Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 12 (1926)
- Issue
- 23 (4.6.1926)
- Date
- 1926-06-04
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE PRESSE. Nr. 23 *&׳C\\f•, W$M י./:; * Wj>M a seit .mmm* £$fo:1d soh&nstton un j||V^ Stasigas lÄnlU'Bups %$yj. «1; j m ••..■י;,■־.־ ־• ■>.׳.< und *BL?.־.׳». ... □ □ Ädfen. erzeugVdurch das altrenommierte führende □ □ Haus in Dauerwellen und Haarfärben □ S FRANZ EMMER f ■ Speztalperückenmacher und Damenfriseur ■ Wien, I., Mahlerstrasse Nr. 5 Telephon Nr. 77-0-54 ■!»■■■ Wieder eröffnet! יי■»■ | Hotel National! 5 Wien, II., Taborstrasse 18 ■ ■!Telephon 44503־ ■ ■ Vollständig neu eingerichtet, zentrale Lage, 200 Zimmer " H .mit fliessenäem kalten u. warmen Wasser, Bäder, Zentral- ■ ׳■;;heizung, Lift. Kaffeehaus und Restaurant im Ilausel MSssige Preise! 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Auf Grund des Din Thora ist die jüdische’.*- Gemeinde verpflichtet, die Autorität der Thora getnäss dem Scluilchan Aruch und getnäss den Entscheidungen der Rabbineu in allen aktuellen Fragen anzuerkennen; diese Anerkennung ist obligatorisch für alle Verwaltungsangclegcnheiten der Gemeinden und muss die Grundlage der Gemeindeverfassung bilden. 2. Auf Grund' des Din Thora haben die Frauen, kein Wahlrecht für die Organe der Gemeinde. Es ist verboten, Frauen in die Leitung der Gemeinde und ihrer Organe zu wählen. Ebenso ist es verboten, sich an einem Wahlakt zu beteiligen, der auf Grund der Etteilung des Wahlrechtes an Frauen stattfindet. 3. Auf Grund des Din Thora kann ein nichtreli־ י giöser Jude, der den Sabbat entweiht, die Speisegesetze ,Übertritt usvv., nicht ׳ Mitglied eines üemeindevorstandes 1 sein, in dem er daä Recht hätte, seine,Meinung über die Verwaltungsangelegenheiten einer Gemeinde von religiosen Juden zur Geltung zu bringen. 4. Auf Grund des Din Thora ist es verboten, aus : der Gemeindekasse Institutionen, Unternehmungen und Bestrebungen zu unterstützen, die nicht den Thora־: gesetzen entsprechen; um wieviel weniger solche, die Bestrebungen fördern, die im Gegensatz zur Religion stehen, so zum Beispiel die Unterstützung־ irreligiöser Schulen oder Anstalten, in denen man den Sabbat entweiht,, von Küchen, in denen man גבלות וטרפות gemesst und ähnliches. 5. Auf Grund des Din Thora ist es einem pfliclit־ treuen Juden verboten, einer Gemeinde anzugehörem: welche die vorstehenden Grundprinzipien nicht als Grundlage ihrer Verfassung anerkennen will. Nach dieser Erklärung Wäre es in jedem , Lande, in dem man die Autonomie einer Religionsgemeinschaft und die Autorität der berufenen. religiösen Führer nicht völlig mit Füsspn treten will, eine selbstverständliche Konse- ' quenz, .dass, der Gesetzgeber zum mindesten die Erriclitung orthodoxer Gemeinden mit den gleichen öffentlichen Rechten, wie sie die nationalen Gemeinden zu erwerben im Begriffe stehen,, zulässt, um den nun einmal nebeneinander vorhandenen. Auffassungen von Wesen und Charaktcr der jüdischen Gemeinde freie Entwicklung, Luft!■ und Licht zur gleichberechtigten Entfaltung zu gewähren. Kann ja nicht‘ einmal das palästinensische Oberrabbinat oder sagen wir, da das Oberrabbinat in sich gespalten ist,; kann nicht, einmal 'Oberrabbiner Kuk bestreiten, dass die Ziffern 1 bis 4 der rabbinischcn Erklärung im Grunde, auch seiner Ueberzeugung entsprechen. Gbcrrabbiner; Kuk wird lediglich die Konsequenz des־ Paragraphen 5 scheuen und wird die• Zugehörigkeit zu einer Gemeinde, die programniatisch die Autorität der Thora nicht aner- •kennen will, ■ inr ״Interesse; künftiger ■Entwicklungen zu dulden geneigt sein. Allein mit welchem Recht will man nun diejenigen; Kreisp, die in dieser Duldung nicht die! Aussicht auf'fortschreitende Gewinnung der. Liiiksstehenden, sondern •umgekehrt die Gefahr einer Verwässerung aller Thoraprinzipien erblicken, mit welchem Rechte will Wilhelm Väzsonyi. Ganz Ungarn beklagt den Tod eines seiner hervorragendsteu Männer. Nicht nur die Parteigenossen, die treuen Freunde und; begeisterten Verehrer, Vazsonyis stehen'tief erschüttert an der Bahre des viel zu früh Heimgegangenen. Sie erblickten in. ihm die •Verkörperung der Redlichkeit und der Wahrhaftigkeit, den ehrlichen, seinem Vaterlande mit ganzem Herzen ergebenen Patrioteil, der seine ganze׳ grosse Arbeitskraft dem allgemeinen Wohl weihte, der selbstlos und anspruchslos für seine Person, arm blieb, während .'er leicht Reichtiimer hätte sammeln können. Ein edles Her-z hat zu schlagen aufgehört, ein grosser, ■ für •die Reinheit im öffentlichen Leben bis zur; Selbstaufopferung kämpfender Geist, der noch viel Gutes zu schaffen berufen war, ist mit Väzsonyi dahingegangen. ׳Aber auch die leidenschaftlichsten, verbittertesten Feinde, die Väzsonyi im Leben hatte, verweigern ihm heute nicht den Tribut der Achtung, den sein puritanischer Charakter, sein selbstloses, von egoistischen Nebenabsichten freies Auftreten und Wirken als Politiker, seine hinreissende Beredsamkeit, sein reiches Wissen und sein grosser Scharfsinn erzwangen. Es waren nicht die gewohnten billigen Phrasen, die man leicht einem Toten gönnt, die der Vizepräsident des Abgeordiietenliauses, der sicherlich im Leben nicht zu den Gesinnungsgenossen Vazsonyis zählte, dem Andenken des grossen Mannes widmete. Auch er sali sich gedrängt in dem Nachrufe, den er dem politischen Gegner widmete, es auszusprecheti, dass es keinen in diesen! Hause gebe, der dem unvergesslichen Genie Vazsonyis nicht seine Achtung zolle, keiner, der nicht anerkenne, dass er in die Kämpfe, die er für seine aller selbstischen Interessen baren Ansichten geführt, stets seine ganze Seele, sein ganzes Herz hineingetragen habe. in den Schmerz über den Tod des Politikers und Patrioten, der seit Jahrzehnten zu den führenden Männern Ungarns gehörte, teilen sich —־ dafür zeugen die herzlichen Beilcidsäussenmgei! aus allen Kreisen — die besten Männer des Landes ohne Unterschied der Konfession. Aber einen noch ganz besonderen Grund zu unsäglich schwerer, niederbeugeiider!'rauer haben die Glaubensgenossen Wilhelm Vazsonyis, der zeitlebens mit wahrem Stolze in unerschütterlicher, tief wurzelnder Treue sich a 1 s J u d e bekannte, und bei jeder Gelegenheit seiner innigen Liebe zu der Religion seiner Väter Ausdruck vorft lieh. Von dem Augenblicke an, als Väzsonyi kaum dem ,Jünglingsalter entwachsen, im öffentlichen Leben־ eine Rplle zu spielen begonnen, hat er den Kampf für die Ehre uncj das Recht der Juden in Ungarn aufgenonnnen. Er war es, Üer vor mehr als drei Dezennien an der Spitze einiger für das Judentum und seine Religion begeisterten Männer siegreich den Kampf für die Rezeption der jüdischen Religion führte, in welchem er zuerst, durch den Zauber seiner! Rednergabe, durch die überzeugende Macht seiner Dialektik, die allgemeine Bewunderung erregte.■ Wilhelm Väzsonyi. der Sohn eines frommen Vaters, hat die tiefen Eindriitke, die er aus seinem vElternhause ins öffentliche Leben mituahin, niemals durch die Wellen der politischen niatt die Anhänger dieser Meinung egungsfreiheit 1 ^ies0 P*e f|pHg lieden jsifeev'^äBltictt und ' ־<•>•־«■&»=»־ *■־•■•1'-* lodete HreZrfJi ^׳d^־@d,Ä 1%h|jse.r1ei1!yy i Sinstfigfc Vtjißfa ljütii^uf.de am 25.v'’ stammenden Säihuel getötet. Der Attentäter, maehte. keinerlei Versuch, zu entfliehen; sondern blieb ruhig; an. seinem Platze,, um sich der lierbcieilenden Polizei zu ergeben. .Inzwischen aber machte die erregte Menge den Versuch, .ihn zu lynchen. Er wurde ui'schwer verletztem Zustande auf das nächste Kommiss^- riat gebracht. Dort gab er als Motiv'seiner Tat ari/ dass durch die Schuld Petljuras.. in der‘Ukraine viele tausend e Juden unter f u r c h t b a ren Mart er 11 den M ii r t y 1־ e r t o d erlitten haben. Er empfinde• über scirfe Tat durchaus keine •Reue, sondern betrachte diese v!ielmehr als einen Akt der Gerechtigkeit. Obwohl nun mit dem Namen Petljuras tatsächlich das finsterste Kapitel der jüdischen Geschichte der JüngstvergangenliciL verknüpft ist, können, wir die Tat des Ättentäters nicht billigen. Es ist keine jüdische Art, Selbstjustiz zu üben und als .Rächer selbst schwerer׳: Schuld zur Mordwaffe zu greifen. Die tränenreiche Martyrologie des jüdischen Volkes in den Zweijahrtausenden des Galuth wiiirde erduldet und ertragen in. dem Bewusstsein, ■ dass der ״Vater des Erbarmens“, der Allmächtige inr Himmel, sich seines Volkes annehmen und das an ihm begangene Unrecht sühnen wird. Der Uebergang zur Selbstjustiz, die wohl zu der modernen Zeit sehr gut passt, ist eine traurige Erscheinung der falsch gedeuteten jüdischen Ak-' tivität, die vvir energisch zurückweisen müssen. Der heilige Respekt vor der Geschichte' unseres Volkes lässt uns . solche Mordanschläge schärfs.te11s missbilligen, auch wenn sie gegen einen der ärgsten Feinde, gegen einen Masuen-1. schlächter tausender unserer Brüder, lind Schwestern ge.~ führt wurden. Der .Name Petljuras erinnert uns aber nicht mir an die schreckliche Leidensgeschichte .der Juden in der Ukraine, sondern auch י an einen ׳!der' ■ärgsten' Skandali׳ der vor einigeil Jahren •die jüdische •Welt in Aufregung versetzte. Wladtnir Jabotinski, der heute infolge, seiner; militaristischen Propaganda׳ allgemein .der Stein des Anstosises ist, war zur Zeit der Petljuraischen Schreckensiierrschaft Mitglied, der zionistischen Exekutive und als einstmaliger Chef der jüdischen Legion ,in Palästina der verhätschelte Held der juiigjüdischen Bewegung,^ Er iiess sich mit dem Vertreter der Petljurafcgierung :;m Prag,. Slawinski, in Verhandlungen ein und. schloss ,'ipif Petl.jura ein Uc-bereinkoinmen behufs Errichtung einer autonomen jüdischen Gendarmerie in der Ukraine. AuSj.clei}.■'Berichten. Slawinskis an seine Regierung geht . hervor,., dass ., die ukrainische Regierung dieses' Uebereihkommeu!hauptsächlieh'. aus dem Grunde schloss, tim die ״verdorbene^ jiidische öffentliche Mehiung betreffend ,.das׳;•.Ukräinertum .zu verbessern“. Slawinski rühmt sich. ■fern^rj״־dais'.es .ihrt!;' gelungen wäre, eine Protestaktion gegen die(• Pogrome:,’ in der Ukraine, ’die eine grosse Gruppe.von,;osteuropäischen* englischen und amerikanischen Zionisten, anlässlich d^s Karlsbader Zionistenkongresses im Jahre 1p21 y9rnehme11 wollte, durch seine und ' Jäbö'tinskis' Erklärungen .und 1Informationen niederzuschlagen. Die gesamte jüdische 'Weltpresse — die zionistische nicht ,ausgenommen — •brach in einen Eiitrüstungssturm gegen Jabötiiiski ' aus,! und sozialen• Strömungen, .die ihn in .die Höhe; trugen, wegschwemmen lassen, wenn •er auch nicht die; Kraft auf-, .־.brachte, ganz im Sinne:• und Geiste •der jiiiiisphen Traditiön. sein Leben einzurichten. Der grosse Vorkämpfer der• Re-׳ zeption. der jüdischen Religion in: Ungarn könnte,..den' religiösen Verfallserscheinungen, die. sich, fast׳ ,ip: ganz! :Europa als dunkle Schatten neben der Rezeption damals bemerkbar machten, nicht vollen ■Widerstand ־ leisten.• Aber er gehörte nicht zii jenen, die sich die ,Bekundung: ihres Judentums leicl.1t. •machen, indem sie sich .:mit .'der /Versicherung begnügen, ein. jüdisches Herz .zu*, .-haben.. .Väzsonyi hat seiner religiösen Ueberzeugung .auch : durch die Tat Ausdruck ׳verliehen. Als er, •der erste jüdische• Minister in Ungarn, den Eid als• Geheimrut abjegensollte,־ der unvereinbar mit׳ dem Bekenntnis eines., religiösen J 11 d e: n ist, •wollte er lieber auf diese , Würde verzichten, als seine religiöse Ueberzeugung ־ verleugnen. Auf den Wunsch des Königs, der Väzsonyi ungemein hoch schätzte, wurde für ihn die Formel des Geheiinratseides geändert. Es darf vielleicht h ie.r als ׳ Kuriosum .erwähnt, ,werden,•■ dass liiolit nur die Rabbiner es mit!Freuden begriissten,. dass der justizminister Väzsonyi in der Synagoge zu8011011 ׳' war, sondern auch der- — Fürstprimas. von: Ungarn, -Kardiiial Czernocli, der in herzlichen Beziehungen zu Väzsonyi stand, diesem einmal sagte, er liebe, die. religiösen Men,- SSlien und höre es daher gerne, dass auch Se:■ Exzellenz das Gotteshaus nicht meide. Einmal hat.Vaz.squyi allerdings mit Betrübnis erklären müssen, dass. er. . siph schweren Herzens es habe versagt, die Synagoge zu• besuchen,■ um dort nach dem auf ihn verübten, glückliche,!־•weise missdnngenen Attentat Gautmel ■zu benschen. ״Ic.11' durfte“ ■׳* versicherte er öffentlich —- ״nicht in der Synagoge, 01י-־ scheinen. Jeder, nur ich nicht, durfte in meinem Falle '111 die Syhagoge gehen, um im Sinne ■unserer ■heiligen Religion, angesichts der versammelten Gemeinde das• traditionelle Dankgebet vor der Thora für meine Errettung aus der Todesgefahr zu sprechen. Ich aber musste ,be-. fürchten, das unsere Feinde sagen werden, ich trage die Politik auch in den Tempel. Ich werde zu Hause mehr Dankgebet verrichtet.“ Wilhelm Väzsonyi wollte die Politik nicht in die Synagoge tragen, und er hat damit recht getan. Aber imvergessen sei cs ihm, dass er in den letzten Jahren oft laut cs ausgesprochen, dass man die Religion wieder in; die jüdischen Häuser zuriiekbringen möge, ihre Pflege nicht bloss der Synagoge einräume. Vor wenigen Monaten erst hat Väzsonyi in einer Delegiertensitzimg mit wahner Ergriffenheit ־ ..erklärt, so alt er schön sei, wäre er froh, sieb wieder auf die Schulbank setzen Zu dürfen, ziuh Studium der herrlichen jüdischen Religionslelirep,,die in Verbindung mit der echten modernen Kultur und Bildung in Deutschland zum Aufschwung der Orthodoxie geführt haben-Eiu edler Streiter für Recht und Wahrheit, der für seine Ueberzeugung selbst das Martyrium nicht scheute, ein Freund und Schützer der A1:men und Verfolgten,.:ein■ glaubenstreuer, religiös fühlender Jude ist mit Wilhelm Väzsonyi ins Grab gesenkt worden. Die Tränen,;die um ihn fliessen, sind verdiente. Sein Andenken wird gesegnet bleiben. ' ‘ .. an. ■