Mannheim
Compact Memory

Jüdische Presse · 1926-03-12 · 11 (12.3.1926) · p. Seite 82

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
12 (1926)
Issue
11 (12.3.1926)
Date
1926-03-12
Page
Seite 82 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2629891-2630148-2630159--2153-2633990
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 82 JÜDISCHE PRESSE Nr. II für den der Adas Jisroel, Wien, II., Nest-oygässe 11 Oesterr. P03t8park.־ffonto Nr. 177.855 Tel. 65-3-71, 65-1-66 S 105.140.23, was bei einer Gesamteinnahme von׳ b 152.128.07 ^tit zvvei Drittel der gesamten Einnahmen ausmacht. Es ist klar, dass aus diesem Grunde das Hasengachawesen der Adas Jisroei nicht nur beneidet, sondern auch vielfach angefeindet wird. Nun sind in der Oeffenthchkeit (in Zuschriften auch an die ״jüdische Presse“) Klagen über die angeblich unberechtigten hohen Fleischpreise in den unter der Haschgacha der Schiffschul stelienden Betrieben laut geworden, worauf der Tätigkeitsbericht bezug zu nehmen scheint. ״Die Klage wegen allzu hoher Fleischpreise", heisst cs hier, ״wären Gegen״ stand wiederholter eingehender Untersuchung; doch konnte der Vorstand trotz der sorgfältigsten Prüfung niemals eine ungebührliche Ueberschreitnng der üblichen Preisgrenzen nachweisen“. So dezidiert auch diese Erklärung sein mag,׳ wir glauben es kaum, dass sie zur Beruhigung der erregten Gemüter beitragen wird. Wir leben in einer demokratischen Zeit, die vor amtlichen Enunziationen keinen' sonderlichen Respekt mehr hat, sondern Beweise verlangt. Die Klagen wurden an! Grund zahlenmässiger Auf- Stellung erhoben und es wäre daher am .Platze gewesen, eine klare, durch Zahlen belegte Antwort zu erteilen. Jedoch scheinen uns die Klagen über die hohen Preise, der unter der Haschgacha der Schiffschul stehenden Lebensmittel nicht das Wichtigste zu sein. Viel be? dcutsamer dünkt cs uns, dass diese hohe indirekte Beך Steuerung jener thoratreüen Juden, die auf die Haschgacha cier Adas Jisroel Wert legen — aus ihren Taschen flicssen; ja die Einnahmen der Haschgacha — so wenig für idelle Zwecke abwirft. Ausser dem Bethause erhält Adas Jisroel keine Institution, die man von einer jüdischen Cie mcinde mit Recht erwarten könnte. Was der Tätigkeitsbericht über Unterricht und Thoraförderung sagt, ist äusserst dürftig. Die Schule der Jessode H atliora, die wohl den Namen der Adas Jisroel trägt, wird von ihr nur unterstützt, aber nicht erhalten. Die Einhebung von Schulgeldern und Sammeln von Spenden für diese unentbehrliche Anstalt bedeutet wiederum eine schwere Besteuerung der thoratreuen" Judenhe'it. Gewiss, die thoratreue Erziehung unsere;־ Kinder muss uns jedes Opfer wert, sem. Es ist aber ein unwürdiger Zustand, dass diese mit Recht vielgeriihinte Anstalt, Monat um Monat vor leeren Kassen steht und nicht die Möglichkeit hat, die Lchrergehalte. pünktlich atisztizahlcn. Ist schon bei der Jessode Hathora, die den Namen der Adas Jisroel trägt, die Situation so traurig, so steht cs mit den anderen Lehranstalten, die der Adas Jisroel ideell nahestehen, noch schlechter. Der Bericht verzeichnet die Entwicklung der Talmucl-Tliora-Volks- und Bürgerschule in der Malzgasse als eine erfreuliche Tatsache. Adas Jisroel subventioniert wohl seit dem Vorjahr diese Schule in höherem. Ausmassse als früher. Wenn inan aber aus dem Rechenschaftsbericht ersieht, dass an Subventionen für Lehr-' und W.ohlfahrtsanstalten von der Adas Jisroel im Jahre 1925' 1'rn ganzen S 21.400 verausgabt wurden, muss man zugeben, dass .diese Summe unzulänglich ist. Der Einwand, dass für Unterricht keine weiteren Summen zur Verfügung stehen, kann nicht als stichhältig gelten. Der Adas Jisroel ist es. gelungen, aus ganz geringen ־/Tnfangen ein Haschgachawesen von respektabler Bedeutung zu schaffen; aber wir glauben, dass die Sorge für die Erziehung unserer Zukunft, unserer Jugend, nicht geringer sein darf, als die Mühewaltung für die Sicherung einwandfreien Koscherfleisches. Es wäre vor allem die Aufgabe der Adas Jisroel! eine U n t c r r 1 c h t s s e k 11 o n einzusetzen, die die Mittel und Wege ausfindig machen soll, um die richtige Lösung der. brennenden Erziehungsfrage in geeignete Bahnen zu! lenken. Adas Jisroei kann ihre hohe moralische und religiöse־ Autorität unmöglich aufrechterhaltcn, wenn sic sich ausschliesslich auf Kaschrut und Haschgacha-Angelcgcnheiten beschränkt. Nur wenn die Adas Jisroel em S c h u 1 b u cl g e t hat, dessen Höhe in entsprcchen.dcm Verhältnis zu d c n H a s c h g a ch aemgängen steht, wird sie in den Augen ihrer Mitglue der ihre Aufgabe voll lind ganz erfüllen. Noch trister »steht es um die ״soziale Fürsorge“. Was auf diesem Gebiet seitens Adas Jisroel geschieht,• ist kaum der Rede wert. Das moderne Fürsorgewesen steht heute 1m Mittelpunkt des Interesses, denn die' drückende wirtschaftliche Lage verlangt ganze Arbeit auf diesem Gebiete. Adas Jisroel wird sich entschliessen müssen, entweder das Fürsorgewesen aus seinem Wirklingskreise ganz auszuscheiden oder zu versuchen, eine Zentral-׳ stelle zu schaffen, die eventuell gemeinsam mit anderen Fürsorgezentralen zur Bannung der drückenden Not bei־ tragen soll. Zur Erledigung dieser Aufgabe benötigt man selbstverständlich Männer, die offene Augen haben und viel, sehr viel Liebe zu der Sache. Wir zweifeln nicht, dass im Kreise der jungen Mitglieder der Adas Jisroely mehr als eines zu finden ist, das die Kraft und Fälligkeit zu ernster, gewissenhafter Arbeit besitzt. Sie alle sollten, sofern sie noch nicht als Vorsteher gewählt werden können,׳ zumindest in Kommissionen zu der hohen Aufgabe einer öffentlichen Tätigkeit im Dienste der Schiffschul systematisch herangebildet werden. Es ist Sache der verantwortlichen Führer, die riehtigen Massnahmen zur Sicherung einer Aufwärtsentwicklung der Adas Jisroel. rechtzeitig zu ergreifen. Wenn auclf manches darauf hinweist, dass die künftige Entwicklung der gesamten Wiener Judenheit, mehr als bisher der Fall war, religiös orientiert sein wird: Adas Jisroel wird! auch in Zuku n f t ihre üb er ragende Stellung, behalten. Sie wird auch fernerhin der Mittelpunkt bleiben müssen, um den sich alle jüdischreligiösen Kräfte unserer Stadt sammeln. Zur Erfüllung dieser Mission; sollen wir alle mit geeinten Kräften arbeiten und willig einem auf der Höhe sei ne r A u f g a b e stehena;e n Vo r s t a 11 d e 0 e t o l g s c h a f t l e is t e 11. P. י Eiqiährluer Hanoelskurs -ד Wiener Einjähriger Handelskurs jalimid -Thora - Schulverein Volks- und BÜrgeischals far Knaben und Mädchen' Vtfien, Um Maizgasse 16 Oest, Postspark.*Kto. 182.159 Spendet für das älteste und grösste Jüdische Schulwerk Wiens! Bist Du dem Ruf des gefolgt? Hast Deine dem Palästina ״Aufbau ״Fonds * ' . . Agudas Jisroel zugeführt? Wenn nicht, wie Dich den dringenden Aufgaben des orthodoxen Aufbau - Werkes entziehen? Annahmestelle des Keren Hajischuw für Oesterreich: der Wien, II., Malzgasse 12a für Rumänien: jfsaH Sternberg, dradea Piata Unirili 2 Hundertjahrfeier das Wiener Stadttempels. Ami 16׳. März begebt die Wiener Judensaliaft die Jahrhundertfeier des Wiener Stadtfcmpeks in der Seitenstettengasse.Aas diesem Anlasse bereitet die K1׳dfasgemein!d׳e festliche Veranstaltungen vor. (J7’A.) Die •Hundertjahrfeier des Stadttempels in der Seitenstettengasse, welche die KuUusgemoiinde festlich begehen will, weckt Erinnerungen, die einen heute lebenden bilden mit Stolz und mit Schmerz erfüllen. Mit Stolz, •dass im Laufe von hundert Jahren die Wiener Judenschaft aus einer Meinen Zahl von tolerierten Schutzjuden zu der zweitgrössten Gemeinde Europas mit ausgezeichneten;Institutionen sich entwickelt hat Mit Schmerz, dass der Geist, der bei der Gelbur tsstamb des Stadttempels Pate stand, noch nicht vollkommen überwunden ist. Zur Gründungszeit des Stadttempels, also um die Wende des ersten Viertels ,des 19. Jahrhunderts wohnten in Wien usigafähr hundert ״tolerierte“ Faniilienhämpter mit einer Gesamtauhll von 500 Seelen. Was •die soziale Schichtung der Tolerierten betrifft, so ist es charakteristisch', dass umgäfähr 10 Prozent der Familien bereits damals adelig waren. Diese reichen Judenfamilien erlagen• infolge des Mangels einer Gemeinde, einer Synagoge, eines!Rabbiners׳,' ■die sie nach dem Toleranzpatent nicht haben durften, vollkommen den neumodischen Ideen der sogenannten Aufklärung. Aber auch die meisten von al! denen, die hier als Diener, Arbeiter, Hauslehrer, Buchhalter, also ׳unter verschiedenen Titeln unter dem Schutz der vom kaiserlichen Patent Tolerierten standen1, fanden seibstverstündlich nicht den Mut und nicht die Möglichkeit, gegen die reformistischen Pläne ihrer Sdhutzherren etwas einztiwenden. Von diesen• Schutzhefren war der energischeste und strebsamste, der Kraftmensch par excellence, der ״Takif“ Michael .Lazur Biedermann. Er ■entstammte der all t ehrwürdigen Kehilla Pressburg. Es scheint alben, dass ihn die;guten Geister dieser .heiligen Gemeinde nicht nach Wien begleitet hatten. Er stellte seine ganze Energie und zähe Ausdauer in den Dienst d׳e;r Aufgabe, den Reformlbestreibungen, die damals eine jiildisehe Grossgemcindc nach der anderen eroberte, auch in Wien eine Stätte׳!zu schaffen. 'Ueber den Geist der Reform urteilte der Dichter Heine wie •folgt: ״Wir haben!nicht mehr die Kraft, einen Bart zu tragen, zu fas.en, zu hassen und aus •Hass zu dulden: Das ist das Motiv, unserer Reformation. Die einen, die durch■ Komödianten ihre!Bildung und Aufklärung empfangen׳, iwoi'.'len dem Judentum neue Dekorationen und Kulissen geben und der Souffleur soll ein weisses .Beffchen statt eines Bartes tragen.“ Unter den jüngeren Reformrabbinern war damals Ra’b'b. Noa Mannheimer der aufgehenidc Sterri. Schon anlässlich seiner ersten Anwesenheit in Wien im Jahre 1S211 hatte er ׳ sich!gut eingelihrt: von den Vertretern ersucht, seine'Ansichten über den Ritus schriftlich ntedenznlegen, verfasste ei ein Gutachten unter dem Titel ״.Einige Bemerkungen über die Einrichtung einer •deutschen Synagoge“, 111 dem c.r vier Grundsätze'aufsteilte: 1. Die Anzahl der Gebete ist :zu ,beschränken; 2. in den Bethäusern ist die Landessprache!zu verwenden: 3. die Ordnung!und •der äussere Anstand sind aufrechtzuhalten; 4. alles, was ״gegen die Verhältnisse streitet und mit der bürgerlichen Lage im Widerspruch steht“, ist zu beseitigen. Als Postulate wurden überdies die Einführung des dreijährigen Zyklus in der Thoralesur.ig und die Ausschaltung ׳ der messianisehen Gebetstücke aufgestellt. Es •ist charakteristisch iiiir den Geist der damaligen Führer der Wiener Judenschaft, dass der ijunge Mannheimer Wien mit einem Dankschreiben• der Re- Präsentanten verlassen konnte, um drei Jahre später zuerst z!um Rel'igionslehrer, dann zum Prediger der Gemeinde׳ Wien bestellt zu werden. Bei der Grundsteinlegung des Seitenstettentempels am 112. Dezember 1S25 war er 'bereits der Wortführer seiner Glaubensgenossen. Gegen die Errichtung ׳eines ■modernen empels kennten wohl die Wiener konservativen Juden infolge ihrer Abhängigkeit! nichts vornehmen, aber von aussen wurden Anstrengungen gemacht.. um dies zu verhindern-.־ Das Prager Rabbinut hat an den Monarchen gegen'die Tendenz,■ durch Errichtung einer deutschen'Synagoge den ״Deismus“ (d. )1. eine aller religiösen Gesetze entkleidete Religion der ,״Vernunft“) einzufiiliren, Stellung genommen. Graf Sedlnitzky, der allmächtige Polizeiminister, erstattet am S. Mai 1S24 einen Vortrag an' Kaiser •Franz über die ..Bestrebungen des neuen Kultus: ״Diese Abweichungen werden von den frommen Juden mit Abscheu be-• trachtet, da darunter der die innere Religion vernichtende Deismus verborgen wirke!, wodurch ein neues. Schisma ,unter den Juden iherbeigefü'hrt werde.“ Doch diesen Interventionen gelang es bloss׳, die Errichtung des neuen Tempels und die!Bestätigung des neuen Predigers aufziischieben, verhindern konnten sie es nicht. Wälirend der Bau des Tempels vor sich ging, gestaltete Mannheimer die geistige Struktur des neuen!Bethauses. Leib und Seele sollten mit voller Pracht zugleich!ins Leben treten.'Es folgte Sitzung auf Sitzung, in welchen die Liturgie ■und die Ord- 111111g in! neuen Bethause festgesetzt wurden. ׳Es waren harte Kämpfe, die Mannheimer zu bestellen hatte. Der ,eine der Vor- Steher wollte dieses, der andere jenes Gabelstück nicht aus der Liturgie gestrichen wissen,' und zwar geschah dies nicht aus wissenschaftlichen •Gründen, .sondern weil es ihm gefiel, weil sich für ihn Reminiszenzen aus der Jugend daranknüpften. Dpch zumeist drangen die Ansichten!Mannheimers durch. ׳Er konnte triumphieren und am. 9. April des Jahres 1826 ׳die offizielle Einweiliung des neuen Tempels vornehmen. Die definitive Bestallgiuig Mannheimers als ״erster Religionslahrer“ an der hiesigen öffentlichen israelitischen Schule eriolgte erst am 7. Juli 1826. Die Polizeidirektion knüpfte hieran aber die Bedingung, ,dass derselbe ״in seinem Religionsunterrichte wie in seinen Religionsvorträgen strenge an die für Israeliten in den k. k. Staaten allgemein be- ' stehenden Vorschriften sich halte und weder hierin noch •bei den g-ttesdienstlichen Uebungen in der Schule oder im Bethause oder sonstwo irgend eine wie immer geartete Neuerung oder Abweichung von der durch die gedachten allerhöchsten Vor- Schriften sanktionierten Form und Weise des israelitischen Religionskultus eigenmächtig sich erlaube, endlch auch, dass er als ein wahrer Israelit in dem Sinne, in welchem die Staats- Verwaltung die Israeliten duldet, an dem Positiven des Mosais- . mus sich’ festhalte und jede naturalistisch-religiöse Tendenz bei seinen Vorträgen ׳in der Schule und im Bethause' sorgfältig vermeide“. Mannheimer hielt sich selbstverständlich nicht an diese Bedingung. Er versuchte als Prediger seine reformistischen Pläne durchziLsetzen. Er trug sich lange mit dem Gedanken, de u,t sehe Gebete in den Ritus aufzunehmen;, er hätte .noch, lieber den deutschen Gesang eingeführt und glaubte schon_ nahe am Ziel zu sein, scheiterte aber schliesslich doch am Widerstande der Teinpelvorsteher. Auch auf eine Orgel wusste Mannheimer der של פסח W » I N E כ ש י Riesling / Karlowltzer / Tökayer etc. äusserst billig bei RESTAURATEURS. MAYER SOHN Wien, II.. Haidgasse 10 §£* Im Funkschen Lokale

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.