Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 10 (1924)
- Issue
- 45 (7.11.1924)
- Date
- 1924-11-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 298 JÜDISCHE PRC9SE Nr. 45 Man wird Vielleicht die Berichtigung, diese Daten so zusammenzustellen zu dürfen,!bezweifeln. Und wenn schon die Berechtigung zugegeben würde, so wird man noch immer (fragen, ob denn die Kult׳u!sgemeinde die Möglichkeit hat, irgendwie diese Ereignisse wie SterMicbkeit und Austritt zu beeinflussen oder zu ändern. Auf diese Einwände glauben wir mit einem entschiedenen Ja zu antworten. Oie Sterblichkeitszilfer kann durch p’ianimässige Fürsorge verringert werden. Nach der Tabelle XVIi des angeführten Berichtes sind im Jahre 1923 246 Kinder gratis und 52 entgeltlich begraben worden. Diese utiverhältiiismassig hohe Ziffer der Cjratiskinderbeerdigungen beweist, dass Armut und Elend nebst natürlichen Ursuchen mit am ■Werke waren, um kostbares Mensähenlebcn im zarten Kindesalter!zu vernichten. Würden Spital,!Fürsorge für Mütter nntd Säuglinge, Institutionen, die jeder Gemeinschaft zur Ehre gereichen, ,in ■der Kuitusgeimeinde auf der Höhe sein, würde die Kultusgemeinde diese wichtigen Gebiete der Fürsorge .menschlich, mit Herz, demokratisch für jeden!Hilfsbedürftigen zur Verfügung haben, so würde dann sicherlich eine günstigere Ziffer der Kinder- Sterblichkeit unter der armen •Bevölkerung aufzuweisen sein. Wir wollen nicht missverstanden werden. Oie Kultusgcmeinde opfert vidi für Fürsorgezwecke. Viel, aber nicht genug. Wir von unseren! Standpunkte verlangen aber nicht mir, ■dass die Fürsorge quantitativ ausgedehnt, sondern auch qaiaTitativ verfeinert werde. Dass ■die meisten Fürsorgeiiistitiiioncn ■der Kultusgcmeinide für den orthodoxen Kreis, für fromme Juden kaum in Betracht kommen, dass sie nur unter Verzicht auf ■die jüdisch-traditionelle Le- ■bensweise in Anspruch genommen werden können, ■ist eine beschämende Tatsache, die geeignet ist, ■dunkle Schatten auf!die Wiener Kuitusgeimeinde und ihre Verwalter zu werfen. Und somit kommen wir auf ׳den traurigen Punkt: über Austritte aus dem 'Judentum in Wien, zu sprechen. Wenn inan *den inneren Betrieb der Wiener jüdischen Waisenhäuser und anderer Wohlfalirtsanstalteii iiir Jugendliche kennt, wenn ■man weiss. wie wenig jüdisch sie sind, wie wenig Wert man darauf legt, dass die Zöglinge nicht nur die Liebe men schlich er Herzen,!sondern auch die Wärme der jüdischen Thora und Tradition empfangen, so muss man den Fluch der Lächerlichkeit befürchten, wenn man die Forderung erhebt, dass die Kultusgemeinde eine Prapagandazentrale für Stärkung der jüdischen Religion einrichten ■möge. Eine Zenträte, die durch Schaffung von ■Abendkursen, Vorträgen. durch Verbreitung von geeigneten Zeitschriften und mit Hilfenahme ׳moderner Propagandamittel irgendwie einen wirksamen Gegenstoss gegen jene Bestrebungen führt, die mit Ausnützung der neuesten technischen Mittel die ׳religiösen Gefühle in den jüidisehen Menschen ertöten!und somit ■den endgültigen Abfall vorbereiten. Dass ■so etwas möglich ist, das sehen wir doch aus ■der ■Arbeit der einzelnen Organisationen der Wiener Juden,!die sowohl a!uf dem Ge-!biete der Fürsorge, wie besonders auf dem Gebiete der religiösen Erweckung der Jugend erspriesslich arbeiten. Wenn mau von einer Modernisierung u!nld ■Demokratisierung der Kuitusgeimeinde spricht, so denken wir eben!daran, dass die Kultusgemeinde modern sein soll in der Auswahl und Verwendung der Mittel und demokratisch, indem sie die jüdische Volksseele verstehen lernt und sie in ihren stärksten Wurzeln in Hotel-Restaurant 1. GUTH, Wien, II., Hollandstrasse 14 (ehemalige Stefanieatrasae) ״־ ־— Unerkannt beste Kttehel ^־= ׳wahrer Religiosität stärkt. Dass Frömmigkeit und jüdische Lebensanschauung sehr wesentlich nicht nur die Austritte aus dem Judentum, sondern auch die Zahl der Geburten beeinflussen, •das 1liegt ׳wohl auf der Hand. Dass diese intimsten Gelbiete des menschliehen Lebens auch von wirtschaftlichen Momenten sehr stark beeinflusst werden, soll ■nicht geleugnet werden. Dass sie aber so stark unter dem Einfluss ökonomischer Kräfte stehen,!weist auf die Schwäche einer noch in der Thora und Tradition wurzelnden jüdischen Lebcnsanschauung hin. ■Die Geburtsziffern in Wien sind von 3080 im Jahre 1921 auf 2954 im Jahre 1922 und endlich auf 2704 i!m Jahre 1923 zuriiekgegangen. Wenn nun diese Ziffern einen Schluss erlauben, so dürfe man behaupten, dass die wirtschaftliehe Sanierung Oesterreichs bloss eine ökonomische Einengung und keine Seelensanierung gebracht hat. Nebst ■der natürlichen Auswirkung der schlechten ׳wirtschaftlichen Verhältnisse wird selbstverständlich von freigeistigen Kreisen eine sehr eifrige Propaganda in Wort und Schrift getrieben, die ■leider nur a:'.׳lzu geeignet ist ׳die Grundlagen der jüdischen Familie zu erschüttern. Eine wirksame־ Gegenwehr finden wir in jüdischen Kreisen nicht. Wir vermissen selbst einen bescheidenen Versuch auf diesem Gebiete. Sollte aber die Kultusgemeinde nicht nur aus einer Verwaltung und Steuermaschine bestehen, sondern eine jüdische Gemeinde sein, die geeignet ist, die in der jüdischen Seele schlummernden Kräfte zur Entfaltung zu!bringen, so wind sie sich auch mit diesen Problemen beschäftigen müssen. Die Wiener Orthodoxie, so weit sie ein lebendiges Gefühl für primäre jüdische Forderungen besitzt, schuf bereits ihre eigenen Institutionen, deren Erhaltung die besten geistigen und materiellen Kräfe ihrer Mitbrüder verlangt. Trotz dieses Umstandes will diese Orthodoxie der grossen Wiener Kiultusgemeinde sowohl Männer wie Mittel zur Verfügung steiften, in ■dem Bewusstsein, dass eine Besserung und Intensivierung des jüdischen Lebens in der Kultusgemeinde das Blühen und Gedeilien der eigenen Institutionen günstig beeinflussen. Hoffentlich wird ihnen gelingen, einstweilen dahin z׳u wirken, dass die grosse Wiener Kultusgemeinde sowohl in ihren Kultuswie in ihren Kultur- und Wohlfahrtseinrichtiingen die Schande krasser Unjüdischkeit abstreift. I Tausende Juden lesen die ״Jüdische Presse" Wenn Sie daher jüdische Kunden oder jüdische Gäste gewinnen wollen, so verlangen Sie sofort den unverbindlichen Besuch unseres Vertreters, der Ihnen einen Kostenvoranschlag über ein Inserat machen und den Text packend und wirksam kostenlos abfassen wird. m₪mm₪₪K₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪m₪₪₪₪t₪m Frau Esther mochte vielleicht glauben, der Ruhe bedürftig zu sein, aber das hinderte sie nicht, anstatt in ihr Schlafzimmer ein wenig stürmisch in das Studierzimmer ihres Gatten zu dringen. Ueberrascht blickte dieser auf. ״Weisst du, mein Teurer“, sagte ohne jede Einleitung Esther, ״weshalb unsere Leah bisher keinen Gatten wollte?“ ״Ach, hätte ■diese Frage nicht auch!bis morgen Zeit gehabt? Weisst ׳du es vielleicht? Seitdem du vergebens von Mirjam eine Aufklärung erhofftest, warst du ja auch überzeugt, dass Leah nicht heiraten mag, weil sie bei ihren ׳Eltern bleiben will.“ ״Ich weiss jetzt den wahren Grund?“ ״Ach, ׳da bin ich wirklich neugierig! Und wem verdankst du!diese plötzliche Erkenntnis?“ Mit einem Lächeln, das nicht ganz frei von Ironie war, meinte Esther: ״Wem anders als dir, mein Teurer? Du warst ja so gütig, mir dieses Manuskript zu übergeben.“ ״Du sprichst in Rätseln, mein Kind!“ ״Nun, so werde ich deutlicher sprechen“, sagte Esther, und löste dieses Versprechen in der Tat auch sofort ein. Sie hielt, an!der Hand des Manuskriptes, einige Stellen darin mit einem klaren, gründlichen und überzeugenden Kommentar versehend, ihrem gelehrten Gatten einen ziemlich langen Vortrag, nach dessen Beendigung!dieser staunend versicherte: ״Du hast wahrhaftig recht, mein Kind. Merkwürdig, dass ich das nicht ׳gleich selbst herausgefanden.“ ״Ja, sehr merkwürdig!“ sagte mit ihrem schalkhaften Lächeln Esther, fuhr aber dann sofort ernst fort: ״Wenn ich nur wüsste, was wir jetzt anfangen?“ Der Oberrabhiner versank in tiefes Sinnen, dann ■sagte er: ״Nun, vielleicht gelingt ■es mir, deine Meinung über meine Unzulänglichkeit in Herzensangelegenlieiten ein wenig zu korrigieren. Ich hätte ׳einen Vorschlag, den icli aber ■erst überdenken muss.“ ״Bitte,!bitte.... vielleicht kannst du ihn mir gleich mitteilen!“ ״Gut! Höre, mein Kind: Jose wird in den nachsten Tagen Gelegenheit ׳haben, persönlich ׳mit Perez zu sprechen, und er wird ihm einen Brief von mir übergeben, in welchem ich ihm mitteile, dass ich mich entschlossen habe, so Gott will, ׳der Feier der Hochzeit Joses mit Bella beizuwohnen, und dass mich meine teure Gattin Esther und!meine geliebte Tochter dahin begleiten׳ werden.... Das ist ■mein Vorschlag.“ Jubelnd rief Esther aus: ״Dein Vorschlag ist die Weisheit selbst!.... Ach, ich darf es ja jetzt sagen, ich fürchtete, du wiürdest Bedenken haben, weil.... weil....“ 1011״ verstehe, mein Kind, aber ich glaube im Sinne unserer Weisen sagen zu dürfen: Zu der Höhe, zu der Perez emporgestiegen, in Reue und ׳Busse, gelangen selbst die Besten selten.“ G. E—n. NACHRICHTEN. |®( Meeting der orthodoxen Kultuswähler.. Den wo'hl etwas späten aber umso wirkungsvolleren Auftakt zum Kaimipfe um die iK.u'lt'usstabe, bildete die am 7. Marsohesehwan 1(3. November) 1i!m Fests׳aale des» ׳Hotel Continienttal stattgehalbte Massenversammlung der ortliodoxen Wähler der KultusgemeLnide. Die Versammlimg war eine ■imposante!Maaiifestatiön der gesetzestreuen Juden Wiens für die Vereinigten Jüdischen Parteien und eine Anklage gegen ■den unter falscher Flagge segelnden Misrachi, ein Vertrauensvotum für die bisherigen orthodoxen Vertreter in der ■Kultusgemeinde und ein kräftiger Impuls für Arbeit der Zukunft. ■Herr Moritz Felsenbrg eröffnet, nachdem lange vorher schon der Saal von cn massenhaft erschienen Walllern gefüllt war. die Versunmlaug. Fr erläuterte in kurzen Worten die Erwägungen, die das vereinigte Wahlkomitee der gesetzestreuen Bethäuser zur Wahlgemeinsctiatt \׳eranlasste um ■Herrn Wolf Pappenheim das Wort zu erteilen. Der Redner gab vorerst einen historischen׳ Rückblick über die Entwicklung der Orthodoxie ■in Wien bis :zum Eintritt in die Kultusgemeinde vor vier Jahren: Die ortliodoxe Judenschaft, die bis dorthin in der Sehiffschulgemeinde ihren einzigen organisatorischen Ausdruck gefunden 'hatte, erwarb sieh unter den schwersten Kämpfen geringe Errungenschaften. Jetzt als das •neue Wahlrecht die Mögliehkeit einer zwar numerisch sewaehen, aber moralischen stärkeren Vertretung ■bot. :konnte sic in ■der Kultusgemeinde zu arbeiten beginnen. Den ernstgemeinten Bemühungen der dren Vorstandsmitglieder ist es nach schweren Mühen gelungeu, ■in ■der Kultusgemeinde, in der bisher ein absolut freier Geist herrschte. Verständnis und Interesse für die glaubenstreue Judenschaft zu erwecken. Es herrscht heute n der Kultusgemeinde trotz der zahlen massig schwachen Vertretung der orthodoxen J.udenschaft ein gewisses Verständniss für die Bedürfnisse der glaubenstreuen Juden, wenn dieselben auch noch nicht restlos befriedigt sind Sodann katn Redner auf die Verdächtigungen, denen die glaubenstreuen Vertreter in persönlicher lind politischer Beziehung ■in jeder Versammlung des ״religiösen Blocks“, zu sprechen, in einer solchen Versammlung soll der Schiffscliui der Vorwurf gemacht worden sein sie hätte die Mlkwah einfach eingestellt. Welche Bewandtnis es damit hat. zeigt die Tatsache, dass die Mikwah vor dem Zusammenbruch stand und zeitweise nur drei Tage in der Woche geöffnet war. Einer freien Vereinbarung gemäss, wurde sie von der Orthodoxie für eine bestimmte Zeit in Verwaltung genommen und mit einem Miliionenaufwand renoviert. Trotz des damaligen Defizites wurde s׳ie ganzwöchentlich offengehalten. Mit der Aufforderung, am 9. November durch den Stimmzettel den anderen Parteien ■die gebührende Antwort zu erteilen, schloss Redner seine von der Versammlung ■mit stürmischem Beifall quittierten Ausführungen. Als nächster sprach Herr Kommerzialrat Siegmund Bondl unter wiederholten stürmischen Beifall der Versammlung über die selbstgesteckten Ziele der gesetzestreuen Vertreter, auf deren Verwirklichung sich das Bemühen der orthodoxen Vorstandsmitglieder konzentrieren wird. Insbesondere betonte der Redner die unumgänglich notwendige Reform des Religionsunterrichtes auf die ein besonderes Augenmerk gerichtet sein wird. Das nächste Ziel muss die Befreiung der gesetzestreuen Schüler vom Gesamtunterricht am Samstag sein, damit unsere Jugend nicht weiter dem Zwiespalt zwischen Heim und Schule ausgesetzt bleibt. Was ■in Deutschland längst erreicht wurde, kann in Oesterreich nicht unmöglich sein. Und im offenen ehrlichen Kampfe gestützt auf das Vertrauen der gesetzestreuen Massen muss dieses Ziel erreicht werden. Den Ausführungen folgte lebhafte Zu- Stimmung. Der nächste Redner . Herr Albert Breuer zeichnete in prägnanten Worten das Bild der Kahalstube w!ie sie ist und wie sie sein sollte, um dann ■eine programmatisehe Erklärung abzugeben, die darin ausk'lang dass es das Bestreben der orthodoxen Vertreter sein wird, ׳das jüdische Gewissen aller Vorsteher solange nicht zur Ruhe kommen zu lassen, bis alle Institutione;; der Kultusgemeinde, wie Spital. Versorgungshaus usw. auch dem orthodoxen Juden!zugänglich sein weiden. Dr. Reiniger spricht ■den Wunsch aus, dass die Männer des Vertrauens nicht nur vor der Wahl mit der Wählerschaft •Zusammenkommen sollen. Auch nach der Wehl soll der lebendige Zusammenhang mit der breiten ■Menge gepflegt werden. Der frische Luftzug der öffentlichen Meinung wird die Herzen in ihren Kämpfen stänken. Der Redner hätte einen Zusammenschluss aller religiösen Kreiise viel lieber gesehen und bedauert die Umstände, die ihn verhindert haben. Er wendet sieh mit grosser Schärfe dagegen!, das von 'interessierter Seite ■ein Gegensatz zwischen Ost und West gesucht wird, der tatsächlich bei religiösen Juden nicht bestehen kann. An der Hand von Perücken aus dauergewelltem Naturhaar, garantiert unsichtbar im Tragen, liefert kurzfristig Rudolf SCHIFF Wien, 1. Bezirk, Kärntnerstrass• 8 (niebrt dem Stefanvplatz, an die Ecke)