Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 12 (1926)
- Issue
- 20-21 (18.5.1926)
- Date
- 1926-05-18
- Page
- Seite 149 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20/21 JÜDISCHE PRESSE Seite 149 gegen meine Anwesenheit in Polen nichts weiter unternehmen wolle, man doch von der Regierung erwarte, dass sie mir befehle, periodisch Bericht und Reclienschaft über meine Tätigkeit Hum und noch einem anderen Rabbiner seiner Richtung zu erstatten. Unter den Aeusserungen des Abteilungsahcfs, ״er verbitte sich das deutsche Möt1ci!sgj׳zän:k“, wurde die Sache ad acta gelegt. IcL betone diesen Nichtbeamtencharakter deshalb so stark, weil von gegnerischer Seite immer wieder aufs neue betont wunde und wird, als hätte!ich meine ,,Beamtenstdlinig“ missbraucht und der polnischen Orthodoxie dies־ oder jenes aufoktroyiert. Es wird noch darüber zu reden sein, welchen Schwierigketten meine Arbeit gerade in den ■Kreisen der deutschen Beamten begegnete. Für midi — und ein Memoircirscllrei'bcr darf wohl persöntieh werden — ist es ein Beweis für die Güte der von uns vertretenen Sache, dass mit des Allmächtigen Hilfe manches gelang. Ich musste unter den denkbar grössten Schwierigkeiten — iah werde nichts verschweigen — arbeiten, ohne jede Hilfe, unter ständiger Verkennung bis tief in die Reihen der Orthodoxie hinein und schutzlos allen Angriffen preisgegeben. Wenn es nicht vergebens war, so!liegt darin ein Beweis für die Kraft der Thora. Und damit möchte ■ich zur chronologischen Reihenfolge zurückkehren. | Spezialhaus für jüdische | Kunst und Antiquitäten 8 I JAM und GROSSMANN | WIEN, I. BEZIRK, KOHLMARKT 4 Vom Sinn des Judentums Ein Sammelbuch zu Ehren Dr. Nathan Birnbaum 320 Seiten, mit einem Bildnis Dr. Nathan Birnbaums Preis in gediegenem Leinwandband S 16.— Zu beziehen: ׳«ל Zur Zentralratstagung der Aguda. Das Programm der Zentralratstagun,g der Agudas Jisroei In Berlin. Berlin. (A.fPB.) Das Zentralratsburcsu hat folgende Tagesordnung festgesetzt: Montag den 2 4. Mal. 5 Uhr: 1. Eröffnung durch Vorsitzenden Oberrabbiner Lewin, Sambor. 2. Allgemeiner Bericht des geschäftsführenden Ausschusses. Referenten: Rabbiner Dr. Pinchas Kohn. Wien, Jakob Rosenheim, Frankfurt am Main. 3. Die Lage in Palästina. Referent: Dr. J. Breuer. 4. Generaidebatte. Dienstag den 23 Mai: 1. Organisationfragen. Referenten: Rabbiner Tobias Horowitz, Warschau, Rabbiner Dr. PoBak, Wien. 2. Berichte der Landesorganisationen. 3. Debatte. Abends: Oeffentiiche Versammlung. Mittwoch den 2 6. Mai: 1. Bericht der Keren-Hathora- Zentrale Dr. L. Deutschländer. Wien. 2. Bericht der Palästinazentrale. Referenten: Dr. Oppenheimer, Julius Holländer, Frankfurt am Mahl. * Die Aguda als Idee und ais Organisation. Dem Zentralrat der Aguda gewidmet. 1. Die Aguda als Idie eroberte sich einen sehr vornefimen Pratz in der ■jüdischen Welt. Sie hat ln den jüngsten zehn Jahren einen wahren Siegeszug zurückgekgt. Es gelang iihr vor allem, den t.horat reuen Juden a!ufzurütteln. Der thoratreue Jude, der bis in die jüngste Gegenwart gewohnt war, sein Haupt wiili’g unter das Joch der Thoragegne-r zu beugen, der bis in die jitngse Zeit gewohnt war, es als selbstverständlich hinzu nehmen, dass die Verleu׳gner dar Thora ln der Gemeinde und :11 ‘ der jüdischen OeffentMchfteit ä's seine Vertreter, als Vertreter des jüdischen Volkes auftreten, ist n׳un anders geworden. Es gelang, diese brefcen ■und gesunden Schichten des jüdischen Volkes aufzurütfein und in ihre Herzen den wahren, edlen 'jüdischen Sirm!bimem־ zupflanzen, der es mit der Ehre der Tihora«n1nd mit der Selbstwürde des tihoratreuen Juden für unvereinbar half. Juden als Führer anzuerkennen, di׳e in ihrer Gestomang, .in ihrem Privatleben ■und in ihrer öffentlichen Tätigkeit den jgrundlegeidster FoTcenungen der jüdischen Lehre und der jüdischen Tradition Hahn sprechen. In kurzen zehn Jahnen, und im Leben der Völker ■sind zehn Jahre sehr kurz, hat es die Idee der Aguda bewirkt, ■dass es heute kaum irgendwo auf dem Erdenrund einen orthodoxen Juden gibt, der nOcht Scham und heiligen Zorn im Herzen empfände, wenn . Irgendwo als Wortführer des jüdischen Volkes unjüdiischs Menschen auftreten. Die Passivität, ■das tatenlose Sichfügen sind vom. ihoratreuen Juden gewichen, um einer lebensvollen Aktivität Platz zu machen. Der thoratreue Jude hat Lebensmut bekommen und einen starken Wien, seine Führer -aus eigener Mitte zu stellen. Dieser stählerne Wilde ist der grosse ß:ieg der Agaidiaidee önnerhalb der Orthodoxfe. Die Idee der Aguda lebt!aber’diente nicht bloss unter den Schichten, des orthodoxen Judentums, sie dringt ,allmählich auch ׳in die Kreise unserer jüdischen ׳Mitmenschen, ■die leider infolge ׳ihrer Erziehung, ■ihrer Lebensanschauung und ihres praktischer Lebei sweges sich von der hefigen Tradition, des jüdischen Volkes vielfach lossagten. Sie beginnen, unter der; Einwirkung der Agudaüdee sich allmählich ihrer lunjüd׳.sehen Lebensweise zu schämen. Sie halten es nicht mehr für selbstverständlich, die *undiahung von Würden und Aemtern •;m Kreise einer Gemeinde, ,n Vertretung eines Volkes, dessen Grösse und Stärke, dessen Heldentum und Charakter in ,dem innigen G-ttesglaüfcen und in der reinen Quelle der Thora und Tradition begründet sind. Sie ■haben heute noch nicht die Kraft, ihren Lebenswandel radikal zu ändern, sie haben noch nicht die Kraft, von ih־׳׳er 1 usurpierten Würden rind Aemtern zurückziitreten, aber sie wissen es bereits, dass es nicht das fldedl der breiten, gesunden, thoratreuen jüdischen Massen ist, Führer ihrer Beschaffenheit m der Hinkunft sich ׳zsu erküren oder von solchen Führern sich vertreten zu lassen. Dieses ,Wissen allein ,ist schon sehr wertvoll, .es ist der Beginn einer!richtigen Selbsterkenntnis. Agudas 'Jisroei kann in dieser immer mehr zunehm.2־n!d׳sn S •e 1 b s ter k •enti Hn 15 der nfeh t th ora t reuen Söhne unseres heiligen Volkes, einen seh'r ■ wertvollen Sieg ihrer tl'dee er b 1!ick an. Der Siegeszug der Agudaidee hat auch mit. diesem noch nicht ihr Ende crre.cht. Es gelang ihr, über den Rahmen ■des jüdischen Volkes hinaus, die Völker, in deren Mitte wir leben, und ■ihre Führer im Si/nne und zugunsten des überlieferten Judentums zu beeinflussen. Es gelang ihr, ■die Erkenntnis von ■dem wahren Gesicht, von der wirklichen Besch af fe nheit des jüdischen Volkes auch in diese Kreise zu bringen. Mehr als 100 Jahre s;ndverstrichen, ■bis .in unserem Zeitalter dbs alte, cw׳;lg lebende Volk G-ttes auf Erden wiederum Vertreter gefunden hat. die vor den Machthalbem der Welf nicht mehr sprechen, wie etwa vor vielen Jahrzehnten der jüdische Assimilan t, ■der da sprach: leih weiss es wohl, dass diese jüdischen Gesetze und Bräuche, wie Schächten und Sabbat ׳halten, wie Lernen und Lebensweise mancher «unserer Brüder ächerllcti, abergläubisch, fanatisch, veraltet■ und mdttdalterlieh sind, alter im Namen der Liberalität und Humanität — die waren die führenden!Ideen jenes Zeitaiters — bitte Ich ■um Duldung für die Absonderlichkeit einiger meiner unaufgeklärten Brüder. Also sprach der Assimilaut, wenn er nicht direkt gegen die Lebensart seiner jüdischen Brüder vor der Aussen-welt sbellig wurde, die nicht mehr Sprecher, wie etwa der jüdische Nationalist der Halb- Vergangenheit, der da ■im Nomen eines modernen Nationajl'- täterprinzi'ps — aufgebaut auf der herrschenden Rassentheorfe — verständnisvoll von Volk zu Volk sprach!und es haben möchte, dass dais jüdische Volk begriffen werde, wie alic anderen Völker verstanden werden, weil es so ist wie die übrigen, ein Volk, das sein Land, seine Sprache, seine Kultur, seinen Körper und seinen Geist nicht auf Grund , einer uralten und heiligen von Gott geoffenbarten Lehre beherrscht, sondern dieselbe als die-natürlichen!Rechte eines gegenwa'rtsstarken Volkes besitzt und gebraucht; die nicht mehr sprechen, wie etwa der jüdische Sozialist der Gegenwart, der als Soldat'des Klassenkampfies ■das ganze Judentum lume.r , eine sozialistische Idee subsumiert und biei ■den anderen Völkern »im Namen einer sozialen Gerechtigkeit für das jüdische. Volk als Vorkämpfer des Sozialismus Rechte beansprucht; sondern den <Mu,t gefunden haben, zu erklären, dlass jenes Volk, das vor vielen Jahrtauserden die Thora empfangen, jenes Volk, von dem dlie Bibel spricht, je! es Volk, für das die heilige ■Schrift eherne, unabänderliche Vorschriften •und Befehle beinhaltet, dass jenes altefrrwürdige patriarchalische Volk noch heute lebt und ■für die Die Geschichte des Hauses Rothschild ist aufs engste mit der des Judentums verknüpft, stellt doch die Geschichte dieser Familie ein auserwähltes Kapitel aus der jüdischen Geschichte dar. Ein auserwähltes Kapitel aus der vielgestaltigen Geschichte des Judentums deshalb, weil sie wie ein Wünder aus Tausend und eine Nacht mit der bunten Farbenpracht und den verschwiegenen Geheimnissen arabischer Märchen die Beobachter in ihren Bann zieht. Im Jahre 1743 wurde in einem Hause der Frank־ furter Judengasse, das ein rotes Schild aussen trug, ein Knabe geboren, der den Namen Mayer Amschel erhielt. Die Eltern waren arme Leute, die sich im harten Kampfe um das Leben durchschlugen, so wie alle ihre Nachbarn im Frankfurter Judenghetto. Was konnten daher die Eltern sehnlicher wünschen, als dass der Kleine einstens ein an־ gesehener Rabbi werden sollte; davon träumten sie Tag und Nacht und so wurde der Junge frühzeitig nach Fürth auf die Jeschibah geschickt, um fleissig Talmud zu stuclieren und sich in die Posekim zu vertiefen. Doch das Schicksal wollte es anders und Mayer Amschel'. wurde ein Bankier. Seine Lehrjahre brachte er in Hannover zu, worauf er in seine Vaterstadt zurückkehrte, um sich selbständig zu machen. Seine Vorsicht, Rechtschaffenheit und sein gesundes Urteil sprachen sich herum und er erlangte -bald den Ruf als vertrauenswürdiger Finanzagent. Für das Sammeln von Münzen hatte er besondere Vorliebe und diese Leidenschaft zur Numismatik brachte ihn .in freundschaftliche Beziehungen zum Landgrafen von Hessen, dem späteren Kurfürsten Wilhelm I., der, ebenso wie Mayer Amschel, ein leidenschaftlicher Münzensammler war. 1806 musste der Landgraf infolge des Vormarsches.der napoleoni־ sehen Armeen sein Land verlassen und legte vor seiner Flucht sein gesamtes Vermögen in die Hände seines ge־ treuen Hofagcnten Amschel Rothschild in dem sicheren Bewusstsein, dass es bei seinem Freund und Mitsammler geborgen war. Die Ereignisse gaben ihm recht, denn der Landgraf erhielt nach seiner Rückkehr nicht nur sein volles Kapital zurück sondern auch gute Zinsen. Es war keineswegs eine leichte Aufgabe gewesen, die Habgier der französischen Soldaten abzuwehren, die Forderungen der rauhen Krieger zu erfüllen und das in Sicherheit zu bringen, was ihm anvertraut worden war. Aber die Geschicklichkeit und Umsicht von Mayer Amschel Rothschild hatte sich auch diesen ausserordentlichen Schwierigkeiten gewachsen gezeigt. Der 'Erfolg des Mannes, insbesondere seine Handlungsweisc dem Kurfürsten gegenüber, verbreitete sich allenthalben und bald galt der Name Amschel Rothschild l’iir Redlichkeit und Ehrenhaftigkeit. Die Geschäfte entwickelten sich weiter günstig im raschen Aufschwung. Mayer Amschel lebte jedoch unter dessen das Leben der Ghettojuden seiner Zeit. Wer einmal das Familienhaus1 in der Frankfurter Judengasse gesehen hat, wird auch den Platz finden, wo Mayer Amschel seine Sukkah äufgestellt hatte.^ Mit der Zeit vergrösserte sich auch die Familie, fünf Söhne und fünf Töchter wurden geboren. Vor nicht langer Zeit wurden auch bei uns in Wien ״Die fünf Frankfurter“ aufgeführt, wo wir mit den Hauptpersonen dieses Lustspieles, den Söhnen und dem Begründer der Dynastie, in ihrem Frankfurter Elternhaus in Berührung kommen. Wie jeder jüdische Vater war Mayer Amschel mit Tachliss für seine Jungen be־ sebäftigt. Aber die Vaterstadt konnte allen nicht genug Spielraum für ihren Tätigkeitsdrang bieten, deshalb sollten sie in die Welt hinaus, um Selbstvertrauen zu lernen und die Wege der Menschen zu sehen. Sie nahmen nicht geringe Mittel mit sich und das Bewusstsein ihres Jichus. Von; ihrem Vater Mayer Amschel hatten sie den Sinn für den Stolz ihrer Familie empfangen und sie empfanden ausserdem ein tiefes Gefühl der Ergebenheit zueinander. ן Der Zweitälteste Sohn Salomon (geboren 1774) ging nach Wien, Nathan, geb. 1777, gest. 1836, nach Manchester, Karl־ (Charles), geb. 1788, gest. 1866, nach Neapel und Jakob (James), geb. 1792, gest. 1868, nach Paris. D0H älteste Sohn Amschel Mayer, geb. 1773, blieb in Frank־ furt, um die Nachfolge des Vaters zu übernehmen. Die Söhne scheinen die. Geschäftstüchtigkeit ihres Vaters geefbt und die Art seiner kommerziellen Führung in hohem Masse aufrechterhalten zu haben. Das Glück blieb ihnen treu. Charles lieh dem Königreich Neapel und dem Papste r finanzielle Hilfe. James, der Heine kannte, verkehrte viel mit bedeutenden Staatsmännern und Diplomaten in Paris und wurde von ihnen umworben. In Wien■ arbeitete Salomon mit Metternich zusammen und besorgte die finanziellen Transaktionen der österreichischen Regierung. Bereits 1815 waren die Rothschilds in den öster* reichischen Adelsstand erhoben worden. 1822 folgte die Erhebung in den österreichischen Freiherrnstand nach. Nathan war als Agent seines Vaters nach Manchester gegangen und vermittelte dem Stammhause in Frankfurt gute Geschäfte. Gerade zu dieser Zeit, in welcher es fast noch keine Banken mit grösserem Aktienkapital gab, führten die Rothschilds grössere Banktransaktionen durch, die ihnen erheblichen Gewinn einbrachten und dem Interesse des Landes, wo sie sich niedergelassen hatten, dienten. Manchester konnte auf die Dauer kein hinreichendes Betätigungsfeld für Nathan Rothschild bleiben und so übersiedelte er nach London, wo er selbständig ein Fondsmakler wurde. Das Glück war ihm ebenso hold wie seinen Brüdern. Sein Reichtum, seine Fähigkeiten und seine Vertrauenswürdigkeit waren für ihn die besten Empfehlungen, mit der damaligen englischen Regierung in Beziehung zu treten, deren hauptsächlichster Finanzagent er wurde. Der Krieg mit Napoleon kostete viel Geld, Nathan besorgte die Mittel dazu. Sein Name wurde im ganzen Land bekannt und ein Kranz von Legenden spann sich um den Londoner Rothschild. Die bekannteste dieser Erzählungen ist vielleicht diejenige, welche ihn mit der Schlacht bei Waterloo in Verbindung bringt. Sein ganzer Kredit soll so aufs innigste mit der Regierung verbunden gewesen sein — so erzählt die Geschichte —, dass auf dem Schlachtfeld von Waterloo auch das Geschick von Nathan Rothschild zur Entscheidung kommen musste, entweder würde er durch den günstigen Ausgang der Schlacht ein gemachter Mann oder völlig ruiniert sein. So kam es, dass er Augenzeuge der Schlacht und der Niederlage Napoleons war. Mit .den schnellsten Pferden raste er eilends zur Küste, wagte trotz eines heftigen Sturmes im Kanal die Ueberfuhr in einem Segelboot und kam nach London, bevor noch die Siegeskunde eingetrofefn war. Sein erster Gang war zur Börse und während inmitten den vorherrschenden Unsicherheit der Lage die Werte bis zu fast lachhaften Kursen fielen, kauften Rothschilds Agenten alles was sie konnten, auf. Dann kamen die grossen Neuigkeiten, die Kurse an der Börse schnellten höher als jemals empor und Nathan Rothschild hatte solchen Reich־ tum erworben, der seine kühnsten Träume weit, darüber verwirklicht hatte. An der ganzen Geschichte ist natürlich nicht ein Wort währ, sie ist von Anfang bis zum Ende reine Erfindung und in ihrer Weise auch von James, dem Pariser Rothschild, erzählt worden. Die Tatsachen als solche sind eben ganz nüchtern. Nathan Rothschild lernte vom Siege bei Waterloo früher als die englische Regierung; überdies handelte er stets im Interesse der Regierung, deren finanzieller Berater und Agent er war, und erfreute sich mitcRecht des uneingeschränkten Vertrauens des damaligen Premierministers Castlereägh. Auf Nathan folgte sein Sohn Lionel (1808 bis 1879), der den Grund, den sein Vater zurückgelassen hatte, gut äusbaute. Wenn Nathan ein halber Ausländer war, so war Lionel ein ganzer Engländer, der sich in weitesten Kreisen grosser Beliebtheit erfreute. Kein Geringerer als Disraeli zählte zu seinen Freunden. Sein gastfreundliches Haus war ein Mittelpunkt der vornehmsten Londoner Gesellschaftskreise. Baron Lionel wurde als das weltliche Oberhaupt der englischen judenschaft betrachtet, denn er stellte alle seine Fähigkeiten in den Dienst der jüdischen Gemeinschaft, deren unbestrittener Führer er wurde. Er war es, der den Juden in England vollständige bürgerliche Gleichberechtigung durchsetzte und der schönste Erfolg dieses! Vorkämpfers für die Gleichheit aller vor dem Gesetze war der, dass er als Vertreter der Londoner City in das Parlament entsendet wurde. Es vergingen allerdings 11 Jahre bis er nach Abänderung der Eidesformel als erster Jude seinen Sitz im Hause der Gemeinen einnehmen konnte. Lioneis Sohn, Nathan, wurde 1886 von der Königin Victoria zum englischen Pair erhoben und somit war Lord Roth1־ Schild der erste jüdische Lord des britischen Reiches. Was Nathan und Lionel Rothschild für England und London bedeuteten, traf in nicht geringem Masse von Anselm Salomon Freiherm v. Rothschild (1803—1874) und׳ dessen Nachfolger, seinem Neffen Albert, zu. Auch die öster״ reichischen Rothschilds teilten ihre Tätigkeit für das Wohl der jüdischen Gemeinschaft und für den Staat, dem sie ihre Dienste in seinen finanziellen Transaktionen widmeten; Sie finanzierten die grossen Unternehmungen und fördertet durch ihre materielle Hilfe den Aufschwung der industrieilen Entwicklung. So steht der Name Rothschild gleichsam als Wahrzeichen der Reinlichkeit, Rechtschaffenheit, Vorsicht und stetiger Arbeit und kein Name erfreut sich grösseren Ansehens. Die Entwicklung des Bankwesens im 19. Jahrhundert hat vielleicht andere Kräfte zur Arbeit in einem Gebiete herangezogen, wo anfangs die Rothschilds fast ohne Rivalen standen. Doch, der Glanz des Namens Rothschild ist unverblasst geblieben. Was aber den Namen Rothschild unter den Juden der ganzen Welt, nicht nur in einem einzelnen Land, so hervorragend emporhebt sind die unvergänglichsten Leistungen für Wohltätigkeit. Für alle, die in Not und Elend geraten öden vom Schicksal gebeugt sind, bedeutet der Name Rothschild einen Hoffiungsstrahl, der Linderung und Hilfe bringt! denn dieser Name ist unauslöschlich mit den grossen Werken der Nächstenliebe verbunden. y. , Spendet für den der Ada« Jfeceel, Wien, Nestasgatte M