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Jüdische Presse · 1927-01-21 · 3 (21.1.1927) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
13 (1927)
Issue
3 (21.1.1927)
Date
1927-01-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Tschemerisky erklärt diese Erscheinung damit, daß unter den Juden als städtische Bevölkerung schwer festzustellen sei, welche sich fremder Arbeitskraft bedienen. Denn solche genießen in Rußland kein Wahlrecht. Eine zweite Ursache ist die Gleichgültigkeit eines gewissen Teiles der Juden in der Erlangung des Wahlrechtes. Das Schulwesen. Im Jahre 1926 waren in der Ukraine 456 jüdische Schulen, die von 75.000 Kindern, d. s. 40 Prozent aller jüdischen schulpflichtigen Kinder, besucht waren. In Zentralrußland bestanden 1924-25 96 jüdische Schulen mit 13.000 Kindern. In Weißrußland bestehen 147 jüdische Erziehungsanstalten mit 25.000 Kindern, d. s. 50 Prozent der jüdischen Gesamtschülerzahl. In der Ukraine bestehen 600 Fortbildungskurse für Erwachsene, in Zentralrußland 168, in Weißrußland 50. Es existieren ferner 8 jüdische pädagogische Lehranstalten, eine jüdische Abteilung beim Odessacr Pädagogium, eine solche bei der Moskauer und bei der Minsker pädagogischen Fakultät. Als Resultat der neuen ökonomischen Politik verstärkten sich in den Städtchen die klerikalen und nationale n Elemente, die einen Kampf gegen die Sowjetschule führen und C h e d a r i m, illegale J 0 s c 11 i w 0 t h usw. begründen. Man müsse die Sowjetschule so entwickeln, daß sic dem Kinde eine allgemeine und praktische Vorbereitung fürs Leben gibt und dem Klerikalismus ein Gegengewicht bietet. Im klerikalen Lager ist eine Verlebendigung bemerkbar, die jüdischen Gemeinden entwickeln s i c 11 und schließen sich zu Verbänden zusammen. In der Ukraine bestehen 1003 ,Kehiloth mit 437.137 Mitgliedern. Diese führen einen Kampf gegen die Sowjetschulen und gegen die religiöse Freiheit. Zu diesem Zwecke fand sogar eine Konfcr c 11 z der Rabbiner, die ein Exekutivkomitee gewählt hat, statt. Die Zahl der religiösen Jeschiwoht wächst von Tag zu Tag. Die Jugend der kleinen Städte besucht die Jeschiwoht, wo sic materiell unterstützt wird. Die Bothe Midraschim werden von den jungen Leuten stark besucht. Dieser Klerikalismus wird vom Ausland stark gestützt. Der Redner kam zum Schluß, daß der antireligiöse Kampf verstärkt werden und einen planmäßigen Charakter annehmen müsse. Die jüdische kommunistische Presse in der Sowjetunion. In der Sowjetunion erscheinen drei jiddische Tages- Zeitungen, ״Emcs“ (Moskau), ״Stern“ (Charkow), ״Oktober“ (Minsk); außerdem die Monatsschrift ״Die rote Welt“, die Minsker Monatsschrift ״Der Stern“, die Moskauer Monatsschrift ״Neue Schule“, ״Die rote Nadel“ (Charkow), das Wochenblatt ״Der jüdische Bauer“ (Charkow), die Kinderjournale. ״Der Pionier“ und ״Jungwald“. Dr. Seipel als Ex-offo-Verteidiger. Politische Parteiprogramme, mögen sie von welcher Richtung immer ausgehen, pflegen das Gemeinsame zu haben, daß sie oft mehr versprechen als ihre Verfasser zu halten beabsichtigen. Sie lieben aber auch mitunter in einzelnen Punkten eine gewisse Dunkelheit und Vieldeutigkeit, die es gestatten, nachträglich manches hinein- und manches hinauszudeuten. Das zu Neujahr veröffentlichte (Programm •der christlichsozialen Partei, welches offenbar von der Absicht ausging, sich bei den bevorstehenden Wahlen nicht nur die Stimmen der alten, bewährten Anhänger zu sichern, sondern auch manchen Gegner eines — Gegners zu ■ködern, hat sich wohl offenkundig einer gewissen Zweidcutigkeit befleißigt, aber die Sache denn doch etwas zu plump artgefaßt. Wenn!in dem Absatz 8 des christlichsozialen Parteiprogrammes ausgesprochen wird, daß die Partei ״die Uebermacht des zersetzenden jiidisehen Einflusses auf geistigem und wirtschaftlichem Ge- Gebiete bekämpft“, so muß sich nicht nur der jüdische, sondern auch jeder bürgerlich-freisinnige Wähler fragen: Zum Wochenabschnitt יתרו Die Gesetzgebung am Sinai war erfolgt. Posaunenschall und Donnerwort waren verklungen. Ein Volk von zwei Millionen Köpfen war Zeuge einer den Menschensinnen unerklärlichen und unverständlichen Offenbarung gewesen. Nur so viel hatte das Volk verstanden: es mußte etwas Gewaltiges und Ungeheures gewesen sein, was der Lehrer und Führer Moses ihm iiberbracht hatte. War es doch nicht einmal fähig gewesen, nur das geheiligte Wort selbst zu vernehmen, denn es mußte fürchten, von der Glut der göttlichen Offenbarung verzehrt zu werden. Aber gehorchen wollte es. Ein unbestimmtes Etwas sagte ihm, daß es mit der Annahme des Zehnwortes sich bis in die fernsten Zeiten, ja für alle Ewigkeiten unsterblich machen würde. Und dieses Gefühl trog nicht. Schon war ihm ja verkündet worden, daß es auserwählt sein solle vor allen anderen Völkern, wenn es sich dem Gottesgesetz unterwerfen wolle. Freudigen Stolzes antwortete es: alles, was Gott von uns fordert, wollen wir tun. Wir wollen das auserwählte Volk sein und wollen uns dessen würdig zeigen, wollen unseren Ehrentitel verdienen. Wie aber konnte es gelingen, dieses Volk, das noch soeben nach der wunderbaren Errettung von der ägyptisehen Herrschaft kleinlaut und verzagt jeden Augenblick ins Sklavenjoch hatte zuriiekkehren wollen — wie konnte es gelingen, dieses Volk der göttlichen Offenbarung teilhaftig werden zu lassen, seinen Geist auch wirklich zu erleuchten, daß er das Große und Gewaltige, das in der Offenbarung lag, auch fasse, daß er sich kühn aufschwinge zu Himmelssphären und alle Erdgebundenheit hinter sich lasse und vergesse? Sollte doch das geoffenbarte Zehnwort nur die Grundlage, der Kern einer großzügigen, versittlichenden Gesetzgebung werden, die sich Israel zu eigen machen, in Wahrheit erwerben mußte, wenn der himmlische Vater es zu seinem Eigentum, zum Erstling seiner Ernte erklären sollte. Jetzt hieß es, den gesamten Gesetzeskomplex auf eine Grundform zurückführen, um Israel nicht nur für die Form, sondern auch für den Inhalt des Gotteswortes zu gewinnen. Wjen!n ,die •Uebermacht des ״zersetzenden“ Geistes bekämpft werden soll, wozu dann die auffällige und höchst überflüssige Betonung des Wortes ״jüdisch״? Die Antworten, die sich die Fragenden gaben, klangen nicht sehr sympathisch, weder für •die Verfasser des christlichsozialen Parteiprogrammes noch für die Partei selbst. Da fand es denn der Herr Bundeskanzler Dr. Seipel geraten, als Chef der christlich-sozialen Partei, in einem Interview, zu dem er ■den Vertreter der ״Jüdischen Telegraphcn-Agentur“ eingeladen, dein von allen Seiten arg zerzausten Programm zu Hilfe zu kommen.!Herr Doktor Seipel, der bei dem Antritt seiner zweiten Bundeskanzler- Schaft die Vornahme eines Rcinigungsprozesses in den ihn unterstützenden Parteilagern als seine erste Aufgabe bezeichnete, versuchte nun seine Sam'erungskunst auah an dem Parteiprogramm. Er möchte es von den ärgsten Flecken reinigen, nach Möglichkeit auf den Glanz herrichten, es auch in den Augen seiner Gegner und Schmäher ein wenig beschönigen. •Dr. Seipel als Ex-oifo-Verteidiger! Aber trotz aller Mühe, •die sich Herr Dr. Seipel bei dieser Mohrenwäscdic nimmt, kann er den Eindruck nicht verlöschen, daß auch er die Gebrechen dieses Programmes genau •kennt und ,höchstens auf Milderungsgründe zu plädieren •den Mut findet. Daher wohl zunächst die nachdrück!iahe!Betonung Dr. Seipels, daß er der Abfassung und der Verlautbarung des christlichsozialen Programmes zu!Neujaibr 1927 ״vollkommen ferne“ stehe. Deutlicher konnte wohl nicht gesagt werden, daß Herr Dr. Seipel keineswegs seinen Stolz darein setzt, etwa für •den Autor dieses Werkes gehalten zu werden. Diese Ablehnung der Autorschaft ist zugleich •mit dem Bekenntnis verbunden, daß Dr. Seipel auch in der Verlautbarung dieses Programmes keine besondere staatsmännische Klugheit erblicke. Sic hätte, denkt er, wohl besser unterbleiben können. Dies vorausgeschickt, •meint nun der Herr Bundeskanzler als Verteidiger, man möge •doch beachten, in welch zahmer Weise die christlichsoziale Partei, die doch als antisemitische bekannt sei, in diesem Programm ihren Antisemitismus zum Ausdruck bringe. Die Partei bekämpft ja •darin überhaupt nicht mehr die Juden und auch nicht den!Einfluß, den sie auf geistigem und Wirtschaft- •Hellem Gebiete aus üben, sondern nur •nocih die ״Uebermacht des zersetzenden jüdischen Einflusses“. Das sei etwas ganz anderes, etwas ganz ,Harmloses, das von Rechts wegen eigentlich beinahe jedes ״jüdische“ Herz erfreuen könnte, das auch nichts von ״zersetzenden“, die Welt in Unruhe stürzenden Elementen wissen will. Schade, daß Herr Dr. Seipel sich so ״vollkommen ferne“ bei der Abfassung des christlichsozialen Programms gehalten hat! Vielleicht wäre es seiner vielerprobten Klugheit gelungen, eine solche Formulierung des peinlichen Absatzes 8 zu finden, mit der sogar alle Gegner des Kommunismus und des Bolschewismus — bei diesen machte sich ja doch hauptsächlich der ״zersetzende“ Geist geltend? — ohne Unterschied der Konfession hätten zufrieden sein können. Oder sollten vielleicht die zahllosen erbitterten Gegner, die der Bolschewismus und der Kommunismus gerade in den Reihen der Juden hat (die die bedauernswertesten Opfer dieser Bewegung sind), sich nur gegen die Juden Kun und Samuely auflehnen, aber vor dem N i c 111 j 11 d e 11 Lenin und wie die vielen anderen ״christlichen“ bolschewistischen und kommunistischen Führer heißen, sich ehrfurchtsvoll verbeugen? Herrn Dr. Seipel wäre es, wenn er bei der Abfassitng des christlichsozialen Programmes mitgewirkt hätte, vielleicht nicht entgangen, daß das demonstrative Wort ״jüdisch“ bei der Stigmatisierung ״zersetzender“ Bewegungen, an deren Spitze Juden und Nichtjtiden stehen, wohl geeignet ist, jeden Antisemiten zu entzücken, Also sprach Moses im göttlichen Aufträge: Drei Dinge sind es, die du zu beherzigen hast und du wirst immerdar der göttlichen Nähe deines Schöpfers teilhaftig werden: Ihr sollt euch keine Götzen neben mir machen, denn ich bin einzig. Neben mir gibt es keine Gottheit. Wann auch •immer ihr den göttlichen Namen verkündet; er muß rein bleiben, der Einzig-Einzige Gott, in sich unteilbar, mit anderen nicht geeint. Nur so könnt ihr den Gottesbegriff auch bis in die spätesten Zeiten, da andere Kulturen und andere Weltanschauungen herrschen werden, hinüberretten. Jahrtausende werden dahingehen: aber ein reiner, ungetrübter Gottesbegriff wird niemals verblassen. (Kap. 20, V. 20.) Und dann: Ueberall, wo meines Namen gedacht wird, werde ich zu dir kommen und dich segnen. Allüberall ist Gott. Er ist allgegenwärtig und erfüllt das gesamte Universum. Ein Gott, der an Ort oder Zeit gebunden ist, etwa ein Nationalgott, er müßte einem anderer! Tagesgötzen das Feld räumen, wenn sein Heiligtum zerstört, sein Volk in die Gefangenschaft geführt werden sollte. (Kap. 20, V. 21.) Und letztens: Wenn' du mir einen Altar baust, so sollst du nicht auf Stufen hinaufgehen, auf daß nicht einmal der Erdboden, den du zu mir aufwärts strebend trittst, deine Blosse schaue. Strengste Sittlichkeit, auch wenn du glaubst, aller Beobachtung bar zu sein, fordere ich von dir. Diese drei Dinge, sie gründen die Bedeutung und den Ewigkeitswert des Judentums. Sie mußten sich daher unmittelbarer an das am Sinai geoffenbarte Zehngebot anschliessen. So lange wir sie beobachten, so lange werden wir auch bewußt bleiben, daß über uns ist: ein sehendes Auge, ein hörendes Ohr und daß keine unserer Taten ins Meer der Vergessenheit versinkt. Dann aber werden wir das uns anvertraute Erbe hüten, auf daß es den fernsten Geschlechtern noch erhalten bleibe. Dr. Wilhelm Freyhan.

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