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Jüdische Presse · 1926-01-22 · 4 (22.1.1926) · p. Seite 27

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Journal
Jüdische Presse
Volume
12 (1926)
Issue
4 (22.1.1926)
Date
1926-01-22
Page
Seite 27 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 4 JÜDISCHE PRESSE Seite 27 dem des Verzichtes auf Bibelgläubigkeit steht, so wäre dem Uebel durchaus vorgebeugt. D5e Gemeinde hätte dann zu wählen, zu welchem Standpunkt sie sich bekenne, an welche der beiden Organisationen sie sieb etwa anschliesst. Bei dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes wäre dann durch eine Abstimmung festzustellen, zu welcher Gemeinde der einzelne sich bekennt, und es hat dann eine Vermögensauseinandersetzung nach־ Kopf- zahl der beiden Gruppen stattzufinden, für unteilbare Vermögensobjekte wäre eine gemeinsame Verwaltung einzusetzen. Im Laufe der Zeit würde sich wohl der Zustand herausbilden, dass die beiden Organisationen für ihre gemeinsamen Interessen sich eine gemeinsame Vertretnng gteben; aber diese Zusammenfassung müsste freiem Entschluss Vorbehalten bleiben und darf nicht obligatorisch gefordert werden. Grenzfälle brauchen in diesen Auseinandersetzungen kaum berührt zu werden, so z. B. der Fall, dass in einer Kommune die Zahl der An-!länger der einen oder anderen Anschauung nicht genirgend g1;oss ist, um eine eigene Gemeinde zu bilden. Es müsste diesen dann die Wahl gelassen Werden, sich einer Religionsgemeinde ausserhalb ihres Wohnortes anzuschliesscn. Als Rechtsnachfolger irgendeiner Gemeinde müsste ferner die Organisation gelten. Wie notwendig eine derartige Klärung ist, lehrt noch folgendes Beispiel. Diejenige Gemeinde, welohe auf dem strikten Standpunkt des Religionsgesetzes steht, müsste dem Rabbiner einen massgebenden Einfluss auf alle Gemeindeangelegenheiten zugestehen. Man vergesse nicht, dass eigentlich alte Gemeindevorstände rabbinisch vorgebildet sein müssen; wenn man auch innerhalb der Orthodoxie auf dieses Verlangen, namentlich im Westen, verzichtet hat, so konnte dies nur unter der Voraus- Setzung geschehen, dass dem Rabbiner alle Beschlüsse zur Nachprüfung vorgelegt Werden, um feststellen zu können, ab nicht religiöse Interessen dabei verletzt werden. Für Neologengemeinden; deren Rabbiner dem Beruf nach fast nur Prediger sind, hat natürlich eine derartigle Massnahme keinen Sinn. Es werden also logischer weise die jeweiligen Gemeindestatuten verschiedene Bestimmungen über die Stellung des Rabbiners zu enthaften haben. Auch in dieser Hinsicht dürfte es unmöglich sein, dass die auf Autorität gegründeten Gemeinden mit den auf Demokratie aufgebauten auf Linie sich bewegen. Gehen wir nun zu dem speziellen Fall Polens über, so ist zunächst geschichtlich festzustellen, dass man dort früher eine Zusammenfassung der Gemeinde zu einer Organisation höherer' Art nicht kannte. Die Vierländer־ Konferenzen beruhten ganz auf der Basis der Freiwilligkeit und waren hier mehr eine Justizbehörde als ein Verwaltungsorgan. Es ist natürlich nicht zu leugnen, dass in Polen seit der neuen politischen Einteilung Gemeinden mit verschiedener Entwicklung sich befinden. Eine höhere Organisation würde unter Umständen viel Nutzen bringen können, aber gerade diese Verschiedenheit birgt auch eine Unzahl von Schwierigkeiten in sich. Anderseits ist es nicht zu verkennen, dass viele Erscheinungen der jüngsten Zeit es wahrscheinlich machen lassen, dass man in Polen in eine Organisation sich sehr rasch einlebt. (Fortsetzung folgt.) Die Stephen Wise-Affäre. Von unserem amerikanischen Korrespondenten. Das europäische Judentum sieht sich gewiss vor Rätsel gestellt, zu deren Lösung die europäisch-jüdische Mentalität nicht hinreicht. Der Präsident der Keren-Hajessod-Kampagne, die alle orthodoxen Synagogen in ihren Dienst stellt, hält kurz vor dem Beginne der Kampagne in seiner Synagoge eine wahre Missionspredigt. Die prote^ stantischen Geistlichen loben in ihren Kirchen diese Rede* als ״Pionierarbeit“ für das Christentum. Ist Stephen Wise‘ der eigentliche Schuldige? Wie kam es, dass Wise. der feine Anempfinder an die öffentliche Meinung, glauben1 durfte, dass diese Predigt nicht einmal die Oberfläche des zionistischen Gewissens kräuseln würde? Wie durfte! er überhaupt voraussetzen, dass er gefahrlos an denf Skrupeln des Misrachi und der Agudas Harabanim Vorbei־! kommen werde? Stephen Wise hat diesmal in der Tat die harmloseste Predigt der letzten Jahre gehalten. Er hat früher sogar Paulus als jüdischen Führer geschildert. Und es ist noch immer nicht entschieden, ob sicli Wise grtind-' lieh geirrt hat. Denn die zweite Sitzung der Agudat harabbanim hat bereits die üblichen 50 Prozent — fiftyfifty — von ihrem ersten Beschlüsse nachgelassen. In der ersten Sitzung hat der Rabbinerverband bekanntlich be-׳ schlossen, jede Arbeit für zionistische Zwecke zu ״assern“ solange Wise an der Spitze einer zionistischen Institution! steht. Wozu hat der Rabbinerverband eigentlich die zweite! Sitzung einberüfen? In der zweiten Sitzung hat man die׳ Resolution auf 50 Prozent herabgesetzt. Die Resolution lautet die Demission Wises müsse angenommen werden 000090«0«0«0«0«0«0«0«0*0«C o | I Telephon 7426״2״ Telephon 7426״2״ Wien, I. Graben 12 o 8 § i i o 1 1 o e i 8 o 8 I s o >0»0#0»0י0€»0»0«000904»כ0 (gegenüber der Pestsäule) Die neueröffnete, grösste u. modernste Werkstätte für Haararbeiten hat den Verkauf von Perücken, Scheiteln and Transformationen begonnen Der internationale Meister Karl S chiroky haftet jeder Dame für grösste Haltbarkeit trotz geringstem Gewicht (kein Kopfschmeiz bei festem Sitz) und für allererste Haarqualität Die Preise sind staunend niedrig ein führungspreise Bubiperücken von S SO.— aufwärts Transformalionen mit Scheitel v. S 55.— aufw. ,ו ohne <״ . ,, S45.— ״ Für Reinigen, Wasserwellen u Reparieren jedweder Perücken werden die billigsten Preise berechnet Versäumen Sie daher keines falls einen unverbindlichen Besuch im Graben-Frisier-Ialoo, I. Graben 12 Jede Perücke wird individuelldei Gesichtsform angepasst, daher vollkommen unauffällig!! § 8 8 o 1 8 8 o o 8 8 o 8 8 8. 1 o o >0 und wenn Wise im Amt verbleibe, werde man einen ganz selbständigen Drive für den Keren Hajessod machen! Worin wird die Selbständigkeit dieses selbständigen Drives eigentlich bestehen? Man wird in der orthodoxen . Synagoge, wie jedesmal, denselben Drive mit denselben Personen und Mitteln machen und wird etwa einen Eruw legen und dazu sagen: Behoden eruwa jihje lonu schoro? Die Rabbinerversammlung war natürlich hochinteressant. Es sprach Rabbi Berlin sehr besorgt über die schädliehe Wirkung der Predigt Wises, aber wirklich erschrocken schien Rabbi Berlin erst zu sein, als der ehrwürdige Rabbi Gusik in begeisterten Worten, die Lostrennung von den( Reformjuden forderte. Da sprang Rabbi Berlin mit!ganz eigentümlich gesteigerter Angst auf und bat, davon gewiss nicht zu sprechen, da dies eine Trennung in der Erez: Israel-Arbeit bedeute. Unter dem Saale, wo diese denkwürdige Sitzung! stattgefunden hat, zwei Stock tiefer, befinden sich die Lokalitäten ׳der ״Aguda Land and bu'ildiing Co.“. Jeder orthodoxe Rabbi, der zur Sitzung kam, musste das Tür-! schild des Keren hajischub sehen. Mitglieder der Agudas harabbanim! Warum hat kein einziger das Wort Keren hajischub auszusprechen gewagt? Ihr seid im Herzen zu 80 Prozent Agudisten! Warum bringt ihr nicht das Messiras hanefesch auf, in diesem Momente, wo euch die Ge-, schichte vor aller Welt zur Prüfung hinstellt, sich von Missionspredigern zum Chofez Chajim, von Klausner zu Reh Chajim Sonnenfeld zurück zu wenden? Lema hadower dorne! Im zweiten Stocke des Broadway Central Hotel in Newyork befindet sich — lemoschol — ein streng koscheres orthodoxes Restaurant und im! vierten Stocke sass Agudas Harabbanim an einem 'ge■1 deckten Tische (nicht Schulchan aruch!), man ass und stritt dabei, ob das Essen koscher sei. Der Eine schrie: Chaser trefe. der andere hielt es für möglich, dass es dennoch koscher sei. Aber man ass weiter, und jeder wusste, dass zwei Stock tiefer ein streng koscheres Restaurant, billiger, reiner, eleganter, dastehe. Mino hane mile? Der Meister und seine Nachfolger. Stephen Wise׳ suclit seine Propaganda für ׳den Stili,er des Christentums ׳damit •zu entschuldigen,!diass!er angib■,t, ׳nichts weiter getan zu haben, ■,als •das!Buch ׳eines jüdischen•!Gelehrten •im Jerusalem, ׳eines ,׳״Lehrers!an!der jüdischen Uraiveirs'ität“ .ztu zitieren. iDaJdurah trlitt!deutlich!der Skandal 11!er,vo׳r!, ׳dass!das Koimitiee!für die Erhaltung!des judaistischen Institutes in Jerusalem!iim vorigen Jahre ■trotz ׳der Warnung der,!hervorragendsten jüdischen Gelehrten unter dem. Hochdrücke׳!der religionslosen Zionisten darauf eingegangen׳ ist, einen!Herrn wie Da Josef K1 a u sn e׳r als' Professor zuzulassen. Das Buch Klausners hatte vor vier Jahren; als es ׳erschien, 'ein wahres Entsetzen :unter ׳den Fneatnid'eh ׳der hebräischen!Literatur und! der neuen ,Kolonisationen in Palästina ׳hervor,gerufen. Denn auch dieser konnte kein schwererer. Schlag!versetzt wenden׳, ■als durch•!den Verrat am Judentum!, welchen dieses Buch 'darstellt, ׳der, mm!so schwerwiegender war, ■als ׳er von!einem ׳führenden׳ ׳hehräicshen Schriftsteller!begangen wurde;. Es!genügt zu erw.hnen׳ ,׳dass im!diesem starken Bande von ■zirka 500׳ Seiten, worin ׳alles zusammengesahar׳r!t ist, ׳w:as nicht ׳etwa!kritische chaiistliiche ■Forscher!und Historiker, sondern fromme!gläubige!prostestiantische Theologen!über den ׳Nazarener ׳geschrieben haben; die ׳Persönlichkeit desselben ׳an die Seite der grossen Propheten Israels gestellt ■ umd1!über idiieselben sogar ׳erhoben wird. Es ׳komimt!darin der Satz vor, der Stifter der iKirche sei für das israeUitiisohie Volk ״'der g •r 0!s s ׳e L e h r e!r d e ׳r: 1M o r!a l,!d e r 1g r ö s s t e E t h ■i k e r“.!Es!erregte damals Aufsehen׳, als. ׳der!durch seine; zahlreichen wissenschaftlichen׳ Arbeiten, bekannte Gelehrte ׳Ralbibiilner Dr. Kamtinka, ein Mann, ׳der sicherlich nicht ׳a׳lls ״stoakarthoidox“ bezeichnet werden kann, am wie in Polen, und allesamt kranken sie deshalb an einer Art grosser Auslandverehrung. Nicht etwa nach London, Paris, iBerjlin oder anderen Grosstädten Europas geht ihre Sehnsucht, nein, hauptsächlich nach Wien■, der herrlichen Stadt, in׳ der iast alle frommen Juden 1״Mia'chniiss Orchim“ sind. Fromme Juden gibt es gar ■viele in Wien, die, trotzdam sie keine Pajes und lange Röcke tragen, so (gut sind und ihren armen Glaubensgenossen ans Polen immer heifen. Ja, die Sehnsucht aller, ׳die',mit den bösen drei Gebresten behaftet“ sind, geht nach iWien׳ ,׳wo so grosse Spitäler!und;so!berühmte Aerizte sind׳,!die auch' die schlimmsten .Krankheiten! mit •G-ttes Hilfe •׳hellen. Krankbeiten, vor denen selbst die' grössten Warschauer ׳Professoren ratlos ׳dastehen . . . Und neuerdings ■ist Wien ja auch die Stadt, . von wo ,׳aus ׳man noch am ehesten nach Erez Israel ׳gelangen kann . . . Ja, wer einmal nach Wien komimt, dem ist schon ״geholfen“ ... Man muss es nur einmal gehört• haben, wie sie das Wort ״Wien“ aussprechen, die frommen Juden aus den kleinen, weltfremden Städtchen Riussisüh-Palens . L. Die' einen!mit einem Tan, der voll Ehrfurcht und Zittern ist, beitiahe als ob• sie sagen würden: ״Jeruscliolajim.“ Die arideren mit einer fernen Sehnsucht,• als •sprächen• sie von einem schier unier!rcichbaren...Ort. Und (wieder andere, die keinen Freund oder Verwandten!besitzen, der je in Wien gewesen ist, die sprechen das Wort ״Wien“!ganz wesenlos aus, so als ob sic es eben erst frisch aus dem Wörterbuch ׳geholt hätten! ... Und wann erfüllt sich die Sehnsucht ׳des kleinen Juden aus dem kleinen ׳polnischen Städtchen, je nach Wien zu kommen? In!letzter Zeit, wenn er das Geld.beisammen zu haben glaubt, um sich in Erez Jisroel eine Existenz gründen zu können1, da kommt er nach Wien, um hier zu ׳erfahren׳, dass er keine Aussicht habe, in Palästina fortzukommen; meistens aber, wenn er eine Staraperation braucht oder sonst schwer krank ist. * So erging!es auch Frau Liwogura.' Sie war in Pajenczne, einem winzigen Städtchen in der Nähe von Gze.mstoohau, geboren, hätte dort ■mit 17־ Jahren!geheiratet, mit 18 Jahren das erste, ■mit!19 das zweite Kind gehabt us!w. Ihr Mann war Dajan, sie führte ein kleines, kümmerliches Spezereiwareuigeschäft, hatte 10 Kinder und sah heute mit 39 Jahren wie 53 aus, denn ihr Leben hatte gar viel Bitterkeit und Kümmernisse•...■:•׳. Sie hatte seit •ihrer Kindheit grosse Sehnsucht nach ״Wien“ gehabt, aber sich damit abgefun'den, dass, es ihr vorbestirmrit sei, ihr . Leben in Pajencze zu beschliessen. ׳Alber das Schicksal woite es anders. Der Mann er- '• krankte am Magen, ein Jahr quälte er sich herum, denn der : Doktor kostet viel Gfeld und das Dajanes und ein kleines Spezereiwarengeschäft in ■Päjemczne bringen!nur sehr wenig ein.— aber als die Schmerzen immer grösser wurden, fuhr man mach Cizemstoahau!zum •Arzt. Der verschrieb für 10 ׳Zloty Pulver und ,Tropfen, für weitere 10 Zloty verordnete ׳ er heisse Umschläge;, umd: als diese ׳nichts fruchtetem, kalte!Umschläge. Doch da die Knankheit zusehends sich verschlimmerte, gab er für abermalige 1Ö Zloty den Rat,!den Patienten׳ nach Warschau z׳u• einem Spezialisten■ zu bringen. So übenliess,!man ■denn dem ältesten Sohn Gescihäfit, Wirtschaft end .•die Sorge •für die jüngeren׳ ׳acht Geschwlster, das kleinste,, einjährige Kind ,kam ׳zur Schwester ׳des!Mannes,, die selber sechs kleine Kinder zu betreuen hatte, in Pflege, borgte sich •bei Freunden und Verwandten etwas Geld zusammen und fuhr nach Warschau. Der Spezialist, den Frau .׳Liwogura - mit!ihrem Mann aufsuchte, schüttelte den Kopf, riet der Frau, unbedingt nach Wien zu fahren;, umd stellte gegen Bezahlung eines!ansehnlichen Honorars eine Beseheiriigiung hierüber fü.r die Passbehörde; aus. Die,. Passbehörde weigerte sich entschieden, die Notwendigkeit anzuerkennen, dass Herr Liwogura nach Wien fahren! müsse, um dort seinen ■Speiaeröhrenlkrebs heilen zu . lassen, und wenn schon׳, so war er steuerfluolitverdächtig und!sollte ׳auf alle Fälle ■eine Kaution von 500 '׳Zloty erlegen, dann könne man die Sache im Instanzenzuge erledigen. In der töleimen, verfallenien׳ Liwogura erwachten u׳ngeahnte. Energien. Sie wusste, ihrem Mann konnte nur in Wien ,)geholfen“ werden, und so lief sie treppauf, treppab zu!sämtlichen Bekianimten:, ׳die ihrerseits einflussreiche Bekannte oder ,Verwandte , hatten, ,und bat zuguterletzt ,den ׳Oberrabbiner-so eindringlich, Ihr zu helfen', dass er ihr zusagte, bei den jüdischen :Senatoren In der Sache, zu Luterveni&ren. Sie schleppte den. todkranken Miann zum Amtsarzt und zu׳m Oberamtsarzt, bis sic es endlich erreichte, ׳dass!sie ,den Pass für nur. 100 Zloty bekam. Nun hatte man also den Pass zur Ausreise umd es fehlte nur noch das österreichische Vi1s1um. Das ■österreichisähe Konsulat in Warschau schickte die Frau zunächst mit einem Kompliment für den Hochstand der medizinischen Wissenschaft i׳n Polen weg; der Platin könne ׳ganz ®ut auch 'in Warschau behandelt werden׳, die Wiener Spitäler seien ‘überfüllt. Und überdies ,seien!!die jösterreidhisalien Ver- 'tretungsbehörden: iim Ausland angewiesen; von jedem Pass- -werber, der zwecks Spifälsbebandllun g nach Wien wolle# eine Kaution van 50 Dollar einiZuiheben, zur Deckung etwaiger uneinbringlicher Spitalskosten. Frau Uwoguras Wille,, ihren Mann in die ״gelobte Stadt“ 2u bringen und ihn gesund zu machen, war stärker; ■als jede buneauknatisehe Verordnung. Sie lief sieh die ,Pässe wund um Proteiktiion, ■über sie erreichte es auch wirklich, dass sie das Visum, oihne Kaution ׳bekam. .» Und!dann fuhr, ■man nach Wien. Der Sterbenskranke ertrug mühelos die Strapazen der beschwerlichen Reise in der Hoffnung auf ,)Wien“. Und Wien liat die Leute nicht enttäuscht. Alles, alles war Wahr, was man je in Pajjendzne über .Wien gesagt hatte. Der Professor, den man ׳in Privat- Ordination aulfsuohte — Frau ׳Liwogura hatte zu •diesem Zweck ihr letztes kostbares Besitztum, . den Chupe- KliidusaM'm-Riimg van!der Mutter, oleho liaschblaun ver- ,äussern müssen —, denn man wollte dadh ,in ׳aller Ruhe, nicht unter den vielen Leuten im Spital die Tauwo von den Lippen des erdrückend grossvn Mannes vernehmen.!Der (Professor also sagte, der Mann müsse, sofort!ins Spital.!Getobt sei Gott, denn wenn er ins Spital sollte, ׳d׳ann!!musste er doch auch noch heilbar sein. Iim Spital wurde Herr Liwogura, als die ׳Frau, erklärte, nichts zahlen zu können — 0 dreimal gebeneddite Sta'dt Wien! ׳— sofort unentgeltlich aufgenommen — der Fall war Selbst bei rigorosester Prüfung vollkommen ainabweisitich.- Und das: Kascheresisen bekam der Kranke auch von einem Verein' beigestellt — ja, ihre Sehnsucht nach .Wien1 hatte nicht getrogen. Von dem grossen, herriliclieni, reichen Wien, bekam F!rau Liwogura allerdings w׳enig .mehr au sehen!, als den SChottenring, die Alserstrasise und!den Saal voll Schwer-, kranker aiuf der Klinik Halje'k — immerhin ein schönes Stück Wien. Und von dem riasen'den Tempo!, in dem der Verkehr in Wien■ sich äbwiekelt, war in Rajencizne ■auch nicht ׳zu viel gesagt worden, das bekam Frau Liwogura am eigenen Leib Zu spüren. Alls sie eines Tages hastig den Sdioftenring ■übersetzen wöllte; um ihrem Mann ׳das Mittagessen zu bringen, fuhr ein elegantes Zweirad direkt in sie ׳hinein und warf sie um. Der Fuss!schwoll zusehends an, sie konnte sich nur mit Mühe weiterschloppen, aber sie verbiss den Schmerz, um ihrem Mann ein ״frelech ׳PunLm“ z'u zeigen, damit er nur,!Gott behüte, nicht glauiben sollte, dass er sohwetkrank sei. Unentwegt zeigte sie ihm' ein fröhliches Gesicht, fälschte beim Vorlesen die JammeriberScihte der Kinder, ■die daheim ׳entsetzlich froren, hunigerten, und •denen das winzige Geschäftchen׳ längst zerbröckelt War, zu lauter guten, frohen Nachrichten um, ׳in- •dem sie dabei ein eitles Mutterlächeln ln ihr gequältes, Gesicht zwang. Und ihre Tageskost, ,die grösstentelils nur aus einem Stück Brot und einem Apfel bestand, verzehrte sie niemals, wenin ,sie noch so. hungrig war, früher, ms bis sie bei ihrem Mann im .Spital war, vor dessen' .A'ugen sie. dann den Apfel, Innerlich heisshungrig, äusserllioh lässig, gleichsam als Dessert, verspeiste, ׳Ihr Mann sollte doch nicht glauben, dass •Ihr, Gott behüte, etwas abgiag. Alle Tage fragte sie den diensthabenden Arzt, wie es um Ihren Mann stünde; und die Aerizte!, die schon so oft Sterbende

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