Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 12 (1926)
- Issue
- 10 (5.3.1926)
- Date
- 1926-03-05
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Se if 74 JÜDISCHE PRESSE Nr. 10 .?rossten■ Gemeinden Polens revolutionierend wirken .wind, nicht nur in Polen selbst, sondern auch weit iü!ber die Grenzen des Landes hinaus. Es ist keine Uubertreibung, wenn! wir behaupten, dass nun in! Polen die Etappe einer grossen Entwickaung abgeschlossen ist. ׳Man erinnert sich noch lebhaft, mit welcher Konsequenz die Agiuda in Polen seitens der zionistischnationalistischen. Blätter totgeschwiegen wurde. Das war der Anfang. Als die Agarda dennoch eine, günstige׳ Entwicklung mhm, da sahen sich die zionistischen Pressorgane gezwungen׳, eine heftige Fehde geigen!die Aguda eiuzuleiten. Mit der Hemmungslosigkeit einer demagogischen Phraseologie wurde die Aguda in. gcradiazu teuflischem Lichte als ein walbres Unglück fii das jüdische Volk hingestel.lt. Auch dieser ׳Hasspropaganda gelang es nicht, der Aguda den ersehnten Todcsstoss zu v.2,rsetzen. Man konnte aber soviel erreichen, dass das orthodoxe Lager geteilt wurde, und hoffte, mit einem wahklurchdachteii intrigantenspiel die grosse Kraft, die in der geeinten Orthodoxie liegt, auf die Dauer zu unterbinden. Die sogenannten' unparteiischen Orthodoxen wurden auf den Schild gehoben, höfliche Verbeugungen vor der •jüdischen Religion gemacht, um ja mir irgendwie die Einigung inner!]!a'lib des orthodoxen Lagers zu verhindern. Der klugen, andauernden, geduldigen Arbeit der verantwortlichen Führer des polnischen Judentums gelang es נrtn, auch über diese Klippe 1hiniwegzukomimen. Die Orthodoxie stellt in Polen geeint da unld in dieser Einheit liegt die grosse Zukunft des religiösen Jaidenbums in Polen. Kein äusserer Feind kann dem thoratreuen Judentum einen solch grossen Schaden zufiiigen, als die Uneinigkeit im eigenen Lager. Der Aiexandrer iRebbe1, der hervorragendste unter den religiösen Führern ׳jener ■Gruppe, die sich bisher in der grossen Renaissancebewegung der Orthodoxie als unparteiisch erklärt!hat, gab über die vollzogene ׳Einigung seiner Anhänger mit den Agudisten seiner grossen Zufriedenheit Ausdruck. Nach einigen Zeitungsmelduugen/ soll diese Alliance unter den . orthodoxen Parteien auf eine diesbezügliche Einigung zwischen dem Gercr und Alexandrer ,Relbhie ziirückau'f'ülireti sein. Wie dem auch sei, für die Orthodoxie der ganzen Welt i st 1v 0 11׳ g r ׳ö s s t e r B e d e 11111׳ n g, dass hier persönliche Differenzen .und., •prinzipielle Bedenken vor der grossen Gefahr zuuüükgestollt wunden, die dem religiösen J 11׳ d 1c-, 11׳ t u m i 11׳!f o 1 g e s e i n e r Z e r s p 1 i 11 0׳ r 0111 g d ■r; 0111. Diese Ereignisse wenden aber nicht mir in Europa, sondern auch ,in Amerika, wo die Aguda zurzeit ernste Anstrengungen macht, um dauernd!Fiuss zu fassen, ihre Wirkung ׳iiiihlbar machen. Die erste Periode dies Totgeschiwiegenseins hat die Aguda auch in Amerika bereits hinter sich. Sie steht dort in der Blütb der zweiten EpoChe. Der konzentrische Angriff aller zionistischen Zeitungen richtet sich wie ■ein veritables Trammelfeuer ■ gegen sie, es werden jetzt dort alle aus den Kriegszditen ־- zurückgebliebenen Hassartikel gegeni die Deutschen, gegen die Aguda vervvendet. Wir glauben kaum, dass dieser Hassgesang gegen die Aguda in der Seele der amerikanischen Judenheit einen grossen׳ Resonanzboden finden wird. Mögen die!Massen •in jüdischen Dingen noch so un'imifor- . •miert sein, 'ihr •gesunder Menschenverstand, ihr jüdisches Hera werden hinter der Hasspropaganda der' zionistisdlien Zeitungen kein Jota ehrlicher Entrüstung, sondern mir den Aufschrei der gefährdet geglaubten iBustessintcressen vernehmen. Wir bedauern cs sehr, dass es in Amerika so gekommen ist. A'guidas .Tisroel hat in der ganzen jüdischen Welt, so auch in Amerika׳, eine historische Mission: Die Erweckung und organisatorische Erfassung des thoratreuen Judentums zu vollbringen. Diese Mission kann durch die Taktik des Totsohweig'ens, durch diu־. Methode der!Hasspropaganda wohl h'intangelhalten, aber ׳nicht dauernd gehindert werden. Es. soll noch einmal nachdrücklicihst festgelialten werden, dass seitens der Agu'daidclegation in Amerika k:e'iu Wort unld keine Hand- ■hing der Feindseligkeit und des ,Hasses gegen irgend jemand begangen wurde. Auch gegen dL, zionistische Presse erhebt sich seitens der Delegation bloss eine sachliche Richtigstellung. Einjähriger Hancelskurs Wiener Einjähriger Handelskurs Talmud -Thora - Schulverein Volks- und Bütgei ' für Knaben und Mädchen Wien, II., Malzgasse 16 Oest. Postspark.-Kto. 182.159 Spendet für das älteste und grösste jüdische Schulwerk Wiens! Unsere Bewegung ist rein, kämpft nur mit moralischen Waffen. Es ist nicht ferne der Tag, wo das '!jüdische Volk den unterschied zwischen seinen Führern und Verführern klar erkennen wird. Diese Erkenntnis kann durch die g!eeinte Arbeit aller Thoratreuen• rascher kommen, als es sich jene vorsteilen, die statt sachlicher Würdigung und historischer Wertung mit dem Gift des Hasses d:.. Arbeit der Aguda verfolgen. Wir bedauern, dass ■die zionistischen Führer aus der Geschichte nichts gelernt haben. ' Sie haben aus der älteren jüdischen Geschichte nicht gelernt, dass das jüdische Volk mir in seinem Glauben stark ist, sie halben aus der jüngsten Ge,- schichte nic)i3 gelernt, dass die religiöse Renaissance des jüdischen Volkes, die durch die Aguda so mächtig gefördert wird, durch solche Mittel nicht gehindert werden kann. P. Uebei* die Äguda in Amerika Die zionistische Methode. ״Die zionistische Exekutive in Amerika hat in ihrer jüngssten Sitzung auch über die Bestrebungen der Weit- Organisation Agudas Jisroel, einen amerikanischen Zweig zu errichten und liier die Methoden der zionistisehen Organisation in d c r G e 1 d a u f b r i 11 g u n g n ächz u a 11 m e n, beraten. An der Debatte beteiligten sich der Präsident der zionistischen Weltexekutive, Nahunv Sokolo w und der Dichter Ch. N. Bia 1 i k.“ Dies ist der Wortlaut der knappen Information, die von der Jüdischen Telegraphen-Agentur über die betreffende Sitzung der Exekutive der amerikanischen Zionisten verbreitet ״wird. Die zionistische Exekutive in Amerika nimmt zu einer Zeit zu Agudas Jisroel Stellung, als diese bereits an dritter Stelle der Bodenbesitzer in IJalästma rangiert, und gerade bestrebt ist, in ihrem Keren; Hajischuw einen Apparat zu schaffen, der als Finanzinstrmnent jener Orthodoxie in der ganzen Welt dienen soll, die bisher von der zionistischen Organisation nicht erfasst werden konnte. Hat man noch vor fünf Jahren in nationalistisch-zionistischen Kreisen gegen die Aguda den schweren Vorwurf erhoben, dass sie Palästina gegenüber sich ganz passiv verhalte, so kann sich die arnerikamsche zionistische Exekutive jetzt bloss darüber beklagen, dass die Aguda allzu ungestüm für Palästinazweclye'arbeitet.* penn die Gründung eines amerikanischen Zweiges dient ja hauptsächlich für PaJästinazwecke: Der zweite Vorwurf besagt in klarer Formulierung, dass, die Agudisten die! Methoden der zionistischen Organisation in der Geldaufbringung nachahmen. Durchhlättcrt man die grossen zionistischen Zeitungen, so versteht man an Hand der dort ausgesprochenen Befürchtungen sofort, was hinter dieser diplomatischen Verklausulierung steckt. Die eigene zionistische Methode in der Geldaufbringung bedeutet: Grosse Leistungen vorzutäuschen und auf Grund dieser Täuschung und unter Zuhilfenahme grosser Propagandafonds, eines kostspieligen Sammelapparates und zahlreicher Beamten eine stattliche Stimme für die eigenen Fonds und etwas Geld auch für produktive Arbeit in Palästina aufzubringen. Die zionistische Organisation, die eine eigene Methode! geschaffen hat, indem sie von Wäldern sprach, als noch kaum ein Bäum vorhanden war, von einer Kolonisation schrieb, als noch kaum die' Anfänge einer Siedlung bemerkbar waren, kleine Fabrikationen zu grossen Industrie- Schöpfungen ausposaunte, einen gewaltigen, gutbezahlten׳ Beamtenapparat unterhielt, da noch kaum für. einiget Beamte zu tun war, und dies alles, als die richtige zioni-i stische Methode zur Geldaufbringung patentieren Hess — die zionistische Organisation fürchtet nun, dass Agudas( Jisroel unter Missbrauch des zionistischen Patentes dieselbe' Methode für sich benützen wird. Nahum Sokolow, dieser verschlagene Diplomat, wird schon die richtige Formulierting des Bannes gegen diesen neuesten agudistischen Missbrauch finden und. der ״grosse Nationaldichter‘‘ Cliairn[ Nachman Bialik •wird womöglich die Verse zu diesem׳ Bannspruch liefern. Beide haben ihre Anfänge im Beth1 Hamidrasch gewonnen, und sic •tragen gerne den Tribut ihrer Dankbarkeit dem Betli Hamidrasch gegenüber in der Form ab, wie sie die richtige zionistische Methode verlangt. Nach dieser Methode soll man zwar ‘ den Beth' Hamidrasch idealisieren,‘ all jene aber, vor allem aber Agudas Jisroel, die diesen Beth Hamidrasch als Ge׳־ burtsstätte und , Ewigkeitsquell der jüdischen Seele nicht nur in schönen Versen, sondern, im lebendigen Leben erhalten wollen, in Grund- und Boden verdammen.! So und nichtanders lässt sich die zionistische Methode auf Grund der Darstellung der zionistischen Zeitung in Amerika charakterisieret!. Sollte die zionistische Exekutive ii! Amerika etwas anderes darunter verstanden haben, so sind wir gerne bereit, unsere irrige Auffassung richtigzustellen. ״Das Verwaltungskomitee der zionistischen Organisation Amerikas wurde bevollmächtigt, .die in dieser Hinsicht notwendigen Schritte zu unternehmen.“ So weiss die zitierte Zeitungskorrespondcnz das Ergebnis der Sitzung zu melden. Wir sind sehr begierig, zu erfahren, ob diese Schritte zum Frieden oder zu neuen Kampfhandlungen führen. ' * Louis Lipski arbeitet für Agudas Jisroel. Eine Purimbetrachtung eines amerikanischen Agudisten. L. Lipski entfaltet alle Tugenden eines Gesinmmgsgenossen im Interesse der Agudas Jisroel. Er scheint sich zu vergegenwärtigen, dass die finanziellen Quellen der Agudas jisroel nicht genügend sind, um eine ausreichende Propaganda zu entfalten. Mr. Lipski hat nun beschlossen, uns zu helfen. Wie vorläufig berichtet wird, hat Mio Lipski die besten und talentiertesten Schriftsteller organisiert, die mir der einzigen Aufgabe betraut wurden, Propaganda für unsere Organisation zu machen. Tag für Tag verfassen diese tüchtigen Krieger — Koralnik, Fischmann, S. Rosenfeld. Meyer Berlin, Efraim Kaplan, B. L. Goldberg, Shelvin und (endlich!) der verlässliche Dr. Melamed — Artikel, geschrieben in der malerischsten Sprache für den alleinigen Nutzen der Aguda. Von Küste zu Küste ist jetzt jeder über die Arbeit der Agudas Jisroel informiert. Und in was für einer wundervollen und originellen Weise! Es würde vielleicht einem Stümper plausibel erscheinen, dass sie die Führer der Aguda als Engel, P10־J pheten und Priester zeichnen. Aber das ist nicht so. Diese Art von Schilderung hat die Zugkräftigkeit verloren. In diesem Land kann jeder ein Engel, ein Moses, ein Prophet oder Priester sein. Da gibt es keine jüdische Frau, besonders die soziale Arbeiterin, die ohne Flügel wäre, kein Führer ohne den Nimbus eines Heiligen. Wenn ihr irgend ein englisch-jüdisches Wochenblatt öffnet und ihr seine Spalten prüft, seid ihr geblendet von der Offenbannig der Engel, Feen, Cherubim und Seraphim, welche die Elite der jüdisch-gesellschaftlichen Aristokratie repräsentieren. Jeder eine von den ״Ayner fun die viel* Millyon“ kann erhoben werden auf das Niveau eines Maimonides, eines Jeremias. Der Versuch, die prominentesten und berühmtesten Juden und Jüdinnen der •Welt namhaft zu machen, ist schon von vornherein ein totes Beginnen. Daher versuchte Mr. Lipski einen neuen, originellen Trick, nämlich die Namhaftmachung der zehn widerwärtigsten, abscheulichsten Judengestalten der Welt. Wer die sind? Die Antwort, natürlich, ist ganz evident! Die Grossrabbis und die übrigen Führer der Aguda. S1׳e• sind die einzigen grossen Sünder des Weltjudentiims. Wir sind mellt ganz sicher, ob dies wirklich die Absicht von Mr. Lipski ist, auf jeden Fall scheint sich' der Fluch des Bileam in einen Segen verwandelt zu haben, — der Fluch des Bileam und seines Assistenten Bolok ben Zipor. •Spendet für den Kindergarten und Jessade Mora der Adas Jisroel, Wien, II., Nest oygasse 11 Oesterr. Postspark.-Konto Nr. 177.855 Tel. 65-3-71, 65-1-66 —^——— Die Juden In Wiener-Neustadt. (Fortsetzung.) Die Fürsten Hessen in sich ob der Entrechtung der Juden im Interesse der Politik keine Gewissensquälen aufkommen. Dass diesmal Friedrich II. aus politischen Gründen gegen die Juden ungerecht verfuhr, kann ihn zwar nicht entschuldigen, lässt aber sein Vorgehen begreiflich 'erscheinen. Sonst war er ja den Juden nicht übel gesinnt; ja sein Edikt für die gesamte Judenschaft Oesterreichs, bei dessen Herausgabe er nicht mehr das spiessbiirgerliche Element einer Stadt berückichtigen musste, da sich seine Verhältnisse inzwischen günstiger gestaltet hatten, zeugt in allen Teilen von der humanen Denkungsart dieses Fürsten. Alle seine Vorschriften über die Zeugenaussagen zwischen Juden ׳und Christen, über die Bestrafung der an Juden verübten Verbrechen, den Schwur der. Juden, die Synagoge, den Totentransport, das Pfandrecht und andere Rechte der Juden, endlich über den Schlitz des Hausfriedens scheinen, für den dauernden Schutz der Juden und für die Festigung ihrer Rechts- Verhältnisse sehr wohl geeignet. Nur einen Fehler beging der Herzog in dieser Verordnung, er nahm die Juden nämlich z u s e )1 r in seinen persönlichen Schutz und machte .׳sie zu seinen K a m m e r k n e c ht eil. Die Kammerknechischuft ist zwar schon filteren Ursprunges; für die Juden in Oesterreich erhält sie aber erst in diesen! Privilegium; Friedrichs ,bestimmte Form. In ihr haben wir die .־Quelle vielen Unglücks und den Grund für die schiefe .Stellung der Juden zu suchen. Der Jude ist der Knecht, sogar das Eigentum der herzoglichen Kammer, und wenn ■ein-Christ einen Juden verwundet, hat er der herzoglichen Kammer 12 Mark Gold, den! ,Verletzten aber nur 12 Mark Silber und die Heiliings'kosten zu zahlen.׳ Der durch die Karnmerkiieclitschaft gebotene Schlitz blieb nicht lange Schutz. Die Fürsten nahmen sich der Julien ,so!sehr an und umarmten sie so heftig, dass . die Armen; daran fast erstickten. ׳Die Kammerknechtschaft wurde für die Juden zu einer drückenden Last, ihr Schutz wurde immer geringer und fragwürdiger, und da sie die Juden der finanziellen Verfügung ihrer Wohn.- orte entzog, zeitigte sie. den Neid, dem jeder begegnet,; der eine Ausnahmsstellung einnimmt und von dem man glaubt, dass seine Lage :günstiger ist als die der Mit- , bürger. Man konnte unmöglich ruhig zusehen, wie die ' Juden das, wäs sie .bei den Bürgern verdienten, der ׳herzoglichen Kammer abgeben mussten, und dass ihre Rechtsstreitigkeiten mit den Bürgern vor einem Ausnahmsgerichte . erledigt wurden. Wenn das Ausnahmsgesetz auch dem ersten Anscheine nach den Juden .günstig ist, wird es ihnen im Laufe der Zeit schädlich und gefährlich. Es begründet das Vorurteil, dass die Juden nicht solche Menschen seien wie die anderen. Auch das Ghetto, das ursprünglich:: den Schutz der Juden bezweckte, dient ihrer Einschränkung. Im Verein mit der Kammerknechtschaft saugt, es ihr Blut und ihre Lebenskraft aus und gibt sie der schrankenlosen Willkür einzelner Fürsten preis. Am. besten wird ׳dieser Zustand durch jene Instruktion ■illustriert, die der Markgraf Albert *von Brandenburg seinem Ratskollegium erteilte; ״Es ist im Lande allgemein bekannt,“ — so spricht die Instruktion — ״dass, wenn ein römischer König gewählt wird, er nach al'tem Brauch alle Juden verbrennen k ö n n e“.1) Hilfe gab es da nur eine; das, was Montecuccoh zum Kriegfiiliren benötigte, das allein konnte auch die Juden retten; Geld, Geld und wieder Geld! Die Gefahr konnte natürlich beliebig oft heraufbeschworen werden, auf dass Jas rettende Geld umso reichlicher fliesse. Die Städte benützten jede Gelegenheit, un% den Juden die ihnen von den Herzogen gesicherten Rechte zu schmäiern. Auch in Wiener-Neustadt wurden die Juden, nachdem die Stadt dem Herzoge in kriegerischen Zeiten gute Dienste geleistet hatte, immer das Opfer, *) Spiess, Archivische Nebenarbeiten (Halle, 1783). der Sündenbock. Kaum 10 Jahre nach der erwähnten Ausschliessung der Juden׳ Hessen die Wiener-Neustädter ihre Privilegien durch Friedrich erneuern, unter diesen auch die Ausschliessung der Juden aus den Aemtern. Kaum hatte 1251 der neue Herzog, Ottokar II., die Regierung angetreten, als auch schon die flinken Neustädter zur Hand waren und sich auch solche alte Begünstigungen bestätigen Hessen, die sie niemals besessen hatten. Der Herzog aber, der ihre Hilfe benötigte, musste ein Auge zudrücken. Aber dies alles genügte unseren heben Neustädter Bürgern nicht. Als die politischen Unruhen ihren Höhe- : punkt erreicht hatten, hielten sie die Zeit zur Erwirkung ■ eines umfassenden Stadtprivilegiums für gekommen,■ wie; es Wien schon lange besass. Sie stoppelten _ also eiligst; ein solches zusammen, behaupteten, es wäre, ihnen schon ■ von Herzog Leopold IV. verliehen worden, und ver- ׳ langten von Rudolf von Habsburg seine Bestätigung.; Rudolf liess sich aber nicht täuschen und verweigerte! die Erneuerung des falschen Privilegiums.1) Dennoch bildete dieses falsche Privilegium als Gewohnheitsrecht ’ das eigentliche Privilegium Wiener-Neustadts. Mit der Zeit geriet die Verweigerung seiner Bestätigung in Vergessenheit und es galt als echtes Privilegium. Auch , von ' den Rechten der Juden handelt es in den Kapiteln 109 | bis 113; im grossen ganzen stütztes sich auf die in Oesterreich! allgemein gebräuchlichen Judengesetze aus den Jahren 1244 und 1277, zeigt aber hie und da, bedeutende Abweichungen. Namentlich nimmt das Gerichtswesen der Juden ganz andere Gestalt an. Die diesbezügliehe Vorschrift (Kap.1009 ־) lautet: ״Die Lehre unseres christlichen Fürsten und unseres geistlichen, des Papstes, befolgend, schlossen Wir die Juden aus allen Aemtern und Würden aus, damit sie nicht mit ihrer Macht die Christen bedrücken . . . Wir 1) Winter, Urkundliche Beiträge (Innsbruck. 1877) und Das Wiener-Neustädter Stadtrecht des XIII. Jahrhunderts (Wien, 1880). . 5