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Jüdische Presse · 1926-03-26 · 13-14 (26.3.1926) · p. Seite 98

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Journal
Jüdische Presse
Volume
12 (1926)
Issue
13-14 (26.3.1926)
Date
1926-03-26
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
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1 Seite 98 JÜDISCHE PRESSE. Nr. 13/14 Aegypten, sondern mehr noch ׳der, dem Sinai und G-ttes Wort eiitgegenzuziehen. Und vielleicht mag darin, dass die Feier des Pessach niclit die des alltäglichen Wortsinnes ist. sich die Berechtigung des ״Cliad gadjo“ erweisen, gerade ein Sederlied zu. sein. Denn auf Pessach folgt Schwuess. '■auf die Befreitwg aus menschlichem Zwang die Verhängung g-ttlichen Zwanges — auf Verleihung der Freiheit Einsetzung des Sitten-, gesetzes, Missbrauch der neuen Freiheit zu verhüten. Nicht zuchtlos,׳ nicht anarchisch ist die an jenem ersten Pessach geborene jüdische Freiheit, sondern gehorsam und voll Ordnung, nicht gewalttätig nach aussen zu wirken ihre Aufgabe, sondern freie Besiegung des eigenen Selbst. Da sie uicli; eine Freiheit ist. die Rechte begehrt und Macht erstrebt, sondern die sich Pflicliten setzt;!ihr Wesen nicht Widerstand gegen Menschen, sondem Unterwerfung vor G-tt. Denn diese Freiheit vor G-tt, die innere Freiheit der Seele, sie ist die einzige Freiheit, die nicht Gewalt ist und Gewalt übt. Und wer diese innere Freiheit sich erwarb, der kennt obendrein auch die Hinfälligkeit aller Ge- Walt: Denn wenn G-tt ist, so kann keine wirkliche äussere Freiheit sein, da G-:te.s Existenz von vornherein eine Ein- Schränkung der Freiheit aller seiner Geschöpfe beinhaltet und damit eine Einschränkung auch ihrer Macht zur Gewalt. Und das mit gutem Grunde, weil nur Gott die letzte Erkenntnis der Dinge hat und ein Mensch, der. sich selbst vertrauend, frei nach eigener Erkenntnis handelt, notwendig Unrecht auf Unrecht häufen wird, gerade wenn er ein höheres Recht zu vertreten glaubt. Ganz so wie Schächter und Ochse. Wasser. Feuer, Stock und Hund im Ablauf der Geschehnisse gerecht zu handeln glauben müssen und doch jedes ein Unreell:׳ tun, da sie mit Gewaltat Gewalttaten erwidern, die sie nichts angehen — von denen nur G-tt wlissen kann, wie weit sie als Böses nötig sind. Wie scharf ist diese Anmässttng des falschen äusseren Freiiheitsinues. gekennzeichnet in der Auflcbung der in diesem Liede handelnden Dinge und Wesen gegen das g-ttgegebene Naturgesetz, .kraft dessen Feuer einen Stock verbrennt.' Wasser Feuer verlöscht und Tiere einander zerreissen! Wie deutlieh hört das nachdichtende Empfinden aus den von Strophe zu Strophe von immer mehr Unrecht erfüllten Versen d;ie Warnung vor Anbetung •der äusserlichen Freiheit heraus, die :iedweden berecliliigt, die Welt nach eigenem Gutdünken zu verbessern! Wie tief und klar fühlt das festfrohe Gemüt den sehr engen Zusammenhang zwischen dem Befreiungsfeste Pessach und seinen! die •missverstandene Freiheit trauervoll besingenden Liede ״Chad gadjo“! Aber es darf nicht übersehen werden, dass die lim ״Chad gadjo“ genannten Beispiele brutaler und blutiger Gewalt eben nur dichterische und darum aus.gewählt wuchtige Beispiele siind. Das Missverständnis beginnt nicht erst bei dem aus der physisehen Freiheit abgeleiteten vermeintlichen Rechte auf Gewalttat. Nein, das verderbliche Missverstehen liegt schon dort vor, wo der Mensch im stolzen Gefühl seiner Freiheit besser als G-tt zu wissen vermeint, nach welchen Gesetzen G-ttes Welt regiert werden müsse — und die Macht zu haben glaubt, die Wellt von aussen her abändern zu können. Das also mag der Zvreck oder doch ein Zweck dieses scheinbar so zwecklos 1i׳n die'Pessach-haggada aufgenommenen Liedes seiin: Am Feste der Fre'ihoit au die Grenzen der Freiheit zu ■erinnern — dass Freiheit nie Gewalt werden darf; weder physische gegen Menschen, noch geistige gegen G-tt. Wie das ja ganz und gar dem jüdischen Geiste entspricht, der Gewalt immer verworfen hat — der die Welt, in die er, sie zu ändern, entsandt war, stets nur von innen heraus zu durchdningen — sie stets nur durch Läuterung der Menschenseelen mitzuläutern strebte; nie aber trachtete, die Welt durch äussere Mittel zu bessern, weder durch Gewalt, noch durch friedlichste Mittel . (deren friedlichste ja, ihrer Absicht nach, auch noch Gewalt sind). Wobei man freiliah nicht jenes jüdischen Geistes sich erinnern darf, der, wohl immer in Spuren vorhanden, in den letzten Jahrzehnten fast das ganze jüdische Volk so völlig ergriffen hat, dass man Ihn, den falschen und fremden, für den echten jüdischen Geist halten könnte — und nur zu oft hält: ’den unjüdischen Geist der Gewalt — der geistigen, wlie' jüngst soga!r der .rohesten physischen Gewalt. Und dass bei Juden (was manchen ein Lob dünken mag!) fast stets missverstandenc Freiheit zur Gewalt verführt, ist nuir ein Beweis mehr, mit wieviel Recht das ״Chad gadju“ in die Pessachhaggada mitgenommen worden ist. Vielleicht erkannte man schür, damals die Weltverbesserei als eine eingeborene jüdische Eigenschaft. Vielleicht sah man schon damals, dass jeder Jude so ein Stock. Feuer, Wasser, Ochs und Schächter sei, von Gerechtigkeitssinn geschwellt und die erhabene Pf'icht in sich fühlend, alles Unrecht der Welt zu rächen. Vielleicht ahnte man schon damals, wieviel jtidisches Unglück werde herbeigeführt werden durch etlicher Juden ■Sehnsucht nach missverstandener Freiheit, die zu erarbeiten diese Juden sich selbst die missverstandene Freiheit zu Gewalttaten einräumten. Vielleicht rechnete man schon dauials m'.t der utopistisciien, bolschewistischen, expressionistisehen, zionistiischen, pazifistischen unid ethichen Verseuchung des jüdischen Volkes — und ordnete schon damals darum das ״Chad gadjo“ der Pessach-haggada ein. Und sicherlich wusste man schon damals, dass die letzte Ursache aller dieser Missverständnisse über das Wesen der Freiheit der nackte Hochmut sei — das Selbstbewusstsein׳ des Heiden, der sich erniedrigt glaubt, wenn eines allmächtigen G -ttes * freier Wille seinen eigenen freien Willen pilanmässig lenkt — die Anmassung. des Schwärmers, der eigentlich sich slbst für allmächtig hält. Sicherlich war das allles schon damals erkannt und auch darum das ״Chad gadjo“ in die Haggada aufgenommen worden. Denn gewiss ist kein Tag würdiger, Demut zu predigen, als ein Festtag der Freiheit, da nur Demut die Freiheit davor bewahren kann, falsche Freiheit — Frechheit zu werden. Und aus allen diesen Gründen steht das ״Ghad gadjo“ zu Recht in der Pessach-haggada — bildet es m!it Recht den lang naclLlialtenden Abschluss der Sederfeier: Am Freiiheitstag ais eine Mahnung zum rechten Gebrauch dieser Freiheit, die als kein angeborenes Menschenrecht soll gelten dürfen, sondern nur als ■ein Geschenk G-ttes — G-ttes, vor dem in dieser Kette von scheinbar aerec’jltiskeitse1׳־fiiklten Gewalttaten der Mensch nicht mehr ist, als das Lämmchen, an das die blutige Kette sich knüpfte; nur weniger schuldlos. G-ttes, der allein ganz {rßj ,;st _ G-ttes, dem alle Demut gebührt ׳-*־ G-ttes. dessen überwältigende Macht der letzte Vers des ״Ciiad gadju‘‘ mit der einfachen Kraft der ganz grossen Dichtung ausspricht: ״Doch zuguterletzt, da kommt der Heilige, er sei gelobt: Kommt den Jodesengel schachten. Der geschachtet hat den Schächter. Schächter,;der den Ochs geschachtet. Ochsen, der das Wasser soff. Wasser, das gelöscht das Feuer. Feuer, das verbrannt den Stock. Stock, der tot den Hund geschlagen, Hund, der tot die Katz’ gebissen. Katze, die das Lamm zerrissen. Das der Vater mir gekauft hat. Um zwei Gulden mir gekauft — Lämmchen, ein Lämmchen!“! JVteine Erlebnisse und Eindrücke in Palästina Vortrag des Herrn Dr. Pinchas Kohn. Rabb. Dr. P. Kolm, Vorsitzender des Wiener Geschäftsausscliusses der Aguda. hielt Sonntag, den 21. März im dichtbesetzten Festsaale des alten Rathauscs einen mit grossem Interesse angenommenen Vortrag über seine Eindrücke ■und Erlebnisse in Palästiua. Wir bringen den Vortrag mit, einigen Kürzungen. Meine verehrten Damen und Herren! Schon aus der Art de.s Titels meines Vortrages haben Sie sicher alle ersehen, dass es-sich eigentlich tim Aeusserungen ■einer subjektiven Meinung handelt. Man kann auch!im heiligen Lande nur mit den eigenen Augen sehen und man kann auch dort nur dem Schlage des eigenen Herzens lauschen. Ich glaube nicht, dass es berechtigt wäre, und gewiss auch meinerseits nicht, für dasjenige, was ich Ihrem freundlichen Urteil unterbreiten möchte, den Anspruch auf ein allgemeines Werturteil! zu erheben, und ich glaube vor allen Dingen nlicht. dass ein Jude, der in das heilige Land als Jude fährt, sich ganz jedes Subjektivismus entäussem kann. Ich •bitte Sie also, •meine Damen und Herren, um Ihre Nachsicht, wenn icl! Ihnen nichts vorzutragen habe als die schlichte, einfache Bitte, mit mir diese Reise zu unternehmen und mit mir hierher zurückzukehren. Auf der anderen Seite allerdings ist für das Auge, das wirklich schauen will, und für das Herz, das etwa mit vorgefassten Meinungen ernste sittliche Abrechnung halten will, äusserstes Selbstentäussern notwendig. Man muss und. meine Damen und Herren, man kann in gewisseni Sinne Auge und Herz umstellen. Sehr verehrte Damen und Herren! Es hat mir sehr tief ins Herz geschnitten und es brennt mir noch heute auf der Seele der Augenblick, als alle meine Freunde und Bekannten in der Stunde des Abschiedes zu mir sagten: Wenn Sie von draussen berichten, berichten Sie Gutes. Das rührt vielleicht daher, weil derjenige, der sein ■Haus so a!1 der Strasse baut, wie unsere Brüder und Schwestern im heiligen Lande ■es tim, sich dessen ganz genau bewusst ist, welcher Kritik er sich aussetzt und welches Urteiles '■er gewärtig sein müsse. Und ich wiederhole Ihnen, was ich im Abschiedsaiigenbliek sagte, ■ich kann nur be r i ch-tie n), was. ich erschaute und fühlte, und v i e 11 e 1■ c 111 kann ich auch dichten, was i c h hoff e. Zu dieser Selbstentäuss&rimg. von der ich vorher sprach, ist eines notwendig. man muss hingehen, man muss dort weilen mit einem geschichtlich geschärften Biliick, und glauben Sie, meine Darneu und Herren, wer die Dinge geschichtlich erschaut, der kann in dem einen oder anderen Augenblick auch einer prophetischen Schau teilhaftig werden, lind mag sich selbst und seinen Zeitgenossen sagen, was man von der nächsten Zukunft hoffen ■darf, wenn sich die Verhältnisse stetig entwickeln und nicht eline plötzliche Wendung eintritt. Bitte, reisen Sie mit m!ir, Man fährt vorüber an der Küste Italiens und man sieht aus der Ferne die blauen Gebirge Griechenlands und man denkt daran, dass aus ■dem einen Lande einst ausfuhren gowappne te Kr,1׳e;ger, we 111 er 0be r n de Leg 11■ 0nein!, und sie haben auch .1 e r 11 s a 1 e 111... erobert und dem Erdboden gleichgemacht, Alis dem anderen Lande, aus dem sannentrunkenen Hellas, zogen sie aus mit den Waffen des Geistes, zogen sie aus mit dem lockenden Dichtergesang des frohen Lebens des Geniessens und nahmen den Kampf auf. Und. meine verehrten Damen ■und Herren, mehr Opfer als die Legionen Roms haben die Gesänge Hellas* von uns gefordert. An dieser Küste mit diesen grossen Erinnerungen vorüber kehrt man;in das heilige Land, lind als denkender Mensch legt ■man sich die Frage vor, was war es lind ist es denn ■doch, das ■uns gewappnet hat gegen den Anprall der Waffen Roms und die Sirenengesänge Hellas*? Auch bei jenen grossem. Kewaitigen Menschen, wer wollte ■es leugnen, ■auch 5n jenen wirkte zeitweilig die treibende Kraift eines welterbauehden Glaubens. Was aber vielleicht der wesentliche •Unterschied ist, das besteht im folgenden. Auch jene, meine Damen und Herren, auch jene opferten den!Mächten!, in denen ■sie die G-ltlveit schauten, sie opferten zu bestimmten Zeiten, auch sie mit lautem Herzensschlag, auch säe mit zuckender Seele. Der Jude aber, er opfert i m m e r,!in jeder Stunde seines Daseins, als einzelner Mensch und als jüdische Gesamtheit. Diese kontinuierliche, ■ewige Kraft des Opierns, die hat uns erhalten. Und so gleitet!man ,allmählich hinein ■in den! . Hafen Alexandriens und!fährt in das Land, das einst das Land Goschen war, ,und fährt durch ׳das Land, in dem •in Millionen von Menschen niemals wankend geworden war der Glaube an die Möglichkeit der Erlösung und niemals die Treue zu den Ahnen gebrochen wurde. Und noch trennt uns der Kanal von Suez vom heiligen Lande und man fährt und fährt ■und man sieht den■ Sand der illlllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllHllllllillllll Blaimscheins | S PFLANZENFETT S | INUSEROLI i lOO Prozent Fettgehalt 5ן כשר של פסח (תחת השגחת הרב הגאון ר׳ ישעי פורסט שיפשוהל) Erzeugt unter Aufsicht Seiner Ehrwürden Herrn ES Obexrabbiner Jesaiä Für8 t (Adas Jisroel) ES Fabrik: Wien, XIU., Diefenbachgasse 59 ü יו Wüste und verspürt in der Nacht den lEiseshaucli der dunklen toten Wiiste. Und cs wird Nacht und man denkt, wie lange djie Ahnen gebraucht haben, um hielierzugeiangeti, und es wird Morgen und man ist im '■heiligen Lande und man sieht in einer weiten Ebene die ersten Orangenbäume, beladen mit Früchten, die gewartet und betreut sind von .jüdischen Händen. Man fährt vorüber an der Triimmerstätte des alten Jab ne. in das sich einst geflüchtet hat unter Führung des Rabbi Jochanan ein Volk, um das Leben zu erneuern. Und mau siebt schon blau hiniiberlouchten die Gebirge Judas und nach ziemlich langer Fahrt ■ist man — in dem Bahnhöfe .lenusarems. Der Eindruck ist sehr wenlig anmutoiid. Ein kleiner Provfnzbahnhof. erfüllt von lautsprecheiideii Arabern und Juden. und nur die Herzlichkeit der Begriissung kann einem über diesen ersten Eindruck hinweghelfen. Man fährt in die Stadt und unterwegs ■halten die Begleiter und wir sehen die Mauer Jerusalems u!1d man glaubt am Sarge der unvergesslichen Mutter zu sein. Für den geschichtlich denkenden Menschen ist diese Minute des Schweigens ein gewaltiges Erlebnis. Daun ist man in Jerusalem. Ich kann Ihnen nicht einen; Prediger vertreten. Ich möchte mir ersparen. Ihnen zu sagen, was Sie an anderer Stelle freund- Hoher geschildert sehen, ich möchte jedem raten, der etwas Verzicht leistet auf ■europäischen Komfort, in ■der Altstadt zu wohnen, wo kein Wagenverkehr ist und die!im Interesse des altertivmlichen Charakters sehr spärlich erleuchtet ist. Es schadet nichts, wenn man erfährt, dass ■die Stadtmauern höchstens fünfbiis!sechshundert Jahre alt sind, wenn all diese Häuser und all dlies echt Orientalische eigentlich aus relativ junger Zeit stammen. : Man braucht sich nur zu sagen, vielleicht 20 bis 30 Meter tief! unter uns liegt ■die Stadt, über die einst David, Salomo, die | Makkabäer und andere gegangen sind. Der •geschichtlich geschärfte Blick ist der beste Altertumsforscher und man kann! sich dies alles hinwegdenken und kann Zwiesprache halten mit David, Salomo un!d Jesalija. Es ■gibt nun. um das Aeussere zu schildern, es gibt Augenblicke, die man mit Worten nicht Wiedersehen kann. Das Strassenbild ist ganz orientalisch. Das Leben lin ,der Altstadt hat dasselbe orientalische Gepräge wie in Alexandrien und Kairo das Araberviertel. Man sieht die Silhouetten von Kamelen und Eseln, und wenn man die Augen schliesst und . träumt, so kann man sich ■denken, wie unsere Ahnen aus Aegypten einzogen׳ in das heilige Land. Vom geschichtlichen 'Standpunkte betrachtet, ist der erste Augenblick an der Klagemauer des T e m p e 1 s gewaltig gross. Aber, meine Damen und Herren, der Name ׳ist falsch, ich möchte sie die Siegesmauer nennen׳, denn wenn man denkt und sieht, welche Erbauung die ärmsten dort finden, so sieht ■man, dass sie die stetige Quelle der ■ewigen Jugend unseres Volkes unter den ׳Menschen ׳ist. Meine Damen ■und Herren, an dieser Klagemaiier da lernt man das Leben zu meistern ■und lernt auch im Leben zu siegen. Und wenn diese Quelle der Kraft nicht wäre, dann könnte diese Bevölkerung, von der 90 Prozent unendlich arm ist und unendlich bedürfnislos., sie könnte mit dem Leben nicht fertig werden. Wenn Sie dieses Erlebnis mit mir teilen wollen und Sie kommen nach Jerusalem, ■dann empfehle ich Ihnen, ineine Damen und Herren, ob Sie beten ■oder nicht, mit dem ersten Morgenstrahl ■der Sonne sich herzubegeben. •Man sieht hier .nur betende Menschen, die ihre ganze Armut hier abgelegt haben. Zuliebe den inneren Erlebnissen, die man sonst im ■Heiligen ■Lande miterlebt, möchte;ich Ihnen raten, zunächst von der Touristenstrasse fernzubleiben, denn man läuft Gefahr, in ■einem stillversunkenen Augenblick gestört zu werden von vorbeiiahrenden Autos und Wagen. Ich würde Ihnen raten!, lieber auf manches .zu verzichten, aber das, was man schaut, und das, was ■man sieht, soll ein Erlebnis werden. Die meisten Touristen gehen natürlich an das Tote Meer durch Jericho, und beeilen sich, um wieder in Jerusalem zu sein. loh möchte Ihnen raten:, gehen Sie hinauf aut die Spitze des Oelberges. •Ihr Auge wellt unter Tränen auf der grossen Gräberstätfce ■des Oelberges «und Sie blicken links, ■und auf eine Entfernung von zlirka 60 Kilometer liegen die Konturen ■des Toten Meeres und der Einfluss des Jordans greifbar nahe, und Sie denken, wie Abraham hinabschaute und sali heute!leise verdampfende Totenstille, wo gestern noch Leben war. Das ist ein Anblick, den man nicht vergisst und der einem mehr sagt als •das ■unmittelbare Weilen am Ufer ׳des Toten Meeres. •Der zweite gewaltige Eindruck nach der Siegesmauer des jüdischen Volkes ist ein Weilen am Grabe Rachels. Was uns nach Prophetenworten ■und heiliger Kunde Rachei bedeutet, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Dass Jercmia sie die ewig 'lebende Mutter nennt, die Ausschau hält nach ■dem Schicksal der Kinder und dem Wege G-ttes :im Herzen ihrer Kinder. Und man weilt am Grabe ׳Rachels und!man glaubt, sie weinen zu hören. Man möchte sie trösten, dass man ja doch mit G-tt ins Land gekommen ist und mit G-tt;aus dem Lande geht. Mitten ■in einer staubigen Wüste, zwei׳ bis ■drei Meter von uns sehen wir den ■grossen Verkehr auf der Strasse Jerusalem—Hebron. Und doch, meine Damen und Herren, wenn man will, ist man am Grabe Rachels ■allein mit seiner Mutter und hält Zwiesprache imrfc der Ewigkeit. Die Höhle Machpela sagt uns eigentlich wenig. Während das Grab Rachels in jüdischen Händen ist, ist die Höhle Hebron, ich möchte sagen, ein Industrieartikel für die arabische Bevülkertitig. Es führen etwa 40 bis 50 Treppen hinauf :und hinunter ln die Moschee, wo das Grab der Ahnen ist, aber auch heute noch ist es Juden verboten, mehr als sieben Stufen hinaufzusehen״ Dort stellt ein Mohammedaner, der uns am Grabe unserer Almen das hebräische Gebet vorsagen will, das wir sprechen sollen, der lins eine Lücke •in ■der Mauer ׳zeigt, durch welche wir, wenn wir die Hand hineinstecken, im Grabe unserer Almen 1ms befinden. Mitten in Hebron sieht man eine neue gewaltige Pflanzstätte der Thora, eline Abteilung der vielberühmten Slobodkoer Jescliiwo, und man sieht und fühlt frisches, neues Leben. ’ Aehnlich ist es mit dem Grabe Josefs bei Sichern, welches sehr ängstlich von Arabern bewacht und bewirtschafte: wird. Wenn man von Jerusalem gegen Norden fährt, so kommt man an zwei Stätten vorüber, die ■uns viel zu sagen haben, don, wo Ach ab waltete und Isebel wütete, Ist heute eine Triimmerstätte und nichts erinnert a:1 ■Je:1 gewaltigen Stolz Samarias als ■eine schlichte Tafel m.t den Worten: ״Ausgrabungsstätte von SamarÜa“. Eine scharfe Kurve und man sieht unter sich S110 11, heute ein Araberd'orf, aber man schliesst die Augen und sieht das Lebensopfer Hannas und das Opferleben ihres Kindes. Aber ich möchte sagen, di׳e ganze gewaltige Ewigkeit unserer Geschichte offenbart sich uns, wenn man ■hindurchfährt durch die Schlucht -zwischen den beiden Bergen Ebal und Garisln. Es dürfte, meine hochverehrten Damen und Herren, bekannt .sein, dass dort Segen und Filuch ■unheimlich nahe beieinander *verkündet wurden. Und diese enge Grenzlinie zwischen dem, was segnend, ׳und dem, , was tötend durch das Leben sclireitet, auf dieser Linie sehen wir Menschen mit •der Bit.e, segnen ,zu dürfen unser Volk.

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