Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 13 (1927)
- Issue
- 1 (7.1.1927)
- Date
- 1927-01-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2629891-2630197-2630198--2471-2634345- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 1 Seite 7 JÜDISCHE PRESSE Xscheclio Die orthodoxe Delegiertenversammlung. Oberrabbiner Weber einstimmig zum Präses wiedergewählt. — D. H. Ehrenfeld Vizepräses. — Große Begeisterung in der Versammlung. Die Reise. Die Kanzleilcitung in Bratislava tat gut ׳und klug daran, diesmal Trcncianske Teplica zutn Versammlungsort fair die Delegierten der orthodoxen C.emeindeti zu bestimmen. י Ein herrlicher Wiintertag dieser Sonntag der 21. Tewes. Der Schnellzug, der uns dorthin bringen soll, fährt durch schneebedeckte!Felder und Wälder an Städten •und Dörfern vorbei. Allesamt liegen sie heute in stiller Beschaulichkeit da. Ein wolkenfreier, blauer Bimmel breitet sich über uns. Die Sonnenstrahlen glitzern im blendend weißen Schnee, als ob sie Myriaden kleiner funkelnder Edelsteine über die Fla-umendecke streuen wollten, die heute eine schlummernde Prinzessin aus dem Märchenlande zu hüllen scheint. Der Horizont hebt sich hoch und dehnt sich weit und alles, was sich dem Auge darbietet, ist heiter und‘hell, fast durchsichtig klar. Die Luft, die wir gierig einsaugen, ist rein und erfrischend. Ehe wir uns dessen bewußt werden, bemächtigt sich eine feierliche Stimmung unseres Gemüts. Wiir sind nur einige Wenige, die nach demselben Reiseziele hinspähen, der Oberrabbiner von Preßburg und um ihn ein kleiner Kreis, die als Erste .,dort“ sein wollen, um einige Stunden der Muße zu pflegen ■ und sich seelisch für die bevorstehende Tagung zu rüsten. Die Unterhaltung dreht sich um die Fragen des Juden-, tums. die durch die Delegiertenversammlung dem Gesichtskreis nähergebracht wurden. Aber wir sprechen leidenschaftslos, leise und gedämpft: unsere Seele badet gleichsam in G-ttes lichtdurchtränkter Natur und wir meiden behutsam jedes erregte Wort, jeden Ton, der diese wunderbar wohltuende, friedlich-feierliche Stimmung aus unserem Herzen scheuchen könnte. Selbst das Räderwerk der Lokomotive da vorne scheint heute die drückende Fronarbeit seines schweren Tagewerkes vergessen.zu wollen; nicht vom klagenden und anklagenden Stöhnen, .nicht von keuchenden Seufzern eines gemarterten, nach Ruhe lechzenden eisernen Sklaven hallt der Hohlweg wider, sondern vom Lobliede alles Geschaffenen zum Schöpfer empor, dessen ״w e c h i!b s c hu h 0!“ der Welt und dem Menschengeist in ihr!für alle Zeiten endlose Wege gewiesen hat... Entlang der einspurigen elektrischen Linie von der Bahnstation durch das Dorf Tepla in einer Entfernung von 25 Minuten bis zum Prachtbau des ״Grand Hotel“ im '.Zentrum des Kurortes dasselbe schöne Bild. In der Ferne ragen die Riesenfelsen der Tatra zum Himmel hinan und hier diese Hügel und Häuser alle im glänzenden Licht- •schein weiß überzogen, regungslos, den Atem anhaltend — im lispelnden Gebete.., In Trencianske Teplica. Das große, mit allem Komfort der Neuzeit eingerichtete Hotel steht um diese Jahreszeit leer da. Thermalquelle und Schwefelbad sparen gewissermaßen ihre g-ttesgesegnete Heilkraft für die ״Saison“ auf, da Wald und Wiese, Berg und Tal in sattem Grün prangen und Tausende heilsuchender Menschen hier Genesung erlangen und Lebensfreude wiederfinden. Man erwartet uns. Säle und Zimmer sind für diese drei Tage zum Empfang der Gäste vorbereitet und bald prasseln auch brennende Holzscheite frohlockend im Ofen des freundliehen Zimmers. Direktor und Personal sind zuvorkommend, dienstbeflissen und versprechen sich von der Tagung eine angenehme Abwechslung lim eintönigen Einerlei des stillen Winters. Einige Minuten vom Hotel entfernt, etwas bescheiden im Hintergründe, betreten wir das saubere Häuschen des ״Restaurant I s r a e 1 e r“. Es ist gerade Mittagszeit. Auch Herr Israelcr ist im Monate Tewes nicht gewöhnt, seinen, der Sonne zugewandten, schönen Speisesaal mit Gästen gefüllt zu sehen. Er ist aber gut vorgesehen. Liebenswürdig und verbindlich, gibt er Auskiitme über alles, was uns interessiert, und" bald sitzen wir beim Mahle, dem ein guter Ruf längst vorangegangen war. Speise und Trank und nicht zuletzt die teilnahmsvolle 'entgegenkommende Fürsorge des Restaurants rechtfertigen diesen guten Namen vollauf. Für das körperliche 'Wohlbehagen der Delegierten hat also die Landeskanzlei ־vortrefflich vorgesorgt. Wird’s auch mit der geistigen Labung so gut bestellt sein, die unsere Landesorthodoxie von hier für volle sechs Jahre mit auf den Weg nehmen ־will? Die nächsten Tage werden’s zeigen. Vorbesprechungen und Agitation. Nach wenigen Stunden schon erhält das Grand Hotel ein anderes!Gepräge. Mit jedem Zuge kommen Rabbiner und Delegierte aus allen Teilen des Landes an. Die Gänge des Hotels und der Speisesaal bei lsraeler füllen sich mit lebhaft debattierenden Menschen. *Auf allen Gesichten lagert ein Hauch tiefen Ernstes. Zu den Ersten, die auf dem Plan erscheinen, gehören auch einige bekannte Gestalten aus den Reihen der Bekämpfer einer geradlinigen Orthodoxie, wie sie von der ״Kanzlei“ vertreten wird. Auch einige Zionisten tauchen als Delegierte von Gemeinden auf, wo es dem Zionismus gelungen ist, Fuß zu fassen. Merkwürdig, diese Delegierten unterscheiden sich auch im Acußern vom Griindtypus der anderen Delegierten; man liest ihnen ihre Stellung zur Religion vorn Gesichte herab. Diese beiden Gruppen finden sich instinktiv und bald entfalten sie gemeinsam eine Propaganda, deren Richtung und Ziel zunächst noch nicht erkennbar ist. Der Großteil der Rabbinen und der im * orthodoxen Gemeindeleben bekannten nichtrabbinischen Persönlichkeiten verhält sich jedoch verschlossen reserviert und weicht jeder Auseinandersetzung •mit Vertretern der Gegenseite beharrlich aus. Die Zimmer des Präses Oberrabbiuer Weber, der Oberrabbiner von Preßburg, Nove Zamky und anderer Führer sind unausgesetzt von Besuchern belagert und es wird bald klar, daß man in der Orthodoxie nicht vergißt, wer Führer ist in Israel. In einem Zimmer des zweiten Stockes findet auf private;Initiative eine Vorversammlung statt. Ein Zionist aus Kesmark führt dort das große Wort. Der Arme, er hat seine zionistischen Zeitungen mit der Naivität eines Provinzlers ernst genommen, ihre Artikel sechs Jahre hindurch offenbar auswendig gelernt und glaubte, ׳ihre Lügen heute hier mit dem Brusttöne der Ueberzeugung vor dem erlesenen Kreis der ״Oppositionellen“ aller Nuancierungen an den Mann bringen zu können. Nach einer Stunde war auch diese Illusion verflogen. Die ״Opposition“ unter zionistischer Leitung war schon am Vorabend der T agu 11 g nach wenigen Mi 11111eil von selbst z 11 s a m m e!1 g e f a 11 c 11, bevor noch von der prinzipiellen Orthodoxie eiin Finger gerührt wurde, um ihr entgegen zu trete n. Während der Nacht sind auch die meisten Rabbiner und Delegierten aus der Ostslowakei angelangt. Am Morgen bietet das ״Grand Hotel“ ein malerisches Bild. Ehrfurchtgebietende Patriarchengestalten mit klugen, milden Zügen im Gesichte vermengt unter energischen jungen Willensmenschen, etwa zur Hälfte in den wallenden, langen Kleidern des Ostens und zur anderen Hälfte im nüchternen Gewände des europäischen Westens bewegen sich im Treppenhause auf und ab oder gehen vornehm zurückhaltend diskutierend im Vestibül umher. Wer hinhorchte, dem war es kein Zweifel mehr, daß diese Tagung einen großen Erfolg der Orthodoxie bedeuten würde. Inzwischen begann im Vorraume des Versammlungssaales das aus den Herren Oberrabbiner Emanuel B re s n i t z (Senec), Oberrabbiner!M. S. Herzog (Stupava), Ignaz K a!1 i s c 11 (Galanta), Wilhelm R aab (Kolta), Ignaz Schwarz (Secovce) und Steiner (Banska Bistrica) zusammengesetzte V e r i f i k a t i o n skomitee die Mandate zu prüfen und!Legitimationskarten auszufertigen. Trotz des starken Andranges entledigte sich dieses Komitee objektiv ■und klaglos seiner Aufgabe. Im ganzen wurden etwa 170 Legitimationen an Rabbiner und Delegierte ausgegeben. Da noch in den ersten Nachmittagsslunden eine Anzahl Delegierter ankamen, konnte das Komitee seine Arbeit erst gegen halb 4 Uhr beenden. Die Versammlung. 4 Uhr nachmittags. Der schöne, langgestreckte, in hellem /Lichterglanz erstrahlende Versammlungssaal ist dicht gefüllt. In den vordersten Reihen sitzen die Rabbiner. Mit ganz wenigen Ausnahmen sind fast alle religiösen Gemeindeführer des Landes anwesend. Hinter ihnen die Delegierten, zum großten Teil bekannte, erfahrene, in Gesinnung und Leben erprobte!Männer, hingebungsvolle Sachwalter des gesetzestreuen Judentums. Eine erwartungsvolle, feierliche Stimmung im׳ ganzen Saale. Kein lautes Wort der Ungeduld wird vernommen. Der Ernst der Stunde drückt der ganzen Versammlung den Stempel auf. Hier liegt der Adel echten, wahren Judentums auf den Gesichtern, echte, ungezwungene Schlichtheit zur ungewollten, natürlichen Feierlichkeit gesteigert. Auf der Tribüne nehmen die Mitglieder des Rabbinerkomitees, die Herren Oberrabbiner Tigermann (Nove Zamky), Schreiber (Bratislava) und FI a 1 b e r s t a m (Stropkow) sowie der Präses der orthodoxen Konfession in der Slowakei, Herr Oberrabbiner Weber, ihre Plätze ein. An einem besonderen Tische, links von der Tribüne, sitzen die Vertreter der Behörden. Bei lautloser Stille fordert Oberrabbiner Weber Herrn Oberrabbiner T i g e r m a n n auf, im Sinne des § 70 der Organisationsstatuten als Alters- Präsident den Vorsitz zu übernehmen. Unter lebhaften ״Jechi“-Rufen erhebt sich die feingeschnittene, schlichte Gestalt des Alters- Präsidenten. Er begrüßt die erschienenen Rabbiner!des Landes und die Delegierten, richtet einige Worte an die Versammlung über die große Bedeutung dieser Tagung nach innen und nach außen und fordert die Vertreter der Gemeinden auf, sich des Ernstes der Lage des orthodoxen Judentums und der heiligen, für die Zukunft des gesamten Judentums entscheidenden Aufgaben bei ihren verantwortungsvollen Entschließungen bewußt zu sein. Tief bewegt hält er einen kurzen NachVuf, dem erst vor wenigen Tagen in die Ewigkeit abberufenen Mitglied des Rabbinerkomitees Oberrabbiner Moses K a t z זצ״ל. aus Nitra und dem Mitglied der Landesrepräsentanz Oberrabbiner Isak Friedrich זצ״ל aus Humenne. Der Nachruf wird von der Versammlung stehend angehört. Im Sinne der Statuten beruft der Vorsitzende die Herren Oberrabbiner M. S. Herzog (Stupava), J 11 d k 0 w 11 s c 11 (Lucenec) und Ludwig Wiesenberg (Kosice) zu Schriftführern, die darauf rechts vom Präsidenten am Tisch Platz nehmen. Nachdem der Vorsitzende die erschienenen Vertreter der Behörden begrüßt und der Stuhlr i c h t e r von T r e n c i n in slowakischer Sprache herzlich geantwortet und der Versammlung viel Erfolg gewünscht hatte, verliest Sekretär S c h w a r z in slowakischer Sprache ein Begrüßungsschreiben des Ministeriums für die Verwaltung der Slowakei, das vom Schriftführer, Oberrabbiner Herzog, deutsch verdolmetscht wird. Das Ministerium hebt in diesem Briefe die Verdienste hervor, die sich die Orthodoxie um die Konsolidierung der Republik erworben hat und spricht die Erwartung aus, daß die neuzuwählende Leitung der Gemeindeorganisation in demselben Geiste und mit den gleichen reichen Erfolgen für die Konfession wirken werde wie die bisherige. Die Versammlung beschließt hierauf auf Antrag des Alterspräsidenten unter großen Ovationen, an den Herrn Präsidenten Masaryk, an den M1־ n i s t e r f ii r die Slowakei und an den Kultusminister Begrüßungstelegramme abzusenden. Nun erst kann Oberrabbiner Weber seinen Tätigkeitsbericht erstatten. Damit gelangt die Tagung zu ihrem Höhepunkt. Kaum hat er sich erhoben, da bereitet . ihm die ganze Versammlung spontan eine begeisterte Ovation, als ob diese mehrhundertköpfige Versammlung sich jetzt mit einen! Male an all die Unbill, an all die Leiden und Qualen erinnert hätte, die dieser früh ergraute Rabbiner infolge seiner Führerstellung im slowakischen orlhodoxen Judentum während der letzten Jahre erleiden mußte, ohne daß die wirklichen Vertreter der orthodoxen Gemeindemitglieder Gelegenheit hatten* ihm ihr Vertrauen und ihre Verehrung zu bekunden. Oberrabbiner Weber liest sein Referat langsam vom Papier, die wichtigeren Stellen stark pointierend. Die Versammlung lauscht gespannt auf jedes Wort. Die eindrucksvolle Stille im Saale wird nur vom einhelligen!brausenden Beifallssturm unterbrochen, den die Sätze des Referates auslösen, die dem Herzen der Versammelten besonders nahegehen. Der Tätigkeitsbericht. Oberrabbiner Weber beginnt mit einer Schilderung der geistigen Zustände im slowakisehen Judentum in dem Momente, da an ihn die histerische Aufgabe herantritt, die Organisation der orthodoxen Gemeinden aus den Trümmern des Weltkrieges herauszuheben und m ׳das neue Leben der tschechoslowakischen Republik auf gesetzlicher Basis dauerhaft einzufügen: Geehrte Delegiertenversammlung! ״Wenn wir über die melhr als siebenjährige Tätigkeit des Zentralbureaus für die orthodoxen Gemeinden ׳in der Slowakei wahrheitsgetreu berichten, können wir dies einerseits mit einem gewissen Gefühle der Genugtuung ׳und!Befriedigung tun, andererseits wieder *können wir uns auch eines schmerzliehen und wehmutsvollen Empfindens nicht ganz erwehren. Genugtuung darüber, daß es בע״ה gelungen ist, das heilige Erbe. unserer גאונים. וצדיקים die Schöpfung unserer orthodoxen Organisation, im ganzen und großen ohne nennenswerte Schädigung aus dem alten Ungarn in die tschechoslowakische Republik hinüber zu retten und alle nötigen Voraus- Setzungen zu schaffen, um den Ausbau der glaubenstreuen jüdischen Gemeinschaft zu vollenden und ihre Entwicklung zu sichern. Schmerzlich hingegen muß uns der Umstand!berühren, daß wir für die vitalsten Interessen und natürlichsten Rechte der orthodox gesinnten Judenheit die opferreichsten Anstrengungen machen mußten. Denn unleugbar, geehrte Delegiertenversammlung, ist das erste שמטה sind die ersten sieben Jahre der slowakischen Orthodoxie im Zeichen der schwierigsten Kämpfe und heftigster Unruhe gestanden. Diese ganze erste Zeit war überreich an störenden Zwischenfällen und Aufregung verursachenden Episoden. •Alle Kräfte der religiösen Judenheit mußten mit aufreibender An- Spannung ununterbrochen tätig sein, damit die Barke der orthodoxen Organisation all die Klippen umschiffen und die künstlich gestellten!Hindernisse umgehen könne. Geehrte Delegiertenversammlung! Wir möchten heute keine Rekriminatiönen erheben, es soll bei unserer heutigen Berichterstattung nach keiner Riehtung ein Vorwurf gemacht werden; ja, wir wollen den guten Glauben, die ehrliche Absicht und das aufrichtige Wollen auch der unversöhnlichsten pr.inzipiellen Gegner der Orthodoxie nicht in Zweifel ziehen. Allein das Faktum .besteht, daß zwei grundverschiedene Weltanschauung gen, zwei •sich völlig aiisschließende Lebensansichten ■im slowakischen Judentum von jeher