Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 12 (1926)
- Issue
- 30 (23.7.1926)
- Date
- 1926-07-23
- Page
- Seite 215 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30 JÜDISCHE PRESSE Seite 215 1a rtAOfflUflHfflML ü Rabbi Simcha Bunim Ehrenfeld דצ״ל Der verblichene Mattersdorfer Raw •war ein hervorragender Godattl, das Muster eines alten Führers, gleich ausgezeichnet durch Zidkes und׳ Herzensgute, die .׳sich jedem einzelnen Mitgliede seiner altehrwti'rcligen (Jemeinde als auch seiner großen jeschiwah, die er 40 Jahre leitete, gegenüber auswirkte. Ein würdiger Nachfolger des C hass am S o f e r, seines Urgroßvaters, und dessen Sohnes, des nachmaligen Krakauer Raw, von Rabbi Ohre Singer und seines Vaters» des Chassam Sofer, versah er sein heiliges Amt auch, als ihn ein langjähriges Leiden plagte, mit! beispielloser Hingebung. An der ׳לןוךן die Montag stattfand, nahmen teil die Rabbiner Baumgarten, Wien, K o 11 n, Deutschkreuz, mit 15 Talmidim, Krau s, Lackenbach, L i p s c h i'i t z; Kobersdorf, Reich, Baden, Weiß, Wr.-Neustadt, Rab1־ binatsassesor Friedman, Baden. Diese alle mit den Vorstehern ihrer Gemeinden, Chcwaratis und Zdokolr gaboim. Die Gemeinden Eisenstadt, Oedenburg, Budapest», Steinamanger und Sardahely. Aus Wien die Vertreter der Adas JisrocI, des Beth Hamidrasch, der Agudas Jisroel» des Keren Hathora und viele Verehrer des Verblichenen. Besonders stark vertreten war Oedenburg. Die vorerwähnten Rabbiner, ferner Rabbinatsasscsor Taussig und Rabbiner Benedikt priesen in bewegten Worten den großen נפטר und beklagten den schweren Verlust, den die Gemeinde und das orthodoxe Judentum erlitten. Zuletzt sprach Kultuspräsident T r e b i t s c h erschütternde Worte der Dankbarkeit und der Klage um den Heimgegangenen, pries die Gemeinde glücklich, daß sie in dem Sohne des Verblichenen einen ausgezeichneten Führer habe. תנצב״ךן Frankfurt a«M• Am Ercw Tische bow fand unter riesiger Teilnahme das Leichenbegängnis unseres ver ewigten Rabbiners Dr. Breuer זצ״ל statt. Im Trauerhause sprach der Sohn des Verblichenen Dr. Joset Breuer im Namen der Jeschiwah. Um halb 10 Uhr sprach in der Synagoge, wohin der Oraun überführt worden war, Dajan Rose n, im Namen der Gemeinde (Religionsgenossen־ schaff Emil Goldschmidt, der Sohn Dr. Rafael Breuer, Rabbiner in Aschaftenburg, Elieser Rosen für die Dozenten der Jeschiwah, Dr. Lange für die! Schule, Dr. S. Ehrma n n für die Aguda, Jakob Rosenheim für die Freie Vereinigung, Rabbiner H i r s c h f e 1 d» Gießein, für den Orthodoxen Rabbinerverband. Auf dem Beth Hachajim sprachen Rabbiner Dr. Esiyi Munk für* die Schwestergemeinde Berlin, Rabbiner Dr. Rinchas) Kohn für die Aguda, Rabbiner Dr. ( Jonas Bondi! Mainz, für den traditionellen Rabbinerverband. Noch sprachen Rabbiner Dr. Auerbach, Halberstadt, Rabbiner Dr. Klein für die Freunde und hoben besonders1 die große Zahl tüchtiger Schüler hervor, die der Ver1־ blichene in seiner Jeschiwah herangebildet hat. Die Trauergemeinde, die den schweren Verlust, den die Religionsgesellschaft und das ganze Judentum erlitten, vollaut empfand, hörte mit Bewunderung, wie jeder der, Trauerredner schilderte, welch kolossale Arbeit der Verblichene s. z. 1. für die vom Redner vertretene Korpora־ tion geleistet hat. Nur ein Uebermensch, ebenso großer Arbeitskraft als Aufopferungsfähigkeit, konnte aut allen Gebieten des jüdischen Pflichtlebens führend seine großen Geistesgaben in die Tat umsetzen zur Weckung׳ und Erhaltung des echten Judentums. Eine große Lücke ist entstanden in unserer Führerschaft und es wird des Zusammenwirkens aller bedürfen, um teilweise Ersatz für diesen hochragenden נתל וצריס m schaffen. Professor Franz Oppenheimer über Georg Itelson. — Ein großer Geiehrtengeist durch die Tat eine9 völkischen Rohlings vernichtet. Berlin, 21. Juni. (JTA.) Wie bekannt, ist vor mehreren Wochen in Berlin der in der Gelehrtenwelt hochgeschätzte Erkenntnistheoretiker und Logiker Gregor Itelson, •ein aus Rußland stammender Jude, verstorben, nachdem ihn die Attacke eines antisemitischen Junkers aufs Krankenbett geworfen hatte. Rrot. Franz Oppenheimer widmet nun Gregor Itelson in der ״Frankfurter Zeitung“ einen Nachruf, in dem es unter anderem heißt: ״Gregor Itelson ist, über 70 Jahre alt» vor kurzem gestorben. Vör einigen Monaten ging die Nachricht durch die Presse, daß ein völkischer Rohling den ehrwürdigen Philosophen niedergeschlagen habe. Seme Adoptivtochter schreibt mir: ״Nach dem Unfall ist das Alter zu meinem Vater gekommen.“ Er hat sich nicht wieder davon erholt und ist hinübergegangen. Wie ich ihn k'enne, so hat ihn wohl viel weniger das physische Leid, als der Kummer über die in ihm .von seinem An!1־ greiter geschändete Menschenwürde, niedergeworleti. Er war. einer der merkwürdigsten Männer, denen ich je begegnet bin. Vielleicht kennzeichnet ihn kein Wort besser als dieses: er war ein rezeptives Genie. Er hat unersättlieh durch sechs Jahrzehnte hindurch studiert und ein Wis־ sen angehäutt, vor dem auch der Gelehrte in stummem Staunen stand. Er war als Schüler Mendelejews ein tert!ge|r Chemiker, er war ein Mathematiker, der sogar — er hat es ausgesprochen — einem Einstein imponierte, er war ein Meister der Geschichte, der Philosophie . . . Das große Ziel seines Lebens war, eine Logik abzufassen,׳.“ Franz Oppenheimer zeichnet die große menschliche und Gelehrtenpcrsönlichkeit Itelsons und erinnert an seine berühmt gewordene, viel diskutierte, nie widerlegte Definition der Logik, die er im Jahre 1904 aut dem! Philosophenkongreß in Gent vorgetragen hat, und schreibt: ״Mir hat er viel gegeben und mir bleibt er unvergeßlich, als ein erlauchter Mensch, dem nichts Menschliches fremd war, und. der dennoch auf dem Niveau des wirklich Weisen über allem Menschlichen lebte.“ Trauerkundgebung des Krankenhausvereines für ihren Präsidenten Markus Bondi. Am 7. Ab (18. Juli) fand eine Trauersitzung des Vorstandes des Vereines zur Unter- Stützung armer kranker Israeliten, zum Andenken an den 0000909090•! o Telephon 7426■2״ o Telephon 74■ 2-26 § Wien» I., Graben 12 dem’Tra ttnerhof) § Diese neueröffnete, grösste und modernste Werkstatte für Haararbeiten u. Schönheitspflege erzeugt Perücken, Scheitel u. Transformationen, für deren allererste Qualität der internationale Meister Karl Schiroky jeder Dame persönlich haftet. Unsere Einführungspreise sind sensationell billig! 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Der 1Besucher, welcher diesen wird) die kleine Gemeinde, welche fast ein Jahrtausend beschnell1 verschwindenden Rest dieses Jahr vorfmdet, wird glücklieh sein, wenn er im Laufe der Ze.it bei seiner Wiederkehr •in das heilige Land noch Spuren dieser einst!blühenden Gemeinde vorfindet. Es dürfte daher nicht'unangebracht sein, diese' kleine Sekte, so wie sie heute ,,besteht, zu zeichnen, bevor es zu spät ist. Bevor die geheimnisvolle ׳unterirdische Synagoge entschwunden ist. bevor die Häuser — baufällige!Karatenbäuser ־— eingestürzt sind, bevor der Ton der Stimme des letzten Karaiten zum letzten Male gehört worden ist und bevor das endgültige Aufflaokern der Lebensflamme gekommen und vergangen ist. Es wäre unmöglich, die Sekten, jüdische, christliche und mohammedanische, welche in den Altstadt versammelt sind, aufzuzählen. Jede hat ihre Riten und Zeremonien jede ׳ihre eigene Kleidung, oft ähre eigene Sprache, jede ihre eigene Moral und jede ,hasst oder verachtet ihren nächsten Nachbar. Aber heute werden wir nicht stehen bleiben״ weder um auf den kleinen braunen Jemeniten einen Blick zu werfen, der über einen Messingtopf 1hinübergebeugt, ein eigenartiges Muster hämmert; nooh um einen Augenblick nach dem Chasid in ׳seinem langen Kaftan und dem wuchernden Bart und dem boshaftem Zwinkern in seinen Augen zu sehen, wie er ,zum Beth hamidrasch geht, oder um nur für einen Moment bei dem Stand des bucharischen Juden zu verweilen, der, gekleidet wie ein Prinz aus dem Feenland, herrliche vielfarbene Seidenstoffe verkauft. Man würde in Versuchung kommen, seitwärts zu treten und die drei alten eingeschrumpften Hexen dort zu betrachten, die Milch verkaufen, ein Anblick׳, der niemals vergessen werden kann und den ich anderwärts geschildert habe. Es wäre verlockend — wenn auch nur für einen׳ Moment — jenen geheimnisvollen Bau auf der anderen Seite der Strasse anzuschauen!, van dem die musikalische Be׳schwörung herauskommt — der Diskant eines Kindes mit dein ■eines׳ ׳alten Mannes — und die Worte einer Talmudseite die Luft erfüllen. Alle diese Sehenswürdigkeiten und hundert andere noch dalzu müssen wir heute ungesehen ausser acht lassen und zu unserem Weg, dem (Karaitenquarfcier eilen, wenn wir es finden können. Wenn wir es finden können. Man frage einen Jerusalemer nach dem Weg, er wird ihn nicht sagen, wenn er etwas dafür kann. Er weiss nicht, »ex hat keine Zeit, er versteht nicht, er geht zu einem Leichenbegängnis, er geht zu einer Hochzeit, er geht zu-irgend eine Entschuldigung wird׳ genügen. Er will dir nicht־!den Weg zeigen oder dich auf!ihn begleiten. Denn die Karaiten sind׳ Parias, Ausgestossene. Sie werden als Gottlose angesehen — oder noch schlechter. Wenn wir genug hartnäckig sind, durch sich schlängelnde Gassen und wiederkehrende Alleen (die uns an die Stelle zurückbringen, von wo wir aufgebrochen sind) zu wandern!, dann־ werden wir schliesslich am Ziele unseres Suchens ankommen. Versteckt rechts weg in einen Winkel ist eine Gruppe von Häusern zus amm enge wo rfe n. wie es scheint, von ׳irgend!einem betrunkenen Baumeister, das eine auf das andere gestürzt, das eine äiinaufgerutscht auf das Dach ׳unterhalb!des anderen: ein Hauten :Häuser, keine Gruppe. Man möchte denken, dass ein böser djinn seine Hand hier im Spiele gehabt und diese •Häuser aufgehäuft hatte״ um!sich!zu amüsieren. Nach vielem Klopfen erscheint eine Karaibin. ״,Bewakascha ge’werek, jecholim ann liroth •beth-ke riese th ha-karaim?“ fragen wir in unserem besten Hebräisch. ״Ist ׳es Ihnen unangenehm, wenn ich englisch spreche?“ kommt die Antwort, ״ich verstehe nicht Hebräisch.“ Wir wiederholen unsere ׳Frage äin einer Sprache, in welcher wir mehr zu Hause sind. ,Die Synagoge ist jetzt nicht offen; Aber bitte kommen• Sie herauf.“ Wir ׳treten ein. Es ist ein anheimelnder kleiner Raum, nett geschmückt und englische Bibeltexte zieren die Wand. Wir. fragen ist ׳eine Rechtfertigung. ״Ich spreche Englisch? Ja. Die Juden wollen uns nicht in ihren Schulen haben und die englischen Missionäre sind gar zu eifrig uns zu haben. So waren wir!aile in der Missionsschule, wo w,ir nur englisch gesprochen haben. Sie versuchten uns zum Christentum zu bekehren, aber selbstverständlich — das mit grossem Stolz — ■ist ihnen das nicht gelungen. Wir folgen der Religion unserer Väter un!d trotzdem, was die Juden sagen, glauben wiu an Gott und halten seine Gebote.“ Dann folgt eine •geschickte Verteidigung׳ des Karaismus׳, wie sie es versteht, und ein Angriff auf die Ortliodoxen, wie sie es versteht. ״Ach, die Juden wollen uns nicht heiraten. Was konnten meine Töchter tun? Sie mussten Christen heiraten — aber am Pessach da kommen sie zurück zu mir mit ■ihren Männern und Kindern׳, so haben sie uns nicht verlassen. Wenn sie es täten, so wären die Juden daran schuld.“ Dann erzählte sie ׳uns von ihrem Sohn. Er konnte ׳in Jerusalem nichts anfangen. Jedermann weiss, dass er ein Karaite ist und sie hassen ■ihn ■deswegen. Sie wollten nicht arbeiten mit ׳ihm. Es ist unmöglich für ihn, hier zu leben.. Er ׳ist nach Amerika gegangen. ״Ich bin einsam hier, ganz einsam. Aber ich warte auf ihn, dass er nach mir •schickt, dann werde ich gehen-. ׳Es sind wenige von •uns jetzt in Jerusalem übriggeblieben. Bald wird keiner mehr da .sein.“ Sie steht auf und zeigt uns die Photographie ihres Sohnes in Amerika, auf den sie •ausserordentlich stolz ist. Wir machen die üblichen Komplimente und verblichenen Präsidenten und Ehrenmitglied,־ Herrn Markus! Bondi זצ״ל statt. Vorstandsmitglied Herr Isidor Frommer* der seit mehr als zwei Dezennien in Angelegenheit des Vereines ständiger Mitarbeiter des Präsidenten war, schilderte in tief zu Herzen gehenden Worten, daß, wenn auch’ alle נם׳ חס׳ U. חורה עבורה Anstalten, Vereine und Institutionen einen großen Verlust erlitten haben, so hat der Krankenhausverein den schwersten Verlust erlitten. E1< schilderte weiters das warme werktätige Interesse des נפ״טר זצ״ל für jedes Detail der Verwaltung, die tuiab-׳ lässige Fürsorge für dessen Förderung und Erhaltung. Wie er sich nahezu täglich Bericht erstatten ließ und sich bemühte, den Verein fortzuentwickeln. Er schloß mit einem warmen Appell an die Familie Bondi und den gesamten Vorstand, die überaus segensreiche Tätigkeit, des Verblichenen זצ״ל zu ersetzen und in seinem Sinne fortzuführen, damit die bedauernswerten Pfleglinge des Vereines den schweren Verlust nicht allzu sehr empfinden! mögen. Herr Fischer beantragte, einen Markus-Bondi־• Fonds für den Verein zu gründen. Dieser Antrag wurde angenommen. Tagung des Aktions-Komitees der Benaus Agudas Jisroel. Lodz. (AJPB.) Am 2. und 3. Tamus fand in Lodz die erste Sitzung des vor kurzem auf der Landesi konterenz neu gewählten Aktions-Komitees der Benaus Agudas Jisroel statt. Die Sitzung wurde unter Vorsitz der Präsidentin des Aktions-Komitees, Frl. Mondry, abgehalten. Aus dem Tätigkeitsbericht des Zentralsekretariats geht hervor, daß in den letzten Monaten seit den Konferenz Zirkulare an alle Benaus Agudas Jisroel-üruppen verschickt wurden, ebenso Arbeits- und Schiurim-■ pläne, ierner haben die Aktionsmitglieder Frl. Mondry-■ Mlawa. Ginzing-Krakau, Koslowsky-Lodz . in 15 Städten Inspektionsbesuclie gemacht. Die dort veranstalteten öftent־ liehen Versammlungen erzielten die gewünschten Resultäte. In den Beratungen wurde hauptsächlich die wirtschattliche Krisis des Generalsckretariats besprochen. Inlolge dieser Umstände wurde beschlossen, den Fuhrerinnenkurs, der in diesem Monate abgehalten werden sollte, aut einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Nach länn gercr Diskussion wurde unter anderem der Beschluß gelaßt, Chamicha Ossel' B’Aw als offiziellen Sammeltag, für den orthodoxen Pressctonds zu bestimmen. Jüdischer Protest gegen die Breslauer Ritualmord־ hetze. Breslau, IS. Juni. (JTA.) Zur Breslauer Ritualmordhetze schreibt die ״Breslauer Jüdische Zeitung“ u. a.: ״Wir empfinden es als einen ungeheuerlichen Skandal, daß in den Pressekonferenzen des Pohzeipräsidiums und in der Tagespresse, vom Hakenkreuzlerblatt bis zur ״Breslauer Zeitung“ und ״Volkswacht“, inklusive die Möglichkeit eines Ritualmordes ernsthaft ־ zur Debatte gestanden hat. Als ob es so etwas wirklich gäbe. Ueberall die Ueberschriften: Ritualmörd ■oder Lust•: mord? usw. — Und niemand ist aut die Idee gekommen* auszusprechen, daß das Märchen vom Ritualmord der Juden, 1m Mittelalter, in schlechter Nachahmung der gegen die Christen in den ersten Jahrhunderten der Zeitrechnung, erhobenen Beschuldigungen, ein aus Fanatismus geborener phantastischer Aberglaube, heute ein plumper pohtischer Schwindel ist. Sollen wir hier noch einmal all die Gründe auseinandersetzen, derentwegen heute kein Historiker, kei\n! Theologe, kein in dieser Richtung wissenschattlich tätiger Gelehrter mehr daran glaubt, daß die Juden oder auch einzelne Juden, oder eine jüdische Sekte die. liebliche Gewohnheit hätten, Christenblut als Zutat; zur Bereitung ihrer ״Osterkuchen“ oder zu irgendeinem sonstigen Zweck zu gebrauchen? Sollen wir hier die An-, tangsgründe der Historik und Logik lehren? Wir lehnen das ab. Aber warum müssen wir, das jüdische Blatt, die ersten sein, die gegen die ungeheuerliche Verunglimpfung, des Judentums protestieren, die in dieser ganzen öftentliehen Debatte lag?“ — Die Zeitung bespricht das Ver־ halten der deutschnationalen ״Schlesischen Zeitung“ in der Ritualmordsache sowie das Verhalten der demokratisehen ״Breslauer Zeitung“, die die Diskussion, ob es sich um einen Ritualmord handelte, lustig mitmachte, und schließt: ״Die Tatsache, daß man im Jahre 1926 in Breslau, einer Großstadt Deutschlands, ernsthalt über einen Ritualmord diskutiert hat, bleibt bestehen. Aber die Schmach, die in dieser Tatsache liegt, fällt nicht aut uns ׳»*I|WI^WMBW1lltlWlCIIIIIIBWiCTMMMBHW‘‘'——*’1,'"','1י ■II III n III 1r ' ——MB erbeben uns, 11!m ׳zu gehen. ״Können wir nicht die unterirdische Synagoge sehen?“ ״So, Ihr habt von ihr gehört?“ ״Ja.“ ״Sie ist!heute nicht offen.“ ״Wann wird ׳sie offen sein?“ ״Am 1. Tag Pessach. wenn Sie um 8 Uhr morgens kommen.“’ Die grösste Synagoge in Jerusalem kündigt täglich im Doar hajom an: Reisende! Besuchet die Churba Synagoge! Besoliderer Gottesdienst für Vergnügungsreisende! W!ir haben daher keine Lust, die Churba zu» besuchen■ — aber mit Er- Wartung s!e!1en wir dem 1. Tag Pessach entgegen. Der Tag kommt ■und nicht ohne •Schwierigkeit finden wir das Karaitenquartier wieder. Da ■ist eine kleine Tür i!n ׳einer Linie mit dem Steinpflaster. Wir klopfen an ■der Tür — ׳keine Antwort. Wir klopfen wieder. Noch keine Antwort. Wi!r klopfen ein drittes Mal. Wir. warten. Die Tiiir öffnet sich geheimnisvoll. Es ist niemand hinter ums. Wir gehen hinein und ■finden uns in■ einem finsteren Gang. Von unten kommt ein gedämpftes •Murmeln. Wir folgen dem Ton und hören etwas gleich dem Gebet eines’ weii, der in der Wüste ׳sitzt ■und das Lob Allahs singt. Da sind einige abschüssige Ste'intreppen. Unten finden wir auf hebräisch und arabisch geschrieben: Ziehe deine Schuhe von deinen Füssen, denn der Ort, auf dem du stellst, Ist heiliger Boden. Wir entfernen unsere Schuhe und betreten eines der geheimnisvollsten und (zugleich ׳eines de.r eindrucksvollsten Heiligtümei der Welt. Von den Tiefen schreie ich zu dir, 0 Gott! sang der Psalmist und ׳hier von diesem unterirdischen Haus der Andacht erhebt sich der klägliche Schrei des letzten׳ Ueberlebenden der Jerusalemer Karaiten. Die von steinernen Mauern umgebene Synagoge ist nicht besonders gross; Vorhänge von verschiedener ׳Farbe hängen an den Mauern, während■ Dellampen in islamisch aussehenden Kandelabern alles, was an Licht da ist, auf die drei Beter, Vater, Sohn und'einen Fremden werfen. Der Sohn hält den Gottesdienst ab. Seine Stimme ist •weich und weckt Erinnerungen. Es ■ist die Eintönigkeit des Arabers, mit der er den Koran in der Moschee beherrscht), wenn!er den!heiligen Text singt. Es ist ■nichts vom Chasanuth •des Westens. Keine bekannten Gebete sind hier, nur Stücke aus ■der Bibel und lyrische Gedichte karaitisclier ׳Dichter. Aber nach einiger Zeit (beginnt gerade das Eintönige seinen' Zainbe auszuüben.!Man wird davon in eine traurige. ׳ eriraieruugsvalle Stimmung versetzt. ׳Nichts ist in dieser unterirdischen •Kammer, was die Vermutung hervorrufen könnte, dass sich hier ein Schrein mit Gesetzesrollen befände. Wenn die Zeit zur Vorlesung des Tagesabschnittes kommt, wird das Lesepult von der Wand weggeschoben, ׳der Vorhang weggezogen. und, es erscheint rückwärts die Bundeslade .mit ihren Rollen. Auch jetzt ist der Vorgang nicht ohne Interesse. Sobald jeder. v׳on den dreien zum Lesen a^gerinen wird, wirft -er sich zu Boden, indem er der ganzen Länge nach vor ׳der heiligen Rolle.hinfällt. Dann gibt er eine feierliche Erklärung ab und es folgt