Mannheim
Compact Memory

Jüdische Presse · 1925-08-14 · 33 (14.8.1925) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
11 (1925)
Issue
33 (14.8.1925)
Date
1925-08-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2629891-2630099-2630130--1914-2633724
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 216 JÜDISCHE PRESSE Nr. 33 mit. Sie ist und bleibt notgedrungen modern, aber jüdisch ist sie nicht. Sie hat die kurzlebige Kraft moderner Ideen aber durchaus nicht die lebensgestaltende Wucht autochthoner jüdischer Gedanken. Im Anfänge, als die Idee des ,modernen Zionismus in den Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts entstanden ist, hafteten ihr noch ut/verkennbar die Merkmale der Humanität an, wie sie von( liberalen Jahrhundert in Europa hochgehalten wurde.; Herzl, der Gründer, ist aus Mitleid dem Juden.־ problem näher gebracht worden. Er pocht mit elementarer Gewalt an den Panzerkassen der grossen P h i 1 a n־' thropen, die für ihn, der noch mit beiden Füssen in der Aera des Liberalismus steht, anfangs eine überragende Be* deutung innehatten. Er akzeptierte auch U g a n d a als greifbare Möglichkeit einer Linderung der für sein humanes Herz unerträglichen Judennot. Die zunehmende Nationalisierung der euro päischen Völker hat dann auch jene Söhne Israels, die mit ihrem Geiste mehr in der nichtjüdischen Aussenwelt! als im jüdischen Leben verankert waren, mächtig ergriffen. Der Sieg des Nationalitätenprinzips brachte auch einen ungeahnten Aufschwung für die in dieser Periode vollkommen auf dem Nationalitätenprinzip fussende zionistische Organi* sation. Die z e i tg e m ä s s e Idöe. des Zionismus hat unter Juden und Nichtjuden, die zeitgemäss sind oder als solche erscheinen möchten, grosse moralische und materielle Er־ folge gehabt. Doch diese Zeitgemässheit hat dem Na־ tionalismus den Todesstoss versetzt. Der nationalistischen Idee entstand eine siegreiche Rivalin in dem Internate nalismus. Jene jüdischen Gruppen, die eine Festigung in der überlieferten jüdischen Tradition nicht mehr hatten, erlagen der Versuchung auch in bezug auf diese Idee: Heute feiert die sozialistische Internationale glänzende Triumphe über die Idee des Nationalismus, der noch vor einigen Jahrzehnten modern, heute bereits rückständig; reaktionär und volksbetörend geworden ist. Unter den vielen Gruppen der zionistischen Organisation, wie unter den Chaluzim in Palästina, spielen heute bereits die sozialistischen Parteien die wirksamste Rolle. Also schaut der zurückgelegte geistige . Weg aus. Das äst die Entwicklung von dreissig Jahren.. Die zionistisehe Organisation w'i de rs p־ie-ge.lt immer die herrschende Idee Europas, aber durchaus n i c h t d a s‘ e vv i g lebende Ideal des g-tt■*' :e r k 0 r e n en j ü d i s c h e n Vol;ke'si Die zionistische Idee hat im letzten Vierteljahr■! hundert grosse Eroberungen gemacht, weil sie modern war, dies ist zugleich ihre Stärke und ihre Schwäche. Ihre Wandlungsfähigkeit ist nicht das Zeichen einer lebendigen Vitalität, sondern das Zeichen ihrer Abhängigkeit von den /herrschenden europäischen Ideen. Sie ,ist durch und durch 'europäisch, klar verständlich für jeden, der in den Kämpfen der europäischen Völker gross geworden ist. Sie ist aber inadäquat dem jüdischen Volke, ganz' und gar untauglichy■ das Schicksal des jüdischen Volkes zu meistern, wenn -das jüdische Volk etwas anderes als alle anderen euro-;päischen Völkerschaften ist. Die Orthodoxie, die über- .zeugt auf der Grundlage des überlieferten g-ttlichen Thora: :gesetzes steht, die Orthodoxie, die das Wesen des jtidisehen Volkes, seine Bestimmung, seine Einzigartigkeit gerade in seinem G־ttesvolkstum erblickt, sucht die Judenfrage im Geiste der Thora, also adäquat dem jüdischen Volkswesen zu lösen. Sie wird im ständigen Gegensatz bleiben zu jenen, die von zeitge müssen europäischen Ideen beeinflusst das jüdische Schicksal g l e ich den üb r i g e n Völkern'lösen wollen. Diese Differenz in der Beurteilung des zurück■ gelegten Weges, dieser Unterschied in der Wertung deii vollbrachten Leistung der zionistischen Organisation ist selbstverständlich grundlegend auch für den künftigen Weg. Auch der XIV. Zionistenkongress wird diesbeziiglieh keine neuen Wege einschlagen können. Demnach werden jene Gruppen in ihm, die am meisten zeitgemäss sind, das sind die sozialistischen, die stärksten sein, sie werden die Richtlinien vorschreiben. Jene wiederum, die in dieser modernen Gesellschaft das ewige jüdische Ideal vertreten möchten, die Misrachisten, werden naturgemäss im Hintertreffen bleiben, selbst wenn ihnen die Technik des modernen Parlamentarismus gefällige Kom* promissformein in den Schoss spielen würde. Misrachi als Vertretung des thoratreucn Sinaivolkes hat keinen Platz in der durchaus im guten und schlechten Sinne des Wortes modernen zionistischen Organisation. Er selbst müsste die Tragik seiner Situation am tiefsten empfinden. Diese Tragik geht ins Komische über, angesichts der Tatsache, dass Misrachi einstweilen, wie dies seine dies״ wöchige Wiener Konferenz wiederum gezeigt hat, noch immer sich in e i n e r F r 0 n t s t e 11 u n g g e ge h Rechts gefällt. Doch jeder Kongress, der infolge der Kurzlebigkeit der modernen europäischen Ideen fast in jedem Jahrzehnt mit einer neuen Ideologie zu kämpfen hat, zeigt immer mehr und mehr die unmögliche Situation des Misrachi. Wann Misrachi selbst seine schiefe Situation erkennen, wann er aus dieser Situation die Konsequenzen ziehen wird; wann der Zeitpunkt kommt, in welchem sich alle t h oratreuen Juden auf Grund ihrer gemeinsamen Lebens Wahrheit in einer Organisation verbinden können,' wissen wir nicht. Es muss aber.kommen. ,B is dahin aber ist der Zi 0n is t e n k o 11־ gress keine Tribüne für die erdrückende Majorität der thora treu gebliebenen J udenheit. Diese Orthodoxie muss vielmehr, solange der Zionistenkongress die Vertretung des ganzen jüdischen Volkes für• sich in Anspruch nimmt, hiegegen mit Hinweis auf die relativ g e r i nge Zahl der v.o 11■ ihm Vertretenen, hauptsächlich aber im Hinblick, au f die un jüdische Ideologie, die ihn beherrscht, entschiedenen Einspruch* erheben.. Diese prinzipielle Ablehnung der fremden Ideologie! .diese Stellungnahme gegen usurpierte Rechte schliessen es aber nicht aus, dass die in Agudas Jisfoel organisierte unabhängige Orthodoxie bei einzelnen politischen Akten bei Durchführung einzelner praktisch-wirtschaftlicher Aufgaben in Erez!.'isroel ■e'i'n;;׳ Stüde'.'Weges gemeinsam mit der. Zionistischen .Organisation geht. Zw ei grosse j ü d b sehe Organisation.en,. mögen sie in Welt•' ־nschauun gs f r a geh. n ö c h so w e i't vone in־' a n d e r'e ri't'f'e r itt'S dTfi, m ü s s e ri bei Lösung geJ w i s s e r p r a;kftii s^h öfä^jyPg $$ sich zu ei n:e ף. Gemeinsamkeit verstehen,' wenn sie der j ü d i s;c h e n Sa cjve nie 111 dauernden Schaden zufüg e׳n w ,0:1 ieW;; D|ä;|j';\v i,l!;die u n ä b h ä n g i g ä Orthodoxie sicherlich ni-ch.t. Hegt sie doclj d i e. u ri v.e r w ü st 1 i,c־h;0 H.Q.f f n un g, d ä s s ge r a d e! ihre, auf den ewigen Grundlagen der Thora ׳ u n d Tradition sich vollziehende Arbeit, die von .den Besten unseres Volkes ersehnte Zukunft vorbereitet, in welcher der Zionismus jenes jüdisch Volk unterwegs ist» das erkannt hat, die Erbs.chaft der Väter nur im Geiste ihrej• Lehre dauernd besitzen zukönmen. P• Vom Tage.. ©©© Seid(»- nnd Woll -Talesitn זיידען־ & וואלל־טליתים ערציינט David Windscliauer, Wien IX., Servitengasse ־ Nr. 10 / Telephon 16-217־ Der Willkommgruss der österreichischen Regierung; Auf eine Interpellation in bezug auf den ZionistenkongressJ hat der Bundeskanzler der Republik Oesterreich dem Sinne nach etwa folgendes geantwortet: ״Die Zionistische Organisation ist bestrebt, der Wanderung der Juden die Richtung nach Palästina zu weisen. Demnach ist es nicht eine Frage der Sympathie oder Antipathie, wenn wir auch von einem rein österreichischen Standpunkt den Zionisten einen möglichst vollständigen Erfolg wünschen: Eine Politik, die der jüdischen Wanderung andere Wege und Ziele als die mitteleuropäischen Länder weist, enbf spricht sicherlich den Interessen aller Beteiligten. Die mitteleuropäischen Länder, also auch Oesterreich, haben( jedenfalls Ursache, die Auswanderung von Juden in die jüdische Heimstätte und daher die zionistische Bewegung gutzuheissen.“ Wahrlich, das ist ein Danaergeschenk. Man mag zum Zionismus stehen wie immer man will, eine derartige Interpretation der zionistischen Idee hätte man sich nicht träumen lassen. Das furchtbare Veen Kauneh der historischen Prognose des Mahnwortes in der heiligen Schrift ist so zur Wahrheit geworden. Unverhüllter konnte das wahre Gesicht der sogenannten Sympathien für den Zionismus nicht gezeigt werden. Also nur um die Staaten Mitteleuropas — Amerika hätte in diesem Zusammen■»1 hang mit gleichem Rechte erwähnt werden können — von der furchtbaren Möglichkeit zu befreien, den Unglück-! lichsten ihre Grenzen zu eröffnen, begri'isst und duldet man die Idee sowohl, wie ihren sinnfälligsten Ausdruck, den Kongress. Wahrlich, wenn die Zionistische Organisation auch nur irgend einen Teil'der Judenheit zu vertreten sich anschickt, gegen diesen Willkommensgruss müsste der Kongress laut und deutlich protestieren. Die Nebenkongressa. Die Flügelparteien der Zionistischen Organisation haben mit ihren Nebenkongressen bereits diese; Woche begonnen. Von den Linken haben! P o a 1 e - Z i o n und H i t a c h d u t, von den Rechten die Jugendverbände des Misrachi (Zeire-, Hechaluz- und Hapoel-Hamisrachi) und der M israchi-Verband halten zurzeit ihre Konferenzen in Wien ab. Bei . beiden Gruppen ist d i e S o r g e gemeinsam, ob der bevorstehende Kongress ihre Geldforderungen in genügend hohem Masse honorieren wird. Dabei sind diese Flügelgruppen sehr eifer־ süchtig aufeinander. ׳Bei Misrachi glaubt man,. dass die Arbeiter den Jablo.no wer Rabbi nur deshalb in den* Rang eines Propheten (der Poalc-'Zionist Juris hat sogar eine gerade Linie von Nazareth bis Jablonow gezogen) erhoben haben, um vor dem Kongress den Bürgerlichen zu zeigen, dass cler Teufel nicht so schwarz ist, wie man ihn macht. Hingegen verdächtigen. die Arbeiter Misrachi» dass er nur deshalb die Einheit der Arbeiter1 durch Gründung misrachistischer Arbeitergruppen zu stören versucht, um auch unter diesem Titel Geidforderungen an die gemeinsame Kassa erheben zu können. Nebst diesen materiellen Sorgen kommen selbstverständlich noch1 andere Momente in Betracht. Rabbi F ischmann erblickt zum Beispiel eine Zurücksetzung gegenüber den Arbeitern auch darin, dass die zionistische Exekutive ohne Befragen des Misrachi mit der, Agai d aj also.p]it einer religiösen Organisation, Verhandlungen; begonnen/hat, hingegeri /upter־‘. handelt sie in, Arbeiterfragen nur durch die Arbeiterorganisation. Die misrachistische Exekutive unterliess es selbstverständlich nicht, dagegen zu protestieren. . Rabbi Fischmann hält übrigens eine Verständigung der Aguda mit den Zionisten für ein Churban Houma, da er durch diese V e r s t ä n d i g u n g, sonderbar genug, die Einheit der jüdischen Gemeinschaft gefährdet sieht. Trotz dieser fanatischen Abneigung gegen die Aguda beeinflusst sie überaus stark alle Debatten. Sie wird überall als Vergleich herarigezogen. Die Organisation liegt auf den!' Boden; auch bei der Aguda ist es nicht besser. Die Finanzen sind schlecht; auch die Aguda ist nicht reich. Aus Polen kommt Kritik in Uebermass, aber Geld für die Organisation kaum 10 Pfund; auch ,polnischen Schlumaks sind nicht anders usw. Von den innermisrachistischen Problemen hat die Spaltung des' Poetf-Hamisracfii und der A u s t r׳i 11 . aus dem Assefath-Hamweharim grössere Debatten hervorgerufen. In diesen Befangen hat die Leitung eine scharfe Kritik über sich ergehen ׳fassen müssen, die nur mit Rücksicht auf den Mangel an führenden Persönlichkeiten beschwichtigt . werden konnte. Hingegen scheint , das Frauenwahfrecht bereits positiv entschieden zu »wer-. Die neue Flucht. Von Dr. Felix Kanter, Zwittau (Mähren). Motto: ״....'.und ihr werdet flüchten und niemand wird euch verfolgen.“ (III. B. M. Kap. 26, 17.) , Neu ist diese Flucht eigentlich nicht. Sie bietet( nur eine neue Erscheinung im Judentum — die Flucht aus dem Hause. In früheren Zeiten spielte sich das ganze Leben des Juden innerhalb ״seiner vier Wände“ ab, in seinem Hause, im Kreise seiner Familie. In seinem Hause .genoss er die höchsten Freuden und erduldete.d,ie bittersten( Leiden; in seinem׳ Elternhause wurde er geboren, dort wurde er erzögen, dort hat er ״gelernt“ oder gearbeitet, später sich verlobt und geheiratet. Dann hatte er sein eigenes Heim, sein, eigenes Haus und lebte so, wie er es im Elternhause vor sich'sah: er lebte zu Hause, in seinem Hause. Heute bringt der moderne Jude den grössten Teil des Tages und die grösste Zeit seines Lebens ״meist; ausserhalb des Hauses zu. Nichts wird in unserer Zeit so! gemieden wie das Haus; die grössten und wichtigsten! Ereignisse unseres ״Familienlebens“ spielen sich ausser*, halb des Hauses ab. Geheiratet wird nicht im Hausen sondern auswärts oder unterwegs, in einem fremden Re-! staurant, einem Gasthofe oder in einer Bruderloge. Gei 1boren wird , man in einem Sanatorium, einem Krankenhaus^ oder in einer Frauenklinik; die Kinder schickt 'man mög-n liehst frühzeitig in die Fremde, um dort zu lernen und dort; sich für das Leben vorzubereiten. Und wie man'in der Fremde gelebt, so ziehen es viele vor, in der Fremde zu sterben; im Sanatorium, Krankenhause usw. Möglich, dass die Verhältnisse sich geändert haben, dass diese Art von1 Flucht aus dem Hause ein Postulat der neuen Zeit darstellt und in den Zeitverhältnissen begründet ist. Eines jedoch steht fest: die Flucht aus dem Hause ist nichlj jüdisch. Diese Flucht, ,die, wie jeder nüchterne Beob-, achter gerne bestätigen wird, seit Ausbruch des Kriege^ eher zunahm als abnahm, ist geeignet, dem mit Recht vielgepriesenen jüdischen Familienleben den letzten Rest{ seiner Poesie, seiner Innigkeit und Sinnigkeit zu nehmen, Aber nicht nur unser Familienleben, sondern auch1 ein Teil unseres religiösen und kulturellen Lebens spielt sich meist nicht, in den zu diesem Zwecke bestimmtet Räumen ab, sondern ausserhalb derselben, in Räumen, diel anderen Zwecken dienen. Es gibt Kultusgemeinden, die ihre Sitzungen im ״Klub“'eines Kaffeehauses abhalten, weil angeblich dort eher die Beschlussfähigkeit einer Ver- Sammlung zu erzielen wäre; manche jüdische Vereine haben überhaupt kein anderes Lokal als das Kaffeehaus, Dort kommt man zusammen, dort wird debattiert, dis״ kutiert, disputiert und beraten über Fragen von weit־! tragender Bedeutung. Ueberhaupt scheint das Kaffeehaus; nach und nach die Stellung im Leben des einzelnen Juden! wie überhaupt der Judenheit einzunehmen, wie früher — sit venia verbo! ׳ — die ״Klaus“ und das; Beth-hamidrasch; hier fand er seine Gesinnungsgenossen( hier hatte er die Chewra, der er angehörte, hier hatte et* seinen ״Schiur“ und hier fand er nach des Tages Miiherl und Sorgen seine Erholung und Zerstreuung. Jetzt hat der Jude ״sein“ Kaffeehaus, oder, wie man in Oesterreich zu sagen pflegt, sein ״Stammcafe“. Hier hat er seine ichtig f&r reisende Jaden! אד Central-Hotel Wien, 11., Taborstr. o m Sladtze ntrumOll 150 neueingerichtete Zimmer // Zentralbeheizung // Kalt und warm fliesaendes Wasser // Telephone in jedem Zimmer I. Jüdischen Reisenden IO9/« Rabatt, il. Zimmerpreise: S 5-6.50 Kartenpartie, hier findet er ״seine“ Gesellschaft, hier sucht;er seine Ruhe und Zerstreuung in allen Stunden des Tages und auch teilweise der Nacht. Und wie man sich einst im Beth-hamidrasch über eine schwierige Talmudstelle stritt, für einen guten ״Chason“ sich begeisterte und schwärmte, über den Raw lind seine Drascha disputierte, so streitet man heute im Kaffeehause über — eine Kartenpartie, eine Kegel- oder Billardpartie; so echauffiert man sich dort wegen einer Soubrette, einer Koloratursängerin und des Theaterkomikers. Und wie einst es manche gab» die in ihrer Liebe zur Thora an bestimmten Tagen des Jahres ihre Nachtruhe opferten und im Lehrhause wachten, so soll es auch in neuester Zeit an solchen sonderbaren! Schwärmern nicht fehlen, die sich keinen Schlaf gönnen und wachend in der Bar oder im Kaffee hause den däm־ mernden Morgen erwarten. So ist eigentlich alles beim alten geblieben; die Szenen haben nur gewechselt und auch die Personen, ihre Ziele und Zwecke, ihre Ansichten und Anschauungen, ihr Geschmack und ihre Geistesrichtung. Kein Volk weist so viele Gegensätze auf, wie das Judentum — meint ein geistreicher Schriftsteller. Kein Volk hat so viele Asketen ׳und so viele Schlemmer und Prasser, so viele Gelehrte und so viele Kartenspieler, wie das Volk Israel. Die alte Geschichte: lex extremes se touchent. Und wie die Männer, so die Frauen. Gleiches Recht für alle. Was den Herren recht ist, ist den Damen billig. Der Besuch des Kaffeehauses ist manchen Frauen in vielen Städten der ehemaligen Donaumonarchie — direkt zu einem Bedürfnis geworden. Auch viele Frauen fliehen aus dem Hause ins Kaffeehaus. Zur Hebung und Förderung des Familienlebens trägt diese sonderbare Flucht jedenfalls nicht bei. Einst galt der Grundsatz in Israel ״Kol Kwudoh bass melech pnimah“, *,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.