Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 10 (1924)
- Issue
- 35 (29.8.1924)
- Date
- 1924-08-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 35 JÜDRCHE ntCSSE J. Solle 239 schränkt. Es würde einer geeinten agtfdistischmisrachistischen Gruppe wohl nicht schwer fallen, Kritik,;berechtigte, scharfe Kritik Über ■die Nidhtberücksichtigung der jüdischen Religionsgesetze, über Missachtung des jüdischen Geistes beim Aufbau des Landes der Väter, zu üben. Die beste und gerechtfertig־ teste Kritik kann jedoch nicht über die Notwendigkeit der positiven Arbeit hinwegheKen. Es ist sehr lehr: reich, zu beobachten, wie Misradfoi in den letzten Jahren zu der Notwendigkeit der selbständigen, unabhängigen Arbeit nicht nur auf Schul-, sondern auch auf rein wirtschaftlichem Gebiete übergehen musste, um sich behaupten׳ zu können. Nun sind wir auf Grund der Erfahrung überzeugt, dass in einer gemeinsamen Körperschaft jede Gruppe mehr auf die Leistungen der anderen bedacht ist als auf die eigenen. Man hat ja ein ausgesprochenes, klares Gefühl für die Pflichten anderer, für sich begnügt man sich mehr mit dem Kritisderen. Ueberdies würde zwischen Aguda unid Misrachi, die dann in einer gemeinsamen Jewish Agency ein hypertrophes Organ darstellen, eine Rivalität entstehen, die keinesfalls geeignet wäre, Frieden im La־ ger der Orthodoxie zu stiften. Also würde die Palästinaleistung der bereits organisierten Agudisten statt gesteigert eher noch vermindert werden. Im Interesse von Erez Jisroel müssten aber die verantwortlichen Agudaführer vor allem dafür Sorge tragen, dass die organisierte Kraft der Aguda für Erez Jisroel gesteigert und richtig verwendet werde. Auf Grund der bisherigen Ausführungen kommen wir daher zum Resultat, das9 eine etwaige Beteiligung der Aguda an der Bildung der Jewish Agency eher Nachteile als Vorteile für die Arbeit von Erez Jisroel bringen würde. Agudas Jisroel könnte ihrer historischen Aufgabe: die unorganisierten thoratreuen Massen zu erfassen, nicht gerecht werden und auch die bereits organisierten Mitglieder zu keiner grösseren Aktivität bringen. Diese Gründe genügen wohl, um klarzumachen, dass auch vom Standpunkt der zionistischen Organisation, soweit die Prosperität Erez Israels und nicht Partei- Prestigegründe massgebend sind, eine derzeitige Beteiligung der Aguda an der Bildung der Jewish Agency nicht von Vorteil wäre. ׳Im Interesse Erez Jisroeis muss man daher abwarten, bis der Neutralisierungs- Prozess der Jewish Agency zu gutem Ende gedeiht, bis nicht mehr Parteistandpunkt und Machtgelüste, die mindestens eine 50prozentige Sicherung benötigen, sondern einzig und allein eine die Grundsätze der Thora respektierende gedeihliche Arbeit in und für Erez Jisroel einen ausschlaggebenden Faktor bildet. Nachteile aus einer etwaigen Nichtbeteiligung der Aguda shrd nicht Zu befürchten. Die Existenz der Aguda allein und ihre Immer mehr zunehmende Tätigkeit werden auch ohne eine direkte Beteiligung an der Jewish Agency die religiösen Gruppen, die gemäss ihrer Prinzipien bereits schon heute an der Jewish Agency teilnehmen können, nur stärken. Diese Segensreiche Wirkung der Aguda tritt immer mehr zutage, trotz der von manchen unverantwortlichen Elementen geflissentlich geschaffenen Hassatmosphäre zwischen Aguda und Mis rachi. Die Aguda wird auch unter allen Umständen den überaus erwünschten Neutralisierungs- Prozess der Palästmaarbeit fördern. Es ist im Interesse von Erez Jisroel m erhoffen, dass Agudas Jisroel bis zum endgültigen Ausreiten der Neutralisierungsbestrebuhgen einen grossen Teil hier Arbeit ebenfalls geleistet hat und dass ihre wirklichen Leistungen für Erez Jisroel auf Misradhi eane grössere Anziehungskraft, als bi9 zum heutigen Tage der Fall war, ausüben und so ein Zusammenwirken mit den anderen jüdischen Gruppen ermöglichen ׳werden. Dieses Zusammenwirken kann nur dann segensreich sein, wenn Agudas Jisroel stark ist. Nur eine starke, auf der geeinten Kraft der breiten orthodoxen Massen fussende Aguda kann gemäss ihrer Prinzipien mit anderen Gruppen Zusammenarbeiten. Eine Erstarkung der Aguda Ist aber nach menschlicher Voraussicht nur dann möglich, wenn sie selbständig und unabhängig auf ihren eigenen Wegen wandelt. Ihre ehrliche und ernste Arbeit auch für Erez Jisroel wird aber selbst den ׳Gegnern die Ueberzeugung beib ringen, dass die Aguda ihren Weg nicht aus egoistischen, parteipolitisehen Gründe» geht, sondern weil sie der Ueberzeugung Ist, dass sie für die jüdische Gesamtheit wie für Erez Jisroel am meisten auf diesem Wege nützen kann. J. P. Weldler & Fürst Feinste Herrengarderoben nach Mess Lager feinster orig, engl. Stoffe Wien! II. Bezirk! Hollandstrass• Nr. 16. l©®®|VomTw.|—Q| Die Rache an Professor de Haan. Am 29. Tammus wurde Professor Jakob Israel׳ de Haan in Jerusalem, als er abends aus der Synagoge trat, ermordet. Die Täter sind bis zum heutigen Jage' nicht eruiert Der Mord wurde allgemein als politischer? Mord aufgefasst. Die zionistische ״Wiener Morgenzeitung'' selbst behauptete, dass der Mord von einem Zionisteri, verübt werden konnte, Die ־,Jüdische Presse“ und die meisten agudistischen Zeitungen haben offen erklärt, dass sie weder die zionistische Organisation noch die Zionisten des Mordes beschuldigen; die Agudaorgane haben sich begnügt, darauf hinzuweisen, dass die gehässige Presskampagne gegen Professor de Haan einen allzu geeigneten Nährboden für eine so scheussliche Tat geschaffen hat. Wenn man über diese Feststellung hinaus noch einen1 Wunsch ausgesprochen hat, so war dies der Wunsch!nach einer Einstellung der gehässigen persönlichen Hetze. Dass die Persönlichkeit des Ermordeten noch einmal in den Mittelpunkt der abscheulichsten Gehässigkeit gerückt wird» daran hat man nicht denken können. Sowohl nach dem jüdischen Gesetz als auch nach den Geboten der Zivilisation sühnt der Tod die schwersten Verbrechen. Professor Jakob de Haan steht vor seinem himmlischen Richter» es steht uns nicht an, in diesen Prozess einzugreifen. Zur Charakteristik seiner irdischen, allzu irdischen Feinde, die in einer Person Kläger und Richter sind, stellen wir einige Zitate aus verschiedenen zionistischen Zeitungen zusammen. Herr Dr. S. M. Melamed schreibt noch am 4. August» also zwei Monate nach der Ermordung de Haans, folgendes: ״Der Täufling und Verräter de Haan. “ 1»»Did Frau de Haans, eine Katholikin, ist nach Erez Jisroel gekommen und hat den toten Körper de Haans gefordert.. Sie hat auf Grund des Passes de Haans bewiesen, dass; er ein Katholik war“ ״Dieser de Haan, offiziell ein Katholik, verheiratet mit einer frommen Katholikin, wail wahrscheinlich ein arabischer Spion bei den Juden.“ ״Er ist der einzige Katholik, der auf dem Oelberg bestattet wurde.“ ״Die in Chikago wohnenden palästinensischen Juden protestieren aufs sfchärfste, dass der Täufling und Verräter de Haan in einem jüdischen Grab am Oelberg bestattet wurde.“ ״ln vielen jüdischen Städten in Osteuropa sind ähnliche Protestversammlungen abgehalten worden.“ ״Die Aguda leugnet es nicht, dass de Haar« ein Katholik gewesen ist, sie leugnet es nicht, dass er ein professioneller Verräter und Provokator war. Aber wlil er für Geld die schmutzige Verräterarbeit der Aguda geleistet hat, ist er ein Heiliger geworden.“ ״Das ist die Moral der frommen Agudas Jisroel.“ Wie aus dem Schlussatz zu ersehen ist, schlägt ׳wohl Herr Melamed auf de Haan, er meint aber, die Aguda. Nicht dem toten de Haan will Herr Melamed einen Fusstritt versetzen, sondern der lebenden Aguda. Nun! Diese lebende Aguda kann wohl sehr schwach und klein sein»;•־$ aber so tief ist ihre Moral doch noch nicht gesunken* dass ihre Vertreter und Verteidiger sich nicht erlauben dürften, an Herrn Melamed die bescheidene Frage zu richten, ob er es wohl mit der eigenen!Moral, die, verglichen mit jener der Aguda, sicherlich — wer würde daran wohl zweifeln! — in unbefleckter Reinheit dasteht, vereinbar halte, solche Behauptungen, wir detaillieren, dass de Haan ein Täufling, ein :Verräter war, dass seine Frau nach Erez Jisroel kam, um ihn,' zu exhumieren und auf einen christlichen Friedhof beisetzen, dass in Osteuropa (über Chicago können wir nicht aussagen) Protestversammlungen gegen die Bei- Setzung im jüdischen Grabe stattfanden, dass die Aguda es zugab, dass de Haan ein Katholik gewesen isty dass er ein konfessioneller Verräter war, also Behauptungen dieser Art, ohne Beweis, mit dem Namen Dr. S. M. Melamed zu decken. Ist in den amerikanischen Zeitungen die Tendenz vorhanden, mehr die Aguda als de Haan zu verunglimpfen, machen es die europäischen zionistischen Zeitungen anders. Sie schonen mehr die Aguda, um mit de Haan noch schärfer ins Gericht zu gehen. Es wird in diesen nach einer Schablone zugeschnittenen Auslassungen auf Grund der eigenen Gedichte de Haans behauptet, dass er einem widernatürlichen Sinnenleben frönte und dass er ein G-ttesleugner gewesen ist. Auch in diesem Streite gegen de Haan wollen wir nicht die Richter spielen. ׳Steht 1er doch vor dem himmlischen Gericht. Wir erlauben uns nur festzustellen, dass auf Grund eben dieser zionistischen Veröffentlichungen (die Gedichtesammlung de Haans steht uns nicht zur Verfügung) die aus lauter Vierzeilern( bestehende Gedichtesammlung bereits im April, also noch zu Lebzeiten de Haans, in Holland erschienen ist, dass an der Spitze dieser Gedichtesammlung ein Vierzeiler steht, in dem der Dichter ankündigt, dass die Leser aus den Vierzeilern mit Schrecken sehen werden, wie elend und unglücklich das Leben war, das den Inhalt dieser Gedichte bildet. Wahrlich, dieses Leben kann nicht glücklieh genannt werden. Erst als Ultrasozialist, der mit einem christlichen Pass in Russland Reisen macht, um die Arbeiter aufzuwiegeln. Dann die Verehelichung mit einer Christliehen Frau in dieser Periode des religiösen Verfalls. Dann der langsame Aufstieg über Zionismus zu Misrachi. Rückkehr nach Jeruschalajim. Bittere Enttäuschungen. In den letzten zwei Jahren Kampf gegen die Methoden der Zioni6ten und Annäherung zu Agudas JisrdlÄ. Ein Leben' voller Wandel und Wechsel, in Vierzeilern in prägnanter Kürze zum Ausdruck gebracht, bietet so eine breite Klaviatur menschlichen Erlebnisses, dass fast jede Art oder Unart moderner Zivilisation darin zum Ausdruck geJ brächt werden kann. Es genügt nun, einige Gedichte aus der Fülle des Ganzen herauszugreifen, um ein Zerr■• bild vom Leben des Dichters zu geben. Tatsache Bst esj dass nebst den g-ttlosen Vierzeilern, in denen der Dichter seinen Zweifeln Ausdruck gibt, sich dort Vierzeiler von ergreifender Frömmigkeit und G-ttesinnigkeit finden. All dies stellen wir auf Grund von Zitaten zusammen, die ׳wir in Zeitungen gelesen haben. Jene aber, die über die moralischen Qualitäten de Haans so wegwerfend geurteilt und geschrieben haben» besitzen wahrscheinlich ein so vollkommenes Mass von erhabener Moralität, dass sie sich erlauben können, auf Grund willkürlich herausgerissener Gedichte, die einige Augenblicke des wechselvollen Lebens de Haans darstellen, über die Phase seines Lebens, die dem Kampfe für die Rechte der Othodoxie in Palästina gewidmet war, ein abschliessendes Urteil zu fällen. De Haan hat die verschiedenen und verschiedenartigen Phasen seines Lebend in knappen Vierzeilern festgehalten. Der tief verhasste und wild verfolgte Man,rA hat den Mut gehabt, auf der Höhe seines religiösen Aufstieges, die Niederungen seined einstigen Verfalles und die wiederkehrenden Versuche des Satans grell zu beleuchten. Mut gehört unter allen Umständen hiezu. Bekennermut. Grosse, sittliche Kraft. Wir massen uns nicht an, zu beurteilen, ob jene', die nach dem schrecklichen Tode des Verfassers, das zu Lebzeiten erschienene Buch des Dichters in dieser Weise gebrauchen» auf derselben Höhe stehen. Wir fürchten bloss, dass der *moralische Mord an de Haan, ebenso ,wie der physische, gerade jenen zum grossen Nachteil gereichen wird, die aus der Vernichtung de Haans vielleicht Nutzen zu ziehen erhofften. » NACHRICHTEN. * Zum Jahrestag der Kenessio Gedauloh. Am 4. EM 5683 fand d-iie Kenessio Gediaafloh statt. Am 16• EM 5684 finldet die erste Tagung de-s Zentralrates statt. Wir feiern d!a!s Angödienlken an den 4. Elul 5684 in der Konstatierung dieser Tatsache. An die geehrten Mitglieder des Zentralrates der Agudas Jisroel. Wir ersuchen alle Mitglieder des Zentralrates* einige Tage vor Beginn ׳der Tagung vom 16. Elul an die Schlome Emune Jisroel, Krakow, ul. Katarzyna 1, Tag und Stunde ׳ihrer Ankunft in Krakau bekanntzugeben und mitzuteilen, ob sie Besorgung von Quartier wünschen. In vorzüglicher Hochachtung Der geschäiftsführende Ausschuss der Agudas Jisroel, Waen. Die zweite jüdische Welthilfskonferenz. Donnerstag!den 21. August wurde die zweite jüdische Welthilfskonferenz in Karlsbad eröffnet. 75 Hilfsorganisationen ׳aus 22 Ländern waren vertreteu. Das jüdische ׳Hilfswerk der Aguda wurde durch Universitätsprofessor Dr. Max lEisier und Herrn Heinrieh Pappenheim vertreten. Unser Berichterstatter hatte Gelegenheit gehabt, am Schlüsse der Konferenz mit ׳den orthodoxen Delegierten zu sprechen, die nun diesmal 'befriedigter als nach der ersten Welthilfskonferenz vor vier Jahren die Tagung verliessen. Mit Genugtuung haben sie festste'llen können, dass nun ׳hoffentlich die Exekutive der Welthilfskonferenz den jüdisch-traditionellen Geist!bei der Errichtung der einzelne!• Anstalten vollauf berücksichtigen wird und dass ebenso politische Tendenzen ausgeschaltet werden. Auf dieser Grundlage ist es nun dem Hilfswerk der Agudas Jisroel möglich geworden, sowohl in der Exekutive wie im Zentralrat die ihm angebotenen Plätze anzunehmen. Es ist zu hoffen, dass die sachliehen Beratungen der Konferenz, die auf alle Teilnehmer einen ausgezeichneten Eindruck gemacht haben, die Verwirklichung der gesteckten Ziele wesentlieh fördern werden. Die Vorschläge der Aguda an den Völkerbund in Sachen der Kalenderreform. Genf. (A. J. P. B.) Das Memorandum, welches der Geschäftsführende Ausschuss der Agudas Jisroel in Angelegenheit der Kalenderreform an den Völkerbund gerichtet hat, enthält nebst den kritischen Teil auch einige positive Vorschläge, die geeignet sind, die Vorzüge der geplanten Kalenderreform ohne Schädigung des Sabbat« gedankens zu sichern. Im wesentlichen geht der Vorschlag dahin, dass statt Einführung eines, respektive zweier wochenloser, sogenannter weisser, Tage, wodurch erreicht werden soll, dass alljährlich dasselbe Datum auf denselben Wochentag fällt, nach je sechs Jahren eine Schaltwoche eingefügt werde. Der Vorschlag beruht darauf, dass die Einführung von weissen Tagen deii Sabbattag auf Montag, beziehungsweise Dienstag uhd Mittwoch verrücken würde, hingegen bei Einschaltung vonl ganzen Wochen die siebentägige Woche und somit der Sabbattag unberührt bleit. Man hofft, dass der Vorschlag ernste Beachtung finden wird. i Perücken aus dauergewelltem Naturhaar, garantiert Rudolf SCHIFF ״nsichtbärimT^en, Wien, 1.Bezirk, Kärntnerstrasse 8 liefert kurzfristig (nldut dem St־f»11»pl»U, am die Ecke)