Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 12 (1926)
- Issue
- 33 (13.8.1926)
- Date
- 1926-08-13
- Page
- Seite 232 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 232 JÜDISCHE PRESSE Nr. 33 Taschenkönig . M. SCHWARZ Wien, II., Taborstrasse Nr. 8 Telephon 45׳/ 14־1־ Telephon 4514־1־ Taschner-Lederwaren und sämtliche Reiserequisiten sowie Luxus-Lederwaren aller Art. Einjähriger Hanoelskurs Wiener Einjähriger Handelskur» Talmud -Thora - Schulverein Volks- und BOrgerschuls für Knaben und Mädchen Wien, II., Nalzgasse IQ O0st.Postspark.-Kto.lS2.lB9 Spendet für das älteste und grösste jüdische Schulwerk Wiens! Wieder eröffnet! Hotel National Wien, II., Taborstrasse 18 Telephon 44503־ Vollständig neu eingerichtet, zentrale Lage, 200 Zimmer mit fliessendem kalten u. warmen Wasser, Bäder, Zentralheizurig, Lift. Kaffeehaus und Restaurant im Hausei J[ Mässige Preise! Neue Leitung l Bollinger-Eiskasten sind seit 1870 die besten Fabrik: Wien XV. Siaglgasse Nr. 10. Telephon.3819־4־ Filiale: VII., Burpgasse Nr. 17. 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Aber weder die Grundideen der Achad Haamischen!Weltanschauung noch seine ׳Stellungnahme zu einzelnen jüdischen Ideen können mit orthodoxer Lebens- und Weltansicht harmonieren.!Die Grundidee, für deren Verwirklichung Achad Haam ein ganzes ■Loben ׳hindurch literarisch gekämpft hat, ist etwa die folgende : Der politische Zionismus hat zwei Entstehungsgründe : Das physische Elend der ostjüdischen Massen und die seelische Not des von dem Antisemitismus in seiner pctsönlichen ׳Ehre verletzten Westeuropäers. Beides sind schwer zu ertragende Uebel, aber sie rühren nicht an die Wurzel der Daseinsmöglichkeit des jüdischen Volkes. Dies Dasein ist allein durch das Eindringen der modernen Kultur des geistigen Eigenlebens des jüdischen Volkes bedroht. Die innere Synthese zwischen dem Juden und!Europäer kann auf fremdem Boden nicht vollzogen wreden. Das ist ,nur auf heiligem ,Boden möglich, wo als Muttersprache die altheilige hebräische Sprache erklingt, wo das niedere und höhere Erziehungswesen in vollendeter Weise geregelt ist, wo ein neues geistiges Zentrum ztt schaffen ist, welches nicht nur das heilige Land, sondern den ganzen Erdball befruchtet. Die religiöse Idee, die der geistigen Kultur des Judentums seit Jahrtausenden! den Stempel aufgedrückt hat, wird auch hier eine Rolle spielen. Ueber die Formen dieser Lebensführung geht Achad Haam allzu leicht hinweg. Geißelt er auch im Jugendliehen Uebcrschwang einen sich auf heiligem Boden breitmachenden Radikalismus, so unterliegt es nach!seiner Ansicht keinem Zweifel, daß diese Formen dem von ihm als allmächtig anerkannten Gesetz der Entwicklung unterworfen sein werden. Und gerade in dieser Anschauung, ebenso wie in der Unterordnung des Autoritätsgedankens unter dem vermeintlichen Prinzip der Vernunft begegnet sich Achad Haam mit seinen Anschauungen und Forderungen ganz mit den Vorkämpfern des liberalen Judentums. Achad Haam ist eben selbst durch und durch assimiliert, er leidet an der ״unheilbaren Krankheit“ und darum erscheint ihm wie so vielen ■westeuropäischen Juden das Herz Israels versteinert. Trotz dieser radikalen Ab-!li&hDiiung!der Achad Haanu'iscten Prinzipien!wäre es ׳uribiiäiig, setzt Wohlgemuth in seiner geistvollen Auseinandersetzung fort, nicht anzuerkennen, daß all das Radikale seiner Grundanschauungen mehr Theorie bleibt und daß — wie wir das ja schon mehrfach hervorgehoben haben — er sich immer und immer gegen Umsturz in der Praxis wendet. Wie warme Worte findet er für den Sabbat, wie entrüstet ist er über die kühle Aeußer.ung N.ordaus! ,in '!dieser Frage,!über den ״Stolz“ .eines ,nationalen Blattes, daß ein so ״bedeutender Mann“ auch etwas übrig hat; dafür, daß — andere ihn feiern. Mit welch beißendem1 Spott hat er den Lehrern des Gymnasiums in Jaffa' ,heimgeleuchtet, die;der ״dritten Klasise“ die neuesten׳ Emanationen einer, •wild gewordenen literarischen!Bibel-; kritik vermitteln. Wie bitter spricht er sich darüber aus, daß in einer jüdisch-nationalen Zeitung die französische' Zote sich in das Gewand der heiligen Sprache kleiden darf. Und wie energisch hat er sich immer gegen die! Jungjiidischen und gegen ,ihre literarischen ■Erzeugnisse, gegen den jungjüdischen Kulturzionismus gewandt. i Es ist aber klar, daß für uns das Heil nicht aus! den Mittelchen grundjüdischer Nationalliteratur erwachsen kann. Nicht einmal aus einer neuhebräischen Nationalliteratur i;n Geiste Achad!Haams. ■Denn!es ist ■verzweifelt wenig damit gewonnen, wenn!die Formen unserer Literatur an unserer alten Ueberlieferung anknüpfen, der Inhalt aber recht eigentlich den fremden Geist bei׳ uns heimisch macht. Wir erhoffen, so schließt Wohlgemuth seine Studie aus der Weltorganisation der Agudas Jisroel, und in deren Programm die Tätigkeit für das heilige Land einer der wichtigsten Punkte ist, eine allmähliche Verwirklichung d£s gezeichneten Ideals. Und weit in die Ferne schweift unser Blick und wir sehen auf dem heiligen Boden jene Körperschaft erstehen, die den jetzt widerstrebenden Geist der mannigfachen Richtungen, die in den verschiedenen Ländern der Diaspqra auch unter den Gesetzestreuen herrscht, in eine höhere Harmonie auflöst ־ und die Autorität und die Kraft besitzt, im Geiste von Bibel und Talmud an der ״Entwicklung“ des Judentums zu arbeiten. Wir können anläßlich des 70. Geburtstages Achad Haam, nichts anderes wünschen, als daß ihm vergönnt sei, diese ,,Entwicklung“ in körperlicher und geistiger Frische mMizmerklben. D. Die Weltkonferenz des liberalen Judentums in London. Unser New Yorker ■I. L.-Korrespondent sendet uns nachfolgende Skizze als!Ausdruck der Stimmung, die in konservativen Kreiser! gegenüber der jüngsten Weltkonferenz des liberalen Judentums herrscht. In diesen Wochen des Trostes nach der Trauer um das zerstörte!Heiligtum und die verlorene staatliche Selbständigkeit horcht auch das religiöse amerikanische Judentum mit gespannter Aufmerksamkeit auf jede Regung, die eine Wiedercrneuierung des Judentums verheißt. So hat man sich von der Konferenz des liberalen Judentums in London gar manche bedeutsame Kundgebung für die fernere Ent- Wicklung des Judentums im ■jüdischen Geiste erwartet, um so mehr als bedeutende Führer der amerikanischen Judenschaft als Wortführer •in London auftraten, ,aber die Aeußerungen in London über Thora und Ueberlieferung waren weit entfernt, die!Hoffnungen der Wartenden zu erfüllen, daß von diesem Zion der!Liberalen die Lehre und das Wort Gottes ausgehen werden. Dieser Enttäuschung weiter Kreise der Judenschaft in den Vereinigten Staaten hat Rabbi A.!Miskeon, einer der hervorragendsten geistigen Führer der amerikanischen gesetzestreuen Juden, in einer gedankenreichen Rede am Sabbat des Trostes .!beredten Ausdruck gegeben. Der gefeierte!Kanzelredner ,verweist darauf, daß gerade die Verlesung der zehn Gebote mit der Bedeutung des Trostessabbates :im vollsten Einkla׳ng steht. Dieser Gedanke hat bereits •dem Propheten vorgeschwebt, der mit der Wiederholung des Wortes אנכי אנכי הוא מנחמם ״Ich, ja ich bin es, der euch tröstet“, gerade auf das Anfangswort der ■zehn Gebote und auf diese selbst hinweist und damit andeutet, daß die ,zehn Gebote und ihre Befolgung die Quelle des Trostes und der Erhaltung des Judentums bilden. Und besonders das fünfte Gebot der Elternliebe ist es gewesen, welches mehr als .alle anderen ■Gebote!zur Erhaltung des Judentums beigetragen hat. Denn dort, wo Vater und Mutter in Ehren gehalten werden, da wird auch die religiöse Ueberlieferung!der Eltern geehrt, da gedeihen und blühen auch alle guten jüdischen Vorsätze und :nur solches Judentum ist ein lebendiges. Leben spendendes Element. Die Erfüllung dieses!Gebotes sichert ,daher nach ra'bbinischer Auslegung der!in diesem Gebote enthalteneu Verheißung, ״daß deine Tage lange währen“, nicht nur dem einzelnen, sondern der!Gesamtheit, somit dem ganzen ,jüdischen Volke ewigen Bestand. Es ,muß uns daher ,nicht wunderhehmen, daß , die ’Hauptpersonen'• des : seltsamen Schauspieles in London bemüht waren, eine ■Scheidewand »wischen Eltern •und׳ Kindern zu ■errichten, zumal es nicihit um die Erneuerung und Erhaltung des Judentums ging, sondem Assimilation und Auflösung als!Endzweck aller ׳Be- Strebungen erschienen. Wir begreifen daher mit ■vollstem Verständnis die Deklaration der Führer des ״liberalen“ Judentums, ״daß sie das biblische!Gesetz!nicht als ebensolche Autorität anerekennen, wie ihre!Vorfahren es getan haben, und ■daß die!Bibel für sie ■nicht dasselbe!bedeutet. was sie; für de Väter war“.!Diese Formel zeigt den kürzesten und sichersten Weg, den zersetzenden Prozeß der!Assimilation zu beschleunigten und ■ein ■standhaftes, zielbewußtes Judentum »11 zerstören. Mit der Scheidung von Eltern und Kindern zerreißt die vieltausendjährige Kette der Tradition •und wenn man neue Formen finden muß,!dann ׳muß es doch auch zur Verlegung des Sabbates auf einen ■passenderen Tag kom- Die Juden in Wiener-Neustadt. Von Rabbiner Dr. Max Pollak (Oe!denburg). Nach der von Maurus Mezei besorgten Uebersetzung aus dem üngarlisahen bearbeitet •von L, Moses. (Fortsetzung.) •Die!Lebensweise der ׳Juden war im übrigen sehr einfach. Selbst bei Isserlein, der vermögend war und zur. Erhaltung ־ seines Lebens Geldgeschäfte abwickelte, Wagen, Pferde und einen Keller ■hielt1) und ■die angesehenste Stellung ■einnahm, gab es!Samstag nur zwei Gänge2). Freitag aß man überall nur eine 1״Breitling“ genannte Speise3). Allerdings kann man kaum ׳behaupten, daß die Lebensführung überall dieselbe gewesen wäre, da es auch innerhalb der Judenschaft!Klassenunterschiede gab. Namentlich hinsichtlieh der Hauptbeschäftigung ließen sich für Wr.-Neustadt und wahrscheinlich .auch für andere Städte einige Klassen feststellen. 1. Die vornehmste Klasse war die der Parnassim. Sie waren reich, besaßen bei Hof Einfluß und' waren die weltlichen Häupter der Gemeinde. Der Parnes war aber nicht bloß Mitglied des Gemeinde- Vorstandes, sondern auch ׳das, was man mit ״Stadlan“ 1bezeichnet, ׳ein!Mann, ■dem ■das Gemeüinwolhl am Herzen liegt und der seinen Einfluß für dessen Eörderung geltend macht. Die Parnassim erfreuten sich in der Gemeinde großen Ansehens. Wenn der Synagogendiener Freitag abends Isserlein meldete: ״Rabbi, wenn du für den Sabbat fertig bist, rufe ich die Leute zur Synagoge“!, antwortete ihm Isserlein: ״Frage die Parnassim!“ 4) Als Isserlein an der fünfzigsten Jahreswende der römischen Prozession ein allgemeines Fasten anordnete, erlaubte er nur einem Parnes, sich ׳durch;wohltätige ■Gaben m dispensieren“). Am Laubhüttenfeste wurden die schönsten *) Leket Joscher I, 60 a. 3) das. 79 b. 3) das. 31 a. 4) Leket Joscher I, 32 b. 5) das. 84 a. Ethrogim für die Parnassim reserviert“). Diese setzten vor .ihren Namen immer den Titel ״Parnes“. So zum Beispiel der ״Parnes Josef Knoblauch“ 7), ein großer Wohltäter, ■und der ״Parnes Aron Moskot“ 8). Die Parnassim waren sehr geehrt und hatten bestimmte Vorrechte, aber auch Pflichten. ■Nach Josef •versahen in ganz Oesterreich die Parnassim die Synagogen mit den erforderlichen Kerzen ״). 2. Die Gelehrten. Diese genossen als Träger der Lehre besondere Ehre und waren von Steuern befreit, nicht ihrer Armut, sondern ihrer Ehrenstellimg wegen. Einzelne Gelehrte, wie zum Beispiel Isserlein, waren sogar wohlhabend. Auch die Bachurim ge'- hören in diese Klasse, da der Stand der!Bachurin?, häufig nicht ein Uebergangsstadium, sondern der einzige Lebensberuf war. Die Wohltätigkeit der Erwer* benden versah die Vertreter dieses Standes ■mit allem Nötigen, und wie wir sahen, gab es viele verheiratete Bachurim. 3. Die dritte Stufe nimmt ■der!Mittelstand ein, das ׳bürgerliche Element, das aus Geldgeschäften, zum größten Teile aber aus Handel, Acker- und Weinbau den Lebensunterhalt, zog. 4. Die Armen. Deren gab es sehr viele, und zwar Gemeindearme, für die eine Jahressteuer!und die PrivafcwoMtätigkeit ■der Wohlhabenderen ׳sorgte, und ״Orchim“ (Wanderbettler), die sich kümmerlich von Ort zu Ort schleppten und namentlich an Samstagen;in Wr.-Neustadt in größerer Zahl auftauchten 10). V. Von 1496 bis 1890. Wir hatten bereits Gelegenheit, darauf hinzu- “) das. 113 b. 7) Leket Joscher II, 35 b. Wahrscheinlich!derselbe Knoblauch, neben dessen Hause •Kaiser Friedrich ein Haus besaß. (Wiener ,Nr. 41.) Knoblauch war auch Vorstandsmitglied des Waisenrates (Pess. Nr. 99). 8) Leket Joscher I, 72 b; wahrscheinlich Muskat. °) Leket Joscher 1, 107 a. 1") das. I, 45 a.