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Jüdische Presse · 1924-10-10 · 41-42 (10.10.1924) · page 4

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Journal
Jüdische Presse
Volume
10 (1924)
Issue
41-42 (10.10.1924)
Date
1924-10-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 280 JÜDISCHE PRESSE. Nr. 41/42 ,י■/'׳/?*7? Probleme der jüdischen Schule.*) Von Dr. L. Deutschländer. H. Um die jüdische Schule im Westen ihrer wahren Stimmung entgeKenzuführen, um den Zöglingen das Mass jüdischen Wissens zu vermitteln, das sie zu vollwertigen Juden im altüberlieferten Sinne macht, müssten zunächst ■eine weit grössere!Anzahl von Stunden dem jüdischen Unterricht gewidmet, bei den Behörden also das Recht erwirkt werden, den Stundenplan in ■diesem Sinne umzugestalten. Auch dem Laien ist bekannt, dass die oberste Schulbehörde jedes Landes für die verschiedenen Schulgattungen einen genauen Lehr- und Stundenplan vorschreibt und auch bescheidene Abweichungen nicht zugelassen werden. Das erscheint ungeheuerlich, wenn man berücksichtigt, dass das Ziel der gesamten Schulerziehung auf verschiedenen Wegen zu erreichen ist. Ziel des Unterrichtes ist nicht allein die Vermittlung einer bestimmten־ Summe ▼on Kenntnissen. Wichtig ist, dass der Lehrstoff so verJ mittelt werde, dass die ganze geistige Energie des Zog־! lings Förderung und Veredlung erfährt. Seine Aufnahmefähigkeit soll gestärkt, sein Denken geschärft, seine Phantasie, seine Urteilskraft, sein Gefühl, kurz alle Geistes- und Seelenkräfte sollen ausgebildet werden. Es ist klar» dass die jüdischen Wissenselemente für das jüdische Schulkind den besten Nährstoff bilden. Wenn wir auch der Ueberzeugung sind, dass ausgebreitete Kenntnisse weitlieber Gegenstände nicht mehr entbehrt werden können» so lehrt die Erfahrung, dass ein auf seinem Mutterboden genährtes Kind mühelos in den Besitz jener Bildung* kommt, die vom Staat als Norm etwa für den Eintritt in die Hochschule vorgeschrieben ist. Der Beweis für diese Behauptung ist erbracht, nicht nur von einzelnen, die, in Cheder und Jeschiwoth ausgebildet, erst in späteren Jahren allgemeine Kenntnisse erworben haben und in kurzer Spanne das Ziel derer erreichten, die lange vor ihnen den profanen Bildungsweg beschritten haben. Der Beweis ist aber auch in jenen Schulen des Ostens erbracht worden, deren Programm auf dieser Grundlage aufgebaut ist, deren Lehrplan nicht zwei bis vier Stunden wöchentlieh Religion aufwies, sondern täglich zwei bis drei Stunden Unterweisung in allen jüdischen Disziplinen verlangte. Auf Grund einer Höchstzahl von Stunden für das Hebräische gelangt auch der Durchschnittszögling zu einer umfassenden Kenntnis des gesamten jüdischen Schrifttums, einer Ausbildung, die die Grundlagen zur schnellen und sicheren Erfassung des profanen Wissensgebietes schafft. Wir zweifeln keinen Augenblick, dass die Bemühungen zur Erlangung eines Sonderstundenplanesi für jüdische Schulen nicht allzu leicht zum Ziele führen! werden. All jene Kreise, die an den jüdischen Schulen interessiert sind und für sie Opfer bringen, werden immei! wieder Versuche zur Verwirklichung dieser Bestrebungen Unternehmen müssen. Es ist uns nicht bekannt* ob die grossen Organisationen oder Gemeinden schon ernstlich in parlamentarischen und Regierungskreisen für diesed Ideal geworben haben. Dagegen lässt sich in methodischer Beziehung innerhalb des Unterrichtes vieles erreichen, um eine wahrhaft jüdische Atmosphäre in jeder Unterrichtsstunde zu erzielen und zu verbreiten. Vom ersten Schreibunterricht begonnen, in welchem der Lehrer Worte aus dem jüdischen Leben zur Vorlage'benützt, bis zum Studium klassischer Dichtungen auf der obersten Stufe, ist der Lehrer stets in der Lage, jüdische Keime in reicher Saat auszustreuen. Die Forderung ist nicht! neu, es fehlt nur eine gründliche systematische Zusammenfassung. Am wichtigsten ist es natürlich, jen0 Fächer zu bearbeiten, die in besonderem Masse das! Gemüt beeinflussen: Literatur und Geschichte. Und in einer Reihe von Arbeiten ist bereits der ,Versuch unter• nommen, sowohl in der Auswahl als in der Behandlung die Verbindung mit den jüdischen Interessen herzustellen. Sollen ja alle Wissensschätze, die dem Zögling vermittelt werden, in lebendigster Wechselwirkung miteinander' stehen und den Kern, also die jüdische Seele, von den verschiedensten Richtungen aus stärken. Verständlich also» wenn der Lehrer beispielsweise diejenigen Dichtungen bevorzugt, die mit der jüdischen Gedankenwelt verbunden sind. Auch in allen anderen Fächern kann der geübte Lehrer die Brücke zum Jüdischen oftmals herstellen. Im Geschichtsunterricht sind die Beziehungen zum Schicksal unseres Volkes lebhaft zu gestalten. Im Religionsunterricht bietet sich Gelegenheit, die Fauna und Flora des heiligen Landes, Tiere und Pflanzen aus der Bibel zu veran,- *) Sieh# N-ummer 39-4#. Ans Lehrhaus nnd Schule. schaulichen. Grosse Verlagsanstalten haben besondere Anschauungstafeln für die Realien der Bibel hergestellt, sie durften auch zum Unterricht herangezogen werden. Im Rechenunterricht werden bei eingekleideten Aufgaben Verhältnisse des jüdischen Lebens berücksichtigt werden können. Dass die Geographie Palästinas nicht vernachlässigt werden darf, dass an der Karte Wanderungen und Kriege aus der jüdischen Vergangenheit zu verfolgen sind, sind Forderungen, die schon oft erhoben wurden. Wir wollen uns hier nicht in Einzelheiten verlieren, uns sei der Vorschlag erlaubt, dass in gemeinsamer Arbeit ein Handbuch für den Unterricht der jüdischen Schulen zusammengestellt werde, in welchem die Behandlung profaner )Gegenstände unter jüdischem Gesichtswinkel erschöpfend dargeta nwird. Ein solches Werk würde auch in der pädagogischen Welt des Ostens mit Freuden begrüsst werden. Und schliesslich der hebräische Unterricht selbst. Es ist kaum verständlich, aus welchem Grunde in den letzterf 50 Jahren trotz eifrigster Bemühungen nach dem; Urteil vieler keine wesentlichen Fortschritte erzielt worden sind. Noch immer wieder wird das jüdische Schulkind mit der Uebersetzungsmethode gelangweilt. All die kleinen Leitfaden für den Grammatikunterricht, die kaum vor einem Jahrhundert auf der Höhe standen, sind noch im Gebrauch und werden ohne jede Aenderung neu aufgelegt. Wiij fragen: Gibt es eine moderne Schule, die sich methodisch nach Prinzipien richtet, die vor einem halben Jahrhundert zur Anwendung kam? Dabei hat die Lehrerwelt des Ostens ,in emsiger Arbeit .fruchtbare Hilfsmittel zur Verbesserung des jüdischen Unterrichtes geschaffen. Eine Zusammenstellung der wichtigsten hebräischen Schulbücher dürfte in keiner jüdischen Lehrerbibliothek des Westens fehlen. Es sei nur in aller Kürze auf diejenigen Bücher verwiesen (Iwrith, Tal Boker u. a.), welche mit dem/ Kind noch vor dem Chumesch-Uhterricht durchzugehen sind, ein Wunsch, der vom pädagogischen Standpunkt aus so selbstverständlich ist, dass eine Diskussion darüber entJ behrlich erscheint. Man hat die Bedenken erhoben, dass der Chumesch-Unterricht selbst anfänglich eine kleine Verzögerung erleidet, welche fromme Eltern nicht gerne in Kauf nehmen; jeder Lehrer weiss aber, dass die Verluste schnell und reichlich eingeholt werden. Gerade weil wir den Unterricht in. der heiligen Schrift nijeht mit sprachlichen und grammatikalischen Uebungen allzu sehr vorziitierten Hiilfsbiicher zur dauernden Beibehaltung des Tenachunterrichtes bis in die mittleren Klassen hinein für westliche Schulen zur Einführung empfohlen. Für den Tenachunterricht selbst se»i auf das im Osten weit verbreitete Werk Mikro Mefaurosch verwiesen, für den Geschichtsunterricht auf die in leichtem biblischen Hebräisch verfassten Bücher der jüdischen Geschichte» die wir gerne an Stelle der deutsch geschriebenen Lehrbücher sähen. Wir unterschätzen t^e Schwierigkeiten nicht, die der Einführung anfänglich entgegenstehen, zweifeln aber ebensowenig, dass in wenigen Jahren die ungeheure Befruchtung, die dem gesamten hebräischen Unterricht daraus erwächst, zur allgemeinen Anerkennung gelangt sein wird. Weiss doch jeder Lehrer, dass das bisher geübte Verfahren der Uebersetzung (mit oder gar ohne Vokabularien) die Schüler der Unter- und Oberstufe bei Bewältigung eines neuen Textes immer vor die gleichen sprachlichen Schwierigkeiten stellt. Es sind eine Reihe von Forderungen, die nach unserem Ermessen eine jüdische Schule im Westen zu ihrer wahren Bestimmung als jüdische Schule führen 'können. Der einzelne Lehrer» die einzelne Anstalt wird selten in der Lage sein, grundlegende Aenderungen aus eigenen Kräften durchzuführen. Die Gesamtheit ist zweifellos dazu befähigt. Der Staat hat die Möglichkeit, in Konferenzen und Kongressen die Probleme der Schule zu fördern. Und niemand wird leugnen, dass ungeheure Fortschritte in den letzten Jahrzehnten erzielt worden sind. Die jüdische Lehrerwelt‘ des Westens muss sich selbst zur Tat anspornen und wird unzweifelhaft mit vereinten Kräften verborgene Energien wecken können, die das ihr heilige Berufewerk zu einem! höheren Ziele führen können. Ein orthodoxer jüdischer Schulkongress möge bald diese und andere Vorschläge prüfen und die Lösung oder Förderung der schlummernden pädagogisch-jüdischen Probleme in die Wege leiten! Ein Besuch in •den Beth Jakob- Schalen in Krakau. Anlässlich •der jüngsten Zentralratssitzung hatten die ■Mitglieder des Zentralrates Gelegenheit, sich mit den Beth Jakob-Schulen näher bekanntzumachen. Die Gründerin!dieser Schulen,!Frau Sarah Schenierer. kann am besten die ׳Entstehungsgeschichte und den allmählichen Aufstieg nach den ersten Gründungsjahren schildern. ׳Die schlichte Frau erzählt in schlichten Worten, wie sie als Flüchtling in Wien gelebt hat und durch die Vorträge des Wieners Rabbiners M. Flesch auf Samson Rafael Hirschs Schriften aufmerk־ sam gemacht wurde. Aus diesen Schriften hat sie die Begeisterung geschöpft, um an die Verwirklichung einer Aufgabe ■zu gehen, die in der Gegenwart besonders dringlich ist:!Die Gründung von Religionsschulen für Mädchen in Polen und in Galizien. Die Unwissenheit der weiblichen •lugend in Polen stand in gleichem Verhältnis zu ihrem Abfall von der Thora und Tradition. Frau Schenierer hat nun vor ungefähr acht Jahren in ihrer Heimatstadt Krakau eine Religionsscbule für Mädchen unter dem Namen Beth Jakob gegründet. Wie primitiv diese erste Religionsschule auch war — Frau Schenierer liess sich von den Schwierigkeiten des Anfanges nicht entmutigen. Sie selbst hat alles, geradezu alles für die Existenz und den Betrieb der Schule herbeischaffen müssen, sowohl die Schülerinnen, die die neue Schule nur mit Zögern besuchten, als auch das Geld für die!Bestreitung der Ausgaben. Sie musste die ersten primitiven Lehrbücher zusammenstellen, da Lehrbücher für den religiösen Unterricht der Mädchen in Polen überhaupt nicht vorhanden waren. So hat sie selbst Lehrbücher geschrieben und dann sorgsam, als noch kaum Schülerinnen da waren, mit der Ausbildung von Lehrerinnen begonnen. Nach!acht Jahren bestehen nun ungefähr 35!Beth Jakob-Schulen in verschiedenen Städten Polens mit 50 Lehrerinnen, die alle Zöglinge von Frau Schenierer sind. In Krakau selbst ist die Mutteranstalt mit sechs Kursen, die Mädchen im Alter von 6 bis 12 Jahren jüdisches Wissen 1m Lesen und Schreiben, Beten und ׳Uebersetzung der Gebete vermitteln und ir! der ׳jüdischen Geschichte und jüdischen Pflichtenlehre unterweisen. Nebst den Lernkursen ist auch eine Werkstätte für Stickerinnen, Näherinnen und Modistinnen vorhanden, wo nebst der handwerklichen Ausbildung auch religiöse Unterweisung erteilt wird. Mit besonderer Freude und Hoffnung sehen wir bereits •einige Schülerinnen ausgebiidet, die ihre Lehrmeister in der Fortsetzung ihres Werkes mit Verständnis und Begeisterung unterstützen. Die frische Begeisterung, der moralische Ernst und der hingebungsvolle Idealismus dieser jungen Lehrerinnen machen dem erzieherischen Talent der Frau Schenierer alle Ehre. So haben die!Besucher der Beth Jakob-Schule in Krakau Gelegenheit gehabt, ■eine 15jährige Lehrerin am Katheder zu sehen. Sowohl Disziplin wie die Frage- Stellung der Lehrerin, sowie die Antwort •der Mädchen waren tadellos, auch für westeuropäische Verhältnisse mustergültig. Eine andere junge Lehrerin, die eigens aus der Provinz kam, um anlässlich der Zentralratstagung von den westeuropäischen Schulmännern Rat zu holen, hat von dem schweren Ideenkampf berichtet, den sie als Leiterin einer religiösen Schule zu bestehen hat. Sie hält den gleichgesinnten Mädchen Vorträge, gesteht und beklagt, dass sie zu wenig Quellen •zu eigener Belehrung besitzt. Dankbar hat sie einige praktische Winke von jenen entgegengenommen, die den grossen Kulturkampf bereits in anderen Staaten ausgefochten haben. Es ist mit Freude festzustellen, dass Frau Schenierer nicht nur eine Beth Jakob-Schule, sondern auch eine Beth Jakob-Bewegung geschaffen hat. Sie hat uns viele Briefe gezeigt, die ein erschütterndes Bild von dem inneren Leben der Frauen in den meisten Städten Polens geben. In all diesen Briefen beschwört man Frau Schenierer, weitere .Beth Jakob- Schulen zu gründen, um der religiösen Not, in der die weibliche Jugend in Polen sich befindet, zu steuern. Selbstverständlich kann man nicht alle Bitten erfüllen. Allein Frau Schenierer führt mit grosser Ausdauer ihre Sache weiter. Auch zurzeit befinden sich 20 Mädchen bei ihr, die noch in diesem Jahre ein Lehramt bekleiden müssen. Auch steht Frau Sehenierer in ihren Sorgen nicht mehr ganz allein. Einige Führer der Aguda in Polen haben die Bedeutung dieser Schulen erkannt und sind zur Mithilfe entschlossen. Nebst 'ihrer moralischen Unterstützung fördert das orthodoxe Frauenjoumal ״Beth Jakob“ sehr stark die religiöse Bewegung der Frauen, Tatsache ist, dass die Mitglieder des Zentralrates der Agudas Jisroei in Krakau nebst den grossen weltumspannenden Problemen der Agudas Jisroei Oelegenheit hatten, in die Werkstätte einer einzigen schwachen Frau zu blicken, die versucht hat, die grosse Idee in die ׳Wirklichkeit umzusefczen. Es war für uns alle überwältigend, zu sehen, was ein starker Wille mit einer guten Idee vollbringen kann._ TALMUD THORA WIEN. II-, Malzgasse 16 Der Unterricht am HANDELSKURS beginnt Mittwoch am 24. Tischri (22. Oktober) um 2 Uhr nachmittags. Einschreibungen finden täglich von 2—5 Uhr statt. Agttdaa Jisroei-Jagendgrappe. Samstag dea 11. Oktober d. J.,ד!ע1ינ '& #p ״V, 4 Uhr nachmittags, Hattet ein Vortrag dos Herrn Schachaoritz, Bedaktew) im ״Israelit", statt.

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