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Jüdische Presse · 1925-09-25 · 39 (25.9.1925) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
11 (1925)
Issue
39 (25.9.1925)
Date
1925-09-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 260 Nr. 39 JÜDISCHE PRESSE wie jener Jude, der seinen Abfall von der Thora wohl nicht mit der Taufe, sondern mit der Annahme ׳von europäisch-nationalistischen Thesen oder marxistischen Lehren verknüpft. Alle diese ״besseren“ Juden haben dem Judentum nur Unheil gebracht. Jude, du bist nur dann gut, wenn du treu bei der Thora und Tradition deiner Väter bleibst! P. ©@® 1 Vom Tage. | ©0^ Das ,Komitee der jüdischen Delegationen an der Arbeit. Die berüchtigte Tätigkeit des sogenannten Komitees der jüdischen Delegationen in Paris, das des Wohiklanges halber zumeist unter dem französischen Namen Comite des deiegations Juives, in der Oeffentlichkeit auftritt scheint noch immer nicht liquidiert zu haben. Ein Komitee’, das mit souveräner Verachtung aller demokratischer Grundsät2$ noch nie den Versuch unternommen hat, irgendeine Legitimation für seine Tätigkeit beizubringen; ein Komitee der Delegationen, das von niemanden delegiert wurde. Ein Komitee, dessen geistige Dependancen in den einzelnen Ländern, die sogenannten jüdischen Nationalräte schon längst als überflüssige, ja schädliche Gebilde liquidiert haben, hat also noch immer den verzweifelten Mut, sich in jüdische Angelegenheiten einzumengen und zu den bisher begangenen Verbrechen noch neue hinzu•* züfügen. So berichtet neulich die Jüdische Telegraphen- Agentur, dass ihr der Führer des Komitees in Paris* Leo Motzkin, mitgeteilt hätte, dass ״das Komitee der jüdischen Delegationen dem Völkerbund ein Memorandum überreicht habe, in welchem gegen die Verletzungen der nationalen Minderheitsrechte seitens der litauischen Regierung Klage geführt wird. Herr Motzkin erwartet, dass der Völkerbund sich demnächst mit der Angelegenheit befassen wird. Die Anschläge Litauens gegen die jüdische Minderheit im Lande sind bekannt. Die .Regierung löste laut Beschluss der Sejmmehrheit den jüdischen Nationalrat auf, liquidierte den Posten eines Ministers für jüdische Angelegenheiten, vernichtete die Autonomie der jüdischen Gemeinden und führte ein Zwangssonntagsruhegesetz ein, welches eine schwere finanzielle Bedrückung der Judenschaft Litauens bedeutet.“ Es ist wenig tröstlich für uns, dass Herr Lucien Wolf, der zumindest der legitime Vertreter einer legitimen Körperschaft, des Joint foreign Komitees in London ist, beim Völkerbundrat eine andere Anschauung vertreten hat. Er führte nämlich bezüglich Litauens aus, dass keine Handhabe gegeben sei, gegen die litauische Regierung wegen der Auflösung des Jüdischen Nationalrates und der Auflassung der Position des jüdischen Ministeriums beim Völkerbund einzüschreiten,. da die Errichtung solcher Institutionen in dem von Litauen Unterzeichneten Minorittenvertrag nicht vorgesehen sind■• Die Frage der Minderheiten in Litauen ist' Gegenstand der Verhandlungen beim Völkerbundrat, der einen dies-; Statt Karten! innern konnte. Nicht selten waren sie die ärgsten Schreier im antisemitischen Lager, um mit ihrem Lärm die Aufmerksamkeit von ihrer jüdischen Abstammung abzulenken. Was erklärt nun plötzlich das Wunder, dass sie sich organisieren, dass sie sich stolz als Juden bekennen, dass sie mit jüdischnationalen Problemen sich beschäftigen, dass sie sogar gemeinsam mit den Zionisten sich am Aufbau des jüdischen Heimlandes beteiligen wollen? Wir glauben diese Erscheinung im Zusammenhang mit ähnlichen Vorgängen der jüdischen Welt erklären zu können. Es war eine Zeit, wo die Thora!und ihre Grundsätze die souveräne Herrschaft in der jüdisehen!Gemeinde ausübten. Jene Juden, die in diesen Zeiten die Thoragesetze nicht mehr gehalten haben, sind der öffentlichen Verachtung anheimgefallen. Ihr Abfall war gleichbedeutend mit ihrer Ausscheidung aus dem öffentliehen Leben der jüdischen Gemeinschaft. Unter dem!. Druck der öffentlichen Meinung ist es in jenen Zeiten deri Gesetzesübertretern nicht einmal in den Sinn gekommen, irgendeine Stelle in der jüdischen Oeffentlichkeit zu verlangen, oder ihr Wort in jüdischen Angelegenheiten zu erheben. Erst als die Gesetzesübertreter zahlreicher wurden und die innere Geschlossenheit der jüdischen Gemeinschaft sich lockerte, fanden sie den Mut, aus ihrer Anonymität herauszutreten und für ihre von der Tradition abweichende Anschauung Gleichberechtigung zu erstreben• Sie beganinen energisch Reformen in der Gemeinde zu fordern und allmählich wurden sie aus den Geduldeten die Mit-, später die Meistbestimmenden. So sehen wir heute überall, dass! diese der Thora und Tradition entfremdeten Gruppen einmal ihre sozialistische, dann ihre nationalistische Anschauung als die herrschende in der Gemeinde hinstellen wollen. Selbst die Thoratreuen haben heute nicht mehr den_ Mut, die Thoragesetze'für, die einzige souveräne Macht in der Gemeinde zu erklären* denen sich jeder Jude unter־/ werfen muss. Derselbe Prozess vollzieht sich nun im! Kreise der Täuflinge. Sie haben, solange die jüdische Religion die unangefochtene Herrschaft im jüdischen öffentliehen Leben führte, als Geächtete, jeden jüdischen Ver׳־ kehr gemieden. Sie haben selbst ihre Taufe als moralisehen Makel empfunden, den sie gerne verhüllten. Erst jetzt, wo ein grosser Teil der Judenheit selbst, eifrig bestrebt ist, die jüdische Religion zu dethronisieren, um! einen modernen, mit allen Religionen, beziehungsweise mit jeder Areligiosität verträglichen Nationalismus statt ihrer auf den Schild zu .Heben, erst jetzt ist auch füi/• die Täuflinge die Zeit gekommen, aus ihrer Not eine Taugend zu machen. Es ist gelungen, auch dem Täufling eine prinzipielle Grundlage zu zimmern, auf welcher er erhobenen Hauptes, nicht nur als Jude, sondern als•, ,,besserer“ Jude erscheinen kann״ Solange die; Thora die souveräne Herrscherin in der jüdischen Gemeinschaft war, gab es im besten Falle g u te Juden. Seit diese Souveränität• von jüdischer Seite bestritten wird, haben. wir bei den Rebellen liberaler, nationalistischer oder sozialistischer Observanz; den Typus, des ״,besseren“ Juden ׳erleiben müssen. Dieser unangenehme Typus des ״besseren“ Juden tritt uns nun diesmal neben ,den areligiösen jüdischen Abarten in der •Form des ״religiösen“, den. zionistiscHen Atheisten abholden ״Juden-Christen“ entgegen. .1 In der Flucht all dieser Erscheinungen gibt es eben bloss einen festen Punkt.. Das ist der Jude, der, seiner Thora ,und Tradition treu bleibt. Wenn ein- ׳mal diese Treue gebrochen wird, gibt es keinen ׳Halt mehr. Wenn, einmal ,der Thora die!Herrschaft entrissen wird, so entsteht .eine Weltordnung, in welcher der Juden-Christ mit derselben׳ iprinzipeillen Berechtigung sich als ״höherer“ und ״besserer“ Jude hinstebhen ׳kann,. ב״ה Salamon Kornblum und Frau Wien Nachmann Kahane Saffet, Palästina beehren sich, die אי״ה am Donnerstag י״ג תשרי ־ (1. Okto er 1925) um 3 Uhr nachmittags in Wien in der Schiffschul Stattfinder de Vermählung ' ihrer Kinder Erna und Lewy Isak ergebenst anzüzeigen bezüglichen Antrag von Lord Cecil angenommen hat• Der litauische Vertreter Galvanauskas gab die Ver- Sicherung ab, dass Litauen die Bestimmungen des Verträges loyal erfüllen wird. Herr Galvanauskas informierte ferner den Völkerbundrat dahin, dass seine Regierung im Juli d. J. das Verbot der Minderheitssprachen auf Geschäftsschildern aufgehoben hat. Denn nicht immer und überall bietet sich gleich eine Gelegenheit, die verderbliche Arbeit dieses Komitees der nicht existierenden Delegationen zu paralysieren. Herr Motzkin und Herr Sokolow, die sich eigentlich hinter dem hochtönenden Namen Comite des deiegations Juives verstecken, sind rührig und verschlagen genug, ihre jüdischnationalistische Politik mit allen ihnen zur Verfügung I stehenden Mitteln rücksichtslos zu vertreten. Denn wenn diese Herren nur irgendwie Rücksichten beachten würden, so wäre gerade Litauen das Land, das sie in Ruhe lassen sollten. Die jüdisch-nationalistische Politik des Herrn Motzkin und Sokolow haben die jüdische Position in Litauen ganz zerschmettert. Freilich, anfangs schien es andiers. ln Anbetracht eines jüdischen Ministers, eines jüdischen National rates und ähnlicher jüdischnationalistischer Körperschaften haben dieselben Herren noch in dem Bericht, den sie in ihrer Eigenschaft als Mitglieder der zionistischen Exekutive an dem XII. Zionistenkongress im Jahre 1921 erstattet haben, stolz behauptet,. dass _es in Litauen im Gegensatz zu Polen gelungen war, die in Betracht kommenden Verwaltung«- stellen durch Zionisten zu besetzen. Dank dieser zionistisehen Verwalter ist Litauen das Musterland einen, jüdischnationalen Autonomie geworden. In kurzer Zeit reifte die Frucht dieser Autonomie. Es gelang den jüdischnationalistischen Funktionären, das Verhältnis der Juden zu den anderen Nationalitäten, besonders aber zum litauisehen Staatsvolke, derart zu vergiften, dass die letzteren die jüdischen Verdienste bei Schaffung des selbständigen Litauens ganz und gar vergessen haben. Die Errungenschäften einer jüdisch-nationalen Autonomie konnten so in der hasserfüllten Atmosphäre nicht behauptet werden. Sie sind auch in den letzten zwei Jahren nacheinander verloren gegangen. Die Vertreter dieser Politik, die Herren Minister Dr. Rosenbaum und Solovvljcsik haben grollend ihrem Vaterlande den Rücken gekehrt. Die armen Juden aber, die nicht so leicht die heimatliche Scholle verlassen können, haben nun die Suppe auszulöffeln,' die mit der ■ politischen Staatskunst der Herren Motzkin und Sokolow gekocht wurde. Sie haben jetzt in Litauen ein solch( Uebermass von politischen und sozialen Elend zu .ertragen, dass sie nicht mehr die Kraft haben, gegen ihre Verderber kräftig genug zu protestieren. Dieses Schweigen missbraucht nun, Herr Sokolow und Motzkin, um sich jetzt nun nicht in Paris, sondern in Genf in die innerlitauischert. Verhältnisse einzumengen. Man hat ihnen diesmal das Handwerk gelegt. Die jüdische Oeffentlichkeit sollte aber aus dem. schrecklichen Beispiel Litauens die Lehre ziehen, diesen Herren ein für allemal zu verwehren, sich aia ungebetene Protektoren in die innerjüdischen Verhältnisse der einzelnen Länder• verhängnisvoll einzugreifen. ב״ה Za meiner אי״ה am Donnerstag 1) י״ג תשרי• Oktober 1925) iim 3 Uhr nachmittags in Wien in der Schiffschul stattfindenden Vermählung mit Fräulein Erna Kornblum beehre ich mich hiemit all meine Freunde und ' Bekannten freu dlichst einzuladen ׳ Rabbiner Lewy isak Kahane Brooklyn, New York ■^■li^m^«u^M^na1■■^■וווו^וnוווווו■^■ו ■iiiinwmMaB■—mms die Brotaktion der A.J.-Jugendgruppe zugunsten der hungernden Palästinaemigranten Soenden werden in der Jüyendgruppe, II. Ob. J | Donaustr. 69, Tel. 45747, In der Agudas Isroel, XX. Bäuerleg. 20 und in der Redaktion des Blattes entgegengenommen. mnuammmaamammmm₪mmgm 11 Der *letzte Kol Nidre. Aus dem Polnischen ins Deutsche übersetzt von (R. H'4 Das düstere und rätselhafte Licht einer grossen/ in einem mit Sand gefüllten Mörser stehenden ׳Wachskerze, deren flimmerndes Licht sich mit; den!zitteifn'deri Flämmchen vier kleinerer Stearinkerzen vereinigte, erleuchtet ein kleines, doch reinliches Stübchen des blinden Meschorer Jankiel. , . ׳ l In dem Stübchen herrscht jene majestätische, feierliehe Stille, die selbst dem Gange des Zeigers der alten hölzernen Uhr Halt gebietet, und aus der krankhaften. Brust des-hier sterbenden Greises vernimmt man!ein leises ängstliches Stöhnen, welches die kaum hörbaren Seufzen des jungen am Bette sitzenden Sohnes Abraham ,übertönt* Jankiel ist durch ein unheilbares Leiden und ׳'dessen . brutalem Verlauf seit fast einem Jahre ans Bett gefesselt und erwartet ungeduldig den einzigen Erlöser — den, Tod — denn er glaubt unumstÖsslich, dass der Tod eine Erlösung, dass mit demselben für die Tugendhaften lund Frommen ein neuer Frühling, ein durch nichts!getrübtes־ neues Leben beginne, voll Sonne, Wahrheit und Licht! Denn er hat seit 40 Jahren — seit 40 wie die 'Ewigkeit langen Jahren das Licht der Welt (nicht gesehen — er hatte .noch nicht das 25. Jahr zurückgelegt, als er, durch den gerechten Willen Gottes sein Augenlicht verlor und ewige Grabesnacht ihn umfing. Während dieses Zeitraumes sehnte sich seine Seele eben so sehr nach dem Lichte, wie sein väterliches Herz' nach dem Anblicke seines jüngsten, ihm von Gott vor 20 Jahren zur Freude seines Alters geschenkten Sohnes.! jetzt, angesichts ' des Todes, dessen eisigen Hauch er schon in sich und um sich zu verspüren glaubV quält ihn der Gedanke, ob er sich wohl durch sein irdisches Wallen dieses neu״en Lebens verdient gemacht hat —' ob der Tod ihm Licht — oder ewige Finsternis bringen׳ werde. 1 Vor einer Weile waren alle seine Lieben dagewesen,' Kinder und ׳Enkel, er küsste und segnete isie, ohne ihr Antlitz zu schauen, er wusste, dass, es sein letzter Segens- Spruch sei, dass das letzte Mal die ׳heissen Tränen seiner' Lieben seine abgemagerten Hände netzen, dass es (sein letzter Vorabend des Jom-Kii)pur sei. ( Jörn-Kippur!... der heiligste der heiligen Tage, an dem alles, selbst Kinder und verkrüppelte Greise derl Synagoge zueilen, um den Herrn und Richter des Welt1־, alls um Vergebung der Sünden, der Sün'den des Nächsten! und der Sünden Israels zu flehen. Und er so elend!...׳ so elend darniederliegend, nicht nur nicht selbst imstande,( die zehn Schritte weit entfernte Synagoge aufzusuchen, sondern auch seinen geliebten Sohn an sein Bett fesselnd.1 Es ächzt und stöhnt seine gequälte Seele,!es blutet sein Herz und sein ganzes Wesen erzittert!unter dem( Schluchzen, dass er nicht mehr wie früher in der Synagoge! im Chore das Lob des Herrn mitsingen und um Erbarmen für dessen auserwählte Kinder, um - Erlösung aus diesem׳ sklavischen Leben flehen kann. Die Fromiqen sahen!und lauschten gern der schönen einschmeichelnefen Stimme des im Chore seit fast 60 Jahren mitwirkenden bj^nden Jankiel, denn kaum 7 ׳ Jahre alt, übergaben ihn seine Eltern׳ dem alten Vorbeter Zur Ausbildung in den Chor.! ,Drei Vorbeter haben seit jener Zeit das Zeitliche gesegnet, aber Jankiel sang an jedem Samstag!und Feiertag mit seiner metallenen sonoren Stimme das Lob des Königs der Könige und war der Dolmetsch der Gebete aller treuen Söhne Jakobs. . . ' Es dunkelte bereits, doch Jankiel sah das [nicht, er empfand bloss ein Kältegefühl, das seine Kn'ochen ,bis ins Mark durchdrang und seinem von Schmerz brennenden Herzen Kühlung brachte. ״ Die Lichtflut der Synagoge ergoss ihren Reflex mit die Scheiben des kleinen ärmlichen Stübchens und ■warf ins Innere einlen roten blutigen Streifen,. der .die Flammen der Wachskerzen und deren vifer Stearingefährten verdunkelte, die sich gleichsam ihres elenden Schimmers zu schämen schienen. > .! Aus der alten Synagoge vernahm man anfangs ein leises Raunen, das immer deutlicher und deutlicher, von Stimmen getragen, •zu einem von Tränen erstickten Gebete vieler hundert Menschen anwuchs, Nach einer Weile erstarb allmählich das leise Stimmengemurmel, um dem‘ anfangs leisen, aber immer lauter werdenden Gesänge des Vorbeters und dessen Chores Platz zu machen, und es erklang das ergreifende uralte Lied ״Kol ,Nidre“. Jankiel schien es, als ob nicht nur der Chor, nicht nur ein Teil seiner Glaubenisbriider, nicht nur sein ganzes Volk, sondern alle Völker der Erde, das ganze Weltall, die ganze Natur: Tiere, Pflanzen, selbst Steine — ,als ob; alles, alles mit einstimmte, in das der ׳Ewigkeit geweihte Lied ״Kol Nidre“. I Und• er durchlebte in diesem Liede die ganze sonnige Vergangenheit, die trübe und düstere Gegenwart und die magisch-dunkle Zukunft seines unglücklichen, schmerzensreichen Volkes. Er sprang plötzlich auf und ein lauter Wehruf entrang sich seiner gequälten! Brust, als wollte pr in diesem) Schrei den Rest seiner Kräfte festhalten — er setzte sich im Bette auf und bedeckte sein Gesicht mit seinen leichenfahlen Händen. ( Erschrocken schnellte der Sohn von seinem Sitze auf, doch der Vater schob ihn mit einer Handbewegung bei- Seite und sprach: ״Singe mit mir!“ und ■es erscholl von den Lippen des alten Meschorer das letzte Kol Nidre so schön, so sonderbar ergreifend schön, als sollte mit dem letzten Tone des Liedes das All zusammenbrechen und in Nichts vergehen. Denn das Lied durchzitterte der ganze Schmerz) das ganze Weh seiner vierzigjährigen Sehnsucht nach dem Lichte, das grenzenlose, Jahrtausende währende Unge1־ mach seines vaterlandslosen, gedrückten Volkes, dieses Lied, das eine stille, traurige und doch überirdisch-titanefi'• hafte Klage der ganzen Menschheit ausdrücken — eine Klage, die selbst mit dem Grabe nicht auf hören sollte. Der Chor in der Synagoge hatte längst, zu singen aufgehört, aber Jankiel sang, sang und sang — aber die Kräfte verliessen ihn allmählich, er sang immer leiser und fiel mit dem Liede auf den Lippen aufs Bett zurück, hin■״ hauchend ״ich sehe“ und schloss auf ewig seine blinden, nach dem Lichte sich sehnenden Augen. Sein Sohn, hingerissen vom Gesänge des Greises, gewahrte dessen Tod nicht, er stand an der Leiche seines; Vaters und sang weiter die schöne, uralte Weise Kol Nidre*

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