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Jüdische Presse · 1927-01-28 · 4 (28.1.1927) · page 3

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Journal
Jüdische Presse
Volume
13 (1927)
Issue
4 (28.1.1927)
Date
1927-01-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 4 Seite 31 JÜDISCHE PRESSE Was geht in der Aguda vor? fit jeder Orsaiiisation gibt es Unzufriedene. So auch in der Asndn. Diese Unzufriedenen besinnen sich zu rühren und zu organisieren. An und für sich Ist diese Aktivität, die im Vergleich zu der früheren rein passiven, bloß kritisieren-den und schmollenden Art der Unzufriedenheit einen nicht zu verkennenden Fortschritt bedeutet, sicherlich sehr beachtenswert. Ob diese Unzufriedenen oder, wie sic sich in Wien bezeichnen. Aktivisten, einen positiven (Jewinn, eine Kräftigung und Auffrischung der Organisation bedeuten weiden,!)leibt einstweilen abzuwarten. Wir beschränken uns vorläufig auf die Veröffentlichung eines diesem Problem gewidmeten Aufsatzes von Joel S ä n g e r in Nr. 1 des ״K 0 r r e s p o 11 d e n z b I a 11 c s“ der Agudas- Jisroel-Jugendorgaitisatioii. Frankfurt a. M., und einer Acußerung, die wir auf unsere Anfrage von den Wiener ״Aktivisten“ erhielten: Köln. Eine erfreuliche Wendung — eine Warnung! Von Joel Sä 11 g e r, Frankfurt a. M.!Es war im Jahve 1921, da forderte Dr. Isaac •Breuer, Mitglied des Geschäftsführenden Ausschusses der Agudas Jisroel, die Agudisicruug des öffentlichen und privaten Lebens. Seine Schrift, ״Die Idee des Agudismus“ sein Arbeitsprogramm für die Ortsgruppen fand wenig Anklang. Oie Anhänger der Agudas Jisroel waren noch■ nicht reif für die Breuerschen Forderungen. Jahre ■schwerster äußerer ׳und innerer Stürme sind tlahingegangeii. Agudas Jisroel jagte von Krise zu Krise und an deren Höhc'fipunktc zeigt sieh endlich citt hoffuutigsvoHcr LiclUstreifen. Vertreter agudistischer Jugend' verbände tragen an •der Wende dos Jahres.— am 26. Dezember 1926 — in Köln zusammen und forderten die AgudisicTung :vcm Agndo-Le׳itu1.rg und :'Gruppen! Die Zentrale dev deutschen Agudas-Jisroel-Jugend- Organisation wurde am Eingänge des Winters von Köln nach Frankfurt verlegt. 'Man nahm .sich nicht mehr die Zeit, erst hiezu einen Delegiertentag einzuber.uien. •Die Stunde gebot Tat und nicht Zaudern! '!Die agudistisclie Jugend der Schweiz hat es nach langen )Kämpfen — •der Vorsitzende der •Landcsorgaiüsation ist;zurückgetreten — erreicht, daß man ihr Anteil gibt, Einfhfß cinräumt an den Arbeiten •der •Landeszentrale. Aus •anderen •Ländern?liegen ähnliche!Meldungen vor. 'Endlich — seit 1913 :zum ersten •Male — ist Agudas Jisroels Jugend erwacht und fordert, daß man!Ernst mache mit dein Kattowitzer. Programm von Jakob Rosen- 'heim, claJ.i mau Ernst mache mit der Agudisiernng. Von diesen Ideen erfüllt, traten die Vertreter der Ägudohjugend Deutschlands, der Schweiz, Belgiens. Hollauds, von Oesterreich •und der Tschechoslowakei in •Köln zu einer Besprechung zusammen. Von hohem Ernste waren die Beratungen, .denen der Präsident der Agudas Jisroel, Herr Dr. Pincha-s Koh 11, beiwohnte, getragen. Zunächst gab :man ׳sich ein •Bild der eigenen Lage, legte dar, wie wenig Verständnis die Mehrheit der Landes- Organisationen für die besonderen Belange der ,Jugend habe, wie so selten Me -sich bereit finden, der Jugend das Recht der Mitbestimmung .einzuräumen, w׳ie oft die Landes- Organisationen aus einer wolligen Verkennung der psychologischen Momente die Jugend von sich weisen. :Dann aber auch beriet man darüber, wie man gemeinsam .arbeiten kann', um. wie es in der angenommenen Resolution heißt, .,die in der praktischen Arbeit gemachten ■Erfahrungen zu sammeln, beziehungsweise zu verwerten mit dem Ziele der Stärkung der Gesamtorganisation“. Erfreut muß man über eine solche Wendung sein. Endlich wird sich Ägudohjugend ihrer Aufgabe bewußt. Auch der Präsident der Agudas Jisroel war sichtlich hierüber erfreut und er machte die Zusage, daß er dafür Sorge tragen wolle, daß die Leitungen der Laudesorganisatioiieii anerkennen die neue Strömung in der Jugend und ihr vollauf Rechnung tragen. Möge die Stimme, die von ׳!Köln ausging, dringen von den Jugendgruppen in die Ortsgruppen, von dort in die Landesorgaiiisationeu, und sie alle, alle anfweekön. Möge man allerorts den Ruf von Köln als eine erfreuliclie Wendung auffassen, aber auch als eine Warnung, als eine sehr ernste Warnung, daß die Zeit des Schlafens ein Ende haben muß, daß die Zeit, da •man glaubt, man brauche nur MitgHedsbeiträge zu kassieren und könne alle andere Tätigkeit ruhen lassen, endgültig vorüber sein muß. Führer von •Agudas Jisroel! Erkennet die Zeichen von Köln; sie sind freudig, aber ernst! Palastrevolution. 111 der Wiener Aguda gährt es ganz utigelicucrlicli. Zu lauge dauerte die Lethargie und darum ist diese Utiztifriedenheit als des Fortschrittes Beginn zu begrüßen. ״ Noch sind die Details nicht bekannt, aber so viel •stellt fest, daß es eine Menge junger und älterer Herren gibt, die mit der Tatenlosigkeit der Wiener Ortsaguda nicht zufrieden sind. Erfreulicherweise dreht es sich scheinbar keineswegs um persönliche Fragen der Eitelkeit. Der Tätigkeitsdrang, das Verantwortungsgefühl der jüdischeu Gesamtheit gegenüber, beide dürfen als spiritus rcctor für den elementaren WuusehausbrucU nach wirksanier systematischer Arbeit an.gesproclien werden. Kampf stärkt, jeder Streit, der •leschem schomajim .ist. trägt den Keim ewigen Wertes •in sieh. Welche Ausdehnung und welche Formen diese Palastrevolution, vom ״Aktivistenkomitee Wiener Agudisten“ ausgehend, annelimen wird, ist eine Frage, die vielfach noch der Klärung bedarf. Nicht immer müssen die Recht behalten, welche •in der Psyche des Wieners die gemütliche Note suchen und finden. Man muß aber gleichzeitig vor übereilten Schritten warnen. Die Aguda .hat sich ,stets von •demagogischen Schlag Worten in der Propaganda für ihre .eigene Sache und im heißen Kampf gegen deren Gegner rein gehalten. Dieselben vornehmen Waffen müssen auch die Kriegsgeräte der Revoiutionsgarde sein. Das Ende.; : Die Uebergangszeit scheint sich ihrem Ende zu nähern. Auf der einen Seite begegnet man •in _ ernsten zionistische,!! Orgayen. der Erkenntnis, daß es ohne Religjon dehn hoch nicht gehe,‘ auf der'anderen'Seite beklagt sich :. ein Fräulein Thon in einem ״Religionsersatz“ überscliriebenen Artikel-darüber, daß rein uationäleMomente mit einem als iibel empfundenen religiösen Beiwerk umkleidet würden. Wenn die Prophezeiung über die Möglichkeiten der Entwicklung am Platze, sind, so muß die erste Anschauung allmählich sich zu unserer Auffassung finden, welche Religion und Nation als identisch betrachtet, und die zweite Auffassung wird schließlich in ' eine schale, zum ewigen stürmenden Hindernisse. . Mit seinem helleil, haarschart unterscheidenden Verstand, mit seiner geraden, logischen־ Denkweise, mit seinem weiten Forscherblick drang er in die Gedankentiefe unseres uner־ meßlachen heiligen Schrifttums und legte in glänzender Darstellung, in übersichtlicher Form das Ergebnis :seiner emsigem Forschung in seinem vielfach benützteil, weltberühmt gewordenem Werke מחצית ה שהל «Jeder. VoJtey Bewunderung betrachten wir nun das unübertroffene, unübertreffliche Meisterwerk; mit einer gewissen Leichtigkeit folgen wir dem hohen Gedankenflug seiner Erörterungen und — vergessen ranz des genialen Verfassers; es tut uns wohl, sehen und genießen zu können die süße* schmackhafte Frucht des edlen Baumes, und wir kümmern uns nicht um die Wesensart des Baumes, 11m die Beschaffenheit des Stammes, der Wurzel und des Bodens, aus dem er hervorgegangen, in die Höhe gewachsen ist. Und, doch verdientes unstreitig eine solche edle Seele, ein solch kristallreiner Charakter, ein solch hervorragender heiliger Mann von solch erhabener Größe, wie eben anerkanntermaßen unser Rabbi Samuel tatsächlich war, daß wir ihm selber, seinein Leben, seiner Lebensführung unsere ungeteilte Aufmerksamkeit zuwenden; denn macht auf uns der Anblick irgendeiner Riesengestalt einen mächtigen Eindruck, so.übt eine geistig-sittliche Erscheinung in ihrer ungewöhnlichen Größe mit der ähr innewohnenden. unwiderstehlichen Zaubermacht eine solche nachhaltige Wirkung auf uns aus, daß wir hiedurch religiös״sittliche Förderung gewinnen von unberechenbaren Heilerfolgen. Rabbi Samuel hat allerdings mit seinem Kommentar ״Machazis Haschekel“ ein Meisterstück geschaffen; er hat aber nicht minder ein Meisterstück an sich selber vollbracht, indem er sich selber durch stete Selbstbildung, zur menschenmögliehen allerhöchsten Vollendung emporgearbeitet hatte. Eine Persönlichkeit, von geistiger und sittlicher Majestät umstrahlt; ein Engel G-ttes in Menschengestalt ein Mensch in Engeireinheit und Engelifnschuld: so schwebt er uns vor, so lebt er in der Erinnerung einer dankbaren Nachwelt• j Es verlohnt, sich •daher, seinen hehren Lebenslauf, wenn auch nur in seinen Hauptzügen, näher kennen zu lernen.'.■Seine heilige Lebensführung bietet für uns eine Fülle •nützlieber Winke, heilsamer Lehren, eine sprudelnde Quelle der zur Nachahmung ansponienden lichtvollen Beispiele. Zu der Bewunderung, mit der wir das Meisterwers ״Machazis Haschekel“ ,sinnend betrachten, zu der mit Bewunderung gepaarten!Hochachtung und Wertschätzung, mit der wir zu dem Verfasser emporschauen, gesellt sich aber auch das 'Gefühl des berechtigten Stolzes; ja wir sind stolz darauf, daß ein solcher Mann dem Judentum angehörte, aus unserem Schoße hervorging; oder vielleicht besser umge- . kehrt: wir können und sollen darauf stolz sein, daß unser traditionelles, heute orthodox genanntes Judentum solche Männer, wie einen Rabbi Samuel Keil Halewi, hervorzubringen, zu solch sittlicher Höhe , emporzuleiten, zu erziehen vermag, der mit der Er- : leuchtung seines Geistes, mit dem Adel seiner Ge-; simuing, mit der Güte seines Herzens, mit der Wärme seines Gemütes, mit der Reinheit seines Wesens, mit der Heiligkeit seines Strebens für alle Zeiten als wahre Zierde der Menschheit leuchtend dasteht. Au der Frucht erkennt man bekanntlich den Baum. Und eine solche edle, herrliche Frucht, wie wir sie in der Lichtgestalt des Rabbi Samuel Keil Halewi vor uns haben, reifte am ״Baume des Lebens“, am Baume unserer heiligen Thora, zu der unzertrenn-. lieh die mündliche Thora gehört, die uns aufbewahrt ist in dem. vielgeschmähten, aber wenig oder gar nicht verstandenen Talmud. Rabbi Samuel war durch und durch ein Talmudjude, oder sagen wir: durch und durch orthodoxer Jude, nicht etwa, weil er sich so nannte oder sich von anderen so benennen ließ, sondern weil seine sittenreine, heilige Lebensführung, seine hehre Gesinnung und seine edlen Taten davon zeugten und jeden überzeugten, und darum war er dieser prachtvolle Mensch nach dem Herzen G־ttes. Telephon 74-2-26 Telephon 74-2-26 Wien» I., Graben 12 demTra ttnerhof) Diese neueröffnete, grösste und modernste Werkstätte für Haararbeiten u. Schönheitspflege erzeugt Perücken, Scheitel u. 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Ob sie freilicli den Mut finden wird, den absoluten Schnitt zwischen Judenheit und Judentum zu vollziehen, das scheint zweifeiliaft, wenn man die historischen Parallelen ins Auge faßt, denn alle derartigen Versuche endeten schließlich damit, daß auch die Judenheit preisgegeben wurde, daß also letzten Eudes sich der Verrat an der Religion immer auch zu einem Verrät an der Nation nmgebildet hat. Noch keine Bewegung innerhalb ,der Judenheit, welche die Religion der Judenheit, also das Judentum zu berühren oder umzustiirzen versuchte, hat ihr Ziel erreicht, ohne gleichzeitig auch der Judenheit den Rücken zu kehren. In dieser historischen Erkenntnis liegt eine Lehre geborgen für diejenigen, wie wir ohneweiters annehmen, gutmeinenden Kräfte innerhalb der religiös orientierten Kreise, welche glauben, der Konfessionslosigkeit in irgend einer Form eine Berechtigung oder historische Notwendigkeit jener Bestrebungen nachweisen und anerkennen zu dürfen; das ist nicht einmal in einer Uebergangszeit verständlich und entschuldbar, geschweige denn in solchen Zeiten, in denen die Linie , der Entwicklung ohne Scheu und Rücksicht bloßgelegt ist,. Fräulein Thon hat mit ihrem ״Religionsersatz“ dieser Klärung einen bedeutenden Dienst geleistet. Wenn zwei dasselbe tun. Das jüdische öffentliche Leben war in den letzten Monaten an sensationellen Ereignissen überaus reich. Ereignisse, die keineswegs geeignet waren, vom parteipolitischen Standpunkte behandelt zu werden. Man konnte sich unter dem Eindruck dieser Geschehnisse der angenehmen Hoffnung hingeben, daß die jüdische Publizistik ohne Unterschied der sonstigen Parteirichtung einen einheitlichen Es ist natürlich kein Wunder, daß ein ganzer Sagenkreis um diese ■ hehre Persönlichkeit sich gewoben, der seine überragende.Größe, seine herrlichen Charaktereigenschaften, seine seltenen Tugenden in hellem Lichte darzustellen bestrebt ist und allenfalls Zeugnis ablegt von der liebevollen Verehrung, die diese außergewöhnliche Individualität bei Mit- und Nachwelt gefunden. Wir werden jedoch bei der Dar- Stellung seines Lebens und Wirkens aus dem uns zu Gebote stehenden Material nur das verbürgt Wahre verwenden, aus der Schale der Sage den Kern der tatsächlichen Wirklichkeit ausschälen, indem wir uns gleichzeitig auf jene heiligen Ueberlieferungen stützen, die in unserer Familie, den Nachkommen des Rabbi Samuel, treuherzig bewahrt werden; vor allem auf jene mündlichen und schriftlichen Mitteilungen, die wir unserem im dreiundachtzigsten Lebensjahre am 28. Tischri 5684 heimgegangenen teuren Vater und Lehrer ד׳צ״ו״לן״ל , dem ״Särbogärder Goaun und Zaddik“, wie ihn der Volksmund bezeichnet, verdanken. Er, der nahezu sechzig Jahre hindurch das Särbogärder Rabbinat bekleidete, beinahe ebenso lang mit seinen Bochurim fleißig lernte, den ״Machazis Haschekel“ fast wörtlich auswendig kannte, hat seine ewige Ruhestätte im Friedhof der aut. orth. isr. Kultusgemeinde in Särbogärd (Ungarn) gefunden; über, seinem Grabeshügel erhebt sich ein Gedenkstein mit einer, da der,.Verewigte in .seinen letztwilligen Verfügungen jeden Ruhmestitel sich verbeten, kurzen Inschrift, die u. a. besagt: Hier ruht der Urenkel (und fügen wir, in Uebereinstimmung mit den Eingeweihten, hinzu, der würdige Urenkel) des Verfassers von ״Machazis Haschekel“ ז״ת״ע ו״ע״ב״י. Außerdem haben uns gute Dienste geleistet bei dieser unserer Arbeit: מאמר אסתר von Rabbi Wolf Boskowitz ז״צ״ו״ק׳יל; von demselben Verfasser das ספר שושן עתת, bezw. die dem ספר vorangehenden Reminiszenzen aus der Feder unseres Vaters und Lehrers ז״צ״ו״ק״ל und das in Paks erschienene (5647) ספר חוט הטשולש. (Fortsetzung folgt.)

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