Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 11 (1925)
- Issue
- 5 (30.1.1925)
- Date
- 1925-01-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 28 JÜDISCHE PRESSE Nr. 5 diese vom 'S.taat uml Staatszwang geformte Einheit als ein Ideal m betrachten. Wir gestehen gern zu, dass es ausserordentlich schwer ist, nach hunder.tjäiiriger Gewöhnung aus diesem Labyrinth den Weg zur Wahrheit zu finden. Sehr schlimm wäre'es, •wenn der Staat die Hälfte des Weges •zurücklegt, wenn er verwaitungsgemäss einzelne Personen herausgreift, die ihm als Interpreten des Religionsgesetzes gelten und deren Machtvollkommenheit er mit öffentlichen Rechten umkleidet, in denen er auch wohl — man denke an das von ׳Napoleon einbernfene Sanhedrin — gefügige Diener seiner Zwecke erblicken zu dürfen glaubt. Das ist die Wurzel aller ׳Konsistorialverfassungen. Man kann aber nicht .sagen, dass der Gedanke an ein Gberrabbinat der Orthodoxie fremd wäre: nur muss, die Sicherheit dafür gegeben sein, dass diese Spitze dieselbe Gebundenheit anerkennt und als Norm nimmt wie die orthodoxe Gemeinschaft selbst. Es muss also die Ueberzeugung von dem Schutz gegen einen Subjektivismus gegeben sein. 'Es ist ferner im Religiösen perhorresziert, dass eine derartige Spitze ihre Machtvollkommenheiten aus den Händen eines Staates erhält; der von den nichtjüdischen Staatsbehörden eingesetzte Oberrabbiner wäre a priori disqualifiziert. Die Erfahrungen des jüngsten Jahrhunderts haben diesem Grundsätze der Gemeinde- und Gemeinschaftsverfassungen im vollen Umfange rechtgegeben. Man nehme mm diesen eben ausgeführten Gedanken als Voraussetzung und man wird dann verstehen, dass das im Gesetzentwurf postulierte Oberrabbinat etwas ganz anderes ist als •dieselbe Stelle, wie sie der Entwurf des Waad Leumi projektiert. ■In der oben Gezeichneten Grenze des Gleichmasses der Gebundenheit an das ■Religion«- gesetz erschöpfen sich Möglichkeit und Wirkungskreis eines Oberrabbinats. Tatsächlich stellt sich die Sache so dar, dass der Gesetzentwurf der Agudas Jisroel das Ideal eines theökratisdien Gebildes vor!Augen hat. ■Das um so!mehr, als!ja auch die komnnmalpölitische Aufgabe eine genaue Regelung durdi das Religionsgesetz erfahren kann. Es ׳muss ■sich ja zeigen, ob es der Wille des entscheidenden Gesetzgebers!ist, auc 1h der jüdischen Rel'igio 11 eine Heבmstätte in Pa 1 äsiina ׳zu gew ähren. ' Weil aber, wie es scheint, ■die Gesetzgebung in Palästina izu einem Politikum geworden ist, sogar zu einem Politikum ersten Ranges, ,weil also eine In-' gerenz des Staates nicht völlig abgelehnt ׳werden kann, so müsste wenigstens ein (Weg gesucht werden, wie bei dieser •Ingerenz der Staat vor Ausübung eines Gewissenszwanges bewahrt werden könne. Eine Sehenswürdigkeit Wiens ist das neueröffffnefie כשר כשר ק■"“ קי Vorzügliche streng rituelle Küche. Etegant eingerichtete Lokalitäten. Bürgerliche Preise! Vornehmste Bedienung! Feinste warme u.. kalte Selohwaren u. 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Wir berauschten uns nur an unseren eigenen Worten und dilnken uns während der Kritik über •das Objekt derselben erhaben und dies verleiht uns ein gewisses angenehmes Machtgefübl. Warum ich mich gerade über diesen Fehler meiner Glaubensgenossen so sehr ausbreite, obwohl doch genügend Stoff vorhanden wäre, •ihre zahlreichen Vorzüge und Tugenden zu besprechen? Nun, vielleicht ist das gerade ein Beweis, dass auch der Schreiber dieser Zeilen von dem Fehler, den er bei den anderen tadelt, selber nicht frei ist. Brief aus Litauen. Der neue Kürs, der seit Monaten von der litauischen Regierung gegen die jüdische Bevölkerung , des Landes eiugeschlagen wurde, ist bereits bekannt, und wir orthodoxen Juden, die in der Treue zum Staat eine weserttliehe Forderung unserer Glaubenssatzungen erblicken, befinden uns Wahrlich in einer schweren Situation. Als vor sechs Jahren, nach Beendigung des Weltkrieges, das f undaj meht zu dem neuen Staatswesen gelegt wurde, haben wir mit allen Kräften an der Errichtung des neuen Staatswesens gearbeitet. Die furchtbaren Unterdrückungen, denen Litauer und Juden unter dem zaristischen Regime ausgesetzt waren, liessen das Gefühl der neu geschenkten Freiheit mit doppelter Freude empfinden, und nicht der Schatten eines Zweifels beschlich uns, dass die neuen Herrscher die einstige Qual geistiger und wirtschaftlicher Unterdrücktheit je vergessen und die Fessel der Gebundenheit den einstigen Gefährten im Leid auferlegen könnten. Mit Hoffnung und Freude wurde von der Mehrheit der Orthodoxie auch die Errichtung eines eigenen jüdischen Ministeriums und eines Nationalrates begrüsst, denen die autonome Führung der jüdischen Angelegenheiten anver- ' traut werden sollte. Die Zeiten haben sich gewandelt. Zunächst schwand in fortgesetzt steigendem Masse das Vertrauen fast der ganzen Orthodoxie zu den neuen jüdischen Behörden, als sich klar herausstellte, dass im wesentlichen dort nur linkszionistische Parteiinteressen ihre Befriedigung fanden. Da die Orthodoxie zum Schlüsse sogar gezwungen war, den Sitzungen des sogenannten Nationalrats fernzubleiben, hat die Auflösung der Institution bei ihr Erregung hervorgerufen. Gewiss hat ihr Gesinnungswechsel, der sich in dem Auflösungsdekret deutlich enthüllte, auch in un- Serem Herzen eine tiefe Wunde erzeugt. In der Erforschung■ der Fehlerquellen, die zu diesem Schritt geführt haben, trennt uns allerdings wiederum eine grosse Kluft von unseren zionistischen Brüdern, ebenso in der Beurteilung der Methoden, nach denen nunmehr eine vernünftige ji'1dische Politik zugunsten des Staates im allgemeinen und ‘der Judenhejt itn besanderen zu führen ist. Heute sieht sich die Orthodoxie des Landes vor ganz neue Aufgaben gestellt. Die Regierung hat mit einer deutliehen Geste eine wichtige Verfügung erlassen, und die Durchführung des sogenannten Personalstandregisters den sich immer mehr und mehr nationalistisch gebärdenden' Kehillofithrern entzogen und sic15 wieder den Rabbiriern übertragen. Wir zweifeln nicht, dass man bald wieder von einem Verrat nationaler Interessen durch die Orthodoxie sprechen wird. (Vielleicht unterlassen sie es auch, weil das Schlagwort seine Schwungkraft bereits verloren hat.) Die' Welt hat allmählich einsehen gelernt, dass das Lebensrecht der Orthodoxie gebieterisch fordert, ihre vitalsten Interessen selbständig zu vertreten. In diesem Zusammenhänge gewinnt eine zionistische Meldung aus Litauen, die in der jüdischen Weltpresse Verbreitung gefunden hat, besonderes Interesse. Anlässlich einer Versatntnlung, welche der jüdische Sejmklub mit jüdischen Stadtverordneten abgehalten hat, wurde der Beschluss• gefasst, die orthodoxen Mitglieder des Sejmklubs aufzufordern, ihre Politik in Einklang zu bringen mit der Politik der Mehrheit der jüdischen Sejmfraktion. Jeder Eingeweihte muss über diese Forderung lächeln. Vergegenwärtigen wir uns zunächst, aus welchen Elementen diese Mehrheit besteht. Unter ihnen befindet sich ein Demokrat vom äussersten linken Flügel und drei Mitglieder der zionistischen Partei, die ebenfalls der extremen Linken anhören. Es muss einmal zur Kenntnis der Oeffentlichkeit gebracht werden, dass die zionistische Organisation Litauens ständig die radikalsten Mitglieder in die verantwortungsvollsten Stellen beruft. Die beiden zionistischen Minister, die unser Land ״beglückt״ haben, haben niemals in ihrem öffentlichen Auftreten die allergeringste Rück- Sicht auf unser religiöses Empfinden walten lassen. Die gegenwärtigen Sejmdeputierten folgen ihrem Beispiel. Es dürfte wohl keine Frage des jüdischen und allgemeinen! Lebens geben, in welcher die beiden orthodoxen Deputierten mit ihren zionistischen Kollegen Zusammengehen könnten. Aber auch die Grundeinstellung in politischen Fragen trennt uns in ungeheurem Abstand von ihnen. Dort . fast grundsätzlich Neigung zur Opposition gegen die ,Regierung. Schön in früheren Zeiten, als die Staatsleitung in vollster Loyalität den Juden gegenüberstand, nahmen jene zu Beginn der Session ihren Platz auf der linken Seite des Hauses ein und belächelten unsere Vertreter, die auf der anderen Seite des Hauses sich niederliessen. Wir fragen also: ׳Was soll jener ■Ruf in die-Welt ׳be- ׳deuten, der unsere Vertrauensmänner auffordert, ihre Anschauung zugunsten ,,höherer“ Einsicht aufzugeben? Wir wunden wünschen, es möge endlich zur politischen Klarheit ׳und Ehrlichkeit auch in ■unserem Lande kommen. ׳Nachdem ,aiLl׳c Errungenschaften Hnks-jildisdher Politik!vernichtet :sind, ׳nachdem die!Regierung immer mehr und mehr jeden Chanivinismus am gesamten Körper des jüdischen Volkes ■im Litauen ahndet, ohne unsere Vertreter gewähren zu lassen, bis der gesunde Instinkt unseres Volkes die Wahrheit, bis die ״Jüdische Stimme“ ׳erkannt haben wird und sich nicht mein־ von solchen ״Führern“ missbrauchen lässt. Unseren Ver- ■trauensleuten ■rufen wir zu: ״Seid stark, wenn es euc-h nicht igelingt, eure irrenden Gefährten zur Richtung eurer vorsichtig mit •dem Geiste jüdischer ׳Wieitanschammg und jüdiisolier Friedfertigkeit ׳geführten Poii׳tik zu ■bringen, •dann .gut, sonst verfolgt eure ׳Bahn .allein.“ Der Cheder vor dem Richtertribimal. Bekanntermassen legen die Bolschewisten in Russland in ihrem Kampfe gegen alles Religiöse, gleich ihren grossen hellenistischen Vorbildern, die Axt an die Wurzel des Judentums, an die Chederschule. Ein Prozess, der vor einiger Zeit in Witebsk vor sich gegangen ist und bei dem ein unsichtbarer Angeklagter, der Cheder nämlich, auf der Anklagebank gesessen ist, ist typisch für das Wesen der Religionsverfolgung im gesamten Sowjetrussland. Er verdient das lebhafteste Interesse aller, ,die das russische Problem beschäftigt und die im Cheder die Urzelle für Judentum und Jiidischkeit in dem grossen östlichen Reservoir des jüdischen Geistes sehen, ■das lange Jahrhünderte die ganze Diaspora mit Kraft gespeist hat. Es ist gegelungen, die Akten dieses Prozesses zu erhalten und, von einem berufenen Kenner des Ostens, Herrn Direktor Dr. J. Carlebach, Hamburg, ins Deutsche übertragen, als Buchausgabe für den Druck fertigzustelien. Aus einer Einleitung zu diesem Aktenbuche, die Carlebach im Heft 9—10 des ״Jeschurun״ veröffentlicht, sieht man klar, um Was es sich handelt. Dr. Carlebach macht am Schlüsse der Einleitung einige praktische Vorschläge, dahingehend, den Cheder seiner äusseren Unzulänglichkeit zu entkleiden und zu einem echten, Schultyp' für die Jugend der gläubigen Judeniieit 'aüszügesiälteh. Die Vorschläge erstreckch sich auf bessere Ausgestaltung der Schulräume unter Berücksichtigung der hygienischen Forderungen, Aufstellung von י- Lehrplänen, Ausbildung von Melamdim, Beaufsichtigung der Chedarim durch die berufenen ,religiösen und pädagogischen Instanzen usw. Wir halten die Veröffentlichung der mit vielem Fleiss und vieler Liebe zur Sache gesammelten Akten für unabweisbar notwendig, nicht allein zur Gewinnung eines klaren Bildes über den Geist, der in Russland fortzeugend all die schweren Gewissensnöte gebiert, sondern noch mehr als Waffe und Handhabe zur Besserung, zur Abhilfe, zur Abstelulng •einiger kleiner äusserer Mängel, die den Cheder in seiner hohen Kulturaufgabe gefährden. Man kann sich sogar denken, dass׳ eine solche sachliche, aktenmässige und ruhige Darlegung, verbunden mit bestimmten Reformvorschlägen, die das Wesen der Chederschule in unserem Sinne nicht berühren, ja sogar die innere Tragkraft des Cheder noch erhöhen, auch auf die Machthaber in Söwjetrussland nicht ohne Eindruck bleiben und zu einer ,Revision des Prozesses׳ führen würde. Es wäre daher eine Ehrenpflicht der deutsehen Judenheit, die Veröffentlichung dieses Aktenmaterials , am Kostenpunkte nicht scheitern zu lassen. Herägärieraben nach Mass Weldler & Fürst, Wien, II., Hollandstrasse 16 Lager feinster orig. engl. Stoffe. Anfertigung auch in 24 Stunden. Ein fürstlicher Empfang für einen Rabbi. Ende Dezember tagte in Bialystok eine Rabbinerkönferenz, die auch der. ״Chofez Chajim״ mit seinem Besuche beehrte. Die Empfangsfeierlichkeiten zu Ehren dieses Rabbi in Bialystok stehen hinter solchen für Könige im früheren Russland nicht zurück. Sobald die Ankunft des ״Chofez Chajim“ bekannt wurde, bildete sich ein Empfangskomitee, ein Organisationskomitee und eine Gruppe von freiwilligen Ordnern. Die Komitees setzten sich zusammen aus Mitgliedern der Agudas Jisroel, des Misrachi, der zionistischen Vereine, der Handwerker und Kaufleute wie aller anderen sozialen und Wohltätigkeits- Institutionen. Gegen 4 Uhr nachmittags zogen die hundert Ordner in'Reih und Glied durch die Strassen an die Bahn, und hinter ihnen fuhren die Autos mit den Delegationen. Am Bahnhofsplatz war der י Andrang bereits so gross, dass ^r Stadtkommandant ^mit einer Abteilung von 20 Scliutzleuten zu Fuss und zu Pferd die Ordnung aufrechterhalten musste. Gegen 5 Uhr musste am Schalter der Verkauf von Perronkarten wegen Ueberfüllung eingestellt werden, nachdem weit;über tausend Perronkarten verkauft worden waren. Die freiwilligen Ordner mit ihren weissen Armbinden leisteten : der Polizei Hilfe und übernahmen den Dienst am Perron, während erstere die Massen vor dem Bahnhof in den Schranken zu halten hatte. Kurz •vor 6 Uhr fuhr der Zug ein, und ein tausendstimmiges ״Boruch Habo״ tönte in den Wagen, in■ dem der Rabbi sass. Es fiel den Ordnern mit Hilfe der! Polizei schwer,. den Andrang aufzuhalten und eine schmale Gasse für die ausgestiegenen Gäste durch die Menge zu bahnen. Man musste eine Zeitlang, um den Ansturm aufzuhalten, die Türe zum Wagen gesperrt halten. Der ״Chofez Chajim״ wurde in das bereitstehende Auto gehoben, aber es kostete Mühe, den Weg für das Fahrzeug durch die Massen frei zu bekommen. End! h gelang auch dieses. Dem Auto voran ritt eine P01iz< '!ihrenwache in Galauniform, und eine solche folgte auc!׳ dem! ' Wagen, hinter der die Autos mit den Delegationen fahren. So bewegte sich der Zug durch die ganze Stadt bis zurn>f־ Lokal des Kaufmännischen Vereines, wo die Versammlung) stattfand. Der ״Chofez Chajim״ blieb bei all dies^ , Ehrungen und Huldigungen still und bescheiden wie imnKT und sagte, nachdem er all die Begrüssungen über sich hat ergehen lassen, er sei nicht ihergekommen, uin Huldif gungen entgegenzunehmen, sondern um zu arbeiten. D1V Zeit von hundert Rabbinern, die aus ganz Polen 11 ::rge׳ kommen sind, sei auch zu kostbar; um noch z/*־ warten Er verlange trotz der Anstrengungen der Fahrt und/d׳ Empfanges, dass sofort mit der Arbeit begonnen *׳ץ Tatsächlich fand noch an dem gleichen Abend Sitzung statt, die der ״Chafez Chajim״ mit einer eimv digen Ansprache einleitete. Yv,