Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 13 (1927)
- Issue
- 9 (4.3.1927)
- Date
- 1927-03-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2629891-2630197-2630206--2538-2634420- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 66 JÜDISCHE PRESSE Nr. 9 Babbinerhaus in der Schweiz nimmt einige Mädchen in Pension. Streng orthodoxe Er- Ziehung, sorgfältige Ausbildung in allen jüdischen und profanen Fächern, gewissenhafteste Verpflegung. Auskünfte erteilt Df. Leo Deutschländer, Wien, II., Leopoldsgasse 26. ב" ה 5,"כשר“• Ne« eröffnet! Selchwaren und Feinwurslzeug aus der Fabrik Moritz l»azafy welche unter Aufsicht der עדת ישראל (Schiffschul) steht DAVID SCHIFFMANN II., Hollandstrasse 16 tiiiiiiiiiiiiiiniiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiininniiiiiiM ן II., Taborstraße 48 ן — Telephon 43-408 S Versäumen Sie nicht die letzten Tage der es |!!M!pii»M1l! Alle erdenklichen Qualitäts-!Weißwaren in reichhaltigster Auswahl zu EE ußT verblüffend niedrigen Preisen סור 55 5000 Meter Wäsche-Chiffone, & 75 cm breit, per Meter . . 5 55 3550 StUck Damenwäschess Garnituren, ajour. u. gestickt, « כ= Hemd oder Hose; reduziert 5 S5 2000 StUck Hosen Combin&ges, « ss ajouriert und gestickt ä . . 5 §| Damen-Hemden ä. . S ss Madras-Stoff, für Vorhänge, g sss per Meter .. 5 55 1000 StUck weiße Damastbrustg ss hemden, alle Halsweiten . S 55 2000 Stück Herrenkragen, alle g ss Halsw., weich, weiß u. färbig 5 ss Herren-Hemden ä ..... S 1 Gläsertücher, nur . . S _ jjE: וווווווווווווווווווווו1ו1ווווווווווווווו11וווווו1ווווווווווווווווווו1וווווווווו!וווווווווווווווו •SZ |§ Interessant und lohnend ist die 55 Besichtigung unserer 26 Schaufenster ee H Im Foyer: ״Schattenspiele“! || llllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllin -.50 1.98 2.90 1.25 -98 3.90 -.20 1.! Zum Andenken des Sigeter Rebben, Rabbi Chajim zwi Teitelbaum זצ״ל Von Dr. Moriz Kraus (Bistritz). Ein Jahr ist ׳erst vor kurzem verflossen -— die erste Jahrzeit wurde in Siget vor einigen Wochen bei einer An- Wesenheit von Tausenden seiner Chassidim gehalten ■— da dieser geistige Führer im Alter von ungefähr 46 Jahren das Zeitliche segnete. Und doch scheint es, als hätte er in einer längst verschollenen biblisch-romantischen Zeit gelebt. Oft aber kann inan sich’s noch immer nicht glauben, daß er von dannen geschieden sei. Ich sehe ihn vor mir mit den blonden Stirnlocken und dem ebenfalls blonden weichen Seidenbart ׳und mit den zarten, blauen Aederchen — ein Zeichen adeliger Herkunft — an seinen milchweißen Schläfen. Nur ganz große Männer mit einer besonderen Anziehungskraft prägen sicli mit solcher Klarheit im menschlichen Gedächtnis ein und werden wie er zu einem Raum und Zeit überwindenden Symbol. ' Wie ein grüner schattenspendender Palmenbaum, nach dem der müde Wanderer lechzt, so erhebt sich seine hehre Gestalt aus des Lebens unfruchtbare Wüste. Die Augen. Zwei tiefe Seen, in welchen sich der blaue, sonnige Himmel spiegelt. Welch überwältigende Gefühle doch in diesen leutseligen, freundlich lächelnden Augen zum Ausdrucke kamen! Man könnte weinen von einem solchen Lächeln. Als sagten sie uns: ״Wie eitel und nichtig ist doch alles Irdische! Wozu das ewige Haschen nach materiellen Gütern, wozu das Rennen und Jagen, das Hoffen und Verzweifeln? Ist doch diese Erde bloß ein unbedeutender, winziger Punkt,!umgeben von den unendliehen geistigen Sphären, wo alle Grenzen verschwinden und wo die in G-tt Ergebenen einst in sanfter Glückseligkeit ruhen werden.“ Grausame Schicksalsschläge trafen ihn in seiner kurzen Lebenszeit. Eine Reihe seiner Kinder raffte der schonungslose Todesengel aus seinen liebenden, väterliehen Armen. Dies hinderte ihn aber nicht , in der Erfüllung seiner erhabenen Mission. Infolge seines innigen, festen G-ttesglaubens fand er milde Trostworte in seinen schwersten Leidensstunden nicht allein für sich und seine Familie, sondern auch für die vielen Fremden, die, gleichfalls von dem derben Schicksal heiingesucht, zu ihm kamen, Agudas Jisroel und Keren Hajischuw! Um die spezifische Eigenart der Betätigung der Agudas Jisroel in Palästinafragen richtig zu würdigen, ist es nötig, zunächst einen kurzen Ueberblick über die Motive zu geben, welche zur Begründung der Weltorganisation Agudas Jisroel führten. I. Bis zu Beginn der Emanzipation gegen Ende des achtzehnten und Anfang des neunzehnten Jahrhunderts bestand über das Wesen der jüdischen Gemeinschaft weder ijn Bewußtsein ihrer Angehörigen noch in demjenigen der Umwelt eine Unklarheit. Die jüdische Gemeinschaft wurde als die lebendige Rcchtsnachfolgerin der am Sinai gestifteten, im heiligen Lande vorübergehend staatlich organisierten und im Jahre 70 in allen Ländern der Erde י zerstreuten religiösen Einheit betrachtet, deren einzige, mit bejspiclloser Zähigkeit festgchaltene Gesamtheitsaufgabe nach ihrer eigenen tiefsten Uebcrzeugung nichts anderes als die Erkenntnis und Erfüllung der geoffenbarten religiösen Lehre (Thora) war und blieb. Religion war anerkanntermaßen die einzige Nationalaufgabe des historischen jüdischen Volkes. Im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts entstanden jedoch innerhalb der Judenheit unter dem Einfluß innerer und äußerer Entwicklungstendenzen einflußreiche Strömungen, die eine Umbildung dieses historisch gegebenen Charakters der Judenheit anstrebten und insbesondere den• zwingenden Charakter des geoffenbarten religiösen Gesetzes für die jüdische Gemeinschaft negierten. Die wichtigsten dieser Strömungen sind der Liberalismus, der als Grundsätze der Gemeinschaft einige theoretische Glaubenssätzc anerkennt, lmd der Nationalismus (konkret Zionismus), der prinzipiell das religiöse Moment als Privatangelegenheit des Individuums betrachtet, es als konstitutiven Faktor der Gemeinschaft jedoch ausschaltet. Dieser Entwicklung gegenüber suchten die treugeblicbenen orthodoxen Massen in allen Ländern der jüdischen Diaspora zunächst lokal durch Organisationen in allen Gcmeinden und Verbänden innerhalb des Landes sich zu wappnen, und die Geschichte aller europäischen Länder weiß von den schweren Kämpfen zu erzählen, die um diese religiösen Lebensfragen, im Grunde um die •unversehrte geistige Existenz des historischen jüdischen Volkes, im Schoße der Judenheit geführt wurden. Mit dem Momente, da Technik und Vcrkehrsentwicklung, die Ländergrenzen überbrückend, jeder geistigen Entwicklung interterritoriale Träger •in großen Weltverbänden entstehen ließen, da insbesondere auch der moderne jüdische Nationalismus in der zionistischen Weltorganisation sich ein politische^ Organ einheitlichen Charakters schuf, mußten auch die •den eigentlichen Kern ׳der Judenheit bildenden orthodoxen Massen ihrem religiösen (politischen) Wollen ein über die Länder hinweggreifendes politisches Instrument schaffen. Nach wiederholten, an den Widerständen des zaristischen Systems und an gewissen inneren kulturell-psychologischen Schwierigkeiten gescheiterten Versuchen der führenden russischen Rabbiner, unter dem Namen ״Kenesses Jisroel“ und anderen Bezeichnungen die orthodoxen Massen zu organisieren, gelang es endlich dem Zusammenwirken dieser großen, allgemein anerkannten rabbinischen Führer mit westlichen Gesinnungsgenossen im Jahre 1912 in Kattowitz den Weltverband ״Agudas Jisroel“ ins Leben gerufen. Das ■in Kattowitz einmütig angenommene Programm der ״Agudas Jisroel“ besagte: um!sich in seiner Nähe zu erwärmen und Mut für die Zukunft zu schöpfen. Und diese armen, Trost und Ermunterung Bedürftigen, täuschten sich nicht in ihrem Rebben. Schon der •Anblick seines edlen, sanften Wesens machte eine wohltuende Wirkung auf sie, bot Labsal und Linderung den klaffenden Wunden ihrer Herzen, verlieh ihren schlaffen, müden Gliedern neue Schwungkraft zur Fortsetzung des von G-tt bestimmten Lebensweges, brachte Licht und Wärme in .׳ihren düsteren, erkalteten Geist und erweckte die Liebe zur Religion in den treulosen, auf Irrwege geratenen Söhnen seines Volkes. Es wird dem Chassidismus des öfteren zum Vorwürfe gemacht, daß er den Sinn für Organisation und System abstumpfe. Man meint, daß die vom Chassidismus erstrebte Vertiefung und Romantisierung des jüdischen Geistes auf Kosten der produktiven Tatentfaltung geschehe und daß derselbe mithin — falls er in seiner vollen Konsequenz zur Durchführung gelangen sollte — dessen Auflösung zur Folge haben müßte. Der Sigeter Rebbe hat durch sein tatenreiches Leben die Unrichtigkeit dieser Auffassung bestätigt. Er war eine Säule der ungarländischen, wie auch später nach dem Imperiumwechsel der Siebenbürger orthodoxen Organisation, die er nicht bloß mit geistigen, sondern oft auch mit finanziellen Mitteln unterstützte. Trotz seines ruinierten Gesundheitszustandes nahm er fast an allen Sitzungen des Landes- Verbundes der transsylvanischen orthodoxen Kultusgemeinden teil und verfolgte mit besonderer Aufmerksamkeit die im .Rahmen der Orthodoxie aufgetauchten Ereignisse. Er wußte mit seinem scharfen Blicke die Grenzen der orthodoxen Organisation genau zu bestimmen und diese stets von fremden Einflüssen zu י bewahren. Jedoch wirkte' sein felsenfester Konservatismus keinesfalls hindernd auf die organisatorische Entwicklung der orthodoxen Judenheit, da ihm nicht die Art der praktischen Durchführung, sondern vielmehr die prinzipielle Seite von Belang war. ״Unser ganzes ׳Kunststück besteht darin, daß wir unsere Existenz aufgeben, um zu existieren“, so lautet die Maxime eines!klassischen Dichters, die fürwahr auch auf Rabbi Chajim Zwi Teitelbaum זצ״ל anwendbar ist. Nur war seine Selbstverleugnung, sein bewundernswerter Altruismus kein ״Kunststück“, keine Folge einer künstliehen Abstumpfung und Bemeisterung der selbstischen Instinkte, sondern vielmehr eine mit seinem inneren ..Zweck der Agudas Jisroel ist die Lösung der jewelligen jüdischen Gesamtheitsaufgaben im Geiste der Thora“. Sie erstrebt demgemäß: a) die organisatorische Zusammenfassung und innere Annäherung der zersprengten Teile der gesetzestreuen Judenheit, insbesondere der östlichen und westlichen Juden: b) die großzügige Förderung des Thorastudiums und der jüdischen Erziehung überhaupt in den dieser Förderung bedürftigen Ländern: c) die Besserung der wirtschaftlichen Lebensbedingangen für die jüdischen Massen in den Ländern der Not und in Palästina: d) die Organisierung und Förderung von Hilfsaktionen im Falle des Bedürfnisses; e) die Förderung einer vom jüdischen Geiste erfüllten Presse und Literatur; f) die Vertretung der thoratreuen jüdischen Gesamtheit nach außen und die.Abwehr der gegen die Thora und ihre Bekenner als solche gerichteten Angriffe.“ Wie sich aus diesem Programm ergibt, das schlechtweg alle Gesamtheitsaufgaben der jüdischen Nation in den Tätigkeitsbereich der neuen Organisation cinbcgrcift und alle ohne Ausnahme im Geiste des Thoragesetzes gelöst sehen will, ist die ״Agudas Jisroel“ eine politische Organi- •sation auf religiöser Grundlage. Sie erblickt in der Wiederherstellung der geschiehtliehen Eigenart des jüdischen Volkes als des Volkes der Religion ihr eigentliches Endziel und sucht dieses Ziel dadurch zu erreichen, daß sic zunächst die dem Gottesgesetze treugcbliebenen Massen des jüdischen Volkes sammelt, organisiert und zu clem Range eines wirksamen politischen Faktors innerhalb der einzelnen Länder wie •im Bereiche der internationalen Politik erhebt. Die endgültige Konstituierung der ״Agudas Jisroel“ fand auf der ersten Kencssio Gcdaulo im Jahre 1924 statt, auf welcher eine zentrale Behörde'aus den Vertretern der einzelnen Latidcsorganisationen, der Z c n t r a 1 r a t, ein geschäftsführender Ausschuß aus diesem Zentralrat, gewählt wurde, ferner als oberste Spitze der große.rabbinische Rat koustituiert wurde, dem anerkannt hervorragendste Größen der rabbinischen Welt der ganzen Diaspora angehören. Landesorgariisationen besitzen die Agudas Jisroel heute in Polen, Tschechoslowakei, Litauen, Rumänien, Lettland, Vereinigte Staaten von Nordamerika; England, Belgien, Deutschland, Holland, Schweiz, Skandinavien, Argentinien, Frankreich sowie Palästina. II. Die Stellung der Agudas Jisroel zur Palästinafrage ist bestimmt durch die religiöse Ueberlieferung. Diese Ueberlieferung fesselt den religiösen Juden mit unlöslichen Banden der Liebe und der religiösen Pflichterfüllung an das Land, in dem zu wohnen den Edelsten und Besten von je heilige und religionsgesetzliche Pflicht war. In •der Tat beruht der ganze historische Anspruch des jüdischen Volkes auf sein Land, das ihm Gottes Land ist, auf •der durch die Orthodoxie allein kontinuierlich aufrecht erhaltenen religiösen Überlieferung, die unter den härtesten Opfern Tausende ins Land geführt und sie dort hat ausharren lassen. Die durch die Balfour-Erklärung eröffnete Möglichkeit, die jüdische Siedlung in Palästina zu einem ״nationalen Heim“ für die Juden auszubauen, ist daher von den in der Agudas Jisroel organisierten orthodoxen Massen Wesen eng verbundene Eigenschaft: sein ureigenes, unleugbares Ich. Wenn auch schon die äußeren Verhältnisse, unter welchen er seine Erziehung genoß und unter denen er lebte, zur Erlangung seiner idealen Eigenschaften wesentlich beitrugen, so haben sich dennoch von dem günstigen Hintergründe seine Individualität und seine Persönlichkeit in glänzendem Lichte abgehoben. Von seinen ausgezeichneten Tugenden und seinem heroischen, nicht alltäglichen Wesen hat er schon in!seiner frühesten Jugend Zeugnis abgelegt, als er im Alter von 24 Jahren — 2 Jahre vor dem Ableben seines großen Vaters, des Keduschath Jomtow — den!Rabbinerposten zu Siget betrat. Es werden von seiner Schlagfertigkeit und seltenen Klugheit, die er schon damals besaß und von der Ueberlegenheit, mit der er sich zur Erfüllung seines überaus schwierigen Berufes anschickte, so manche ,interessante und lehrreiche Episoden erzählt. In den mannigfachen Kämpfen, die er als Rabbiner zu führen hatte, stellte er stets seinen Mann. Wie unerbittlich er aber auch in prinzipieller Beziehung war, so nachgiebig, bescheiden und anspruchslos war er dort, wo es sich um seine eigenen persönlichen Interessen handelte. Doch wie sich die Verdienste aller großen Männer erst nach ihrem Hinscheiden in ihrem wahren Lichte bekunden, so wurden auch die ausgezeichneten Tugenden des Sigeter Rebben von vielen seiner Gegner erst nach seinem Ableben in genügender Weise gewürdigt. Tiefe Betrübnis und Schauer iibermannte alle Kreise, wohin die Kunde von dessen plötzlichem Verscheiden gelangte. Die Sigeter Gemeinde hat, als Zeichen der Hochachtung und Pietät ihrem verschiedenen Seelsorger gegenüber, seinen löjährigen Sohn — nach der am Tage des Begräbnisses seines Vaters mit der Tochter seines Oheims, des Nagykarolyer Rabbiners erfolgten Verlobung fast ohne Einspruch zu •ihrem Rabbiner gewählt. Es ist zu hoffen, daß sie in diesem jungen Sprößling einen würdigen Nachfolger seines großen Vaters gefunden hat. Möge ihm und uns allen dessen glänzende, ideale Gestalt stets als Vorbild diepen. Denn eine seltene Größe war Rabbi Ch. Z. Teitelbaum זצ״ל , . Als Mensch: klug, bescheiden, selbstlos, gefühlvoll, ein wahrer, edler Charakter, und als Seelsorger: überlegen, prinzipientreu, unverdrossen und unbesiegbar, ein hervorragender■ Führer in Jisroel.