Mannheim
Compact Memory

Jüdische Presse · 1924-07-18 · 29 (18.7.1924) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
10 (1924)
Issue
29 (18.7.1924)
Date
1924-07-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2629891-2630051-2630079--1509-2633278
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 29 jpptscmmMc 5dte,l97 Prof, de Haan als Mensclt. Von Dr. Moses Auerbach in Berlin. Zu den traurigsten Zeichen des um sich greifenden sittlichen Verfalles in den letzten Jahrzehnten vor der Zerstörung des zweiten Tempels gehörte ein Mord am Altäre Gottes. In furchtbarer Aufregung betrat damals der fromme R. Zadok die Stufen des Tempelaufganges und sprach: Unsere Brüder, 0 Haus Israel, höret 1 In der Thora heisst es: ״Wenn ein Erschlagener auf dem Boden gefunden!wird, den Gott, dein Gott, dir zum Besitze gilbt . . .“ Zu wessen Sühne sollen wir die Eglo arufo!bringen, zur Sühne für die S t a d t oder für die V 0 rhallen des Tempels?“ Und das ganze Volk begann laut zu schluchzen. Ein Mord auf heiligem Boden ist begangen, ein Ereignis, für dessen Fruchtbarkeit uns das Ausmass fehlt. Und wen trafen die (Kugeln der Mordbuben? Einen der edelsten und aufopferungsfähigsten Söhne des jüdischen Volkes, Jakob Israel de Haan. Das sei hier ausgesprochen gegenüber den Verunglimpfungen, durch welche nicht Prof. de Haan, wohl aber seine Schmäher sich selbst geschändet haben. Durch intime persönliche Bekanntschaft stand mir Jakob Israel de ׳Haan sehr nahe. Und deshalb habe ich es schon!früher in Versammlungen und in persönlicher Unterhaltung gesagt und leider habe ich jetzt traurige Veranlassung es zu wiederholen: de Haan war ein goldreiner, ehrlicher Charakter. Seine unbedingte!Ehrlichkeit und Offenheit, wie sie oft •gerade die Holländer auszeichnet, war es ja, die ihm so viel Feindschaft zuzog. Als gefeierter holländischer Jurist und als hervorragender Dichter und Schriftsteller kam er im Jahre 1919 nach Erez Jisroel. Er gehörte damals zu den Führern des Misrachi. Mit Leichtigkeit hätte er in die zionistische Administration Palästinas eiintreten können. Aber in seiner unbedingten Offenheit bekämpfte er den hier herrschenden irreligiösen Geist!und die in den ersten Nachkriegsjahren so krassen Misstände der Verwaltung. Seine öffentliche Stellungnähme zog ihm den Hass der von seiner Kritik Betroffenen und ihrer Angehörigen zu; später aber wurden seine Vorwürfe durch die eigenen Untersuchungskommissionen der zionistischen Partei grösstenteils bestätigt. Die ungerechten Verfolgungen der Partei R. Chajim Sonnenfelds durch Parteigänger des Raws Kuk — nicht durch diesen selbst — brachten ihn immer näher zur Partei und zur Persönlichkeit R. Chajims. Gerade weil sich de Haan anfangs — auch noch im Sommer 1920 — als Misrachist betrachtete, taten ihm die Angriffe auf R. Chajim doppelt wehe. So näherte e!r sich immer mehr den agudistischen Kreisen, zuerst lieh er der Jerusalemer Aguda seine Dienste als Dolmetscher bei den englischen Behörden und half auch sonst durch seine juristischen Ratschläge. Allmählich wurde er prominenter politischer Führer. Er benutzte seine Stellung als Korrespondent des Amfterdamsohen Handelsblattes und dann des englischen Daily Express dazu, in der Weltpresse für die Aguda zu wirken. Ueber die Berechtigung seiner Stellungnähme in einzelnen Fällen möchten wir heute nicht sprechen; aber das sei 'betont: niemals veranlasste ihn persönlicher Vorteil zu irgendeinem Schritte. Soweit uns bekannt ist, hat er für seine agudistische Tätigkeit nie einen Piaster erhalten. Liebe zum Gottesgesetz, Liebe zum jüdischen Volk und zum heiligen Lande waren seine Beweggründe. Als er schon im scharfen Gegensätze zur zionistischen Partei stand, führte er mit Selbstaufopferung vor dem englischenKriegsgerdchte die Verteddigung der Genossen Jabotinskis. Vom Krankenlager — er hatte damals ein ihn sehr quälendes Magenleiden — Hess er sich zum Gericht fahren und, unbekümmert um die eigenen Schmerzen •und1 seine körperliche Schwäche, trat er für •die so schwer angeklagten Brüder ein, deren Freispruch wohl grösstenteils ihm zu verdanken war. Und doch war Jakob .Israel de Haan seit Jahren vielleicht der in zionistischen Kreisen meist gehasste Mann. Der Hass nahm in der palästinensisehen und ausländischen Presse oft Formen an, die das erträgliche Mass weit!überschritten. Wie gefährlich ©ine ständige Hetze auf unreife und moralisch schwache Menschen wirken kann, davon gibt uns die jüngste!Geschichte Deutschlands nur zu viele Beispiele. Dass ein politischer Mord!vorliegt, ist bisher u.!E. nicht bewiesen, wenn es audi zu fürchten ist, doch soll man sich hüten, etwas Derartiges als Tatsache zu betrachten, so lange es nicht unbedingt feststeht. Aber, dass man mit der Mög- 1 i c h k e i t rechnen muss und dass man in Jerusalem damit rechnet, ist furchtbar genug. Es ist selbstver- Für die anlässlich ihrer Vermählung erwiesenen Aufmerk• ssmkeit danken herzlichst DAVID und MALVINE PERLSTEIN geh. Baumgarten. HIRMN KNAEBN KIND IR KLEIOER KNÄRIN KIND1R J. STERN, WIEN II. OLOCKENRAStfl fS 11 TBLEPNON 44-3-SO Lftguvea fertigen Kleiden. Für Keeebeetellnngen btt M den feinsten Stoffen vorrätig Erstklassige Zmseknelder, beete Arbeitskräfte. Auf Vermeidung von papp wird genaaeet geachtet. stündlich, dass der grösste Teil der zionistischen Parteiführer durch den Mord ebenso schmerzlich getroffen sind, wie wir Agudisten, dass sie ihn als Besudielung des heiligen Bodens nicht minder verdammen als wir. Die schreckliche Bluttat ist ein Verbrechen gegen das ganze jüdische Volk, gleichgültig welcher Partei. Aber eine Mahnung muss sie uns allen sein: der mör de ris ch e n Ver gif t ung de r p oli tisehen Atmosphäre muss!entgegengetrete-n werde!1. Wir betrachten es als eine Selbst- Verständlichkeit, dass die politischen Gegner de Haans nicht nur öffentlich ihren Abscheu über das Verbrechen Ausdruck geben, sondern dass sie auch dringend auf die ihnen nahestehende Presse einwirken, ihre politischen und religiösen Gegner nicht immer wieder als Verräter und Sohädlnge zu brandmarken, wie es ja leider seit einem Jahrzent in der nationalistisehen Presse fast aller Völker Gewohnheit geworden ist. Das frische Grab de Haans ist in!dieser Hinsicht eine furchtbare Mahnung. Die Folge des blutigen Ereignisses möge der Entschluss zur Versöhnlickeit und Brüderlichkeit sein. Den Mördern aber wollen wir zurufen: ״Ihr habt es zum!Bösen geplant, für Gott war aber auch dieses ein Plan zum Guten.“ So werde das Andenken des wahrhaft gerechten Jakob Israel de Haan zum Segen: .זכר צדיק לברכח Vom Tage ״Grünbaum rief ihnen in der Aufregung ,Verräter* zu**. (I.T.A.) Es handelt sich hier um Jizchak Grünbaum, um den Führer der polnischen Zionisten. Nachdem es ihm versagt blieb, bei den Gemeindewahlen der Aguda den allgekündigten Todesstoss zu versetzen, konzentriert er seine ganze Aktivität auf die parlamentarische Tätigkeit. Da das polnische Parlament in den letzten Wochen mit dem Gesetzesprojekten der Regierung bezüglich der nationalen Minderheiten beschäftigt war, versuchte Herr Grünbaum im jüdischen Parlamentsklub, dem alle jüdisehen Abgeordneten angehören, seinen alten Standpunkt durchzusetzen. Dieser Standpunkt ist, dass die jüdischen Abgeordneten als Mandatare einer nationalen Minderheit mit den übrigen nationalen Minderheiten eine gemeinsame Sache zu machen und in einer festen Koalition den polnisehen Parteien die schärfste Opposition zu leisten haben. Herr Grünbaum steht nämlich restlos auf dem Standpunkt, dass die Juden ebenso eine nationale Minderheit bilden wie die Deutschen, Ukrainer und Weissrussen. Diesen Radikalismus Herrn Grünbaums teilt die überwiegende Majorität des jüdischen Sejmklubs nicht. Diese überwiegende Majorität hat nun auch beschlossen, dass, wenn schon Herr Grünbaum das Wort zur Debatte ergreift, so solle er sich in den Rahmen •der Deklaration halten, die vom jüdischen Sejmklub, als Richtlinie für seine Stellungnahme angenommen wurde; sollten sich die Mitglieder der anderen nationalen Minderheiten demonstrativ aus dem Sitzungssaal entfernen, so sollen die jüdischen Abgeordneten an diese Demonstration sich nicht beteiligen; sollten die anderen Minderheitsparteien ihre nationalen Lieder anstimmen, so sollen die jüdischen Abgeordneten selbstverständlich auch diese Demonstration nicht unterstützen. Herr Grünbaum ergriff das Wort in der Debatte und sprach, als ob er der Parteiführer nicht nur der Zionisten, sonden aller nationalen Minderheiten im polnischen Sejm wäre. Er sprach aggressiv, demonstrativ mit einer ungewohnten Schärfe gegen die Regierung und selbstver- Stündlich kümmerte er sich» nachdem er im Worte war, einen Pfifferling um die Deklaration des jüdischen Sejmklubs. Er sprach, und als die anderen nationalen Minderheiten sich ׳demonstrativ aus dem Saale entfernten, schloss sich $err Grünbaum mit seinem kleinen Anhang den Demonstranten an, und als die anderen Minderheits- Parteien ihre nationalen Lieder anstimmten, da weitete sich die Brust des jüdisch-nationalen Führers und die Hatikwa, das hohe Lied der zionistischen Hoffnung, ward der rohe Sang aggressiver Demonstration jüdischnationaler Weisheit. Die übrigen jüdischen Abgeordneten sassen ob un- . erhörter Taktlosigkeit dieses offenen Bruches der Parteidisziplin ratlos, tief bestürzt auf ihren Bänken. Ein falsches Solidaritätsgefühl Hess es nicht zum Protest kommen. Stumm sassen die jüdischen Deputierten auf ihren Bänken, und da geschah das Denkwürdigste. Herr Grünbaum, der soeben den Majoritätsbeschluss so arg verletzt hat, Herr Grünbaum, der so kühn und eigenmächtig die Richtlinie der Majorität verlasen hatte, wusste noch ein Wort an seine jüdischen Kameraden im polnischen Parlament •zu richten : ״Verräter“. Der zionistische Führer, der in den letzten Jahren sich angewöhnt hat, allen, die sich seiner Diktatur nicht unterwerfen, besonders aber der nnbotmassigen Orthodoxie ״Verrat“ vorzuwerfen, fiel auch Un polnischen Sejm nicht aus seiner Röfte. ״Verräter“ schrie er als Abschluss seiner eigenmächtigen Demonstration jenen jüdischen Kameraden zu, die sich nach dem rechtmässigen Beschluss hielten. Die ganze Demonstration Grünbaums, wie auch sein letztes Wort haben im ganzen Sejm einen tiefen Eindruck gemacht. Die polnischen Blätter fragen auch mit grosser Beflissenheit, wer nun nach dem ״Verräter“-Ruf Jizchäk Grftnbauiqft* der ״de Haan“ unter den jüdischen Abgeordneten Seift wird. -—--:-1 ©| NACHRICHTEN, 10j Oberrabbitier Schapira Piotrkow In Wien. Wien. (A. J. P.!B.) Oberraibbiner Sejmdeputierter Schapira-Piotrkow ist auf seiner Durchreise nach London, wo er für den Keren Hathora tätig sein wird, in Wien angelangt. Oberrabbiner Sohaplra hielt im Zentralbureau der Agudas Jisroel Konferenzen ab und folgte einer Einladung der slowakischen Landes* Organisation nach Bratislava, wo er in!einer Ver- Sammlung sprechen wird. Morris Engelmann in Wien. Wien. <A. J. P. B.) Morris ׳Engeknann!, der bekannte agile Finanzsekretär des Central Relief Commitees widmete wie jährlich •auch in diesem Jahre seine Sommerferien dem Studium der Situation in Europa und ist •Mittiwoch in Wien eingelangt. Das Resultat der KetdUah-Wahlen in Lodz. Die Aguda steht mijt 13 Mandaten an erster Stelle. Lodz. (J. T. A.) Die soeben in Lodz stattgefundenen Kehillah-Wahlen an der sich elf Parteien beteiligte^ ergaben das folgende Resultat: Hitachduth 243 Stimmen (1 Mandat); Bund 1554 Stimmen (3 Mandate); Poale Zion 1210 Stimmen (2 Mandate); Zionisten 2914 Stimmen (6 Mandate); ״Alexandrer Chassidim“ 2744 Stimmen (7 Mandate); Assimilanten 340 Stimmen (kein Mandat); Folkisten 774 Stimmen (1 Mandat); Aguda 4963 Stimmen (11 Mandate); Agudistische Arbeiter 501 Stimmen (1 Mandat); Zionistische Handwerker 1012 Stimmen (2 Mandate); Orthodoxe der Geiergruppe 267 Stimmen (1 Mandat); im gnazen haben von 34.794 Wahlberechtigten 16.975 Wähler gestimmt. Die polnische Regierung schreibt der neuen itidischen Gemeindeverwaltung Warschaus polnisch als Verhandlungssprache, sowie itichtöüentiftche Sitzungen vor. Warschau.(J. T. A.) Am Montag den 7. Juli hielt die neugewählte Repräsentanz der jüdischen Gemeinde Warschaus ihre erste Sitzung ab. Die Regierung schrieb die folgende Tagesordnung der ersten Sitzung vor: 1. Er- Öffnung durch den bisherigen Präsidenten der Gemeinde; 2. Wahl eines Präsidenten und eines Repräsentantenrates; 3. Einsetzung einer fünfgliedrigen Wahlkommission. Diese Wahlen bedürfen der Bestätigung durch die Regierung. Ferner hat die Regierung einzig und allein die polnische Sprache als Verhandlungssprache vorgeschrieben, pie Sitzungen dürfen auch nicht öffentlich sein. Die jüdische Öffentlichkeit in Warschau ist über dieses Diktat der Regierung empört. Der jüdische Parlamentsklub hat eine Interpellation an den jüdischen Kuitusminister gerichtet, in welcher erklärt wird, dass durch diese Vorschriften die Grundgesetze der Republik verletzt worden sind. Es existiert kein Gesetz, laut welchem einer öffentlich rechtlichen Körperschaft wie der jüdischen Gemeinde, die 'Verhandlungssprache vorgeschrieben werden' darf. Dagegen bestimmt Artikel 109 der Verfassung, dass den autonomen Körperschaften der nationalen Minderheiten, die einen öffentlich-rechtlihchen Charakter tragen! die volle unfreie Entwicklung ihrer nationalen Eigenschäften, wozu ja auch die Sprache gehört, gewährleistet werden muss. Die unmittelbar vor der Sitzung bekannt gewordene Verordnung des Unterrichtsministers Miklaszewsky, dass die Sitzungen der jüdischen Gemeinde geheim stattzufinden ,Mtmtwmigfttmmmwwmwunwmimniiiiininiinum Hübsohe Vorzimmer, •ohöne Kftohen (praktische Pa׳ent-Abwa8chtiscbe), gediegene Bohlafzlmmer, reizende Mftdoaenzlmmer usw., einzelne Rüchengeräte aller Art MBbelspszialfabrik ״KOCHENFEE“ KARL KL1VBEBOER & 00. Wien, XX. Bez., Engelaplat* Nr. 6 Nur eigene Erzeugnisse, garantiert solide Bauart Höchste Auszeichnung (Goldene Medaille 1918)» Filialen: I., Splegelgatse 15 Vill., Joiefatidteratr. 30 . III. , Landstr. Hauptstr. 65 XVI., Neulerchrnfelderalr. 41 IV. , Margaretenstrasse 2 XVIII., Wfthrlngerstraeee 115 VI., Stnmpergasse 51 XXI., Hauptstraeae 28 XXI, Kagraa, Wagranarstr. 118 # Perücken aus M dauergewelltem Naturhaar, garantiert unsichtbar im Tragen, liefert kurzfristig Rudolf SCHIFF Wien, 1. Bezirk, Kärntnerstrasse ff (ziehet dem Stefaneplats, wn di• Ecke)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.