Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 11 (1925)
- Issue
- 45 (6.11.1925)
- Date
- 1925-11-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 29ö JÜDISCHE PRESSE 1ä ® c ho m 1 o wä k ® £ 94 Die Joden and die Wahlen in der Vorbemerkung der Redaktion. ׳ Von einem Freund uns Uzliomd wird uns in »freundschaftlicher Weise der nach-; folgende Brie! zur Verfügung gestellt, den wir ׳ ' ■ gerne zum Abdruck bringen,!da er manch!bemerkenswertes Streiflicht auf bestehende ,! Verhältnisse lind die Gefahren der nationalistischen Bestrebungen wirft. Der Brief ist in ,־עי;./;‘ jiddischer Sprache geschrieben und von uns ,,::7 möglichst wortgetreu Obertragen. - Warschau, isrti cliag. Mein lieber Freund! .;Du schreibst mir, Ihr stündet vor einer. Wahl, und bei dieser Wahl vor einer schweren Entscheidung: das begreife.;ich, denn ich weiss, was wir durchgemacht haben. Ich will Dir nur einige Tatsachen berichten, denn Du bist zu!klug, ״als •dass Du meines Rates bedarfst. Du musst eben •das, was ich Dir zu schreiben gedenke, genau lesen, ־;und daraus ,wirst Du schon meine Meinung erkennen.• ifch kann aber nicht :anders, ich kann mich nicht zurückhditen, ich ׳muss Dir etwas von unseren Leiden erzählen,, das heisst ich kann es gar. nicht erzählen; denn es ■ist nicht .zu beschreiben, wie sehrschon in den Tagen des Krieges •. die nationalistischen Bestrebungen uns geschadet;haben. Ich will gar ׳nicht' davon sprechen, wie verderblich das auf unsere Jugend gewirkt hat und wie diese .Jugend angefangen hat, über uns Alte, zu lachen, weil es doch viel leichter sei, ein Volljuide ohne Mfzwes zu sein,;während wir Alten, Verknöcherten, mit unserem Majofis-Standpunkt de,m״^l^t1un sehr geschadet hätten. So..wurden alle Autoritäten erschüttert, und es wuchs ein Geschlecht heran, v^on^dern zu befürchten war, dass sich ah ihm erfüllt, was unsere Mischmi am Schluss von Sota;.schildert, dass sich die Kinder gegen die Eltern . erheben. Dem •Allmächtigen sei Dank, dass es uns gelungehMSt, gegen .diese Bestrebung mit ״Erfolg anzukämpfen:׳ Aber cläyon -will ‘ich nicht ,-sprechen.;־■ Ich; :will Dir npr! die »politischen Gefahren schildern. Renke 'Dir,. als unser Vaterland Polen in » seinen ersten Anfängen der Wiedergeburt war, da haben wir orthodoxen Juden in se׳hr . .!würdiger Form den ipolnlschen Behörieten eine Adresse, überreicht, in welcher wir unseren Zusammenhang ׳mit dem neuerstehenden Polen, aber auch unsere Hoffnungen und Wünsche für das Judentum zum Ausdrtiok brachten. ׳Diev Antwort, welche wir auf diese Adresse erhielten, war gleichfalls• sehr würdig lind sehr viejvprheis'sepd, im Vertrauen gesagt, nach ׳meiner beschpicjgpen• Ansicht, viel bedeutsamer als die jetzigen sogenannten Abmachungen zwischen Juden und Polen. Aber da hättest Du sehen sollen, wie noch an demselben Tage, als die Tatsache der Adresse bekannt wurde, die nationalistischen' Zeitungen auf die Orthodoxie losgeschimpft ׳und alles ׳Mögliche versucht •haben׳, um uns zu verhöhnen und unsere Tat als eine Majofis-Tat zu stempeln — allerdings, ich betone, damals war ־ Polen noch klein und in seinen allerersten Anfängen. ■Heute gebäret rniin?ich ja anders und. möchte die damalige Durittriheit ׳der nationalistischen ״•Politiker“• ' vergessen machen; Ich glaube, dass wir die Nachwirkungen dieser törichten, unwahren, jüdisch-chauvinistischen Art der Nationalisten heute noch verspüren. ,Es ist ja auch nach meiner Anschauung ganz klar, dass der nationalistische Ruf nach einer auf Grund der Zahlen festzustellenden Rechtslage in einem an und für sich national stark aufgebautem Staat bei ׳der!Majoritätsnation die Sehnsucht nach der alten zaristischen Methode der Prazentnorm . o׳der eines Numerus clausus ausgelöst hat. Und weiter, hast Du nicht gehört, dassman in Lettland׳ auf die nationalistischen jüdischen Bestrebungen sogar mit der Drohung geantwortet hat, man würde die Zulassung zum Handel, die Konzessionen nunmehr genau nach der Prazentnorm einrichten? Es ist ja in der Tat etwas Widerwärtiges, wenn sich ein Land sagen muss, dass ein Teil seiner Bürger jeden Augenblick nach Genf läuft, um sich dort über sein. Land zu beschweren, dass von auswärts Krethi und Pletlii komme, um hochnotpeinlictie Untersuchungen anzusteifen und nicht einmal in der Lage ist, die wirklichen Verhältnisse eines Landes genau •kennen zu lernen. In unserem Nachbarstaat, in Litauen, da hättest Du etwas erleben können. Da gab es einen jüdischen Nationalrat und «pln jüdisches Ministerium und ich weiss nicht, wie die Dinge alle hiessen. Ich wei!ss nur, dass die Herren Minister, als die Sachen schief gingen ׳und als in Litauen als Gegenstoss ein Rischus erzeugt war, von dessen Umfang Du Dir gar keine' Vorstellungen;machen kannst,, ׳schleunigst •wo anders' einen Posten suchten und fanden. Ich weiss nur, dass ein ,Jüdischer“ Minister in öffentliacher Sitzung gegen eine Subventionierung einer Talmud, Thora-Schule gestimmt - bat. Ich weiss, dass diese Minister jeden Versuch, die Erziehung religiös zu gestalten, aufs heftigste bekämpften. Ich weiss, dass der litauische Sejm eines schönen Tages die ganzen nationalistischen Einrichtungen mit einem Federstrich aus der Welt schaffte. Ich weiss, dass eine gesunde Organisation der Kehillo durch diese nationalen Organe hintertrieben wurde und dass nunmehr nach dem nationalen Purirmspiel, leider, leider die Jüdischkeit in Litauen sehr, sehr böse Stunden durchmachte. Und Du glaubst doch nicht, dass die Mächte, die in ihren Verträgen die sogenannten Minderheitisrechtc aufgestellt haben — ob sie wollen, darüber spreche ich gar nicht — auch nur •die Macht hätten, dann, wenn die nationa'llstisehen .Leidenschaften auf gepeitscht sind, uns zu helfen. Darum sage ich Dir, denke ״an dinschi es soheloim lioir. Hascliemjisborach möge Dir;.und unseren Freunden''die־ rechte Einsicht geben nnd als. alter, erfahrener Mann׳, der es gut mit Dir meint, kann ich Dir raten: Haltet Euch von allen nationalistischen Bestreibungen und allen nationalistischen Kandidaturen fern!. Denke daran, ehe es zu spät ist. Du.brauchst meiner Weisheit nicht zu glauben,!Es wird mich sehr freuen, von ׳Dir weiter über ■die Vorgänge amt dem laufenden erhalten zu werden. Dein Freund ,׳wie •ehedem ‘.ץ...tedr jehldi. Podkarpathska Russ. Wiederum sind die Augen-der gesamten Judenheif unserer Republik auf jenes Fleckchen Erde ׳gerichtet, des.־ sen Namen uns in den letzten Jahren so geläufig wurde. Wie vor; eineinhalb Jahren, alsdort •zum ersten Male; ein Zeichen des allgemeiueri ii'nd gleichen Stimmrechtes; Abgeordnetenwahlen für das Parlament und den :Senat viorgenommen wurden, so gewinnt auch jetzt der Umstand tJngewöhnliche Bedeutung, ^dasi. der Wahlbezirk Podkarpathska Russ der eirizigfe' in‘ *der ,Republik ist, in dem(;}•jüdenTi n’• *gen legendem li&tföässjg; f s jnd j ־ iu m;.bei^de mfc geltenden Wahlgesetz eyqn-tu eil einen, eigenen Ab-, . geordneten ins Parlament zu \y;äi!11en. Hat doch eine jiidisehe Wahlliste beim ersten Wahlgang die ״Wahlzahl“ erreicht (das heisst abgegebene Stimmen dividiert ׳.durch die Zähl der zu Wählenden Abgeordneten), so ‘kommen sämtliehe in allen Bezirken auf die .Listen ejer betreffenden jüdi-< sehen Partei abgegebenen Stimmen dieser Partei ■beim' zweiten Skrutinium zugute imd;־sie kann dadurch im giin-׳ stigen Falle noch' einige weitere Mandate ׳erlangen. 1 Es soll heute nicht abermals ,auf die Frage zurückgegriffen werden, die von mir in diesen Blättern schon des öfteren au^rohrlich behandelt wurde, ob jes hier irr der Tschechoslowakei überhaupt notwendig oder vorteilhaft sei, als Juden, unter j ü d i s c h e r!Fahne, geson- . der! von den anderen Staatsbürgern in ,jüdische n Par-׳, teien an den Wahlen teilzunehrnen. Wir stellen uns vielmehr auf den Boden der gegebenen Tatsache, dass ein• grosser Teil der jüdischen Wähler freiwillig, zielbewusst und-vorbedacht, und ein anderer, vielleicht;noch grösserer Teil gegen seine bessere׳ Ueberzeugung, notgedrungen jund! widerwillig sich auch diesmal ,dazu entschlossen ׳hat, unter jüdischen Wahlparolen zur Wahlurne zu schreiten. Und wie im gesamten innerjüdischen Leben gegenwärtig vor־[ wiegend zwei lebende Kräfte, das alte,!historische, in der Jahrtausende alten Religion verankerte .(und auf die religiöse PflichterfüÜung eingestellte Judentum! und der moderne, unter dem Einfluss des Zionismus( zu einer geschlossenen Weltanschauung zurechtgedachte) auf die Säkularisation aller jüdischen geistigen! Güter hinstrebende n e u j ii d i sehe N a t i o n al i s m u s,׳ um den Vorrang im Werden und Weben der jüdischen Geschichte gegeneinander kämpfen, so werden auch;im׳ jetzigen Wahlkampfe zwei apf politischer Basis jorgani-' sierte Parteien׳• um die Stimmen der jüdischen Wähler die nationalistische ״Jüdische Partei“ und die j-ealpolitische ״Jüdische W i rts c h af ts p a r t e i“. Und die *Juden und Jüdinnen von ,Karpathorussland, diese poli-' tisch unerfahrenen, von demagogischen Schlagwörtem so leicht zu verwirrenden und von grellen politischen Schlaglichtem so leicht zu blendenden Menschen, [sollen nun; nicht nur für sich entscheiden, welcher der beiden Wege! ihren Idealen und Interessen mehr entspricht,!sondern in' ihre! Hand ist auch der Schlüssel zum politi-' sehen und wirtschaftlichen S c h i c k s a 1 d e s gesamten. tschechoslowakischen Judentunis während der nächsten Jahre gelegt. ' t Sind sich die jüdischen Brüder in den karpathorusslsehen Gemeinden Ihrer verantwortungsschweren Pflicht und der furchtbar ernsten Aufgabe, die Ihnen aus dieser Fügung der Wahltechnik erwächst, auch In vollem Ausmasse bewusst? Das ist die grosse Frage, die wir mit Zittern und Zagen stellen. Der Wahltag des 15. November wird dar auf die Antwort geben. Noch hegen ,wir die feste Zu- . versieht, dass sie uns mit Stolz ׳und Freude ob der klarblickenden Gesinnungstüchtigkeit unserer schlichten Mas- ־ , sen erfüllen wird. ' G-tt, der allgütige Hüter Israels, beschütze und bewahre uns vor der zweiten Möglichkeit, die dem Namen des klugen und weisen Volkes“ Schmach und Schande bereiten und unseren Lebensinter,essen [für! lange Zeit unwiederbringlichen Schaden zufügen könnte. In dieser entscheidenden Stunde erwartet die 'ge-׳ samte jüdische Einwohnerschaft unserer Republik von den Juden in Karpathorussland vor allen Dingen ,Treue zu sich selbst, dann aber auch S o 1 i d a r i t ä t s g e f ii h f mit all den jüdischen Männern und Frauen in unsere!! Republik, die gleich ihnen — einen edlen Gedanken, den sie , hegen, eine jede Tat, die sie vollführen und( , ein jedes Gefühl und eine jede!Regung ihres Herzens! dem G-ttesgebote der jüdischen Wahrheit und der jüdisehen Wahrhaftigkeit unterordnen. Es darf niemals, mehr wieder geschehen, dass gerade i tt jenem L a n d e s t e i 1 e, dass die dichtesten Massen streng orthodoxer Einwohner be- " sitzt, in dem zahlreiche angesehene jiVd i- . sehe Gemeinden blühen und her.vorragende ra'bbinische Autoritä-ten das Volk lehren und leiten, Verwirrung in den Köpfen jun d H e 1־ z e n p 1 a t z g r e i f t und tausende jüdische Menschen, sc.hnöden Verrat an den heiligsten Gütern und den wichtigstem Interes- 7־ sen des Jude 111 ti ms üben, nur weil die Führer nicht alle ihre Kräfte aufgeboten haben,;um das Volk!; rechtzeitig genug und eindringlich genug über die Grösse . der Verantwortung aufzuklären, die einen jeden '!Einzelnen trifft, wenn der po^t^sp he jüdische Nationalismus in unserem Landä unte^ Berufung ,auf die erlangte Stimmenzahl einen־ Schein' von Legitimität (erhält:. Wer wirklich Zionist ist, wer die zionistisch־;,; nationalistischen Ideen wirklich gutheisst, und entschlossen ist, auch für sich und seine ־ Kinder ein neues Judentum : ,.zu7jschaffen^ da&s.Qach׳,),den,\.T.epdenpn des religionsfremden jüdischen Natiöhalismus'״geleitet sein soll, nun;*’-•; der, aber nur der, mag sich der Politik der Zionisten .. aiischliessen, wenn es sein Gewissen erlaubt. Wer aber in seinem Privatleben, in der Führung! seines Hauses und' in den Wünschen seines Herzens, ׳ein ■ Jude , ist und ein Jude bleiben, will, wie es seine Väteij waren, wer den Zionismus und die ganze nationalistische '; Politik in seiner Gesinnung verwirft — ,und das tut bis auf ׳ eine verschwindende Minorität-fast ein jeder orthodoxer , Jude und eine jede fromme jüdische Frau — der versündigt sich an Klal Jisroef, der begeht Verrat an des* heiligen Thora und allen Interessen des Judentums, wenn! er etwa wegen egoistischer kleiner materiet- I e r Vo rf e i I'e, oder sei es durch die Ve r b 1 e n d u ng her marktschrei er ischen S c h I a g w o r t e, im frivoler Weise seinen Wahlzettef auf eine Partei abgibt, mit der er vor der Wahl und nach der' Wahl keinerlei Gemeinschaft zu haben wünscht. Wir respektieren eine jede, aufrichtige -und ehrliche ' Gesinnung, wir bekämpfen den Gegner, aber wir verachten ihn nicht; traurig und verabscheuungswert!müsste indessen der Jude in seinen eigenen Augen e rscheinen, del* aus Gleichgültigkeit oder Leichtfertigkeit die Hand dazu bietet, den gefährlichsten und unjiidi- . schesten Ideen Einzug ins Judentum zu verschaffen. . Ich hoffe und harre, dass meine Brüder in Karpathorussland, aus deren Kreisen ich so oft Zustimmungskundgebungen für meine Artikel erhalte, auch diese klaren . und ungeschminkten Worte beherzigen und einhellig־ auf . Liste Nummer 19 der ״Jüdischen W i r t s c h a f ts p a r t e i“ stimmen» werden. C i v is J u d a eus. I s I Telephon Nr. 64. Gegründet 1872. ßERNAT PRE1SZ & Söhne Presov (Eperjes) SBiritüoSBn־"■ ’ " . Rumu■ Likärfabrllc empfehlen erstklassige Liköre eigenen Fabrikats in jeder Qualität. כשר Weine von 40 Lt. aufwärts Slibowitz und Treber כשף. 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