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Jüdische Presse · 1925-01-16 · 3 (16.1.1925) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
11 (1925)
Issue
3 (16.1.1925)
Date
1925-01-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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JÜDISCHE PRESSE Nr. 3 Seite 16 Herrschaft über die Juden in Palästina; in dem Lande, das ihnen nach Lage der Dinge versagt werden muss, sollen sie die nationale Kommunalisierung wenigstens als erste Etappe erreicht sehen, um so mit einem Schein von Recht behaupten zu können, dass sie die ideellen Gesichtspunkte ihrer ganzen Bewegütig nicht zugunsten materieller Ziele aufgegebeu zu haben. Weltpolitisch würde daraus nach einem vielerprobten Gesetze der geschichtlichen Logik und Notwendigkeit durch die Schaffung des sichtbaren nationalen Zentrums die Nationalisierung aller Juden erfolgen. Insoferne also ist die Frage der Gesetzgebung eine solche, welche die gesamte Judenheit interessiert, weil in absehbarer Zeit die Stellung der Juden zu ihrem Heimatlande ausserhalb Palästinas in dem oder jenem Sinne .einer Revision unterzogen werden müsste; dies freilich wird nicht in allen Schichten der Judenheit erkannt; um so mehr ist es notwendig, ganz unberüht davon, ob die Revision Segen oder Unsegen ist. (Ein zweiter Artikel folgt.) Keren Hatorah-Tagung in Hamburg. Schluss der Berichte. Nach der mit grossem Beifall aufgenommenen Rede des . Herrn Jakob Rosen he im begriisste der Sadagoraer Rebbe die Versammlung mit Thoraworten und gab dem Wunsche Ausdruck, dass die Arbeit des deutschen Keren Hatorah und insbesondere der heutigen Tagung; der Gesamtheit zum Segen gereichen möge und ein neues Band der Einigkeit um alle schlinge. Sodann ergriff der Poniwescher Raw, Rabbiner Kahanemann, das Wort zu seinem Referat über die Pflichten der Gesamtheit zur Rettung der Jeschiwaus. Er Sprach in seiner bekannten meisterhaften Weise, einge־ klefikiet H11 Torahwarte, von der ■unermüdlichen Anbeit, die in Litauen und Polnisch-Litauen, unter grössten Entbehrungen und Entsagungen, geleistet wird, verstand es, die Zuhörer mit dem Leben und Weben dieser Geistesstätten vertraut zu machen, schilderte die furchtbare Not, unter der diese Torahstätten leiden und den furchtbaren Kampf,׳ den sie gegen die Kefiro zu führen haben. Immer wieder 6agte er, dass alle diese Dinge in ihrer vollen Auswir־ kung gar nicht zu schildern sind, sondern dass es nur eines gäbe: ״Komm und sieh!“ Tatsächlich hat er aber allen Versammelten' ein lebendiges Bild gezeichnet,, so dass es allen möglich war, die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind. Nach ihm sollte Herr Dr. Deutschländer den Tätigtigkeitsbericht der Zentrale erstatten. Er erklärte jedoch, dass es in der Stimmung, in die das Referat des Ponivvescher ■Raw die Versammlung versetzt* hatte, unange־ bracht sei, einen Tätigkeitsbericht zu verlesen, dass er diesen vielmehr dem Hamburger Direktorium überreiche,!und dass er sich darauf beschränken wolle, in kurzer! :Strichen darzulegen, welche Ideen der Keren Hatorah- Zentrale bei ihrer Arbeit vorschweben. Es gilt nicht nur, das ׳Bestehende »u ׳erhalten, sondern es ■söi nötig, dass Sich. der Keren Hatorah auswachse und die Kraft aufbringe, in umfassendster Weise die Fürsorge zu übernehmen (für!die Torahstätten;der ganzen jüdischen Welt, .dass cs nicht mehr, wie es jetzt in letzter Zeit immer wieder geschehen!ist, nötig Hst, ׳dass die!geistigen ׳Führer ׳dieser Torahstätten von Stadt zu Stadt, ׳von!Land au Land ׳gehen müssen1, tum idiie notwendigsten Bedürfnisse ihrer Anstalten' zu befriedigen.. ״Bat imaai ׳je gesehen“, so fragte er, .,;dass ■der ׳Rektor einer Universität sich mm!die «materiellen Bedürfnisse!der »hm uinterstellten ׳Anstalt!bemühen imuss? ,Ist!es ׳nicht selbstvierständlüoh für jedes!Kulturvolk, dass ■׳es die Bedürfnisse seiner ׳geistigen •Stätten!aufbrängt? Die ׳Sorge tünche Torah- Stätten des jüdischen Volkes soll und muss die Aufgabe der ׳jüdischen ׳Gesamtheit werden. Es list d׳ie Aufgabe ׳des Keren Hatorah, diesem ׳Gedanken zmm Durchbruch zu verhelfen.“ ׳Der vom Herrn Dr. Deutschländer überreichte Tätigkeitsbericht wiirid der jüdischen Oefientlichkett .übergeben werden.' Im Ansolilitss ׳an!Herrn Dr. Deutschländer berichtete!der vorn Ghofez Gbaijiim •und!Rablbll C:1 Laim Oiser entsandte Rack0wer Raw über die (Lago 1T׳n -den :diesen beiden grossen!besonders ׳nahestehenden ■Jeschiwaus. Es waren nur wenig Striche׳, die er zeichnete. Sie geben aber ein so ׳lebendurohpiilstes Bild vom Schaffen wnd Wirken, vom gewaltigen Aufbau und ׳vom geistigen Reichtum auf der einen Seite, von (materieller!Not ׳und vom furchtbaren Elend auf der anderen Seite,!dass ׳keim Auge tränenleer blieb, keine Seele ׳nlqht ganz erfüllt wurde vom dem •heissen Wollen, hiier «mfchelfen izü .rriüssen• Unter dem Eindruck der SohÜderungcn, die die Raibbonjtn aus dem Ostern gaben׳, amd!denen der!Hamburger ׳Raw als Zögling der Pressburger Jesclmvoh, selber aufs tiefste ergriffen, •und bi die :Zelten eigenen,!an Entbehrungen so reichem und ׳an Innerem Glück noch reicheren Boch1.tr־ Lebens zurückversetzt, innigen Dank aller aussprach, wurden von der Versantnvhing für die ׳spezielle Rcttimgsaktion!der östlichen Jeschiwaus ׳namhafte Beträge gezeichnet. Nachdem Herr Rosenheim noch dem unermüdlichen und rastlosen Herrn Dr. Leo Deutschländer, dem Leiter der Keren ׳Hatorah-Zentrale •in ׳Wien, und dem Haanburger Raw, dem Vorsitzenden des deutschen Keren Hatorah, für deren hingebungsvolle Arbeit den Dank aller am Werk Beteiligten ausgesprochen hatte, schloss der Hamburger Raw «um halb 4 Uhr die erste Tagung des deutschen Keren Hatorah. Schwere Arbeit und hohe Verantwortung hat diese erste Tagung des ,deutschen Keren Hatorah auf die gelegt, welche all das, was auf dieser Tagung geplant, angeregt und beschlossen wurde, in die Wirklichkeit tunsetzen sollen. Aus dem Bewusstsein, dass nach dem alten Wort die heilige Lade ihre Träger trug, aus der Bedeutsamkeit des Werkes selbst, das sie begonnen, müssen sic Kraft und Freudigkeit schöpfen, es mit G*ttes Hilfe zu vollenden. * Bericht über den Keren Hathora von Tischri bis Kislew. Für die Hamburger Tagung Chanuka 5685. Zu' Chanuka des Vorjahres wurde vom Keren Hathora der erste Aufruf verschickt, der unter dieser Fahne das gesamte Judentum zur ersten Hilfeleistung für Jeschiwoh rief, mit dem Wunsche, dass mit dem Lichte des Festes die Schatten weichen mögen, die in den Lehr- Häusern Israels gar übermächtig walten. Durch die Tagung ln dieser Stadt soll ein zweites grosses ,Licht in der Geschichte der Keren Hathora-Bewegung entzündet werden und wir hoffen wiederum ,!והעלה אור שמשה ונס הצללים. . Mit weichem Optimismus wir aber auch der Zu־■ kunft entgegenschauen wir wissen, dass noch Jahre vergehen müssen, bis der Keren Hathora der Welt, vor allem unseren Schulen und Lehrhäusern den Anblick einer voll- und hellstrahlenden Menorah bieten kann. Diese Tagung hat nach dem Willen ihrer Ein־ berufer einen doppelten Zweck. Sic will die Arbeit des deutschen Keren Hathora durch die gemeinsame Be־ ratung mit den Autoritäten des deutschen Judentums auf eine programmatische Grundlage stellen. Sie will aber ferner eine Rettungsaktion einleiten für die Jeschiwoth der anderen Länder, mit deren Geschick sich auch das1 deutsche Judentum seelisch verbunden fühlt. Mit der Uebernahme dieser doppelten Aufgabe hat der deutsche Keren Hathora in vorbildlicher Weise sich die .Grund- Prinzipien unseres heiligen Werkes zu eigen gemacht. •Wie unser Staat es fordert, soll alle Arbeit ständig unter diesem Gesichtswinkel erfolgen, Thora im eigenen Lande zu festigen, aber auch, dort helfend .einzugreifen, vvo^die Säulen unserer geistigen Existenz ins Wanken geraten. Wenn wir nunmehr über die Arbeit des Keren Hathora seit der Krakauer Tagung berichten, so sei zunächst jene Bestimmung unseres Statuts hervorgehoben, die den einzelnen Landesorgauisationen das Recht gibt, einen Teil der Gelder für ihre Zwecke zu verwenden, ihnen aber gleichzeitig die Pflicht auferlegt, den anderen Teil der Zentrale für die Bedürfnisse des Klail zuzu•׳ führen. Nur durch strikte Befolgung dieses Grundprinzips J, GUTH, Wien, II., Hollandstrasse 14 (ehemalige Stefanieatrasse) =,:=:=״-=r:■; Anerkannt beste Küche! Herrengarderollen nach Mass Weldler & Fürst, Tfien, i!., Hollandstrasse ie Lager feinster orig. engl. Stoffe. Anfertigung auch in 24 Stunden PELZWAREN eigener Erzeugung solidester Ausführung. Uebernahme aller Art Reparaturen und Umarbeitungen. Pelzhaus T eitler JHSfcySSft שמין geschlossen kann das Verantwortlichkeitebevvusstsein des einzelnen für den Klall gestärkt werden. Sowie der Staat als Vertreter der Gesamtheit die Sorgen für seine Universitäten und Akademien übernimmt, den Kommunen aber die Pflicht zuweist, für ihre Schulen zu sorgen, so muss die Zentral© unsere Rosche Jeschiwoth im Laufe der Jahre zu ent׳־ lasten suchen und zunächst einen Teil der schweren mate- Irenen Bürden von den Schultern nehmen. Wir .wissen* dass mancher Cheder und manche Talmud Thora, ebenst» wie die jüdischen Schulen in Westeuropa einen schweren Kampf um ihre Existenz führen und mancher es nur schwer versteht, wenn an ihn das Ersuchen gestellt wird* die Sorge für räumlich fernerliegende Lehrstätten aucM zu übernehmen. Vergessen wir aber nicht, dass der Kampf gegen die Thauro, der fast international geführt wird; nur international bekämpft werden kann. Der Keren Hathora aber will und soll seine Anhänger, zu dem Gedanken des Arcwus, der gegenseitiger! eVrantvvortlich- Gedanken des Arewus, der gegenseitigen Verantwortlichsieht er seinen Weg und erhofft er seinen Sieg. Organisation. Der Ausbau unseres Werkes hat in der Berichts־ Periode erhebliche Fortschritte gemacht, da die Krakauer Tagung der Zentrale den meisten Landesdirektorien kräftige Impulse verliehen hat. Ueber Deutschland hat der Vorsitzende des deutschen Landesdirektoriums bereits berichtet und wir vernehmen mit besonderer Genugtuung׳, dass infolge der rührigen Werbearbeit des Herrn* W. S. Jacobson bereits 21 Kommissariate mit mehr oder minder grosser Intensität tätig sind. An zweiter Stell© dürfen wir jetzt Polen nennen, das gegenwärtig ungeheure Anstrengungen macht. Seine Führer, der Gerer und Sokolower Rebbe, der Piotrkower Raw, Rabbi Meir Din Rabb. Pryvves, Sen. Mendelsohn. Sen. Deutschen; Dep. Kirschbraun bereisen seit Wochen die grossen und. kleinen Städte ' des polnischen Reiches, von Wolhynien;■ bis Galizien, mit bestem Erfolg. Die Zentrale hat zur Hilfe dorthin Rabbiner Th. Horowitz entsendet, der gemeinsam mit den dortigen Führern von Ort zu Ort eilt. Das bisherige Ergebnis dieser Arbeit betrug bis zur vorigen’ Woche Dollar 7000. Im Gouvernement Wilna ist ein unter Leitung von Cliofez Chaim und Rabb. Ch. O. Grodzensky bestehendes Komitee tätig, tim systematisch alle Jereiirt zur Hilfeleistung heranzuziehen. Es ist ergreifend, zu sehen,: wie der greise Gaon, trotz seines hohen Alters, im Wintei! von Ort zu Ort fährt. Die hier anwesenden Delegierte« aus diesem Lande sind gewiss in der Lage, Ihnen aus־! fi'ihrliche Bilder von dieser Tätigkeit Laharomas Kerert Hathorä zu entwerfen. — Nach Rumänien hat die Zentrale die Herren Wolf Pappenheim und Rabbiner Doktüit Pollak entsendet, die das dort schlummernde Interesse für Keren Hathora organisatorisch gestärkt, Landesver4 waltungen, Kommissariate zur Durchführung der Arbeit gegründet und uns auch ansehnliche Beträge (bisher zirka Dollar 600) übermittelt haben. Wir wollen Sie nichff mit der Aufzählung von Ländern und Zahlen allzu seit» ermüden und heben deshalb nur hervor, dass Bessarabien! unter der Führung von Rabbiner Zirelsohn, die nordir sehen Staaten, vor allem Rabbiner Lewitan (Dollar 75) una Rabbiner Winkler uns allmonatlich das relativ hohe Ergebnis ihrer Tätigkeit übersenden; ebenso Obcrrabb'iner Weif (Colmar) für Eisass und Frankreich, unsere Vertrauensleute in Amerika (Rabbiner Dr. Jung, Rabbiner Lippschütz, Fall River, Mass.), Transvaal (Wyscheik)* Argentinien (Parmet) u. a. Gegenwärtig schicken siefe die Slowakei, Schweiz, Holland, Böhmen und Mähren zii erneuter Wirksamkeit an, ebenso Galizien, wohin He«! Dr. Pollak gleich nach Chanuka fahren wird, um naeftt 'einem vom Sadagorer Rebbcn bis ins Detail ausgearbeiteten Reiseplan tätig zu sein. •, Propaganda. ׳ ■ h Bewährt sich auch am besten persönliche Arbeit?■ beim Ausbau unseres Werkes, so sah sich die Zentrale: doch veranlasst, für andere Propagandamittcl zu sorgen;• Wir unterbreiten dem deutschen Landesdirektorium de« Antrag, mit uns gemeinsam ein Merkblatt unter deai Titel: ״Wie wirbt man für Keren Hathora‘׳ herauszttr geben, wobei die folgenden Vorschläge zu berücksicfitigenWären: . < 4 1. Propaganda anlässlich der Bar Miz« wah. Im Sinne unseres Rundschreibens, nach welchen* jeder Bar Mizwah einige Wochen vor seinem Fest dttrew die Landesverwaltung oder durch das Kommissariat auf־* gefordert werden soll, seinen Ehrentag durch eine Spende für Keren Hathora zu weihen. 2. Wir übernehmen ferner die von Deutschland! ausgehende Idee des Keren Hathora-Buches> welches bei allen freudigen Ereignissen den Festteil״ nehmern vorgelegt werden soll. Die Zentrale beabsichtigt im Zusammenhang damit, auch ein sogenanntes Gedenk״ buch des Keren Hathora zu gründen, in welches wie. Eintragungen für Verstorbene übernehmen, mit der Ver״ und schlug uns nieder. Er teilte seinem Sohne und späteren Nachfolger, dem Schweth Sofer s. A., das niederschmetternde Resultat mit: Verloren! Professor Benedikt blieb die Nacht in Pressbürg. Am nächsten Tage, Sonntags, ordnete Benedikt ein heisses Bad an. Dies geschieht gegen 9 Uhr vormittags. Nach dem Bade, um 11 Uhr, untersucht er den Kranken, und sagt in berufsmässig unbewegtem Tone, der unheimlich gegen die Aufregung der ganzen Umgebung absticht: ״Die Lungenentzündung schreitet auf beiden Seiten unaufhaltsam vor; Es kann noch höchstens zwei Stunden dauern.“ Ich sehe jetzt nach 48 Jahren die ganze Szene klar vor mir. Der Gemeindevorsteher stürzt in namenloser Aufregung auf ihn zu, und stösst ausser sich die Worte hervor: ,,Nicht wahr! Ich glaube kein Wort von dem, was Sie sagen. Der Zadik wird 120 Jahre leben.“ Er fasst aber den sich zum Fortgehen wendenden kleingewachsenen Professor Benedikt beim Arm und sagt: ״Sie bleiben aber hier! Ich zahle, was Sie verlangen.“ Dieser schiebt den Verzweifelten ׳, mit sanfter Gewalt fort und verlässt das Haus. Es war allzu wahr. Zwei Stunden später, es war um 1 Uhr, beteten die Getreuen zum letzten Male das Schma in Anwesenheit des so tief verehrten Rabbiners. Mehr als tausend Personen sagten laut schluchzend das Sterbegebet mit, die Zimmer, Gänge, Treppen und die Strasse bis zum Schlesingersehen Gasthause füllend. Der Tag.— der 31. Dezember — war bitterkalt und düster. Aus der Umgebung und auch von weiter Ferne kamen Menschen. Nun trug der Draht die Kunde vom Eintritte der Katastrophe nach allen Richtungen. “ ' Am Montag vergrösserte sich der Zuzug ausserordentlich. Rabbiner Dr. Hildesheimer kommt bei der bitteren Kälte aus Berlin im leichten Sakko ohne Winterrock an. Er hat die telegraphische Anzeige knapp vor dem Abgänge des letztmöglichen Zuges erhalten und •konnte nicht mehr in die Wohnung um den Winterrock eilen. Dienstag um 9 Uhr morgens beginnt die Trauerhandlung. Die Bahre wird von der Wohnung bis auf den Friedhof,׳ getragen. Sie ruht auf ausserordentlich langen Stangen, damit möglichst viele Leute mittragen können. Die Schüler trugen die!Unterbliebenen Manuskripte vor dem Zuge her. Die Schmerzenskundgebungen der jüdischen Bevölkerung waren erschtitternd. Auf dem Friedhofe wurden ganze Schichten von Stroh aufgelegt, um die grausame Kälte des hartgefrorenen Bodens zu mildern, und die fast den ganzen Tag dauernde Trauerhandlung für d|e Teilnehmer einigermassen erträglich zu machen. Die erste Trauerrede hielt׳ Rabbiner Fischmann; s. A. Er begann mit den Bibelworten: ״Und es war am dritten Tage (Dienstag) und es waren da Töne und Gewitter und eine schwere Wolke lag auf dem Berge und es war erschüttert das ganze Volk, wel-, ches im Lager war.“ Als Zweiter sprach der Bruder, Rabbi Akiba Schreiber s. A., ferner Dr. Hildesheimer und Rabbf Dr. Guggenheimer, Kolin. Erst bei anbrechender Dunkelheit wälzte sick die grosse Masse des Trauerzuges in das Judenviertel zurück. Der von der bitteren Kälte und seelischen Erschütterungen Geprüften wartet eine neue Quat, alle Lebensmittel sind von der Masse der Gäste anfgebraucht, die meisten gehen fastend zur Ruhe, Es folgte eine Trauerwoche, in weicher an jedem Abende ein Trauerg-ttesdienst in der grossen Synagoge, verbunden mit der Trauerrede eines hervorragenden Rabbiners, abgehalten wurde. Allmählich unter der Allgewalt der Erfordernisse des Lebens legte sich der Schmerz von Angehörigen, Schülern und Verehrern, und die Erinnerung wandelte sich von Trauer in ein inneres weihevolles Wiedererleben.

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