Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 11 (1925)
- Issue
- 1 (2.1.1925)
- Date
- 1925-01-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE PRESSE. .Nr. 1 Seite 5 |g>0000®®0 T8 CHECHO-SLO W AKEL Ein tschechoslowakisch-jüdischer (?) ״Nationalkongress“? Unter diesem Titel brachten wir in unserer vorigen Nummer einen Artikel aus der Feder unseres Mitarbeiters Civis Judaeus, in welchem der Nachweis gebracht wurde, dass der Prager zionistische ״N a t i o n a 1 r a t“ die jüdische und nichtjüdische Oeffentlichkeit hintere Licht führt, wenn er den Anschein zu wecken sucht, als ob er eine G es a m t Vertretung der Judenheit unserer Republik darstellte und als ob der von ihm einberufene ״Nationalkongress“ etwas anderes wäre, als eine der anderen nationalistisch-zionistischen Parteiversammlungen, die im besten Falle die Ansichten und Forderungen der Zionisten, keineswegs aber auch die der glaubenstreuen (nichtzionistischen) Juden zum Ausdruck zu bringen berechtigt seien. Es wurde in dem Artikel auch erwähnt, dass die Tatsache der Anwesenheit von zwei Prager religiösen Juden im ״Nationalrat“ diesem cs er•׳ leichtere, den Uneingeweihten und besondere den Be* Horden gegenüber g 1 a u b h a f t zu machen, die ״O r t h 0־ doxie“ sei in ihm ebenfalls vertreten, während es dem Kundigen bekannt ist, ,dass die jn a c h H u n d e r 11 a u s e!1׳־ d e n zählende religiöse Judenheit unserer Republik jede Ideengemeinschaft oder jeden!organisatorischen Zusammen- Hang mit zionistisch-nationalistischen Bestrebungen des ״N a t i o n a 1 r a t c s“ auf das entschiedenste ablehne. In diesem Zusammenhang wurde Herr Dr. Eugen Lieben, auf den sich der ״Nationalrat“ bei jeder Gelegenheit als den ״Vertreter der Orthodoxie“ beruft, aufgefordert, vor der Oeffentlichkeit zu erklären, wen er eigentlich dort vertrete und in wessen Namen er auf dem ״National־ kongress“ ein Referat zu halten gedenke. Herr Dr. Lieben sendet uns darauf folgende Antwort an Civis Judaeus. 1. Ich vertrete im Nationalrat den ״Sinai“ Verein zur Förderung der Interessen des konservativen Juden־ tums in Prag. Er hat mich dorthin entsendet, seine Mit* glieder haben mir die Vollmacht erteilt, mich in den Nationalrat aufnehmen zu lassen. Auf dem National־ köngress will ich im eigenen Namen sprechen. 2.. Ich habe auf die Frage, ob wir Prager dem NJatkmalrat beitreten sollen oder dürfen, von den גדולי ישראל kein klares und entschiedenes Nein erhalten, wohl aber von massgebenden und urteilsfähigen רבנים gehört, dass in solchem Falle ein ועשית כחכמתך Platze ist,‘ das heisst dass nur der mit den ׳Verhältnissen völlig Vertraute entscheiden kann, wie ja auch‘ wir ־uns kein Urteil erlauben über ein anderwärts einzuschlagendes Vor־ gehen. Unser ״Ja“ ist kein persönliches; wir befinden uns dabei in der Gesellschaft von Männern, deren Ehrfurcht vor den נמלי ישראל Sie wohl nicht anzweifeln dürfen. Prof. Dr. Eugen Lieben. Der Artikelschreiber bemerkt hiezu folgendes: Die dankenswerte, offene und ehrliche Antwort des Herrn Prof. Lieben bringt uns der Klarheit und Wahrheit ein recht gutes Stück näher und hilft selber den Schleier lüften, hinter den die Zionisten ihren ״Nationalrat“ verbergen wollen. Es darf nun auf Grund der Aussage des Herrn Dr. Lieben selbst endgültig festgestellt■ werden, dass Dr. Lieben und ebenso das zweite religiöse Mitglied des Nationalrates ausschliesslich den Prager Lokalverein ״Sinai“, nicht aber die ״Orthodoxie“ der tschechoslowakische n;R e p u b 1 i k im Nationalrat vertritt- Der ״Nationalrat“ wird daher endlich für alle Zeiten a u f h ö r e n müssen, sich in. Eingaben a ndie Behörden, in öffentlichen Kundgebungen, in Resolutionen und Protesten religiöser, kultureller, politischer oder Organisatoric h e r Natur als ^Sachwalter des Jude ntums und seiner Gesamtheitsinteressen auszugeben. Damit ist's, nun zu Ende. Mit dieser Feststellung hat der von mir seit Jahr und Tag gewünschte ״Säuberungsprozess“ in unserem jüdischen Öffentlichen Leben begonnen. Für den Frieden unter den Juden und den jüdischen Parteien wird ein Weg frei. In gleicher Weise verdient Herr Prof. Dr. Lieben Anerkennung für die Offenheit, mit der er schon jetzt bekanntgibt, dass er auf dem ״Nationalkongress“ bloss ira ״eigenen Namen“ (also nicht einmal im Namen der ״Prager Orthodoxie“) das Wort ergreifen werde. Dieser grossprecherische ״Nationalkongress“ ist damit gerade durch einen seiner Hauptreferenten auf die Rangstufe gestellt worden, die ihm gebührt. Würde der ״Nätionalrat“ eine lokale Prager Institution sein wollen und wären die Beschlüsse des Vereines ״Sinai“ der Willensausdruck ausschliesslieh jenes (von mir aufrichtig .verehrten) in Gesinnung und Tat auf dem Boden unwandelbarer Gesetzestreue stehenden engeren Kreises in Prag, so wäre die Anwendung des ועשית כחכמתך vielleicht wirklich am Platze. Da aber — wie Herr Dr. Lieben sehr wohl weiss — weder das eine noch das andere zutrifft, so ist man unzweifelhaft berechtigt, Herrn Dr. Lieben den Vorwurf zu machen, er setze sich in!Widerspruch zu der unzweideutigen Stellungnahme aller גדולי ישראל unseres Landes und schädige aufs schwerste die Gesamtheit des orthodoxen Judentums in der tschechoslowakischen Republik aus Gründen vermeintlicher, rein lokaler, Prager Opport u n i t ä t. Dieser Vorwurf würde erst dann eine Milderung erfahren haben, wenn er und nicht ich die Oeffentlichkeit über den wahren Wert der ״o r t h 0־ d o x e n Vertretung“ im zionistischen ״Nationalrat“ aufgeklärt hätte. Sein persönliches, wenn auch sehr verspätetes Bekenntnis zur Wahrheit gereicht ihm jedenfalls zur Ehre. C i v i s J u d a e u s. Zionistische ״Politik“ und das zionistische Gymnasium in Munkacs. Erster Artikel. Die Zionisten aller Landesgebiete unserer Republik haben nun endlich eiti gemeinsames' Ziel, und auch ihre Gipfelorganisation, der sogenannte ,,Nationalrat“ in Prag, hat endlich ein Objekt für seine politische Betätigung gefunden: das zionistische Gymnasium in Munkacevo. Man sollte meinen, das Objekt der zionistischen Be- Strebungen sei P a l ii s ti n a und nicht Munkacs, und auf den ersten Blick wird es dem Uneingeweihten auch nicht ersichtlich sein, in welchem Zusammenhang die Beglückung der Munkacser ״Jiden“ mit einem Gymnasium — zum Aufbau eines ״National Home“ an den Ufern des Jordan steht. Was wollen und was suchen die Zionisten überhaupt in Munkacs und Karpathorussland? Wozu brauchen sie gerade in Podkarpatsko-Russ zionistische Schulen und Gym־ nasien, während es ilinerT keine Kopfschmerzen bereitet, dass ihre eigenen Kindel־, in Prag und Brünn ohne solche Pflegestättcn neujüdischcr Geisteskultur im Leben zurechtkommen müssen? Das grosse Geheimnis des zionistischen Interesses für Munkacs ist im Mandathunger ihrer Führer zu suchen. Wäre den Zionisten 11 e 111 e schon die Möglichkeit gegeben, sich für entgangene Mandate in Staat־ liehen und städtischen Vertretungskörperschaften und Einbiissen an anderen ״Errungeüschaften“ aus der herrlichen Assimilationszeit im neuen zionistischen ״Nationalheim“ schadlos zu halten, so würde wohl kaum ein Zionist in Prag oder Leitmeritz auf den Gedanken kommen, aus־ gerechnet nach — Munkacs zu gehen und festzustellen, dass dort den Juden nichts mehr fehlt als just ein —: Reformrealgymnasium mit neuhebräischer Unterrichtsspräche. Allsolange aber Mandate, und politische Führerrollen nur in. den'״ ׳Galuthl ändern“ zu ,ergattern sind und es da und dort immer noch unerfahrene und unorganisierte jüdische Massen gibt, erscheint es diesen Nachtasyl-Zionisteil, diesen grossen Politikern ohne Obdach, nicht verwerflich, auf dem gekrümmten Rücken der karpathorussisehen Juden ein Feuer anzulegen, um daran ihr politisches Siipplein, das da ״n a t i 0 n a Le M i n d e r h e i t s r e c h t e“ genannt wird, zum Sieden zu bringen. Wir werden im Laufe unserer Darlegungen in anderem Zusammenhang die Entstehung und die praktische Wertlosigkeit dieser politischen Phrase zionistischer Prägung im einzelnen behandeln.. Für jetzt genüge die Fest- Stellung, dass seit Jahren den Zionisten sehr viel daran liegt, die Juden in den osteuropäischen Ländern als nationale Gemeinschaften, als ״nationale Minderheiten“■ in die Problematik der politischen N a t i 0־ n a 1 i t ä t e 11 einzubeziehen. Die Nationalisierung des Judentums, die Festlegung der Eigenart der jüdischen Gemeinschaft auf gewisse nationale Merkmale an Stelle der bisherigen religiösen Gemeinsamkeit aller ihrer Glieder, ist ihr sehnlichster Wunsch. In!Polen, Litauen und zum Teil auch in anderen ״Randstaaten“ brachten es die Zionisten durch ein Pariser zionistisches Komitee, das sich der Abwechslung zuliebe ״Comite desDelegations J u i v e s“ ,nennt (ungefähr mit demselben Rechte, wie bei uns der Prager /zionistische ״Nationalrat“ sich als Vertretung aller Juden der Republik geriertl), auch zuwege, die Juden im Friedensvertrag als politisches ״nationales Minderheitsvolk“ zu deklarieren und ■ Unheil auf Unheil z u häufen. Bei uns in der Tschechoslowakei ist ihnen dies dank der Vorsicht unserer Staatsmänner nicht gelungen. Weder in den Friedens vertragen noch in der Ver־־ fassungsurkunde werden wir Juden als nationalistisches Sondergebilde im Staate bezeichnet. Wir sind in jeder Beziehung vollberechtigte Staatsbürger; wir erfüllen alle Pflichten und gemessen alle Rechte gleichntässig mit allen anderen Bürgern. Wollte man uns in unseren Rechten; kürzen, so ständen uns alle legalen Mitteln zur Verfügung wie allen anderen Bürgern des Staates und wir würden wahrlich keine Bedenken tragen, von ihnen nötigenfalls jeden Gebrauch zu machen. Auch der Tat Sache, dass wir inmitten der nichtjüdischen Bevölkerung eine Minderheit mit eigenen Bedürfnissen und eigenen Lebensbedih־ gungen sind, trägt die Verfassung und das Gesetz vollauf Rechnung in den Bestimmungen, die dem Schutze der ״nationalen, religiösen und Rassenminderheiten“ dienen. Keiner der wirklichen Vorteile einer ״nationalen Minderheit“ bleibt uns als ״religiöse Minder* heit“ versagt, wenn wir nur von der Voraussetzung ausgehen, dass alle Söhne und Tö.chter des jüdisehen Volkes unlösbar mit der jüdischen Religion verknüpft sind. Der Motivenbericht zur Verfassungsurkunde spricht uns auch das Recht zu, uns — wenn wir wollen — zur jüdischen ״ethni־ sehen“ Nationalität zu bekennen. Wir sind aber keines־ wegs gezwungen, aus unserem Bekenntnis zur jüdi־ sehen Nation, sei es, auch welche nationalistisch־ politische Forderungen abzuleiten, wie es die zionistisch-nationalistische Minderheitspolitik uns und der Welt einreden möchte. Unser ehrliches, aufrichtiges und stolzes Bekenntnis zum Judentum hat mit Zionismus und der ganzen zionistisch-nationalistischen Politik nicht das allergeringste zu tun. Jede Bezugnahme der Zionisten auf die Daten der Volkszählung ist frevelhafter Missbrauch. Das Bekenntnisblatt der Volkszählung ist kein p o 1 i t i־ sches Credo. Wir haben unsere vorbehaltslose Zugehörigkeit zum jüdischen Volke nicht erst aus einem Handbuch des Zionismus erfahren. Wir tragen uns auch der Nationalität nach als ״Juden“ ein, um damit zu be־ künden, dass wir zu keiner anderen Nationalität gezählt werden wollen, nicht aber, um zionistischen ״Politiker n“ die statistische Grundlage zu einer unheilvollen nationalistischen Min־* d e r h e i t s p o 1 i t i k zu liefern. Die Zionisten haben kein Recht, sich bei ihren politischen Forderungen auf die Statistik zu berufen. Weder die 1 8 0.000 Juden in der Republik und noch weniger die 8 0.0 0 0 in Podkarpatsko-Russ, die sich bei der Volkszählung als ״jüdischer Nationalität“ eintragen Hessen, sind jüdische Nationalisten im Sinne der Z i 0־ nisten. Wir erlauben nicht, dass man die Dinge auf den Kopf stellt, nur weil es die rein zionistischen Parteiinteressen wünschenswert erscheinen lassen. Allerhöchstens dürfen die Zionisten die Liste ihrer ״S c h e k e 1 z a h 1 e r“ als Träger ihrer Nationalitätenpolitik ansprechen. Mit einem gewissen S c h e i n von Recht berufen sich die Zionisten auf das traurige und beschämende Resultat der ersten Parlamentswahlen mit allgemeinem Stimmrecht, bei der 18.000 Wähler in Karpathorussland auf die zionistische Liste stimmten. Wir leugnen es nicht, dass dieses Resultat ein erschreckendes Zeugnis für die politische Unreife und für die Gesinnungslosigkeit unserer jüdischen Massen in Karpathorussland ist. Daraus folgt aber nur eine Forderung, nämlich die Notwendig־ keit, die Juden in Karpathorussland schleunigst politisch zu erziehen und zu organisieren, damit sich derartige* Anomalien n i c h t wiederholen. Andererseits wissen aber die Zionisten sehr wohl, dass sie, respektive ihre Kandidaten bei den Wahlen — Dr. Singer und Oberrabbiner Dr. Brody aus Prag — in ihren Programm־ reden und Flugblättern den Zionismus ganz in den Hinter־ grund stellten und das Versprechen abgaben, die Wahl nicht zur Vertretung ihrer zionistischen Privatansicht zu missbrauchen. Die Wähler in Karpathorussland waren sich dessen nicht bewusst, dass sie mit dem Stimmzettel sich zur zionistischen Minderheitspolitik bekennen. Würde man die Wähler befragen, so. würde sich gar bald heraussteilen, dass die nationalistische Politik in *Karpathorussland b'ewusstermassen nur von den ״ ־Schekelzahlern“, alles zusammen etwa 80 an der Zahl, gebilligt wird. Die Zionisten in Prag w i ssen, dass ihre nationalistische Minderheitspolitik weder in der Verfassung noch iu der Gesinnung der jüdischen Bevölkerung verankert ist. Sie bedürfen deshalb einiger jüdischer .N a t i o n a 1 i t ä t s s c h u 1 e n, u m das Vor h a n densein einer zionistisch -nationalistischen Gesinnung in der jüdischen Bevölkerung vorzutäuschen. In Karpathorussland liegt der Schlüssel zur Wahlpolitik der jüdischen, Bevölkerung unserer Republik; nur dort gibt es eine jüdische Wählerschaft, die zahlenmässig ,.jur Wahl eines Abgeordneten aus־ reichen könnte. Das Munkacser zionistisc h'e Gymnasium und die anderen ״hebräischen“ Schulen danken ihre Entstehung keineswegs irgend einem tatsächlichen erzieherischen Bedürfnis der dortigen Juden, sondern sind ausschliesslich politisches Werkzeug i n d e n H ä n d e n e i n i g e r Zionisten zur Inaugurie־ rung und Vorspiegelung einer nationalistischen Minderheitspolitik, die in der wahren Gesinnung der dortigen jüdischen Bevölkerung keinen Boden hat und für sie ein Verhängnis bedeuten würde. Der Minister für Schulwesen und Volksaufklärung hat voll und ganz im Sinne und im Interesse der jüdisehen Bevölkerung in Karpathorussland gehandelt, als er dem zionistischen Gymnasium in Munkacs, entgegen dem Wunsche des Prager ״Nationalrates“, die Genehmigung versagte. Nur das Häuflein Zionisten in Prag benötigt ein solches Gymnasium in — Munkacs zu politischen Zwecken. Wenn die Herren Dr. Singer, Waldstein, Dr. M a r g u 1 i e s und die zionistischen studierenden Jüng* linge in Prag hochtönende ״Proteste“ gegen das Verbot ankündigen und in ihrem unverantwortlichen, gewissenlosen Le i c h t s i n 11 nunmehr der Regierung sogar mit dem Ausland drohen, so ,ist es ,demgegenüber Pflicht der ihrer Verantwortlichkeit bewussten jüdischen Presse, für die Wahrheit ihre Stimme zu erheben und die Zionisten in die Schranken zu weisen. ׳