Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 10 (1924)
- Issue
- 34 (22.8.1924)
- Date
- 1924-08-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 230 JÜDISCHE PRESSE Nr. 34 Wo erhält man den wirklioa naturgetreuen SCHEITEL? Dem bekannten Spezialisten künstlicher Haararbeiten für orthodoxe Frauen, F r ao z. B a 11 a, ist es nach Jahrzehntelangen Bemtthungen endlich gelungen Scheitel herzustellen, die dem eigenen Haare mit verblüffendster Täuschung nachgeahmt sind. Nach einem Besuche in dem Atelier des Herrn BaUa wird sich jede orth. Braut leichten und freudigen Herzens entschlossen, das eigene Haar abschneiden zu lassen und einen Scheitel zu tragen. Die Damen werden zum Besuche des nachstehenden Ateliers höflichit eingeladen, woselbst Modelle kostenlos ausprobiert werden. Franz Balla, Wien, IV., Gusshausstrasse 26 Telephon &8-9-12 ״Keren Haschmitoh“ — alles illustriert die eifrige Tätigkeit der Aguida im heiligen Lande im vergangenen Jahre und ist zugleich eine treffende Antwort auf alle die Vorwürfe und Verleumdungen, welche der Agudas-Israel auch in diesem Jahre nicht erspart geblieben sind. Wenn nun die Aguda Erez-lsrael ein besonderes Augenmerk zugewandt hat, so hat sie doch ihre ursprüngliehe Aufgabe, welche nach der Satzung der Agudas-Isroel »aturgemäss nur bei den Massen des Judentums liegen kann, in keiner Weise vernachlässigt. Durch ein in seiner Art einzigartiges Hilfswerk hat sich die Aguda auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge grosse Verdienste erworben. Im Hinblick auf die Gefahren bestehender schlechter Scbulen und ihre dem Judentum entfremdende Erziehung hat die Aguda dem ״Chinuch“ und ״Chisuk Hadas“ grosse Aufmerksamkeit geschenkt. Nebst der Schaffung neuer Waisenhäuser, der Errichtung von Mädchenschulen und anderer Erziehungsinstitute des Judentums haben es sich die Funktionäre der K. G. zur primären Aufgabe gemacht, für die Aufrechterhaltung bestehender und die Gründung neuer ״Ohaidorim“ zu sorgen, eine prachtvolle Lösung des gesteckten Zieles, welche gekrönt wurded urch den Erfolg’ den die Agudaleitung durch Interventionen bei den beziigliehen Instanzen errungen hat. Was aber unter all diesen Leistungen hervorleuchtet und dem Ganzen das Gepräge einer höheren Weihe aufdrückt, das ist der staunenswerte Erfolg des Keren Hatauro. Wie auf einem höheren Maahtspruch wurden in allen grösseren Städten begeisterte Referate und Vorträge über die Notwendigkeit und Zweckdienlichkeit des Keren Hatauro gehalten, eine Propaganda und Werbetätigkeit wurde entfaltet, die ihresgleichen sucht und die Rabbiner aller Städte unterstützten in Wort und Schrift die Keren-Hatauro-Leitung, die ihnen nicht zuletzt Dank für ihren beispiellosen Erfolg schuldet. Der Keren Hatauro wurde in die Lage versetzt, zahlreiche Hochschulen, Erziehungsinternate und Jeschiwoth zu unterstützen und neue ins Leben zu rufen. Die in Lublin errichtete Weltjeschiwah modernen Stils ist die Schöpfung des Keren Hatauro, des Lebensnervs der Agudas-Israel. Endlich lagen, abgesehen von den bereits an der K. G. erfolgten Anschluss der ungarischen Orthodoxie, die vielen Neugründungen von Ortsgruppen, die Organisierung in Polen, die Herausgabe von zahlreichen agudistischen Zeit- Schriften, die Unterstützung der orthodoxen Presse und Literatur und endlich auch der grosse Erfolg der Aguida bei den Gemeindewahlen in Polen, ein beredtes Zeugnis ab von der in alle Teile des Judentums durchdringeraden, im Thorajudentum wurzelnden Gottesidee, die durch die Aguda-Israel in ihrer höchsten Potenz zum Ausdruck kommt. An jedem Kongress stehen im Vordergründe der Tagesordnung zwei ganz verschiedene Hauptpunkte: Die Ueberprüfung der Tätigkeit im vergangenen Jahr und die Aufstellung von Richtlinien für die Arbeit der Zukunft. Sich neue Verordnungen zu geben, die Werbung neuer Mitglieder zu beschliessen und endlich auch grosse Budgets zu veranschlagen, alles das ist, solange es nicht realisiert werden muss, sehr leicht. Schwieriger dagegen gestaltet sich die Ueberprüfung des Geleisteten und die Lösung der sich selbst gestellten Aufgaben. Heute sieht Agudas Jisroel beide Punkte erfüllt: Sie hat sich an der Ihnen sogar alles glauben... alles verzeihen und v.erlange nur eines: Sie lassen sich taufen!“ ״Hoehwürd'iger Herr, ich bin bereit m sterben, bevor ich meinen Glauben verlasse,“ war meine Antwort. Wieder, wie von Raserei erfasst, stürzte der Priester auf mich los und rief: ״Nnun ist meine Geduld zu Ende. Das ist denn doch zu arg. Selbst die Rolle des Toren, der bewusste Lügen als Wahrheit annimmt, wollte ich freiwillig spielen... Und dafür wird mir mit Hohn und Spott gelohnt! Ein elender Jude will mir ableugmen, was meine Augen gesehen... Nun, es gibt bei urts Mittel genug, die Wahrheit an den Tag m bringen! Wissen Sie, was des Juden harrt, der eine christliche Jungfrau zur Sünde verlockt hat?“ Ich schwieg. Ich schwieg wie einer, der sich in sein Schicksal ergibt und nicht mehr auf Erbarmen rechnet. Mein Schweigen schien seinen Zorn nur noch zu steigern. ״Sie glauben“, schrie er, ״dass Sie allein die Schmach zu büssen haben werden, die Sie meinem Hause angetan? Sie irren sich.“ (FortMtaiis fota*) K. G. schwere Verordnungen und Pflichten auferlegt» aiber sie war sioh der Tragweite oder der damit verbundenen Verantwortung voll und ganz bewusst, sie hat wichtige und bedeutungsvoll Paragraphen aufgestellt, aber sie waren ihr nicht leere Phrasen und Fiktionen, sondern’ Gesetzesbestimmungen und Verordnungen, beleuchtet und geleitet von einer höheren Weisheit. Das Judentum holt sich seine Direktiven von der Vergangenheit, die Erfahrungen seiner Leidensgeschichte sind ihm der von der göttlichen Offenbarung vorgeschriebene Leitweg. Und wenn das jüdische Volk die Freiheit und Gleichheit und die Selbständigkeit des nationalen Wohlstandes heben will, so zählt es die Tage und vergegenwärtigt sich die geschichtlichen Ereignisse, um sie als Vorbild für die künftige Arbeit stets vor Augen zu halten (Leviticus 23, 15). Wenn wir heute auf die Kenessio Gedauloh und ihre staunenswerten Leistun־ gen und Wirkungen zurücksehen, so können wir das epochemachende Ereignis, da die orthodoxen Massen des Judentums sich geeint haben, auch nicht anders und besse1* heiligen, als dass wir durch eine schlichte Erinnerung die geschichtlichen Tatsachen festhalten und sie als Riehtschnür und Norm für unsere Gegenwart®־ und Zukunftsaufgaben wählen. Die Kenessio Gedauloh war ein Wendepunkt in der jüdischen Geschichte. Sie ist das grösste und bedeutendste historische Ereignis seit den Tagen, da die Männer der grossen Synode zur Rechtssprechung und öffentlichen Heiligung des göttlichen Namens zusammengetreten sind. Ein solch heiliger Moment, da die Grundwahrheiten der Religion feierlichst ausgesprochen werden, muss in den Tagen seiner Wiederkehr durch einen ernsten Ueberblick und Rückblick in seiner vollen Bedeutung gewürdigt werden. Der Talmud bemerkt an einer Stelle, dass, wenn nicht die erste Heiligung Josuas, so doch die Heiligung Erez Jisroels durch Esra gelte, weil es nach der Thora eine dritte Eroberung nicht gibt (Chulin 7 a). Deswegen ist auch die Heiligung durch Esra die von jedem anerkannte. Drei vorgezeichnete Wege hat Agudas Jisroel zu gehen. Den ersten hat sie bereits auf der Kattowitzer Versammlung beschritten. Aber er ist für die Dauer und die Zukunft nicht von solcher Bedeutung, weil die Beschlüsse jener Gründungsversammlung von einem Teil der aussenstehenden Orthodoxen nicht voll und ganz anerkannt wurden. Anders dagegen der Weg, den die Aguda an der Kenessio Gedauloh beschritten. Gleich wie zu den Zeiten Esras, der die Gelehrten und Weisen von Babylon nach Erez Jisroel hinaufführte, heiligten die berufenen Führer der Orthodoxie und anerkannte Gedaulim den göttlichen Namen für alle Zeiten. Es ist ein historisches Ereignis von unberechenbarer Bedeutung und ein Merkblatt in der jüdischen Geschichte, das allen Geschlechtern voranleuchtet; denn die Kenessio Gedauloh hat den dritten Weg angebahnt, der die Erfüllung unserer grössten Hoffnung und heissesten Sehnsucht bringen wird: Den Weg zum heiligen Lande. 0©01 Vom Tage. I ©0® Die Taufe Hans Herzls. So erschütternd auch die Tragik, die in der Taufe des einzigen Sohnes von Theodor Herzl liegt, auf jeden Juden wirken muss, wir würden uns mit diesem Fall^ dem scheinbar keine typische Bedeutung zukommt, nicht beschäftigen, wenn gewisse Kreise nicht bestrebt wären, den traurigen Einzelfall auf eine prinzipielle Höhe zu stellen. ״Man schreibt“, so berichtet die Jüdische Telegraphenagentur, ״den Entschluss zur Taufe dem stark suggestiven Einfluss des Pater Schlesinger zu, der sich selbst als einen baptistischen (getauften) Nationaljuden, einen Anhänger des Judenchristentums bezeichnet. Wie es heisst, beeinflusst Pater Schlesinger Hans Herzl dahin, dass er jetzt nach Palästina gehe, um dort das nationale Judenchristentum zu fördern.“ Ferner hat Herr Hugh Angress, ein getaufter Jude und Vorsitzender der ״Katholivii. »rnitmiTERnaiioiiu[ messe 7. bis 14. September 1924. eun unnin fQr um mmn Reichste Auswahl! LANDWIRTSCHAFTLICHE MUSTERSCHAU Boden-, Forst- und Gartenprodukte Ausstellung fflr Kleintierzucht Ausstellung fflr Nahrungs- und Genussmittel. Auskünfte und Messeausweise durch dia Wiener Messe A.-G.,Wien VII. Bitte beachten I infolge der bevorstehenden Zollerhöhungen, die eine bedeutende Preissteigerung der Stoffe und Zugehöre verursachen wird, ist es empfehlenswert, jetzt schon die Herbst- und Winterkleider an zuschaffen. Zur Besichtigung meines bereits fertigen Lagers von כשר gearbeiteten Kleidern und meines bestbortierten Vorrates von Stoffen für Massbestellufjgtn, lade ich ein P. T. Publikum ein. Hochachtungsvollst I. Stern Herrenkleider, Wien, II., Glookeng 25. lei. 46913. sehen Israelsgilde“, im Zusammenhang mit dem Uebertritt Hans Herzls zum Katholizismus erklärt: ״Ein Jude, der die katholische Religion annimmt, bleibt ein Jude.“ Herr Angress widersprach entschieden der Auffassung, dass ein zum Katholizismus übergetretener Jude sein Nationalgefühl verloren hat. Sollte dies wirklich der Fall sein, so wäre es die Schuld der Juden, aber nicht die dei! katholischen Kirche. Von der Seite der Judenheit erhebt man Einspruch, wenn ein Jude den katholischen Glauben annimmt, die katholische Kirche lässt die Nationalität unangetastet. Die Juden können innerhalb der katholischen Kirche ihre jüdische Nationalität behalten. Was bisher als mögliche Konsequenz einer rein nationalistischen Theorie befürchtet wurde, scheint nun böse Wirklichkeit zu werden. Ls soll nicht geleugnet werden, dass auf Grund der zionistischen Ideologie, nach welcher die jüdische Nation ein Volk wie alle Völker ist, nach welcher die Religion Privatsache ist, christliche Nationaljuden sehr wohl denkbar sind. Waren doch auch die einstigen Juden- Christen in Palästina durchaus nur durch die Religion und nicht durch die Rasseneigenschaften von den Juden» die an dem neuen Messias nicht glauben wollten, getrennt. Ja noch mehr. Unserer historischen Kenntnis nach hat man von den Judenchristen anno dazumal verlangt, dass sie alle Thoragesetze befolgen, denn nur auf dieser Grundläge, auf dem Unterbau der Lehre Moses, kann die höhere Stufe des Glaubens an den bereits erschienenen Messias erreicht werden. Was taten nun die damaligen Rabbiner? Sie haben nicht nach völkischen oder nach sozialen Theorien die neue Erscheinung beurteilt, sondern einzig und allein auf Grund der Thora, von der weder vveggenommen und zu der nichts hinzugefügt werden darf. Der Glaube an die Souveränität und Vollkommenheit des Thoragesetzes hat ihnen die Kraft gegeben, ansonsten wertvolle Volksteile im Lande der Väter selbst als Abtrünnige zu bezeichnen, die dem eigenen, durch die Thora gezeichneten Volke den Rücken gekehrt haben. Drei Jahrhunderte dauerte der Absonderungsprozess, bis das Heidenchristentum über die Judenchristen den endgültigen Sieg davontrug und sich jenes Christentum entwickelt hat, das uns heute bekannt ist. Dieser historische Rückblick macht es uns klar, dass in dem Augenblick, wo die Souveränität und Vollkommenheit des Thoragesetzes geleugnet wird, prinzipiell mindestens anerkannt werden muss, dass das thoralose jüdische Volk in sich ebenso Konfessionslose, wie solche bergen kann, die an das Christentum glauben. Aus den oben gebrachten Veröffentlichungen der J. T. A. ist es nun zu ersehen, dass die agile Missionspropaganda sich den Zeitverhältnissen wohl anzupassen versteht. Da ein grosser Teil des jüdischen Volkes sich nunmehr bloss als eine Nation wie die übrigen Nationen begreift, lassen die modernen Missionäre das Nationalgefühl unangetastet. Mit einem Hoch auf die jüdische Nation entführen sie ihre Kinder zu einem Glauben, dessen erste Künder und Gründer ebenfalls Kinder dieser Nation waren. Dass sie nun den Sohn des Begründers des auf dem Nationalitätenprinzip aufgebauten jüdischen Volkes, unbeschadet seiner jüdisehen Nationalität, in die Seligkeit des christlichen Glaubens einführen konnten, wird sicherlich ein gutes Propagandamaterial für die neuen Judenchristen sein. Uns aber soll dieser Fall auf die grosse Gefahr aufmerksam machen, die in jeder Lockerung des Thoragesetzes liegt. Die Nationaljuden waren die ersten, die behauptet haben, dass man ein guter Jude und ein treuer Sohn des jüdischen Volkes sein kann, wenn man auch die Thoragesetze nicht befolgt. Wir halten nun bei der zweiten Etappe, wo man uns sagt, ma nkann ein guter Nationaljude sein, ein treuer Sohn des jüdischen Volkes, wenn man auch an das Christentum glaubt. So weit führen moderne Theorien, die erst als Möglichkeit pertraktiert, in die Masse getragen, und erst wenn die Gefahr bereits vor dem Tore ist, als bittere Wirklichkeit erkannt werden. Man muss vor der Entthronung des Thoragesetzes energisch warnen, man muss sich den wahren Charakter des jüdischen Volkes stets vor Augen halten. Fasst man das jüdische Volk nicht als eine Einheit der Abstammung und des Blutes ohne jedwede religiöse Bindung auf, begreift man es nicht als Zweiheit von Religion und Nationalität und auch nicht als Dreieinigkeit von Religion, Nationalismus und Sozialismus, sondern als ein Unikum, das seine humanen, nationalen, sozialen und theologischen Anschauungen aus dem geoffenbarten Thoragesetz, aus seiner ewigen g-ttliclien Verfassung gewinnt, der man nicht hohnsprechen, die man nicht vernachlässigen darf, ohne dieses Unikum des jüdischen Volkstums zu zerstören; steht man auf dem unerschütterlichen Boden der Vollkommenheit und der Souveränität der Thora, dann kann man all diesen Gefahren wie einst auch heute noch entrinnen! Und nur so.