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Jüdische Presse · 1924-10-10 · 41-42 (10.10.1924) · page 3

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Journal
Jüdische Presse
Volume
10 (1924)
Issue
41-42 (10.10.1924)
Date
1924-10-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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T T Nr■ 41/42 JÜDISCHE PRESSE Sette 279 Zum Bilde Rabbi Chajim Sonnenfelds .שליס״א ׳linier den führenden ׳Persönlichkeiten •des geeenwärtigen Judentums ragt diie Gestalt 1R a b b i C h a ii m S 0 nnenfelds, des unerschrockenen Schützers und Wahrere der Reinheit und Unabhängigkeit des historischen Judent»ms im Heiligen Lande, in der ׳vordersten Reihe hervor. Tausende und Abertausende blicken mit Bewunderung und Verehrung zu ihm, ails einem der mutigsten Vorkämpfer des Judehtums, empor und feiern ihn gleich einem Patniachen der Urzeit, dessen!Namen das ׳jüdische Volk zu allen Zeiten mit Liebe und Stolz nennen wird. Die neue jüdische Siedlung in Erez ׳Jisroel erlebt in unseren Tagen ihre schwerste Zeit. Die Ereignisse der Nachkriegszeit haben die natürliche Entwicklung des jüdisehen!Lebens im Heiligen Lande unterbrochen und seine jüdische Bevölkerung, die sich dort im Laufe der letzten Jahrhunderte unter unsäglichen Opfern an Gut und Blut niedergelassen hatte, vor ganz neue Aufgaben gestellt. Für sie und ihre Vorfahren ,war Erez Jisroel das (Land des jüdischen Heiligtums gewesen, das Land, in welchem G-ttes Wort, G־ttes Gebot, G-ttes Wille für G-ttes Volk reale Wirklichkeit zu sein hat. Jeder Jude, der sich das Heilige Land zum dauernden Aufenthalt erwählt hatte, wusste, dass in diesem Lande ״das Auge Gattes stets weile“ und war von vorneherein entschlossen, alle Schlacken der europäischen Scheinkultur von sich abzulegen und als treuer Sohn des jüdischen Volkes einzig und allein an der Verwirklichung jener Kulturideale zu arbeiten, denen nach der Verheissung unserer Propheten G-ttes Land ״öffentlich-rechtlich gesicherte!Heimstätte“ sein sollte. Viele t A u s e *׳ d e mit aufrichtiger religiöser lnbrunst erfüllte Juden waren ins Land eingewandert. Sie betrachteten sich als ״Schotnie Hachomot11׳“, als Wächter der geistigen Schutzwelle und richteten sich ihr privates und kommunales Leben darnach ein. Sie bauten ׳Häuser, errichteten soziale!Institutionen!jeder Art, gründeten Schulen und Lehrhäuser, organisierten sich hach geographischen (Landsmannschaften, Kolelim) oder geistigen (Kitos) Prinzipien, ordneten ״Gerichtshöfe“ (Bote Dinitn) auf Grundlage des jüdischen Rechtes ein, schufen in -wunderbarer Weise •in allen Ländern der jüdischen Diaspora eine Atmosphäre der inneren Verpflichtung zur Schaffung •und Erhaltung eines jüdischen Jischuw ,im Lande der Väter ׳und wurden solchermassen zu den eigentlichen Trägern •und Pflegern jenes ״historicle right“, das beim Friedenisschluss •die Entscheidung zugunsten ׳des jüdiisehen ״National!Home“ herbeigeführt *hat. Die städtisehe ׳Siedlung in Erez Jibroel, die ,grossen jüdischen Stadteile sind ausschliesslich das Werk dies e r frommen A n s S e ä 1 e r, ׳die jetft Von * denän^ die ihren Platz einnehmen möchten, verächtlich als ״Ghaluka- Juden“ oder gar als ״Schnorrer“ bezeichnet werden und die ersten ׳Anfänge der Entwicklung des Handwerks und einer spezifisch palästinensischen Industrie sind ebenfalls ihnen und nur ihnen zu danken. Die erste landwirtschaftliche Kolonie — Petach Tikwah — wurde von diesen ,,!Schnorrern“ und ihren frommen Förderern — an ihrer Spitze Rabbi ׳H i 11 e 1 Liehtenstein '(Kolomeier) — gegründet und ׳von ihren Söhnen zur Blüte gebracht. Ihre Beziehungen zu den nächsten Nachbarn, den Mohammedanern und Christen, waren durchaus gut. Sie haben es mit politisc hem Weitblick verstanden, in der gesamten Bevölkerung des ,Heiligen Landes eine Neutralität, eine Seelenstimmung der Gemeinsamkeit zu wecken und eine Gesinnung des Respektes vor der Heiligkeit des Landes zu pflegen. Dadurch war die politische, psychologische und wirtschaftliche Grundlage zu einer -friedliehen ׳und stetig steigenden kolonisatorischen und organisatorischen Entwicklung des jüdischen Erez Jisroel gelegt und nach menschlicher Voraussicht auf Jahrzehnte hinaus gesichert. Es kam anders als vorauszusehen war. Der Bankrott der russischen und galizischen •Haskala, der verstärkte Druck in Russland, die Verfolgungen in Rumänien, der Schiffbruch der westeuropäischen Assimilation, die Aussichtslosigkeit des ׳Baron ׳Hirschschen Unternehmens in Argentinien ׳und nicht zu allerletzt die politische Einstellung auf das ״Nationalgefühl“ bei den europäischen!Nichtjuden haben auch bei vielen dem Judentum grundsätzlich oder gewobnheitsmässig -abgewandten Söhnen ׳unseres Volkes eine unbehagliche Stimmung der Fremdheit und des Ausges tos sense ins erzeugt und ihren Sinn auf die Flucht nach Palästina gelenkt. Die idealistische Genialität H e r z 1 s und einiger seiner Vorgänger hat das unbestimmte Lavieren dieser bedauernswerten ׳Wegverlorenen zu einem klar formulierten politisehen, gesellschaftlichen und kulturellen ׳Programm ׳umgewandelt, in dessen Zentrum eben dieses P a 1 ästina geraten ist, für welches diese .,Zurückge—d r ä n gten“ bis dahin kein Interesse hatten. Auch sie fingen nun an, auf ihre den europäischen national!- sti sehen Bewegungen a׳bge guckte Weise ׳in Palästina zu ״arbeiten“. Ihre finanziellen Mittel waren unvergleichlich grösser, ihre Methoden rücksichtsloser und auch — unjüdischer. Was der Krieg und die Strömungen der Nachkriegszeit zur verhängnisvollen Verstärkung -dieser neuen z i o n d s t i s chen Bestrebungen aussenhaib des Lande« und in Erez Jisroel selbst beigetragen hat, fst bekannt yntd gehört jedenfalls nicht in den Rahmen dieser Darstellung der Situation des Heiligen Landes, in der Rabbi Chajim Sonnenfeld eine solch wichtige und geschichtliche Aufgabe erwachsen ist. Rabbi Chajim Sonnenfeld steht vor den Augen des ganzen jüdischen Volkes gleich •einem geistigen ״rocher de bronze“ aus dem alten Erez Jisroel, -als ein felsenfester Ueberzeugiungsmensch da, der auf seinem Posten ausharrt zu einer Zeit, da die meisten seiner früheren Mitkämpf er dem Ansturm der neuen Menschen ausweichen, wenn sie sich nicht gar mit ihnen ״vereinigen“. Ein eh Menschen gibt es in Erez Jisroel, der an der Ver- Wüstung des Judentums, des wahren Judentums, die wir •in den letzten Jahren der zionistischen Gewaltherrschaft dort beklagen, ganz bestimmt n i c ii t mitschuldig ist und der seine Pflicht dem heiligen Erez Jisroel gegenüber in vollem A-usmass erfüllt hat und dieser Mann ist — ׳R a ׳b b i .€ h a -j i m ׳S o n n e n f e 1׳ d, dieser altersgebeugte greise Rabbi ד׳ יחיה ו וישמרהו dessen Bild die heutige ־•Nummer dieser Zeitung, schmückt. ■' ־ Wer ‘ ist aber Rabbi ^fiäjim •SatihtertfdKtf Sfcine Bescheidenheit und Schlichtheit machten es dem Neugierigen bisher sehr schwer, über seine -Person genaue Daten zu erlangen. Dank den freundlichen Mitteilungen seines einzigen Bruders, Herrn Samuel Sonrienfeld in Uherska Ostroh, sind ,wir beute jedoch in der Lage, unseren Lesern aus seinen Kinderjahren einige Daten zu bieten, die selbst seiner nächsten und intimsten ■Umgebung nicht bekannt sind. Rabbi Chajim wurde im Jahre 1848 in Verbo geboren. Er entstammt einer angesehenen frommen Familie. Sein Grossvater war ein ob seiner Gelehrsamkeit und Frömmigkeit sehr berühmter Rabbiner in Sv. Jur (St. Jörgen) bei Pressbur.?. Er hiess Rabbi Samuel Jörgen, lebte zur Zeit des Chasam Sofer und wurde in St. Jörgen zu Grabe getragen. Auch sein Vater, Rabbi Abraham Salomo, war ein hervorragender Talmid Chochom. Er starb jung an Jahren und wurde in VrbovG (Verbo) beerdigt. Rabbi Abraham Salomo Sonnenfeld hinterliess eine junge Witwe und drei unmündige Kinder in sehr gedrückter materieller Lage. Das älteste Kind, Samuel, war beim Ableben des Vaters 11, Chajim 5 und eine Tochter 3 Jahre alt. Die Witwe heiratete 3 Jahre später abermals nach!S e n i c. So kam der junge Chajim als achtjähriger Knabe nach Senic, wo seine Mutter unter grossen Sorgen ein ׳kärgliches Leben fristete, währen׳d sein älterer Bruder sein ׳Brot bereits selbst suchen musste. Dieser Bruder war später!Beamter in ׳verschiedenen Brennereien und lebte ׳heute ׳hochbetagt in Uh. Ostroh. In Senfe war der kleine junge Gegenstand allgemeiner Bewunderung. Er sollte dort die Schule besuchen, aber seine Lehrer wussten mit!ihm nichts anzufangen. Er war schon damals sowohl an Kenntnissen wie an Frömmigkeit über seine Altersgenossen hinausragend. Dgr alte gelehrte Schames von Senic, R.!Schimon Mandel, pflegte noch viele Jahre nach- ,her das Lob dieses Wunderkindes zu preisen, das er täg- •lieh vor dem Eingang des!Bethauses in seinen kleinen Talis gekleidet wartend vorfand, mochte er noch so früh das ßethaus ,geöffnet haben. Der Knabe kam ihm immer zuvor. Bald trat er in die Jeschiiwa des ■damaligen Senker Rabbiners Löffler ein, wo er im Kreise von gleichstrebenden Altersgenossen im Lernen weitere Fortschritte machte. Aber auch diese Jeschiwa war dem jungen Talmudisten nach kurzer Zeit nicht mehr grosszügig genug. Eines Tages, in seinem M. und 12. Lebensjahre, benützte er die Abwesenheit seiner Mutter, die gerade auf einen Markt gereist war, und ging zusammen mit mehreren Kollegen nach Verbo, seinem Geburtsort, wo* damals der grosse Rabbi Chajim Hirsch Mannheimer lehrte und wirkte. Hier hat •er mit seinen reichen Kenntnissen Aufsehen erregt. Sein Rabbi nahm sich seiner besonders an. Zur Bat Mizwa erhielt er vom Rabbi den Chower-Titel. Zu Füssen dieses Grossen seiner Zeit sass er bis zu seinem 15. Jahre. Er war inzwischen zu einem׳ der tüchtigsten Jünger herangewachsen und begab sich nach Pressburg zur berühmten Jeschiwah des Kesaw Sofer. Hier zählte er zu •den besten Schülern und gewann sich' die besondere Zuneigung seines Lehrers und die Liebe und Verehrung aller seiner Kollegen, die damals nach Hunderten zählten. Um seine stets jede grössere Gesellschaft und jedes ׳Hervortun aufs peinlichste vermeidende Persönlichkeit bildete sich hier schon unter den Mitschülern ein ganzer Legenderokreis. Er war sehr arm, litt Hunger und Not; er lernte aber dessenungeachtet Tag und Nacht unverdrossen und führte das Leben eines Hei- Ligen im Dienste seines Schöpfers. Ein ׳wohlhabender Mitschüler, der nachmalige Oberrabbiner von Szatmar, Rabbi Jehuda Grünwald, s. z. 1., schloss sich enge an R. Chajim an und sorgte für seinen Lebensunterhalt. Im 18. Jahre verlieh •ihm der Kesaw Sofer s. z. 1. die Morenu. Bald, darauf verehelichte er sich mit der Tochter des weitbekannten Zadik, dem Chasan von ״ Kobersdorf Salzer und zog in das Haus seines Schwiegervaters, um sich ausschliesslich dem Lernen zu widmen. Zwei Jahre später zog der dortige Rabbiner Rabbi Abraham Zwebner s. z. 1. nach Jerusalem. Rabbi Chajim fasste den Ent- Schluss, dem Beispiel des Rabbi zu folgen und liess sich von seinem ׳Entschlüsse nicht ׳abbringen. Er langte aller Mittel bar in Jerusalem an. Denn die Reise und namentlieh der Transport seiner reichen Seforhn-Satnmlung verzehrten sein ganzes Geld. In Erez Jisroel lebt er seit jener Zeit ununterbrochen als Vorbild der Uneigennützigkeit und hingebungsvoller Treue zu den Idealen der Thora. Er hat schwere Schicksalsschläge erlitten, aber sein •unerschütterliches Vertrauen auf die Gnade des Schöpfers gibt ihm Kraft und Mut, alles Ungemach zu überdauern. Möge ihm חש״ית die נאללה שלמדן bei ungeschwächter Lebensfrische bald erleben lassen! J. J. B. Die Rückwirkung der Wirtschaftskrise auf die jüdischen Arbeiter und Angestellten. Die mit elementarer Wucht hereingebrochene »Wirtschaftskrise, die orkanartig: eine grosse Anzahl vort ExK stenzen vernichtete, hat wieder das soziale Problem ׳in den Vordergrund des Interesses gerückt. Angesichts dieser vollkommen veränderten wirtschaftlichen Konstellation ergeben sich insbesondere auch für das gesetzestreue Juden■* , tum eine Reihe schwerwiegender :Fragen, die zu erörtern' Aufgabe dieses Artikels sein soll. ן Die Nachkriegsjahre hatten eine Zeit Wirtschaftlicher Konjunktur gebracht, Handel und Industrie nahmen einen grosszügigen Aufschwung, die Arbeitslosigkeit naht» zusehends abt eine Periode erhöhter Produktivität war: eingetreten. Das grosse Problem, das die Orthodoxie i» den Jahren vor dem Kriege in grossem 1׳Masse beschäftigter die Unterbringung von gesetzestreuen Arbeitern und Angestellten in Betrieben, dijes ihnen die Heilighaltung des Schabbos ermöglichte, hatte Jahre hindurch aufgehört, Problem zu sein. Da trat plötzlich der allgemeine wirtschaftliche Zu^ sammenbruch ein, Unternehmung auf Unternehmung ging! zugrunde, viele Betriebe mussten ihren Personalstand auf Friedensstärke reduzieren, und aufs netie trat die Arbeiter- und Angestelltenfrage in isrer ganzen Tragweite aufs Tapet. Insbesondere ist es wieder das Thorajudentum, das von dieser Wirtschaftskatastrophe, im Hinblick auf SchemiraS Schabbos am stärksten betroffen wurde, da es in der heutigen Zeit nahezu unmöglich ist, Stellen in Schabbos haltenden Betrieben zu versorgen. Es ist nun nichts damit getan, in mitleidvollem Bedauern der Betroffenen zu gedenken, sondern es ist unsere Pflicht, der eingetretenen furchtbaren wirtschaftlichen Situation mit wirksamen Mitteln entgegenzutreten und auf diese Weise die traurige Lage vieler zu bessern. Diese zu er־i reichen, erscheint uns nur möglich, auf dem Wege der Schaffung einer Wirtschaftsorganisation, die sämtliche Arbeiter und Angestellten gesetzestreuer Richtung umfassen; soll und frei von jeder politischen Tendenz pein muss!) Die Aufgaben dieses unverzüglich ins Leben zu rufenden ־ ״Verbandes gesetzestreuer Arbeiter und Angestellten“ seien hier kurz angedeutet: 1. Schaffung einer nach allen Ländern verzweigten. Stellenvermittlung. 2. Schaffung einer Versicherungskasse gegen Stellen-. losigkeit. 3. Schaffung einer Konsumgenossenschaft. ׳ 4. Schaffung eines Fonds für Beschaffung ritueller Utensilien. 5. Schaffung eines Heimes (Unterricht in den für das Geschäfts!eben notwendigen Fächern und regelmässige Vorträge). Zweifellos ist vieles an diesen kurz skizzierten Plänen verbesserungsbedürftig und vieles noch hinzuzufügen. Wir wollten lediglich einen kurzen Umriss unsere» Planes geben und ihn der Öffentlichkeit zur Diskussion[ überlassen, um auf diesem Wege Anregung für die baldige Gründung des Wirtschaftsverbandes zu erhalten. T. K. Käst ptt Gedenke der Waisen! Spende reichlich für die Badener jüdischen Waisenhäuser!

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