'iiiiiitiitimiiiiintötmnlii iiimiitiimiii ringschätzung von seiten der Stammesschwester, sie zermiirbt, wirkt vernichtend, und artet sie noch gar in Bedrückung aus, da wird das Ma nischtanoh im Munde des Betroffenen, Gedemütigten zur flammenden Anklage vor Gott und Menschen. Auf das Ma nischtanoh folgt in der Haggadah das Awodim hojinu, ״wir waren Knechte“. Es ist das ewig ringende Wechselspiel zwischen Faust und Herz, zwischen ,roher Gewalt und zartem Wehgefühl. Die robuste Faust hat zumeist die Oberhand und zertritt ohne Erbarmen das Herz. Der Herr und der Diener ringen miteinander; das ist der Kreislauf der Weltgeschichte. Aber wem endlich der Sieg ist, darauf kommt es an. Der Endsieg wendet sich früher oder später stets der geknechteten Unschuld zu. Wir waren Knechte, und Gott hat uns befreit, die anderen waren Herren und Gott hat sie gefesselt. Wir waren Knechte, aber wir leben heute noch, sie aber waren Herren, aber sie sind nicht mehr vorhanden. Stark in der Ueberwindung, bleibt der schwache Knecht bestehen, und schwach gegen den Selbstverfall, schwindet hin der starke Herr. Gottes Knechte sein macht uns mächtig gegen Menschentücke und Selbstverblendung. Ein demütiges, gläubiges Herz überwindet sich und überwindet andere. Darum, o Jude, besänftige den Sturm des Ma nischtanoh, der in dir tobt, mit dem balsamischen Oele des Awodim hojinu. II. Maasse Berabbi Elieser. Es trug sich zu, daß einst Rabbi Elieser, Rabbi Josua, Rabbi Elasar, Rabbi Tarfon und Rabbi Akibali au der gemeinsamen Pessachtafel in Bne Brak zusammen saßen und einander vom Auszuge aus Aegypten die ganze Nacht erzählten, bis ihre Schüler am frühen Morgen zu ihnen kanten und sagten: Unsere Lehrer, die Zeit ist bereits gekommen, das Schemah des Morgens zu lesen. Wen hat nicht schon diese Stelle in der Haggadah gefesselt. Sie wirkt wie ein goldener Strahl, den die Sonne am Morgen in die versteckte Kammer des Schläfers sendet mit dem Vorwurf: Steh’,,auf! Die Nacht ist für dich verloren; verliere nicht auch den Morgen. Da sitzen fünf der geistvollsten Männer ihrer Zeit, die den Tag in einsiger Gelehrtenarbeit verbringen, in der stillen Zurückgezogenheit der Nacht zusammen und haben einander nichts Wichtigeres zu fragen und zu sagen als die alte, schon so oft geschilderte Geschichte des ägyptischen Auszuges. Ein jeder dieser Männer ist ein Lichtträger der Wissenschaft. Aber siehe, die hellen Flinken ihren Geistes lassen sie heute nicht sprühen, sondern nur an dem schlichten, stillen Sinnen, das die Haggadah ihnen leise ins Gemüt raunt, finden sie ihr seelisches Behagen. Nur die edle Einfalt der Irrationalen nimmt ihnen heute Sinn und Herz gefangen. An solchen Geistern, die ihren Geist beherrschen, an solchen Genien, die die Genialität des frommen Herzens über ihren klugen Köpf stellen, sind wir heute arm geworden. Wir haben vielerlei Geist: Geschäftsgeist, Empfindungsgeist, Zeitgeist, nur der Geist eines ausgeprägten und starken religiösen Empfindens ist bei uns höchst selten geworden. Ob man heute fünf anerkannte große Männer der Wissenschaft zusammentreten sehen könnte, um bloß eine reine Religionsangelegenheit zu besprechen und zu erwägen. Wer von ihnen hat Zeit dazu, und wem erscheint es groß und wichtig genug, darüber am Tage und geschweige noch in den Nächten zu sinnen und zu grübeln? Aber was reden wir von den Gelehrten, den Gebildeten und Eingebildeten, die auf die Dinge der Religion gerne wie auf Anachronismen herabblicken und lächeln,׳ ist es denn mit dem Volke anders? Wo sind die Männer und Frauen im Volke, die sich noch den unmittelbaren, gesunden Sinn für die Herzensangelegenheiten des Lebens so urfrisch und behende erhalten haben, wie wir ihn bei den Gestalten der Haggadah wahrnehmen? Zwar ist man nicht zu kleinlich mit den Nächten. Gar manche Nacht wird leicht und freigiebig hingeopfert. Aber das Opfer gilt dem Moloch, dem Scherz und dem Spiel, dem flüchtigen Taumel des Augenblicksgenießens. Die Ewigkeitsseite des Lebens geht leer aus, einerlei, ob es sich um die Tage oder Nächte handelt. Wie die. fünf Altmeister des Judentums unserer Haggadah, so saßen noch viele unserer nächsten, unmittelbarsten Ahnen in vergangener und halbvergangener Zeit so manche ganze oder halbe Nacht hindurch beim offenen Buch der Gotteslehre oder über den Folianten talmudischer Weisheit gebeugt. Sie waren froher und glücklicher, als wir es heute sind in unserem Mangel an innerer Sammlung und in unscretrf Haschen nach dem bloßen Schatten des wahren Lebens. Auch uns werden dereinst unsere Kinder und Schüler aus dem Taumel reißen, aber sie werden nicht au das Sehema erinnern, wie jene Schüler und Söhne in der Haggadali, denn sie haben das Schema nicht an den Abenden von uns vernommen, um am Morgen es selbst sprechen zu können, aber sie werden uns verantwortlich machen für das, was wir sie. nicht zu tun geiehrt., und für das, was wir sie falsch gelehrt. Zu spät werden wir dann entdecken, ein wie verkehrtes Vorbild wir abgegeben haben. Der Nacht gehören ,wir Alten an. und dem Morgen gehört die Jugend. Wie wir uns am Abend unseres Lebens als Lehrmeister erweisen, so bewähren sich am Morgen ihres jungen Seins unsere Nachkommen als Schüler. Leben wir daher das jüdische Leben treu im Bekenntnis, auf daß das Bekenntnis mit uns nicht ende, sondern' bei denen, die uns folgen, so frisch und erneuert anhebe, wie nach der Nacht der Morgen anhebt. Ein Juwel von seltener Kostbarkeit und Schönheit ist unter den Schlußgesängen in der Haggadah der von Schwermut durchwirkte einzigartige. Sang Adir *m, jiwnc bessau bekorauw. Wohl keiner hat noch diesen Sang gcsungen, ohne zu fühlen, wie jedes Wort und jeder Tön das Herz und die Seele durchrieselt. Allmächtiger. Gott, bau Dein’ Tempel: Schicroh Also schier und also bald In unseren Tagen Schieroli. Lehmann in seiner wundervollen Haggadah-Erklärung geht mit so viel Liebe, Tiefe und Geschichte auf die religiöse und kulturhistorische Seite dieses uns teuer gewordenen Liedes ein, daß man jederman nicht genüg darauf hinweisen kann. Es ist uns bei diesem Sange zu Mute, als hörten wir die .angstverhaltenen lind doch so hoffnungssichereti Töne unserer Altväter und Mütter, der Kinder und Greise in den dumpfen Judengassen der deutsehen Lande, die in ihrer Abgesperrtheit doch so viel der inneren Freiheit besaßen. Bau Dein* Tempel: Schieroh. Die altdeutsche, befremdend klingende Wendung des Ausdruckes im׳ Kehrreim •äst der Tradition wie zu einem Familienstiick geworden, das neben dem klassischen hebräischen Texte kein deutscher Jude missen, möchte; und diese rührende, in eine fromme Bitte gekleidete, wehmütige Sehnsucht nach dem Tempel Gottes auf Moriah, den der Feind ob unserer sündenschweren Schuld verbannt und zerstört, wer könnte sich ihrer tiefen Wirkung verschließen! 0, ihr Alten, wie wußtet ihr doch zu beten und zu hoffen, zu klagen iitid. dabei getrost zu bleibeh! Niemals hat sich der Jude abgefunden mit dem Unglück der Tempelzerstörung •, und Jerusalems Fall. Seine Wirkung zitterte ihm durch die Jahrhunderte nach wie ein Beben der Erde, das die Entfernung nicht aufhebt. Aber sie ließ ihn nicht'die Liebe eirischränken, die er stets für sein Heiligtum im Kleinen hegte, für das Heiligtum am Orte seiner Siedlung. Im Gegenteil, je mehr dem Juden von früher das Gotteshaus im Galuth ein teures Heiligtum• war, desto inelir lebte in seinem Herzen die Liebe und Sehnsucht für das zeitweilig aufgehobene, aber nicht verlorene Heiligtum auf Zion. Da singen wir aber heute: ״Bau Dein* Tempel: Schieroh“ und lassen , unseren Tempel, unser Gotteshaus, das ,erbaut vor uns steht, fast links liegen, ohne es vollauf zu würdigen. Pfleget erst die Heiligtümer, die ihr in Händen habet, dann flehet um die Heiligtümer, die ihr verloren! Um etwas Höheres zu verlangen, muß man das Geringere schön verdient haben. Bei unseren Ahnen war das der Fall. Reich und arm wetteiferte trotz der Enge und Not der Gasse für die Heiligtümer der Reli- Herren- und Damenkleidcr-Schnellreparaturanstalt und K’o m m׳e ins Haus prompt und billigst Aus den Gedichten Jnda Halevys. verdeutsch von Franz Rosenzweig. 7/1 Ewigkeit. Sonn’, Mond, die beiden zieh’n in Ewigkeit auf Wacht; Tag, Nacht, thr Gleichlauf wird nie aus dem Gleis gebracht. Sinnbild verordnet sind dem Samen Jakobs sie, Volk er in Eioigkeit und nie zunicht’ gemacht. Fernt G-ttes Linke sie, die Hechte bringt sie nah’. So haben auch in Not sie Last’rung nie gedacht. Nein, fest vertrau’n sie, daß in Ewigkeit sie, und Daß nie ihr Ende kommt, eh’ enden Tag und Nacht. Der Jude. Es schmäh’n mich deinethalb, die irr’n durch Nächte, die Diener erzgegoss’ner Wahngemächte, Erwidert ich‘. G-tt dienen ist das Hechte. Was wirkten jene, was nicht Er vollbrächte? Wenn Er mir grollt, bin ich der Knecht der Knechte. Ist er mir hold, bin ich die Macht der Mächte. Zwischen Ost und West. Mein Hers im Osten, und ich selber am ' westlichsten Hand. Wie schmeckte Trank mir und Speis’! ivie? dran Gefall’n je ich fand? Weh, wie vollend’ ich Gelübd’? wie meine Weihung? da noch Zion in römischer Haft, ich in arabischem Band. Spreu meinem Auq’ alles Gut spanischen Bodens, indes Gold meinem Auge der Staub, drauf einst das Heiligtum stand! *) Diese Auswahl entnehmen wir den zweiundneunzig Hymnen und Gedichten Juda Hajevys, die, von Franz Rosenzweig verdeutscht, im Verlag Lambert Schneider, Berlin, kürzlich erschienen sind. Franz Rosenzweig, der als Ueb ersetzet neue Wege sucht _ er will, wie er es in dem Nachwort meisterhaft begründet, Jnda Halevy nicht ״eindeutschen", sondern durch Eigenart des Geistes, der Sprache und der Form der Halevyschen Gedichte das deutsche Geistes- und Sprachgut bereichern — hat im vorliegenden Werke seine Aufgäbe mit bewundernswerter Meistershcaft gelöst. D. R. Aegyptischer Boden. Die Städte sieh, den Sinn, tu auf den Gauen, die Israel empfing su Weideauen, . und Ehre soll’ Aegypten, setz’ den Fuß auf fein sacht und schreite nicht in Selbstvertrauen. Die Straßen hier — die G-ttheit zog drauf, spähend nach Pfosten, die vom Blut des Bundes tauen, die Feuersäule und die Wolkensäulen, und aller Augen hoffen drauf und schauen. Hier sind gebrochen G-ttesbundes Träger, des ew’gen Yolkea Quadern hier behauen! 1 Der Strom. G-tt, deine Wunder durch Geschlechter wogen, aus Vaters Mund zu Söhnen, unzerlo׳,m. Der Nil hier zeigt’s. den du in Blut gewandelt, — kein Werk von Nekromanten, Mystagogen, dein Name nur durch Mose und durch Ahron, der Stab, zuvor zum Schlangenleib gebogen. So hilf dem gläubigen Knechte, der, zu schauen die Stätten deiner, Wunder, kommt gezogen, Knechte. Knechte der Zeit sind Knechte von Knechten; nur G-ttes Knecht, als einziger ist frei er. Drum, wenn um sein Teil jeder Mensch bittet, mein Herz, es spricht: G-tt selbst, mein Teil sei er! mmmmmm₪mmu₪m₪mm₪₪₪₪₪m Sorgfältigste Lieferung in plombierten Säcken von 1 Sack 50 kg angefangen franko Haus, ebenso in Fuhren und Waggons Kohlen- und Koksgroßhandlung Nordbahnrutschen 3. Kchlenhof Nr. 372376־ Wien, II., TaborstraBe 9 Fernsprecher Nr. 41-0-22 Rabbi Mordechai Benet, Landesrabbiner von Mähren in Nikolsburg. Von Albert Löw. Unser geschätzter Mitarbeiter Herr Albert Löw begeht an diesem שבת הגדול in geistiger und körperlicher Frische seinen 90. Geburtstag. Wir bringen aus seiner Feder, die ein langes, g-ttgesegnetes Leben hindurch rein und uneigennützig im Dienste der jüdischen Sache stand, folgenden Aufsatz mit dem Wunsche, daß es dem verehrten Verfasser vergönnt sei, noch lange Jahre hindurch gesund und glücklich seine publizistische Arbeit zur. Ehre des Judentums fortzusetzen. D. R. Eine Bestimmung übers Grab. Sowohl im Leben als auch im Tode kann der Mensch der Bestimmung G-ttes nicht entgehen, Nur G-tt allein, als Lenker unserer Geschicke, und nicht das Naturgesetz oder die Naturkräfte, bestimmen die Vorkommnisse in unserem Dasein. Rabbi Chanina lehrt: Alles liegt in G-ttes Macht, nur die G-ttesfurcht nicht. (Ha.kol bicle Schomajim Chuz mijiras schomajim, Megilia 25 b.) Wohltuend wirkt oft sowohl in guten als auch in schlechten Tagen der Glaube au die Bestimmung. In Tagen der Freude, so auch in Tagen des Leides und des Schmerzes werden öfter die Ereignisse der Be- Stimmung zugeschrieben. Sehr oft erstreckt sich die Bestimmung auch übers Grab, wenn der Sterbliche schon der Mutter Erde überliefert wurde, und soll folgende Geschichte dies bekräftigen. Unter den hervorragenden Geistern der jüdischen Gelehrsamkeit, vereint mit besonderer Frömmigkeit, nahm Rabbi Mordechai Benet, Landesrabbiner Mährens, in Nikolsburg, eine bevorzugte Stellung ein.

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