Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 13 (1927)
- Issue
- 1 (7.1.1927)
- Date
- 1927-01-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 JÜDISCHE PRESSE Seite 9 wir konnten nicht anders handeln. Wir mußten in diesen sauren! Apfel beißen, schon mit Rücksicht auf die nichtjüdischen 'Faktoren, die sehr stark in Betracht kamen. Diese konnten es nicht verstehen und nicht begreifen, daß die orthodoxen Gemeinden der tschechoslowakischen!Republik von zwei Zent r a 1 e n geleitet werden sollen. Im alten Ungarn war die Orthodoxie mehr als dreimal so groß (zu ihr gehörten1 zirka 400 iMuttergemeinden und 1200 Filialgemeinden mit einer jüdischen Seelenzahl nicht weit von 700.000). Diese Organisation konnte von einer Zentrale geleitet werden und wir hier in der Republik, wo wir kaum auf den dritten Teil zusammengeschrumpft sind — in Slovensko und Rusinsko zusammen gibt es zirka 130 iMuttergemeinden, 400 Filialen mit etwas über 200.000 Seelen —י sollen in zwei Organisationen getrennt zum Schutze der höheren!Interessen der glaubenlstreuen Judenhe.it aufmarschieren? Der frühere Schulminister H a b rrn a n n sagte zu uns: Es hat docli keinen Sinn, daß die in demselben Staatsverband lebenden, zu den gleichen Glaubensgrundsätzen sich bekennenden׳, von den gleichen Idealen beseelten und die gleichen׳ konfessionellen Ziele vor Augen haltenden Menschen sich von zwei Zentralen vertreten hissen. Es wäre dies ebenso unpraktisch wie nachteilig. Unpraktisch im Verkehr mit der Staatsbehörde und nachteilig für die betreffende!Kirche. So dachten alle maßgebenden Kreise und wir waren gezwungen, wenigstens den Versuch zu unternehmen, ■die von gewisser Seite stets betonten Gegensätze zwischen Slovensko und Rusinsko zu überbrücken und ein gedeihliches Zusammenwirken in die ׳Wege zu leiten. Nun, geehrte!Delegiertenversammlung, offen und freimütig müssen wir Ihnen heute erklären, der e h r 1 i c h u n ■d aufrichtig gemeinte Vers u c 11 i s t g e s c h e i t e r t, arg gescheitert. (Bewegung in. der ganzen Versammlung.) In!Rusinsko ist mittels Erlasses vom Gouverneur die Autonomie und die ganze Organisation aufgehoben.!Dort gibt es momentan keine Expositur, keine Kanzlei, keine Vertretung, dort herrscht jetzt, gelinde gesagt, ein ex lex, ein ungesetzlicher Zu- .stand. (Allgemeine!Bewegung.) Die!Folgen für unser ganzes konfessionelles Leben sind ^unberechenbar. Erhobenen Hauptes, geehrte!Delegiertenversammlung, können wir sagen, daß von unserer Seite kein einziger Schritt unternommen, kein einziger A k!t v 0 1!1 f ü h r t w u r d e, d e r, v 0 m I n t ,e r r e s s e der rigorosesten Orthodoxie oder vom Gesichtspunkte ■des radikalsten Chass.idus besehen, zu tadeln wäre und dieses traurige Resultat als gerechtfertigt erscheinen 1 i e ß e. Auch in Zukunft darf nichts geschehen, was auch nhr den! Schein eines Gegensatzes ׳zwischen hier und dort hervor- . rufen könnte. Das einzige, w!as wir tun können und •tun müssen, ist, daß wir mit gesteigerter Aufmerksamkeit auf der Hut sind, daß die dort herrschende Verwirrung lokalisiert bleibe, daß das אש המחלוקת der Brand des Zwistes, nicht über die Grenzen der Slowakei hinübergreife und. ■daß die Nüchternheit und;Mäßigung und der entschiedene ׳Wille zur Ordnung die Oberhand gewinnen. (Reicher Beifall.) Denn, täuschen wir ■uns nicht, auch bei uns in der Slowakei lassen die Verhältnisse in den Kultusgemeinden vieles zu wünschen übrig. Wir möchten nichts verheimlichen, nichts beschönigen. Fast in allen Kehillos in der Slowakei finden wir ■eine unheimliche Stimmung. Es Ist an ■ihnen so viel Zündstoff angesammelt, daß der geringste ■Anlaß eine ge- Jährliche!Explosion herbeiführen kann. Seit dem Umstürz ist die ganze orthodoxe ■Organisation von einer gewissen Nervosität erfaßt, iln jeder Gemeinde wollen alte unbeglichene Rechnungen um jeden Preis ausgeglichen sein. ■Dreißig- und fünfzigjährige!Machlaukos, die bis nun unter der Asche glimmten, schlagen lichterloh ihre verheerenden Flammen gegen den Himmel empor. In manchen Kehillos gi׳bt es solche schrecklich vernachlässigte Wunden, die von ■einer künstlichen und unnatürliehen Vernarbung verdeckt sind.!Unter ■dieser Vernarbung befindet sich eine Menge Eiter ׳des Hasses und des gegenseitigen Vernichtungswillens ange- .sammelt, ■der die Kruste jeden Moment zu sprengen und den Körper der Orthodoxie zu entzünden droht. Geehrte •Delegiertenversammlung!!Der Fortbestand der Orthodoxie ist davon abhängig, ob wir uns dieser eiternden Wunden werden erwehren können, ob die Orthodoxie die entsprechende Kraft wird aufbringen, zu verhindern, daß das unveränderliche Prinzip, wonach in einem Orte zwei orthodoxe Gemeinden nicht zulässig sind, durchbrochen werde. Von welcher Seite immer gegen dieses Prinzip Front gemacht wird, muß die Gesamtorthodoxie mit unnachgiebigster Entschiedenheit dagegen Stellung nehmen, ansonsten würden in sämtlichen Gemeinden solche unhaltbare chaotische Zustände eintreten, die früher oder später ganz sicher den kostbarsten Gütern unserer Emunoh unwiederbring- ■liehen ■Schaden zufügen müßten. (Beifall.) Gewiß, in jeder Gemeinde gibt es heute Uebelstände, in jeder Kehilloh gibt es Leute, die ■absichtlich Ver- Wirrung stiften, um im Trüben! fischen zu;können. Dagegen gibt es aber nur eine Abwehr: der legale Weg der!Beschwerdeführung muß betreten werden. Die Anrufung eines Schiedsgerichtes oder eines B e s - D i n ist das einzige!Mittel, um die Ordnung herbeizuführen. Wir verhehlen uns nicht, daß infolge der Lückenhaftigkeit des Landesstatutes das Schiedsgericht sabotiert oder ein Din Thora verschleppt werden kann. Wir wissen auch, daß, wie die Dinge jetzt stehen, einzelnen Personen die Möglichkeit gegeben ist, ■durch das Verlangen eines Schiedsgerichtes die •ganze Gemeinde in Schach zu halten und derselben in unnützer Weise große Spesen zu verursachen. Diesen Mängeln unseres Statuts muß und wird abgeholfen werden. Die zu wählende Landesrepräsentanz wird die Aufgabe haben, eine entsprechende Ergänzung durchzuführen, in der Richtung, daß die Aufrechterhaltung der Ordnung in den Gemeinden nicht auf Kosten eines PrinzipeS geschehe. (Stürmischer Beifall.) Geehrter D e 1 e g i e r t e n t a g! Wir haben Ihnen eine übersichtliche Darstellung aller die glaubenstreue Judenheit bewegenden Fragen gegeben. Wir waren bestrebt, mit ungeschminkter Wahrheit die momentane Situation nach allen Seiten zu beleuchten. Wir haben ein Bild entworfen, in dem Sie sehen konnten, auf welch unerschütterlichen Säulen die slowakische Orthodoxie ruht, wo Ihnen aber auch die Achillesferse bloßgelegt und ׳jener Punkt bezeichnet wurde, wo ח ״ו״ ש eine Verwundung möglieh ist. Wir gestatten uns, geehrte Delegiertenver- Sammlung, eine dringende, aus der Tiefe unseres jüdischen!Herzens kommende Bitte an Sie alle zu richten, an jeden einzelnen der רבנים הגאונים הגדולים an jeden einzelnen der בעלי בתים היראים wie auch an alle ■hier anwesenden illustren Vertreter der Kultusgemeinden. Wir richten an Sie das Ersuchen, daß sich alle zu-, sammensohließen mögen zum Schutze •der allerkostbarsten Güter unseres heiligen Glaubens, daß wir alle, denen die Orthodoxie teuer ist, ■die wir fühlen,־ welche Verantwortung auf uns lastet, denen die Orthodoxie in Fleisch und Blut übergegangen ist, die wir alle überzeugt sind, daß ohne vollkommen selbständige und unabhängige Orthodoxie kein wirkliches jüdisches Leben denkbar ist, uns über alle kleinlichen, persönlichen Momente erheben und ausschließlich die heilige Sache vor Augen halten mögen כאיש אחד בלב אחד wie ein Mann, eines Sinnes, eines Herzens, alles Trennende beseitigend, uns in den Dienst des einzigen Zieles להרמת קרן התורה stellen und vom Erstreben dieses unter keinen Umständen auch nur einen Augenblick ablassen sollen. (Brausender Beifall.) צדיקים תחילתן י סור י ן Jedes heilige jüdische Werk •hat anfangs ׳Schwierigkeiten. Als משה רבינו ע״ה die Frage an השם gerichtet הורינו נא את דרכך warum צדיקים so viel leiden, war die Antwort וראית את אחורי schaue nicht auf den Anfang, schaue auf das Ende, das mit שלוה schließt. Die slowakische Orthodoxie war תחילתה יסורין unter großen Kämpfen ward sie gegründet, nun aber hoffen Wir. daß fortan שלום ושלוה das Zeitalter der שלוה des Friedens, der Eintracht •und des gedeihliehen Aufblühens kommt ע״ב׳ינ״צ״ב״ה (Langandauernde ״Jechi!”-Rufe, fast alle Delegierten und Rabbiner eilen auf den Redner zu und beglückwünschen ihn.) Alterspräsident O •b e r r a b b i n e r Tigermann unterbricht die Sitzung zum Zwecke der Verriohtung des מנחה ומעריב -Gebetes. Wahlbeginn. Nach ■dem Gebete wird die Sitzung fortgesetzt. Alterspräsident Oberrabbiner Tigermann ernennt zunächst laut den Vorschriften der Statuten die Herren Oberrabbiner Josef Abel.es (V. Sarluhy), H. Feigenbaum (Medzi Laborce), Isidor Fleischmann (Bratislava), Desider G01 dstein (!Kosice) und Salomon Groß (Trnava) zu Mitgliedern des W a h 1 k 0 m i t e e s, das die Wahl der neungliedrigen Kandidierungskommission zu leiten •und durchzuführen hat. Man schreitet sogleich zum Wahlakt. Im Nu kursieren unter den Wahlberechtigten verschiedene Kandidatenlisten für diese Kommission. Denn es ist klar, daß die Zusammensetzung dieser Kommission für den Ausgang der Wahl von entscheidender Bedeutung ist. Hier versucht auch eine kleine Opposition sich Geltung zu verschaffen. ■Eine Urne wird auf den Präsidententisch gestellt und die Rabbiner und Delegierten werden vom Wahlkomitee unter Vorsitz des •Herrn Oberrabb'iners A b e 1 e s einzeln zur Abgabe ihrer Stimmzettel vorgerufen. Nachdem sämtliche Wähler ihre Zettel abgegeben haben, zieht sich das Wahlkomitee zum Skrutinium zurück. Nach Verlauf einer halben Stunde etwa verkündet der Wahlpräses das Resultat, wonach die Liste der Anhänger der bisherigen Richtung eine überwältigende Major i t ä t erhalten hat und folgende Herren in die Kandidierungskommission gewählt wurden: Oberrabbiner H •a 1־ ■b e r s t a m m (Bardiov), Oberrabbiner J. H0 r 0 wi t z (Huncovce), Oberrabbiner M. Tann e n b a u m (Turna), Oberrabbiner S. D. Ungar (Trnava), Jakob Adler (Nitra), Simon Ehrlich Dr. Ludwig Lieben gew. Chefarzt und Assistent in Prag, ordiniert in Preßburg, Franziskanerplatz 8. Telephon 3188. (Kosice), Salomon Groß (Trnava), Judlai Grünwald (Bratislava) und Horowitz; (Bardiov). Präseswahf. Kaum: hat die Kandidierangskommissipm ihre Arbeit begonnen, da entsteht im Saale; eine, mächtige Bewegung; zur Vereinfachung; des Wahlverfahrens. Dem Präses wird von ke i n *2m3 S e:iiie. e i n e Gegen Kandidatur in Vonsch lia.g gebracht.. Der bisherige Präses, OÖerrabtoiner; Weber, wird von der ganzen Versammlung unisono, umjubelt. Herr Leopold Weiß (Nitra) erhält das. Wort zu einem• Vorschlag. Er legt dem Präses der, Kandi.־ dierungskornmission einen schriftlichen Vorschlag vor, wonach die Wiederwahl des Präses (wenn, sich kein Widerspruch erhebt) per Akk 1 amrat.io.n. er.־ folgen solle. Der Vorschlag ist. von <ttwa 1 4.0■ W a!h 1־ b e r e c h t i g t e u e i g e n 11 ä n d i g: u.n t er s eh r i;e~ ben und lautet:. ״In Anbetracht der reichen Verdienste, die sich! der bisherige Präses der Landeskanzlei um das Zu.- standekommeu der autonomen orthodoxen Landes- Organisation erworben hat, lernet in. Anbetracht des verlesenen, auf vollkommener Wahrheit beruhenden Tätigkeitsberichtes des verflossenen sechsjährigen Zyklus, wofür der lebhafte Widerhall,, den derselbe in den Herzen aller Herren Delegierten hervorrief, beredtes Zeugnis ablegt, ersuchen die gefertigten Delegierten die hochverehrte Versammlung* den bisherigen Herrn Präses mit Akklamation wieder zu wähleu.“ Hierauf erhebt sic 11 die ganze Ver- Sammlung zu einer grandiosen b.egei-, Sterten Kundgebung für Oberrabbiner Weber. Der Saal ist voll besetzt, Rabbiner und Delegierte sind fast au.snahmslos im Sitzungssaale anwesend. Auch das Häuflein zionistischer Delegierter sind zugegen und werden (wahrscheinlich gegen ihre ursprüngliche Absicht) von dem überwältigenden Eindruck dieser einhelligen, ungekünstelten, feierlichen Manifestation des orthodoxen Gesamtwillens ebenfalls zu lebhaften ״Jechi!“-Rufen hingerissen. Der Alterspräses wirft in Uebereinstimmung mit der Kandidierungskommission die Frage auf und die Kundgebung wiederholt sich in derselben imposanten Schönheit und Stärke einstimmig, ohne den leisesten Ton eines Wider- Spruches. Der Vorsitzende konstatiert hierauf die einstimmige Wiederwahl Oberrabbiner Webers zum Präses der orthodoxen Landesorganisation und beglückwünschte ihn mit einigen, herzlichen Worten. Oberrabbiner Weber antwortete mit einer kurzen Ansprache, in der er für die Zeichen, des Vertrauens dankt und gelobt, auch in Zukunft all seine Tatkraft für das Gedeihen des orthodoxen Judentums einzusetzen. Während der Vorsitzende die Sitzung schließt und die Kandidierungskommission auffordert, die Vorbereitungen zur Wahl des Vizepräses und der Landesrepräsentanz zu treffen, drängen sich die Rabbiner, Delegierten und Gäste um Oberrabbiner Weber, um ihm die Hand zu drücken und zu seiner weiteren Tätigkeit Glück zu wünschen. Der Vizepräses. , Den Mittelpunkt des Interesses bildete von nun ab die Kandidierungskommission. Da statutengemäß nur Wahlen auf die Tagesordnung der Versammlung gesetzt werden konnten, war die Mitwirkung der Rabbiner und Delegierten, die nicht zur Kandidierungskommission gehörten, sozusagen aufgeschoben^ bis diese Kommission ihre verantwortungsvolle Aufgäbe nicht gelöst J1a«t. Die Delegierten warten ungeduidig auf die Wiedereröffnung der Sitzung. Lange nach Mitternacht war die Kommission mit ihrer Arbeit noch nicht fertig. So war man denn genötigt, die Wahl des Vizepräses bis zum Morgen zu verschieben. Dienstag, kuriz nach 9 Uhr, eröffnet Alterspräsident Oberrabbiner Tigermann die Versammlung und gibt das Wort •dem Referenten der Kandidierungskommission Herrn Oberrabbiner Ungar (Trnava). Er teilt namens der Kandidierungskommission mit, daß sie sich zu ihrem tiefsten Bedauern genötigt sieht, von der Wiederkandidierung des verdienstvollen, des uneingeschränkten Vertrauens der gesamten Orthodoxie würdigen bisherigen Vizepräses Herrn Oberrabbi 11 er •Hirschler auf seinen dringenden Wunsch Abstand zu nehmen und die Versammlung i!1 die unangenehme Zwangslage zu bringen, an seine Stelle einen neuen Vizepräsidenten zu wählen. Trotzdem wird von ■allen Seiten die Forderung laut, •Herrn Oberrabbiner Hirschler per Akklamation wiederzuwählen oder — da eine solche Wahl nur bei vollständiger Einstimmigkeit möglich ist — ihn mitzukandidieren. Hierauf wird ein Brief des bisherigen Vizepräses an die Delegiertenversammlung zur Verlesung gebracht, worin dieser bedauert, auf ärztliche Anordnung von der Tagung fernbleiben zu müssen und zusammenfassend die bisherige erfolg-