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Jüdische Presse · 1926-08-06 · 32 (6.8.1926) · p. Seite 226

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Journal
Jüdische Presse
Volume
12 (1926)
Issue
32 (6.8.1926)
Date
1926-08-06
Page
Seite 226 (sequence 2)
Language
German
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Seite 226 JÜDISCHE PRESSE Nr. 32 fehle in keinem Hause! *•*!ל&ל»«* ר־־־־זודדז . , ר־־־־זודדז 1 ,|1 "ן לאנתז״מועמרמוארץ 1| I Ware die Thora nicht• || I 1 1,1 Himmel und Erde ן 1 ו־־טטוי, \ 111 ".11 ׳11' ü <'■ Bestellung beim Landesvorstand oder direkt bei der Zentrale, Wien, 11., Leopoldsgasse 26 llllllliiiiiüillllll Taschenkönig -- M. SCHWARZ-:!:.: Wien, II., Taborstrasse Nr. 8 Telephon 45-114־ / Telephon 45-1-14 Taschner-Lederwaren und sämtliche Reiserequisiten sowie Luxus-Lederwaren aller Art, ■«>■■■ Wieder eröffnet! -»■-ן!Hotel National[ B Wien, II., Taborstrasse 18 ■ ■ Telephon 44-503 ■ B Vollständig neu eingerichtet, zentrale Lage, 200 Zimmer g ■ mit fliessendem kalten u. warmen Wasser, Bäder, Zentral- B ■ heizung, Lift. Kaffeehaus und Restaurant im Hause! 5 H H j Hässlge Preise! Neue Leitung! 5 Bollinger-Elskasten sind seit 1870 die besten , Fabrik: Wien XV. Staglgasse Nr. 10. Telephon 38-4-19 .,. Filiale: VII., ßurggasse Nr. 17. Telephon 32-3-80 Die Umwertung der Ideale und das Judentum.ף Von JVJärkus Roos. . ׳ Vor den Augen des objektiven Betrachters spielt sich ein welthistorisches, interessantes Schauspiel ab; Das, Abendland ist im Begriff, seine Herrschaft über die Welt aufzugeben und in Selbstzerfleischung zu enden, und trotzdem versuchen außerhalb Europas lebende Völker, ...sich diese aussterbenden europäischen Kulturformen anzüeignen, mit all ihren Vor«; und Nachteilen, ihren Institutionen und Staatsordnungen. . , ׳ Der Mensch des modernen Abendlandes ist — um mit Spengler zu sprechen — ein Kind der Spätzeit. Zu viel erstarrte Geschichte ist in ihm und sein Blut ist schwach geworden. Der moderne Europäer hat keine Instinkte mehr, er ist sozusagen objektiv geworden, folgt den Gedankengängen der vermeintlichen Vernunft und denkt, damit den Gipfel der Kultur erklommen zu haben• Der Europäer ist ein Skeptiker geworden. Aus jahrhundertelanger Tradition und gewohnter Lebensweise, durch' eine plötzlich wie rasend vorwärts stürmende Entwicklung emporgerissen, steht der Abendländer heute vor dem Abgrund. Den Weg zurück kann er nicht mehr finden, einen Weg nach vorwärts scheint es nicht zu geben. 1 Wie steht das Judentum nun zum heutigen Europa? Sind seine Geschicke mit deinen des Abendlandes auf Gedeihen und Verderben verbunden? Das Judentum steht heute — wenn auch der Anschein nicht dafür spricht —! in einer ähnlichen Lage wie vor 2000 Jahren, als ded Hellenismus in die heiligsten Gebiete des Judentums einbrach. Auch damals versuchte eine alt gewordene Kultur, dem Judentum seine zivilisatorische Spätform, den philosophischen Skeptizismus aufzudrängen, und vor allem der Abwehr dieses Kulturangriffes ist es zu verdanken, daß das Judentum in seiner heutigen Form existiert. Heute befinden sich die Juden in einer gewissermaßen noch gefährlicheren Lage. Damals, als geschlossene Einheit lebend, sind sie heute in der Diaspora verstreut, sprechen die Sprache der Wirtsvölker, wachsen auf in ihrer Kultur und bewahren nur durch eine eiserne Zähigkeit ihre Religion und ihre Gebräuche. Abgesehen davon, daß sich viele Juden, vor allem dort, wo sie nicht in . geschlossenen Siedlungen, sondern als Individuen in West- und Mitteleuropa leben, assi-. milieren, und mit Ausnahme ihrer Bluteigenschaften (die׳ sie ja nicht ablegen können) das Judentum gänzlich ableugnen, vollzieht sich für das letztere eine viel verhängnisvollere Entwicklung. Hatten die Assimilanten nur für ihre Person die Konsequenzen gezogen, sich abendländische Kultur und Wesen zur Gänze anzueignen und nichts als Abendländer zu sein, so hat .seit einigen Jahrzehnten eine Bewegung eingesetzt, welche diese Folgerung nunmehr für das gesamte Judentum ziehen will und die das Judentum in eine Gesellschafts־ und Staatsform pressen will, die , den heutigen Zusammenbruch Europas mitverschuldet hat. Das Judentum ist im. Begriff, sich als Nation zu konstitutieren. Es gibt viele uiid vielerlei Definitionen für den Begriff der Nation, die sich häufig widersprechen. Das Wesentliche darin scheint mir, daß das Volk oder zumindest bedeutende Teile des Volkes sich ihres Volkstumes bewußt — selbstbewußt — werden und die Nation, die Verherrlichung der ■eigenen Nation, den Nationalismus, als höchstes Ideal hinstellen. ״Jede neue Wahrheit beginnt damit, alle früheren Wahrheiten zu Verleugnen“, sagt Nietzsche, und so beginnt auch das neue Bewußtsein der Nation damit, alle früheren Ideale über den Haufen zu werfen. Früher gab es in Europa nur eineeinzige, wenn auch durch viele Mißstände diskreditierte, doch sittliche׳ geistige Macht, die Kirche. Durch den Aufstieg der unteren Volksschichten, der Entwicklung des Bürgertums׳ begannen sich auch die Wissenschaften aus den Händen des Klerus zu befreien, sie wurden ״weltlich“. Die Vernunft emanzipierte sich vor Gott und der moderne Mensch, der neue Erdteile erschloß, alle Widerstände überwand, sich von allen freimachte, der schlug auch die Religion in Stücke. Solange er die Religion noch be- '#) Aus einer Studie. kämpfte, war es ein idealer Kampf, (dehn auch die Ketzerei ist Glaube. Erst dem 19. und 20. Jahrhundert war die glorreiche Tat bestimmt, die Religion zur Privat- Sache zu deklarieren. Europa scheint gar nicht dessen gewahr zu wer,den, welche Blöße es sich damit gegeben hat. Schein- .bar ist es ja der höchste י Fortschritt, dem einzelnen Individuum selbst die Entscheidung über seinen Glauben zu überlassen, sich nicht in die Bekenntnisse des einzelnen einzumengen; in Wirklichkeit ist es ein Armutszeugnis, das man sich da gibt;• Nicht aus Ueberzeugung hat .man die Religion als Privatsäche erklärt, sondern weil man! nicht mehr den sittlichen .,Mut aufbringt, sich mit diesem? Problem zu befassen. Man hat sich seinen Darwinismus geschaffen, hat glücklich festgestellt, daß alle Lebewesen von der Urzelle herstammen und weiter zurück will man nicht denken. Was der moderne Mensch nicht lösen kann, das interessiert ihn nicht und er legt es beiseite* und statt die Folgerung zu ziehen, daß der Weisheit letzter Schluß doch der Glaube an ewig wirkende Kräfte sei, geht das moderne Europa einfach an der Religion vorbei. Man wird hier einwenden, das Gebilde der Nation ist ja ganz unschuldig an dem Zusammenbruch von Europa. Die wirtschaftlichen Kräfte waren Schuld, die! die Herrschaft über die Menschen gewonnen hatten. Doch diese These stimmt nicht ganz. Wenn die Wirtschaftliehen Kräfte sich frei ausgelebt hätten, so würden diese zur wirtschaftlichen Vereinigung des Kontinentes geführt haben und jede Art von Krieg wäre unmöglich gewesen• Doch dem stand der Begriff der Nation gegenüber, der — man möchte es auch noch so sehr bestreiten — dennoch ein Gegensatz zum Begriff der Internationalität ist• Dieser Expansionsbegriff der Nation ist Verhängnisvoll für jedes Land. Druck erzeugt Gegendruck und so sehen wir heute Europa ununterbrochen in Krieg und Streit begriffen. Die Völker können ihre nationalen Ideale nicht abstreifen, nationale Kulturen stehen sich feindlich gegenüber, die nationalen Rüstungen werden fortgesetzt und der Fragenkomplex der nationalen Minoritäten führt das Problem ad absurdum und der Begriff Nation, der Europa zum Gipfel führte, ist so heute zum Hindernis für •jeglichen Fortschritt geworden. Was haben wir Juden mit diesem Begriff zu schaffen? Es ist genug trostlos, daß wir in diesem Irr■• sinn leben müssen. Haben wir es nötig, uns das eigene Haus auf europäische Weise einzurichten, obwohl Avir sehen, zu welchen Folgen dies führen muß? Es ist ganz zweifellos, daß der nationale Begriff früher oder später überwunden werden wird. Voraussichtlich nach blutigen schweren Kriegen. Wollen wir unsere Zukunft auf absterbenden Einrichtungen aufbauen? Die Juden sind, dies ist zweifellos, ein Schulbeispiel, eine Ausnahme unter den Völkern. Unsere Geschichte ist nicht wie die Geschichte der andern Völker und warum soll unsere Zukunft die Vergangenheit Lügen strafen? Das jüdische Volk hat nie Stände gekannt, Rittertum und! Adel hat es nie gegeben, und das,;Levitentum im alten Erez Israel kann wohl kaum als separate Kaste bezeichnet werden, ln der Diaspora war Volk und Religion, eins. Man zog keinerlei differenzierten Unterschiede, ob das Judentum eine Religion oder eine Nation sei, doch es war und ist eine lebende Einheit. Sie basierte auf der Religion, auf den Leiden, die die Juden wegen ihres Festhaltens an ihr erlitten, und auf Eigenheiten und Gebräuchen, die sich die Juden in dem Ghetto erwarben• Die moderne Entwicklung Europas hat den Juden ihre Freiheit gebracht. Hüten wir uns, dieselbe dazu zu benützen, um den gleichen Weg Wie Europa zu gehen׳ sondern bauen wir konservativ fort auf unserer Vergangenheit und setzen wir nicht an Stelle unserer eAvigen Ideale — Begriffe, die vom Zeitgeist geschaffen und vom Zeitgeist zerbrochen Averden. Spendet für den Kindergarten und Jessode Hatlora der Adas Jisroel, Wien, II., Nestroygasse 11 Die Juden in Wiener-Neustadt. Von Rabbiner Dr. Max Pollak (Oedenburg). . Nach der von Maurus Mezei besorgten Uebersetzung aus dem Ungarischen berarbeitet von L. Moses. (Fortsetzung.) Ueberhaupt war in Wiener-Neustadt — und wahrscheinliich auch anderwärts — das Verhältnis zwischen Juden und Christen trotz aller Unterdrückung nicht so gespannt, wie man sich es vorzustellen, oft geneigt ist. Man kann sogar sagen, ׳daß der Kern des Volkes während ■der ganzen Leidensgeschichte׳ der Juden nie £0 grausam war wie die Fürsten, die Herren — und der Pöbel. Nur wenn das Volk gereizt worden war — und hiezu bot ׳der Geldbefcitz der Juden immer genügenden Vorwand —, dann kannte die Volksleiden־ schaft keine Grenzen. Sobald aber wieder der gesunde Menschenverstand' die Oberhand gewann, war das Volk ■im allgemeinen den Juden nicht feindselig gesinnt. So oft auch auf höheren ׳Befehl sämtliche Juden aus Oesterreich verwiesen wurden, blieben immer noch einzelne zurück, da eben das Volk, ■das die Austreibung einzig und allein zu kontrollieren vermochte, duldsamer war als die Obrigkeit. Der häufige Umgang und die nähere Bekanntschaft miteinander führten zu gegenseifigem Vertrauen, wo nicht gar zur Freundschaft. In Wiener-Neustadt brachten Christen bei Judenhoch־ Zeiten Geschenke, und zwar Gebäck, das die Juden mit Isserleins Erlaubnis verzehrten.1) Dieser Fall steht *) Lekst Joscher I, 40 b: פעם אחת בחתונה הביא נוי דורון לאבי של כלה בשבת שחרית סל מלא פת שקו׳ בל׳א הופהולר ורזיח (איסרלין) סחיר לאכול הסח לכל בני הסעירה. (Guslhiiipf? Wahrscheinlicher aber ein Gebäck, das noch jetzt in Bayern ״Hupterl“ genannt wird.) Daß hier vom Sabbat ׳die Rede ist, läßt sich n׳ur daraus erklären daß die Hochzeit nach uralter Sitte 7 Tage ,dauerte. ■durchaus nicht vereinzelt da. Ein Vorstand der Judengenternde, namens Gi'esenmul־) bekam anläßlich eines ]״eieHages von einem Christen ein Geschenk. Die Juden schickten den christlichen Geistlichen Neujahrsgeschenke; Isserlein billigte es und wünschte nur, daß das Geschenk einen Tag vor oder nach Neujahr über- “bracht, w'erde.3) In ganz Oesterreich war es Sitte, daß die Juden den Christen am Schülerfeste (33. Omertag) Geschenke machten.4) Auch ׳das Brot ■der christlichen Bäcker wurde anstandslos genossen, außer während der zehn Bußetage.5) •Für das Verhältnis zwischen Juden und Christen ist auch charakteristisch, daß sich die Judenmädchen am Sabbat von ■einem getauften Juden auf ׳der Zither Vorspielen ließen.6) ■Dieser Zitherspieler war nicht der einzige getaufte Jude in Wiener-Neustadt. Ein reicher Jude und auch ein anderer namens Eberhard ließen sich taufen.7)!Isserlein sagt selbst: ״In Wiener-Neustadt kamen schon zwei bis drei solcher 1Fälle vor.8) Die Getauften, wurden sogar in gewissem ,Sinne als Juden betrachtet. Musmann aus Judenburg fragt bei Isserlein an, ob er von einem. Geteuften. Zinsen nehmen dürfe. Isserlein antwortet bejahend, jedoch mit der Beschränkung, ׳daß es nur dann .statthaft sei, wenn der Getaufte ־') Leket Joscher I, 73 b: .פ״א הביא גוי דורון בי״ט שני לפרנס גיסן מול ז״ל Vfelleidit ist die ׳ge t reimte Schreibung dieses Namens darauf zunückzufülhren, daß er G&iseti-Maui hieß. (Tetizner, Narrenbuch, kennt ■sowohl die Namensform Giselmar als ׳auoh Gisehniind.) 3) Terumath 11a Deschen. 195 (177 a). 4) Leket Joscher I, 70 b. ß) Leket Joscher I. 98 a. ״) Leket Joscher, 44 a. 7) J. Bruna, Respansen. 135 (55: a): בנוישטט היה משומר עבר הט י׳ש 8) J. Bruna, Responsen, 188 (67 a). die ganze Thora leugne und nicht mehr zurückzukehren beabsichtige.״)!Noch charakteristischer ist, daß Isserlein ■dem Bach irr ■Liwa aus P׳assau, der gelobt hatte, nie mehr mit ׳einem Juden zu spielen, erlaubte, mit dem schon erwähnten Apostaten Eberhard zu spielen.10) Isserlein sagte auch: ,,Wenn ein Apostat ih (Buße ein rituelles ■Bad nimmt, kann er sofort mit Juden essen und ,trinken.“11) Daß mancher Jude unter dem Druck der Ausnahmsgesetze seine Religion verließ, um wieder zu ihr zurückzukehren, gehörte in jenen Zeiten nicht zu den Seltheiten.12) Im Jahre 1431 veranlaßte das Ratskollegiuni der Städte Krems und Stein, daß ein Apostat namens Jakob Kremser oder — wie man ihn noch nannte — ״ytsekl Jud“, der zum Judentum zurückgekehrt Avar, einen Revers ausstellte, ähnlich dem Revers, den die der ■Hexerei beschuldigten, dann aber begnadigten alten Weiber aiisstellen ■mußten. ״Ytsexl Jud“ mußte erklären, ■daß er zwar sein Leben verwirkt habe dadurch, daß er wankte und zum ׳gottlosen jüdischen Glauben (in Jüdischen vnd chetzerleichen gelauben) zurückgekehrt sei, daß ihm aber ״der labsamen kuniginn Jungkfrawen Maria willen“ Gnade erwiesen worden sei.13) Wenn so ein reuiger ׳Renegat endgültig in den Schoß der jüdischen Gemeinde zurückkehren wollte, mußte er erst langwierige und peinliche Prozeduren durchmachen. Er mußte sein Haar •scheren und (auch im Winter) in Gegenwart zweier Zeugen ■in.kaltes Wasser gehen, so daß ihm dieses bis ans Herz reichte. ״) Leket Joscher II. 11b. 1U) Bruna.!Responsen. 135. ״) Leket Joscher II, 41 a. 1a) Terumat ha Deschen, 209 (86 a) ff. 13) Kurz. Oesterreich unter Albreoht ll.. II. Band, S. 360.

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