Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 11 (1925)
- Issue
- 21-22 (28.5.1925)
- Date
- 1925-05-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite i 47 Nr. 21/22 JÜDISCHE PRESSE wiederum derart geworden, dass der mühsam aufgebaute Stock von Monatsspendern allmählich abbröckelt. Unsere Finanzverwaltung wird gezwungen sein, nach neuen Einnahmsquellen Umschau zu halten. Subventionen: Vom Zentral-Hilfskomitee New York liaben wir im Jahre 1923 K 13,070.000, Im Jahre 1924 K 21,860.000 erhalten. Leider ist diese bedeutende Subvention, für die wir dem Central R e 1 i e f C o n> m i 11 e e in New York und seinem Wiener' Komitee unter dem Vorsitz Sr. Ehrw. Herrn Oberrabbiner S. Fürst Dank sagen, einstweilen gänzlich eingestellt. Wiederum ein schwerer Schlag für unsere, ohnedies ganz־ erschütterte Finanzlage. Die israelitische Kultusgemeinde: Die Subvention der israelitischen Kultusgemeinde betrug mit den Bethausspenden, die uns durch die israelitische Kultusgemeinde zukamen, insgesamt im Jahre 1923 K 7,000.000, im Jahre 1924 K 95,000.000. Diese Summen sprechen Idar über das zunehmende Interesse der israelitischen Kultusgemeinde an dem Gedeihen unseres Schulwerkes. Für das laufende Jahr 1925 ist eine Subvention von K 120 Millionen seitens der Kultusgemeinde in Aussicht genommen. Beiträge der Eltern. Die Beiträge der Elternschaft betrugen im Jahre 1922 K 2,527.S15, also den vierzigsten Teil des Jahresbudgets, 2..5 Prozent der Gesamteinnahmen, im Jahre 1923 K 32,364.800 10 Prozent der Gesamteinnahmen, im Jahre 1924 K 82,760.000 16 Prozent der Gesamteinnahmen. Was nun die Zusammensetzung dieser Beiträge betrifft, so haben von ungefähr 270 Sciiiilren 100 gar keine Beiträge geleistet, K 150.000 monatlich wurden bloss für 30 Kinder, K 50.000 bis 100.000 für 80 Kinder, von 10.000 bis 50.000 für die restlichen Kinder entrichtet. Nennenswerte Beiträge zur Erhaltung der Schule wurden demnach bloss für 100 Kinder geleistet. So muss auf diesem Gebiete eine einschneidende A e n d e r 11 n g v 0 r g e n 0 m. m e n w e. r d 0 n. Die Beiträge der Elte r n liaben b i sher einen f r e i w i 11 i g e n C 11 a r a k t e r g e t r a g e 11. E s w a r eine sc h ö 11 e '1' r a d i t i 0 11 d e 1־ Sc h u 1 e, d i e s b e z ii glich nicht 1־ i g 0 r 0 s a 11 f z u t r e t e 11. Da nun aber nach der Entwertung der Legate und Schul- Stiftungen, nach Versiegen der Spenden fast gar keine regulären Einnahmsquellen für die Schule mehr vorhanden sind, so muss im Sinne unserer Statuten von den Eltern Schulgeld gefordert werden, von dessen Entrichtung selbstverständlich unbemittelte' Eltern befreit werden. I n Anbetracht der tristen V e r h ä 11 n ■i s s e ־ m u s ג schon im nächsten Schuljahr erreicht wer• den. dass zumindest 50 Prozent der Pers 0- 11 a 11 a s t e 11 oder ein Drittel der G e s a m t e r 11 a 1- 1. u n g s k 0 s t e 11 der Sc 11111 e v 011 Sc 11111 g e 1 d e 111 ־ g e J c c k t w erde., ־. Schlussfolgerungen. Das -Schulb.udget hat •■ im ’letzten Berichtsjahre eine Höhe erreicht, das nach den bisherigen Erfahrungen unter den heutigen prekären wirtschaftlichen Verhältnissen nur schwer eine Deckung finden kann. Im letzten Schuljahre sind die Anforderungen noch mehr gestiegen. Das Budget der Schule in der ersten Hälfte des Schuljahres 1924-25, also vom 1. September 1924 bis Ende Februar 1925 bterug K 28S,735.900, so dass man für das Jahr 1925 mit einem Jahresbudget von zumindest Kronen 600,000-000, d.. s. 60.000 Schilling, rechnen muss. Diese schwere Sachlage zwingt uns notgedrungen die Frage auf, ob wir die Errungenschaften auf dem Gebiete des Ausbaues unseres Schulwerkes nun preisgeben müssen und, mag es. noch so schmerzlich sein, einen radikalen Abbau vorzunehmen gezwungen sind. Es wird hier vor allem an die Preisgabe der Bürgerschule, dann der Mädchenschule gedacht. Die Majorität des Vorstandes konnte sich bis zum heutigen Tage mit einem Gedanken des Abbaues nicht befreunden. Der Vorstand Ist im Gegenteil der Ansicht, dass die breiten Schichten der Wiener Judenheit, insbesondere aber der religiöse Teil derselben, bis zum heutigen Tage seine Pflicht gegenüber dem ältesten und grössten Wiener jüdischen Schulwerke nicht erfüllt hat. Bisher wurden die Opfer für die Erhaltung der Schule von einzelnen wenigen Schulfreunden getragen, der grössere Teil hielt sich abseits. Auch die grossen, jüdischen Institutionen Wiens, vor allem die israelitische Kultusgemeinde, haben erst zögernd in den letzten Jahren der Schule ein grösseres Interesse entgegengebracht. Der Vorstand hofft zuversichtlich, dass die grossen Leistungen der Schule, die jetzt durch die Verleihung des Oeffentlichkeitsreclites für unsere Bürgerschule eine neue behördliche Anerkennung gefunden haben, endlieh auch in der breiten jüdischen Oeffentlichkeit Beachtung finden und überall d e n W i 11 e n w a c 11 r 11 f e n werden, unser schönes■ Schul werk n i c 111 nur nicht e 1 n z u s c h 'r ä n k e 11, 11 i eh t nur zu erhalten, so ndem auch noch weiter a 11 s z 11 b a 11 e 11. ■WniMBMaBlimiinirii—wmirirmrwBiiii■ 111■■ .,,..».*»m.».! Reelle venl Das Oeffentlichkeitsrecht der jüdischen Bürgerschule, verpflichtet die jüdische Oeffent־ lichkeit, den Fortbestand dieser Schule zu sichern. Markus Bondi 25 Jahre Präsident der Talmud Thora. ' ' x; J (Residenz-Atelier, Wien, I., Fleischmarkt 1.) Am 19. Dezember 1891 wurde Herr Markus ,Bondi in den Vorstand ׳der ״Talmud Thora“ gewählt. Am 17. Jänner 1900 übertrug man ׳ihm einstimmig die Würde des Präsidenten der Talmud Thora. Ein ׳Mensclienalter 111a? dieser Mann die Geschicke einer Anstalt ׳geleitet, deren!Bedeutung innerhalb der Wiener Gemeinde' noch immer ״!nicht ׳genügend gewürdigt ׳ist. Der spätere Historiker!wird tfeststellen,״ dass in dieser Periode tiefeingreitfende Aendeningen im Wesen ׳und Wirlken der Tälfnud Thora Platz gegriffen haben, deren Resuifcate iwirTn wenigen Worten festhalten möchten. ’ Aus der ursprünglichen Armenschule ist eine Gesinnuogsschiile geworden. An die mit Oeiientlichkeitsrecht begäbte Volksschule hat sieh ׳eine •mit!gleichem Recht ausgestattete!Bürgerschule, eine Mädchenschule ׳und!eine Handelsschule angegliedert. ׳In der Zeit der tFiuhrung durch Markus ׳Bondi fällt aber neben diesen äusseren Erfolgen auch ein 'bedeutender innerer Umschwung. Es!war nicht leicht, in einer liberalisierenden Periode gegen die Gegen- Strömungen;anzukämpfen, die einer ׳konfessionellen Schule an ■und für sich nicht'!Hold (waren; es ,war nicht leicht,, in einer Gemeinschaft, ■die sonst religiöse Wissen und religiöses Wollen nur •in sehr kleinen ■Dosen, vermittelt, dem Gedanken zu(m 1Durchlb׳rucih zu ׳verhelfen, der verlangt, dass Kinder iiüdischer Mütter ׳ertiiehtigt werden müssen, die Religion in unmittelbarer ׳Ursprünglichkeit ,aus den •Queilen seihst .zu erlernen. Damit gilt es aber •auch den Beweis 'zu erbringen, dassbei aller Intensität des Religionsunterrichtes die profane Bildung nicht!Not leidet. Es gereicht dem Jubilar zur Ehre und ׳sicher auch zur 'Freude, dass er das •Glück• hat, in dem ihm! durch des Allmächtigen Gnade geschenkten Alter es erlebeniz׳u dürfen, ׳dass all diese hohen Ziele zum grössten Teil erreicht sind. Als das grösste!Glück ■aber mag es erscheinen, dass es stetig gelang, der Talmud Thora und ihren Be- Strebungen neue Freunde zu gewinnen und die Tendenzen dieser Anstalt vo׳n ׳allgemeiner Anerkennung lind Würdigung gekrönt zu sehen. Der Name Markus Bondi ■ist mit ,der Geschichte der Talmud Thora unlöslich verknüpft. Die erste jüdische Handelsschule. Der im vorigen Jahre an der Talmud Thora- Schule eingerichtete Einjährige Handelsk u r s, dessen Aufgabe es ist, der sich dem Handelsstand oder ähnlichen Berufen widmenden Jugend, eine gründliche kommerzielle Ausbildung zu erteilen, hat sich schon im ersten Jahre seines Bestehens als lebensfähig und nützlich bewährt. Der Unterricht wird durchwegs von staatlich qualifizierten und in der Praxis bewährten Lehrkräften erteilt. Der in dieser kurzer! Zeit erzielte Erfolg ist durchaus befriedigend. Es ist für jüdische Eltern von grossem Vorteil, ihre Kinder in den gefährlichen Uebergangsjahren in einer Anstalt aiisbilden zu lassen, die ihren Zoglingen ■nebst den vom •Staate geforderten Kenntnissen, auch religiöse Grundsätze, die für das praktische Leben nicht minder wichtig sind, lehrt. Wie man in vergangener Zeit für die jüdische Schule sorgte.;• Die Welt besteht nur durch den Atem'der Schulkinder. Deshalb sind die Vorsteher der Gemeinde verpflichtet, Lehrer zu wählen, welche die Knaben in dem Lehrerhause unterrichten. Zur Bezahlung ihres Lohnes sollen!zwei Abgaben erhoben werden, •eine im Sommersemester •und eine im!Wintersemester. ׳Die über den Tihüraunterrioht bestellten Herren sind berechtigt, die Familienväter zum Erlag dieser Abgabe zwangsweise zu verhalten. An jedem Montag soll einer mit der Büchse in allen Bethäusern für die Erhaltung des Thoraunterrichtes sammeln. Ausserdem wird diesem Zwecke bei der Thora für den Thoraunterricht gespendet. (Posner Gemeindestatut 1654.) Von jedem Mitgliede der israelitischen Landeseinwolinerscliaft sind alljährlich 12 Schillnge zu erheben, an Stelle des halben Schekels, den unsere Väter für den Tempeldienst und die Herbeischaffung, von ■Opfern darbrachten, so sind wir verpflichtet, eine freiwilige Steuer alljährlich darzubringen für die Erhaltung des Lehrerhauses, für den Unterhalt der Schüler, die Bezahlung der Lehrer und Korrepetitoren und die Erwerbung von' Büchern. Und wie die Opfer Frieden herbeiführten, so die ׳Schüler Weisheit, wie es heisst Jes. 54, 1,3: Und alle deine Söhne werden Gottesgelehrte sein und gross wird der Friede deiner Söhne sein. ,(Aus einer Sohidverfassung aus dem 13. Jahrhundert.) Die Talmud Thora-Schule. Vom Oberlehrer Jakob Kohn. Volksschule für Knaben um! Mädchen mit Oeffentlichkeitsrecht, II., ׳Malzgasse 16. •Freundlicher Leser, komm‘ und besieh‘ dir den •bescheiden im Hintergrund stehenden Schulpalast, ■in dem die Volks- und Bürgerschule untergebracht ist. Weisst du auch, wieviel Idealismus und Opferwilligkeit edler Menschen, wieviel Arbeit und Mühe, Sorge und geistiges Schaffen notwendig waren, um zu diesem Höhepunkt zu gelangen? Denn aus kleinen, •besehe‘!- •denen Anfängen ist dieses segensreich wirkende Sciuilwerk hervorgegangen, (Ursprünglich als •Bitoelschtile gedacht und in den!Fünfzigerjahren gegründet, führte die eherne Notwendigkeit bald die Umwandlung derselben in eine Volksschule herbei. Was vermochten wohl die wenigen Wochenstunden in der!Bibelscluile gegenüber den Gefahren, von denen die jüdische Jugend umdroht war und noch ■jederzeit ist, und denen gegenüber mir ein im jiidisehen Geiste wirkender erziehender Unterricht das Gcgengewicht zu bieten vermag! Zielbewusstes, tatkräftiges ׳ Wirken schuf bald eine vollständige Volksschule, die allen gesetzlichen Anforderungen entsprach, so dass ihr die Schulbehörden im Jahre 1867 das Oeffentliekkeitsrecht erteilten und damit die Befugnis, staatsgültige Zeugnisse auszustellen. Viele Jahre hindurch gewährte •die Stadtgemeinde Wien auch eine ansehnliche Subvention, die ihr später nur aus politischen Gründen wieder entzogen wurde. Im Jahre 1907 verlegte die Schule ihren Sitz :in־׳das. allen modernen Anforderungen •entsprechende neue Schulgebäude. Und •min schritt der Ausbau des Schulwerkes rüstig weiter. ׳Es wurden!Mädchenklassen und die •Bürgerschule angegliedert, so dass bald e:in vollendetes Sciuilwerk dasteht. Die allgemeine Schulreform fand auch!hier die begeistertste Pflege und;Heimstätte, ׳zum ׳Beweise, dass jiidischer Geist und fortgeschrittenste Unterrichtsmethoden in schönster Harmonie die herrlichsten Früchte zu zeitigen vermögen. Dies alles erforderte viele Mühen und Opfer, doch geschah es •im Bewusstsein, dass die Rettung des Judentums nur in der vom wahren jüdischen Geiste erfüllten jüdischen^ Schule liegt. So dachten und fühlten und wirkten unsere Väter und Mütter. Eltern unserer Zeit, wenn ihr eure Kinder liebt und ihr Heil fördern wollet, gehet 1i!1 und tuet desgleichen, schützet und stützet unser Sciuilwerk nach allen euren Kräften, dass es in alle Zukunft blühe und gedeihe! Der Vater ist verpflichtet, auch seine Töchter mit den Hauptlchren der Religion bekanntzumachen. (Aus dem ״Buch der Frommen*‘.) ,