Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 10 (1924)
- Issue
- 44 (31.10.1924)
- Date
- 1924-10-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 292 JÜDISCHE PRESSE Nr. 44 muss konsequent den Verfall!der Autorität des R׳a'bbiners überhaupt nach sich ziehen. Die thoratreuen Massen müssen von der suggestiven Kraft des Schlagwortes, dass die Wirksamkeit des •Rabbiners bloss auf den ,Beth Hamidrasch zu beschränken ist, befreit werden. Nichts ist im jüdischen Leben, das nicht im Geiste des Beth HanVidrasch, das nicht im Geiste der Thorabehandelt ,und entschieden rwejdeiD! könnte. Nicht der Rabbiner allein, sondern adle Aeusserungen des jüdischen Lebens gehören in den ׳Beth llamidrasch, ■beziehungsweise sollen vom Geiste des Beth Hamid rasch geleitet werden. Von dieser Grundanschauung geleitet, ist es Pflicht eines jeden tho-ratreuen .luden, die Autorität des Rabbiners zu achten, sie zu stärken und gegen jeden leichtfertigen Angriff zu verteidigen. P. Die Wiener Kultusgemeinde. f Der abtretende Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde gibt in einem Berichte der Israelitisehen Kultusgemeinde Wien über die Tätigkeit in der Periode 1912—1924 der Oeffentlichkeit Rechenschaft über die wichtigsten Geschehnisse innerhalb der Kultusgemeinde ‘in den verflossenen 12 Jahren. ׳Der Bericht •erscheint unmittelbar vor den Kultuswählen, die maturgeiriäss eine sachliche Würdigung desselben nicht günstig beeinflussen. Wir wollen daher einstweilen bloss in grossen Umrissen unserer Leserseiiaft Lin blick in ׳die Werkstatt der grossen Wiener Kultusgemeinde geben und ihre Arbeit vom Standpunkte der orthodoxen Judenheit beurteilen. Die Schilderung der Verhältnisse in der Kultusgemeinde während der Kriegsjahre und der umnittclbaren Nachkriegsjalire beansprucht bloss einen historischen Wert. Von aktueller Bedeutung ,ist bloss das Jahr 1923, das durch die allgemeine Sanierung tauch eine gewisse Stabilität in die Kultusgemeinde gebracht hat. Im Jahre 1923 hat die KulÄsgemeinde 49.970. also nahezu 50.000 steuerzahleude Mitglieder gehabt, die bei einer Steuervorschreibung von 14.868,627.500 Kronen in der Wirklichkeit 8485,310.186 Kronen bezahlt haben, was eine durchschnittliche Steuerbelast'ung von 170.000 Kronen bedeutet. An Gehalten, Löhnen, Pensionen usvv. wurden im Jahre 1923 8.869,034.000 Kronen verausgabt, somit haben die gesamten Stcuereimgänge ini Jahre 1923 nicht genügt, um den Personalaufwand zu decken. Wir ,stehen selbstverständlich fern von jenen Kreisen, die gegen die Befriedigung der Beamtenschaft der Israelitischen Kultusgemeinde hetzen, beziehen noch bloss 25 Angestellte der Kultusgemeinde mehr als 4 bis 6 Millionen Kronen, 12 Angestellte mehr als 6 bis 8 Millionen und ,nur drei Angestellte1 mehr als 8 Mill. monatlich. Der Umstand aber, dass der gesamte Steuereingang im Jahre 1923 nicht zur Befriedigung des Personalaufwandes hinreichte, sollte ׳ernstlich zum Denken geben, zumal im Jahre 1924 infolge der Wirtschaftskrise und der Teuerung die Steuereingänge geringer und die Gehälter grösser sein werden. ■(Tatsächlich sind im ersten Halbjahre 1924 an Gehältern 7.049.000.000 Kronen ausge׳zahlt worden.) Wird aber in ,der Kultusgemeinde ein aufrichtiger,!ehrlicher demokratischer Geist herrschen, wird sie nicht bloss eine bureaukratisclne Maschine bleiben, so werden die breiten Kreise, die an!dem Gedeihen und Blühen der Kultusgemeinde Interesse lieh gehalten, dass es einen Menschen gebe, der in so jungen Jahren über eine so ungeheure Gelehrsamkeit. verbunden mit so übermässiger Geistesschärfe verfügt. Fr hat!sieh auch mit wahrhaft väterlicher Liebe seiner sofort angenommen und dafür gesorgt, dass er durch Aufnahme der Lehrtätigkeit in Uhren seinen Lebensunterhalt ■finde. Aber wie der Oberrabbiner gleich anfangs die Gelehrsamkeit Perez’ bewunderte, so fand er später, im vertraulichen Gespräche mit mir. nicht genug Worte. u׳m auch all die ’rügenden zu rühmen, die er bei näherem Verkehr mit Perez, bei ihm erkannte: seine ,Bescheidenheit, seinen idealen Sinn, seine deinutsvolle Frömmigkeit, die sich auch in einer geradezu asketischen Lebensführung bekundet. Ich glaube, er hat Grosses ■mit ihm vor und ich wäre gar nicht verwundert, ,wenn ■wir ihn bald als seinen Stellvertreter in dein grossen Lehrhause!finden, denn so geisteskräftig noch der Oberrabbiner ist. so ■klagt er doch, dass seine 80 Jahre — Gott verlängere sein Leben — sich schon, fühlbar machen . . . So, Rabbi, verliess ich unseren Perez!“ Miit inniger Anteilnahme hatte der ()׳berrabbiner zugehört. ,.Mein teurer Freund — sagte er, sich von seinem Sitze erhebend — Sie haben mir dreifache Freude bereitet: 1durch die Mitteilungen über Ihr persönliches ־Befinden, dann über die Verlobung Ihres Jose und schliesslich ,durch die Kunde über Perez.“ Mit herzlichem Händedruck verabschiedeten sich ,die Freunde. (Schluss folgt.) Hotel-Restaurant J. 6UTH, Wien, II., Hollandstrasse 14 (ehemalige Stefaniestr&sse) ==■־■■■ -■■■ ■ Anerkannt Reste Kliohel —g:a-,7 haben, willig die Opfer tragen, die zur Aufrechterhaltung der Verwaltung nötig sind. Einstweilen ist aber diese ehrliche Demokratie ׳in der Kultusgemeinde ■nicht zu finden, dafür aber Pseudo-Demokratie reichlieh ■genug. Eine ehrliche Demokratie würde vor allem bestrebt sein, der konservativen Lebensanschaitung der Wiener Judenheit, denn über ׳die streng orthodoxen Kreise ׳hinaus ist ein Grossteil der Wiener Judenheit konservativ gesinnt, mehr Rechnung zu tragen. Vor allem kommt der obligatorische Rehgionsunterricht dieser Forderung nicht nach. Auch hier sind wir weit entfernt, die Religionslelirer und den Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen summarisch zu verdammen. Wenn man aber bedenkt, dass ■der Religionsunterricht an den öffentliehen Schulen der Kulttisgemeänden im ersten Halbjnhr 1924 bereits eine Milliarde gekostet hat, so muss die Oeffentlichkeit doch fragen, ob man auf diesem Gebiete sich mir mit Konstatierungen des Uebels und endlosen Klagen hierüber begnügen soll, ohne mit fester Hand Ordnung ■zu schaffen. Dass noch vorkommen kann, dass Kinder aus orthodoxen Häusern vom Religionslelirer in 1ihren ,religiösen Gefühlen beleiidigt werden, ist eine Ungeheuerlichkeit, die in keinem einzigen Falle geduldet ׳werden dürfte. Fs soll an ,dieser Stelle hervorgehoben werden, dass die privaten orthodoxen Lehranstalten ,Wiens (Chiadorim und Talmud Thoras) im Jahre 1923 eine Milliarde für Limud Hathora ausgegeben ,haben. Wenn man bedenkt, dass die Schüler dieser ühadorim und Talmud Thoras auch am dem offiziellen Religionsunterricht teilnehmen müssen, ■der für sie im besten Falle überflüssig, vielfach aber auch schädlich ist, so drängt 1 Mt*‘"' .״• 1• EineTAnnonce I in der ״Jüdischen Presse“ wird von Tausenden Juden gelesen. Wenn Sie diÜÄ jüdidehe Kunden oder jüdische Gäste gewinnen!wollen, 80 verlangen Sie sofort den unverbindlichen Besuch unseres Vertreters, der Ihnen einen Kostenvoranscblag machen und das Inserat packend und wirksam kostenlos abfassen wird. sich die Erkenntnis. auf, dass gerade auf dieser Linie der Ausgleich gefunden werden muss. Die Schüler dieser Chadorim und Talmud Thoras sollten eben von dem offiziellen Religionsunterricht befreit werden. Dies würde der Kultusgemieimde eine Ersparnis an Ausgaben, den thoratreuen Eltern• aber eine Ersparnls au Aerg-er und Kränkung bedeuten. Was die zweite Hauptaufgabe der Kultusgemeinde, nämlich die Erhaltung vom Kultus- und Rituellen Anstalten betrifft, so finden wir ebenfalls Mangel eines ehrlichen Konservativismus. Eime wichtige Institution wie die Mikwali konnte von der Kultusgemeinde allein nicht erhalten werden. Um den ständigen Betrieb der Mikwali zu ermöglichen, musste Ad a s J ■i s r oel (Sdhiffsohul) teingreifen. Ueber dieses traurige’■ Kapitel lässt sich ,der offizielle Bericht folgend vernehmen: ״Im Juli 1922 trat der Verein ״Adas Jisroe'l“ an den Kultusvorstand mit dem Amtrage hieran, die Kultusgemeinde möge die B׳etriebsfülirung diesem Vereine übertragen, wogegen sich• der Verein verpflichtete, die notwendig gewordene Renovierung auf eigene Kosten durchzuführen und etwa erforderliche Betriebszuschüsse zu leisten. Das Anerbieten wurde auf Grund eines die erforderliehen Kamtelen bietenden und zeitlich begrenzten Uebereinkommciis angenommen.“ Wenn auch dieses Üebereinkonuneti sich sehr gut bewährt hat, wenn auch hiedurch erwiesen wurde, dass Adas Jisroel, die Sclriftschul. nicht so sehr separatistische Ziele verfolgt, wie dies aus gehässigem politischem Gründern vielfach behauptet wird, sondern uneigennützig und aufopferungsvoll dem gesetztreuen Teil der Wiener Judenheit dient, so ist es für die Kultusgemeinde wenig rühmlich, zur Erhaltung und zum dauernden Betrieb einer so lebenswichtigen und unbedingt notwendigen Institution erst, die Hilfe eines ״Vereines’ in Anspruch nehmen •zu ,müssen. Dasselbe wäre von der rituellen Fleischversorgung zu sagen, wenn auch anerkannt werden muss, dass gerade auf diesem GebLte vielfache Verbesserungen erzielt wurden, ohne aber das Kaschruthwesen in ׳den Fleischbänken radikal saniert zu haben. 1. (Fortsetzung folgt.) Ein Wunschzettel für den neuen Kultusvorstand. Von einem Abseitsstehenden. Wieder einmal nahen Wahlen in den Vorstand der Wiener JudenKemcinde und verschiedene Parteiprogramme flattern •dem Wähler ins Haus. Von allen Seiten wird gefordert, ׳dass ׳die Kultusgemeinde die Freiheit aller in ihr vorhandenen religiösen Richtungen respektiere und auch sonst wird viel mit allgemeinen Sc'hlagwörtern, wie Ausgestaltung, Wahrung usw., ׳umhergeworfen, ohne dass .bisher eine Seite ein wirklich konkretes Programm entwickelt hätte. In der Vertretung der allgemeinen jüdischen Interessen nach aussen ist selbstverständlich Kimgkeit obersten Gebot der Stunde und auch die Pflichten ■des Juden wie der jüdischen Gesamtheit gegenüber dem Palästinaaufbau sind heute schon fast über alle Meinungsverschiedenheiten hinaus imbestritten: ■in Fragen des inneren religiösen Lebens jedoch wäre Schweigen ein Zeichen von 01111 macht oder Gleichgültigkeit und dieser kann gottlob die Gesetzestreue Wiener J.udenheit nicht mehr geziehen werden. Und so ■ist es denn heute an der Zeit, dass der Finger auf einige von den vielen wunden Stellen am Körper der Gemeindeinstitutionen gelegt und das gesagt werde, was Hunderte fühlen und nur in einer gewissen Scheu, nicht laut werden lassen. Hunderte gläubiger Juden sind es, die jahraus, jahrein mit Ausnahme weniger Tage die einzigen Besucher der Gemeindehcthäuser darstellen, und eben diese .gläubigen Juden vermissen z. 15. die Rezitierung des Priestersegens in der täglichen Tefillali viel schmerzlicher als es vielleicht den Ungläubigen schmerzen würde, sich gesegnet zu wissen. Wenn dem Wunsche nach ständiger Wiederholung der Tefillali Zeitmangel entgegengehalten wird, so möge die rechtzeitige Beendigung des Gebetes eben durch früheren Beginn und nicht auf Kosten ehrwürdiger »und teurer Ueberlieferung erzielt werden. Zugegeben, ■dass im Zeitalter des Liberalismus den Reformfreunden die Bitten um Rückkehr nach Jemsale.n als Kornpromissobjekt geopfert werden mussten heute, in den Tagen des Palästinamandats wirkt der ״Fortschritt“ von damals nur wie ein Anachronismus. Wenn ternär d׳as ärgerniserregende Mitnehmen von Stöcken. Schirmen und Aktentaschen an Sabatten in den Gemeindetempeln verboten und die Musterung ■der Frauengalenc während der Ked'iischah ׳durch das von der Tradition geforderte Gitter ein wenig verhindert würde, es käme mir der Würde des Gottesdienstes, zu deren Rettung ja die Reisigen der Reform ausgezogen waren, zugute. Die Synagoge hat andere Zwecke als das Theater und entspricht ihren Zwecken am besten, wenn *de nach ׳der Tradition eingerichtet ist. Wem! man schon dafür kein eigenes Gefühl mehr hat. so lasse man sich durch die auch von Gronemann schon registrierte Meinung arischer Intellektueller dahin belehren, dass der Gottesdienst in einer traditionellen Synagoge namentlich im Osten ihnen besser zu sagt als der :n einer reformierten oder halbreformierten Synagoge des Westens. In einer ׳dieser, Flüsterhöhlen gleichenden Synagogen. in denen man ■erschrickt, wenn einem Be!er ein Wort, wie es ihm ums Herz ist, entschlüpft, wurde jüngst am Vorabend des Rosch-Haschanah auf Geheiss des Vor- Standes eine gedruckte Aufforderung zur Zeichnung von Spenden verteilt und ׳damit geradezu offiziell die •Entweihung des Jonitow gutgeheissen. Und doch kann der gesetzestreue Wiener Jude nicht immer Ver.־insbe‘!,äaiser besuchen, da sie ihm oft zu sehr entlegen sind. Ls is. daher nur ganz natürlich, dass die Gemeindeinstitutionen nicht unkontrolliert denen überlassen werden dürfen, die in Unwissentlich und Lässigkeit an ihnen darauflos sündigen, während man sich etwa weiter mit Subventionierung der traditionstreuen Vereinsbethäuser aus Gemeindenütteln begniigt, sondern es muss von allen neu- oder wiederzuwählenden Gemeinde- und Betliausvorstehern. welcher Partei immer sie angeboren, nicht mehr und nicht weniger gefordert werden als die W i e d e r e i n s e l z u n g de s Sc ■luil cli an A r 11 c 11 in seine Rechte ah Norm fiir alle Gemeindeinstitutionen. Auch dass endlich einmal d;e Be- Zeichnung בשר von nicht rituell geführten Gaststätten usw. schwinde, muss mit Entschiedenheit gefordert werden und vielleicht wird dann einmal der Zeitpunkt kommen, •n dem zweierlei Scliechita in Wien überflüssig so׳,! wird, da die grosse Einheitsgemeinde nicht mehr auf Kosten pcoilicher Gewissenskonflikte bei ihren religiösen Mitgliedern einig dastehen wird, sondern dank einem brüderlichen Nachgeben derjenigen, die ohne Gewissensbisse gesetzestreue Institutionen ebenso gut benützen können wie gesetzlose. Vom Tage. ©@© Zweierlei Mass. ״Die Geschmacklosigkeit der Tageszeitung ״Doar Hajom“ in Jerusalem, die sich einen schlechten Witz über den Stifter der christlichen Religion erlaubt hat, verdiente kaum auch nur ein Wort der Erwähnung, wenn nicht die übereifrigen Wächter der katholischen Kirche diese Seifenblase zu unverdienter Grösse aufgepustet hätten. Der Vertreter des Vatikans, Monsignore Barlassina, hat sich nicht damit begnügt, die Klage gegen die Zeitung anzustrengen, sondern er hat durch unterirdische Kanäle die ganze katholische Presse der Welt auf den Plan Perücken aus dauergewelltem Naturhaar, garantiert unsichtbar im Tragen, liefert kurzfristig Rudolf SCHIFF Wien, 1. Bezirk, Kärptnerstrasse 8 (nächst dem Stefansplatz, um die Ecke)