Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 12 (1926)
- Issue
- 20-21 (18.5.1926)
- Date
- 1926-05-18
- Page
- Seite 148 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Uhi'toS.■. JÜBtSCm PRESSE Nr. 23/21 Warschau 1916, 1917, 1918. Von Rabb. Dr. Pinckas Kohn. Dank dem frasidKchen «Entgegenkommen des ״Jödiscften Vertag“ sind wfr in der angcnehmen Lage, aus eien demnächst in Budiform ersch ein enden Memoiren des berühmten Agudaiüiirers Rabb. Dr. Pinchas Kohn ein interessantes Kapitel an veröfeptficbea. D. R. Es ist furchtbar schwer, öbar diese Fretiode ja Metnoirenfarm zu berichten; bei dem Verlassen Warschaus Hess ich meine Akten dort zurück und, ak feh sie requirieren wollite, waren de gestohlen, wie alles andere, was ich in Warschau zu treuen Händen übergeben batte. Ak einziges BrJiärtungsmaterial für die In dieser Niederschrift mifgeteilten Tatsachen kommen }«n Frage meine Berichts an die Freie Vereinigung und Agiudas Jisroed, meistens adressiert an Herrn Jakob Rosenheim in. Frankfurt a. M. Jedoch sind diese Zeilen rein nach dem Ge- Cachtnis oiedergesclh-feben, de. Herr Rosenheim mir das Ak:enmaterial nicht zur Verfügung stellen konnte. VorgescWchte. . Noch ate. das Hauptquartier der deutschen Ostarmee* in Breslau war, fanden Unterhandlungen zwischen der zionistischen Organisation und diesem Hauptquartier statt. Der Inhalt derselben ist mir nie bekannt geworden und Vermutungen möchte ich in dieser Darstellung nicht Raum geben. ׳ Noch vor der En>be׳rttng. Warschaus erfolgte seitens der Kriegsleitung ein für die Juden Polens sehr verhängnisvoller• Schritt, das war die sogenannte Hindenburgsche Schul- Verordnung, die befahl, dass in den jüdischen Schulen die Unterridhtssproche deut&oh sem müsse. Dadurch wurden, ohne beiragt worden zu sein, ohne zugestimmt zu haben, die Juden zu einem Instrument deutscher Politik gemacht und das bot der sogenannten unterirdischen Presse in Polen reichlich willkomme ne Gelegenheit, gegen die Juden zu arbeiten. Desgleichen begünstigte die Heeresleitung und später auch die Zivftverwalten״ namentlich in deren Pressechef Herrn v. Cfemow die Nationalisierung der Juden. Vorläufig seien bloss diese Tatsachen registriert. Ihre. Würdigung, namentlich in poRttsdier Hinsicht, soH später erfolgen, Bald nach der Eroberung Warschaus gelangte an. die Freie ,Vereinigung in Frankfurt a. M. ,eine von 22 führenden rabbtoischen Grössen unterfertigte Bitte, durch, welche die deutsche Orthodoxie ersucht wurde, ihren Gesinnungsgenossen in Polen sich zur Verfügung zu steilen. Man fürchtete ln Polen, dass die deutsche Vc-waltung allzu rasch e na Ar; Kutturmission im Sinns westeuropäiisaher Kultur betätigen würde und namentlieh gegen die Ghederschuten Verordnungen erlassen oder dass sie zum mindesten in jüdischen Fragen ihr Ohr . denen :leihen Würde, welche in .den. äusseren Formen sich westeuropäisch •' geben. Gleichzeitig wurde speziell um Leistung materieller;Hälfe■ für die sehr vielen evakuierten Rabbiner gebeten. " ’ 'י Die Freie Vereinigung richtete daraufhin an den Generalgouverneur von Polen v. Bescier ein Ansuchen um Erteilung von Pässen an eine Delegation, welche sich zum Zwecke des Studiums der Verhältnisse nach Polen begeben wollte. Das Ansuchen .wurde abgdehnt; ak Motiv mag, wie ich aus später gehörten Aeansserungen schlicssen darf, die Anschauung mi(!gespielt haben, dass «man von der Orthodoxie nicht gerade eine Förderung der jüdischen Nationalisierung erwartete. Da. aber die Hilferufe aus Polen sich wiederholten, , erwirkte Kommerzienrat Sigmund Frankel s. A. bei dem damaligen bayrischen Ministerpräsidenten v. Hertling, dass •derselbe für ein neuerliches Gesuch der Freien Vereinigung die Unterstützung durch Prinz Leopold von Bayern erwirkte. Prinz Leopold erwiderte, dass er tatsächlich eine Mitarbeit der Orthodoxie begriisse und für notwendig halte. Es wurde daraufhin die Binreiseerlaubnls für eine Delegation von fünf Herren erteilt; die Delegation' bestand aus Jakob Rosenbiim, .Max Feucihfewatiger und mir, ferner aus den beredte verschiedenen Dr. Abraham Hirsch s. A. und Sigmund Frankel s. A. Das Resultat war, dass der damalige Chef der Zivilverwaltung v. K׳ives uns erklärte,,, er könne nicht gestatten, dass eine Sindtenkommrission sich länger in Polen aufhalte, da •er eine Neben regierung nicht dulden könne. Trotz dieses glatten Refus hatten wir Gelegenheit, ־ sowohl dem Generafgoaverneur als auch dem Referenten für ,polnische Angele,genheiten bei■ der Zivtlvenwaftmig Dr. Ludwig Haas die Bedürfnisse der Orthodoxie klaczutegen. Auch mit den Kreisen der: jüdischen Orthodoxie in Polen nahmen wir enge Fühlung. War reisten, also unverrichteter Dinge nach sehr kuuzem □0ם0ם53סזוכ]£3ם8ם0םפם0םם»םפםמםים8ם8□■□■□■□ m m ° Billige Pralsel Billige Preise! 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Es bestand vom Anfang an auf beiden Seiten voükommene Klarheit darüber, dass ich in keiner Weise ein Beamter der ZivSverwaHiung war, sondern vollkommen im freien Berufe nach Warschau ging. Beweis dessen, das« ich nicht einmal das Beneficium des zensurfreien Feldpost Verkehres genoss, ein Privilegium, das bekanntlich ohnew-eitors auch dem suibaltemsten Angestellten der deutschen Verwaltung zustand. Wenn ich der chronologischen Reihenfolge der Ereignisse vorgraten darf, so scsi׳ hier noch ein zweiter Beweis verzeichnet. Bald nach meiner Ankunft in Warschau kam von efem Vorsitzenden des Hilfsvereines deutscher Juden -an den Generaflgottverneur eine sehr bewegliche Klage, wfe die deutsche Regierung nur zugeben könne, dass ein Vertreter einer so reakttonären, •der deutschen. Kultur so wenig adäquaten Richtung ln Polen sich aufhalton dürfe usw. Dieser Klage schloss sielt dann, ein Vorstand der Frankfurter Synagog-engemelnde,. unter- ׳ stützt von ' mehreren Rabbinern der sogenannten Gemeinde- Orthodoxie, an. Letztere Beschwerde war von «dinem dicken ‘Volumen schwerer Anklagen gegen die deutsche Orthodoxie, namentlich gegen die Freie Vereinigung•, begleite!:. Iah, will die ' Namen der Herren nicht nennen, weil sie nicht meiir unter den 'Lebenden weiten, ich kann nur sagen, dass diese Intrigen eben [wegen der Begleitumstände fürchterlich schmerzten, nicht wegen der namentlichen Gehässigkeit gegen meine Person und die von ,mir vertretene Sache, sondern weil feil daraus entnehmen-! musste, wie wenig man die Psyche unserer polnischen «Ge- , stineungsgenossen kannte und wie leicht man der Versuchwag; :z!utn Opfer fiel, in bezug auf Polens Juden zu sagen: Fiat expeMmentum nt corpore vill. (Gut genug zuim. Experimentieren.) Jedenfalls antwortete der Generalgoiiverneur' sehr vornehm mit Hinweis auf die absolute Korrektheit der von mrr bis dahiai betätigten Versuche, erwähnte aber ausdrücklich, dass kein irgendwie gearteter Beatnitenohairakteir mieiner Mission inrte- : wohne. Als mir das Aktenstück vorgeliegt!wurde, konnte!ich als schlichter Mensch nur sagen-, dass ich jederzeit bereit sei, Polen zu verfassen und mir nichts ferner läge, als etwa den . Generalgouverneur von• Warschau, .zu veranlassen,!in .die inneren Differenzen der deutschen Judenheit eimziugrelfea Diese Angelegenheit, die. «ich gerade wegen, «ihrer umangenehmen Seite rasch erledigen möchte, hatte übrigens noch ein kleines. Sati!fsptel.,'a׳ls Nachspiel. Es kam ..nämlich als ■Aniwort auf. den ■Bescheid des Generalgouvefneurs von eir1!em der obenerwähnten Rabbiner das Verlangen,, dass, wenn,man sclK>n er d'ies für eine.Herabsetzung des Talmud hielt. Isserlein war Anhänger der dialektischen Methode,, er lehrte eingehend und mit Heranziehung mehrerer Kommentare und Dezisoren. Manchmal übte er auch Kritik an Aus- Sprüchen des Taimud. In Sanhedrin heisst es z. B. von der Podagra, dass sie so schmerze wie Nadelstiche. Hiezu bemerkte Isserlein, der selbst an Podagra litt, dass die Sache nicht so gefährlich wäre. Bald, nachdem er das gesagt hatte — erzählt Josef — schrie er vor Schmerz auf und sprach zu seinen Hörern: ״Ich werde mich hüten, so etwas wieder zu sagen.“7) Wenn ein Talmudtraktat zu Ende gelernt war,, veranstaltete Isserlein ein' üppiges Mahl (Sijiwn), bei dem alle Hörer anwesend waren. Seine Hörerschaft rekrutierte sich aus den verschiedensten Ländern und Provinzen. Italien war durch Jehuda Obernik,8) den späteren Rab- Isserlein hing mit Liebe und Hingebung an seinen Schülern und versah sie mit allem, was sie reicht von der,. Gemeinde oder den einzelnen Wohltätern haben konnten. Sie hatten für sich eine Kasse, in der sie die Gaben, aufbewahrten, pflegten aber auch gegen Zinsen aüszuleihen. Die Gaben bestanden aus den verschiedensten Dingen, sogar Leinen und Weisswäsche. Den ׳ Hahn, den die Schüler am Vorabende des Versöhnüngstages־ brauchtön, gab ihnen Isserlein; er selbst nahm;nur einen weissen Hahn.10) Freitag und Samstag abends waren alle Schüler seine Gäste; Freitag bekam jeder ein Glas Wein und Samstag bei der Habdalah trank , jeder aus Isserleins Becher.11) Ein interessantes Schauspiel war die Habdalah bei Isserlein. Die ganze Familie war in feierlicher Stimmung versammelt. Isserlein vollendete das übliche Gebet, reichte .dann seinem Frau Schöndiera den Becher, darauf kam die Reihe an seine Söhne: Petachja, auch Gecherl genannt, Schalom, der anlässlich einer Krankheit, der er auch erlag, später den Namen Menachem erhielt, Abraham, Aron und Seldmann,”) der nach dem Tode Isserleins an Händen und Füssen lahm wurde. Sodann biner von Mestre und Cremona, und Kärnten durch Isak Zarfati0). vertreten. 13) Zekknami (Leket Joscher II, 78 b) Ist möglicherweise identisch mit dem Ibid., II, 71 b, genannten Seligmann. 7) Leket Joscher . II, 71a. . H) Jehuda Obern 1k kann entgegen Steinschneiders Ahsteht erst nach 1475 gestorben sein, da seine Handschrift (München) II. 82 a, die aus diesem Jahre stammt, bemerkt; כת׳ מהר׳ יורא אברניק י׳ץ ״ .) Pessakim 15 (7 ä); vgl. Grätz VIII. Note 5. and1 Berliner ■in Frankel-Grätz’ ־Monatsschrift, 1869, 188. 10) Leket Joscher I, 123 a. , ׳'') Leket'JoSCher 38 a. י■ . kamen Isserleins Schwiegertöchter an die Reihe, darunter Redel, die sehr gelehrt war und sich auch als Frau noch im Hause Isserleins durch den greisen Judel: Sofer13) gab Isserlein selbst zu trinken, nur dem Diener und der im Hause, bed'iensteten jüdischen Frau nicht. Nachdem alle getrunken hatten, nahm er ein wenig'Wein, be־' feuchtete damit Hand und Stirne, nahm die Kappe ab und segnete sich selbst mit beiden Händen. Dann fuhr er sieh mit der Hand über ■die Stirne und sprach dreimal langgedehnt: ״Segen und Glück ruhe auf meinem Haupte.!“' Darauf Hessen sich seine Söhne entblössten Hauptes von, ihm segnen, ebenso d!ie Schwiegertöchter.15) Die Schüler, von denen viele in seinem Hause wohnten, behielt er dann noch zum Nachtessen zurück, die verheirateten Schüler jedoch nur Freitag. Einem von diesen erlaubte Isserlein einmal, zu Hause den Segensspruch über den Wein, zu sprechen, zum Nachtmahl musste er aber zurückkommen.10) Es gab unter den Schülern viele verheiratete' und oft nicht'mehr junge Männer. Isserleins Hausbachur, gewisserinassen sein Famulus, Josef Haustettener, war schon ein Vierziger. Er. hatte einen 13jährigen Sohn, lebte von seiner Frau getrennt und wanderte von einer Jeschhvah zur anderen.17) In Erfurt weilte er bei denken, welch ein bejahrter Schüler es sein musste, von dem der 40jährige Josef sagte: ״Das ist ein sehr | lfl) Leket Joscher 33 b. 17) Leket Josclier 32 b, 26 b. R. Jakob Weil, in ׳Treves, Mestre, Marburg'8) in der 18) Dass Josef schon in Marburg bei Isserlein war. geht aus Leket Joscher׳I. 5 a. hervor; die Worte* V ה י ה ר? ח V כ בנהר טרא weisen auf Marburg, das ja an der Drau liegt, unwiderlegllch hin. Steiermark,1״) dann wieder in der Rheingegend oder in' 1B) Jetzt Jugoslawien. Cremona. Manchmal war er ganz heimatlos20) und solcher ' 0׳־׳) Leket joscher 11, 51 a; הלכתי חצי שנה נע ונד Schüler gab es damals sehr viele. Man kann sich nun 13) Leket Joscher II, 32 a. unterrichten Hess. Dann kam die Reihe an die Enkel. Seine Tochter war wahrscheinlich fern vom Elternhausie verheiratet, da sie nicht erwähnt wird.14) Allen diesen 14) Von Ihrer Existenz erfahren wir aus den Reponsen des Meir Padua, Nr. 1. 15) Josef erzählt m Leket Joscher I, 38 a: ואח׳יס הסיר המסרון מעל ראשו ומברק את עצמו ׳'בשתי ירי1 והיה -מושך שתי ידיז מגבהו הראש ער הצמח ואמר במשיכה) בריכה והצלחה יניח על ראשי בן עשה נ׳ פעמי׳... ואח״r באו בלחיו והסירו ההובעין שקירו׳ מל״א תטליא (Hiütiein ומברך אוחז . . . alter Bachur.“21) ״Die alten Bachitrim, die ihr ganz.es Leben im Studium verbringen, sind zu schätzen.׳ Wenn;sie sich auch nicht durch Forschungen auszeichneten, sondern bloss durch Frömmigkeit und gutes Betragen, verdienten sie dennoch den Titel ,Chaber‘.“32) Dies׳en Ausspruch verzeichnet Josef im Namen Salomon Spiras, der ihn angeblich seitens eines dritten Unbekannten in Isserleins Namen gehört hatte: Dass Josef, der sich in der Einleitung seines Buches , darüber beklagte,« dass er es trotz seiner 40 Jahre nicht einmal noch zum Chaber gebracht habe, hier pro domo spricht, liegt klar auf der, Hand23.׳) Man weiss .wahrhaftig nicht, was bewundiernswerter ist, der Idealismus der Bachitrim, ■ die unter den härtesten Entbehrungen mit solcher Liebe am Studium hangen, . oder . die Anziehungskraft einer Wissenschaft,: die selbst solch ruhelose Elemente dauernd zu fesseln vermochte. Unter den Wiener-Neustädter Bachur im gab es arme und reiche, anständige und auch solche, die sich in der Nähe des Badeliauses umher trieben, wo ihre An- Wesenheit den züchtigen Frauen lästig war. Andere, lernten wieder Nächte hindurch und fasteten in einem Zuge drei Tage und drei Nächte lang,34) dagegen liebten manche Unterhaltungen, ja sogar Schlägereien. Abraham Katzenellenbogen schrieb an Judlein,25) er könne das Trinken der Bachurim, ihre Streitigkeiten mit den Hausherren und andere derartige Dinge, die das Ansehen der Schule schädigen, nicht mehr ansehen. ״Binnen kurzer Zeit kamen zehn Raufereien vor. Ein Student namens Schalom Brunner prügelte seinen Schwager Süssmann.■ Die Geschlagene^ rufen um Gerechtigkeit und ich muss richten. Ich werde aber nicht mehr als Richter wirken und ihnen meine Hand entziehen. Was ich für die Schule ausgab, macht zweimal soviel aus, als mir die Rabbinerstelle einträgt. Ein Bachur, der bei mir im Hause ist, bekam zwei Gulden und trank ausserdem noch während eines halben Semesters insgeheim meinen Wein. Nach Mitternacht schlich er immer׳ zu meinem Tornister und stahl Fleisch und Brot. Sein Spiessgieseile ist Schalom Brunner . . .“20) Israel Bruna hatte sogar Schüler, die in dea Tempelsitz ihres Meisters den ״Epikureus“ gravierten und dazu einige Kreuze machten.*7) w) Leket Joscher I. tl4b. M) Leket Joscher II, 34 a. s3) Leket Joscher I. 3 b. **) Pessakim 104. ' a5) Wahrscheinlich der Sohn R. Schakxws. w) Leket Joscher 21 b.' . 27I Moses Mlnz, Dezis. Nr. 76 (70®). (Fortsetzung fdgt)