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Jüdische Presse · 1924-07-11 · 28 (11.7.1924) · page 5

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Journal
Jüdische Presse
Volume
10 (1924)
Issue
28 (11.7.1924)
Date
1924-07-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr 28 JÜDISCHE PRESSE Srfte 191 Herbert Samuels Entwurf sorgt — ein bitterer Hohn — für die Atheisten, aber nicht für die Gottesfürchtigen. Er gewährt ein individuelles Austrittsrecht, lässt aber den also ans Gewissenszwang Erlösten zwischen Himmel und Erde hängen; beharrt eigensinnig,!tyrannisch auf dem sinnlosen reaktionären Dogma, es!könne nur eine Ortsgemeinde geben und raubt damit dem religiösen Gemeinschafftslieben die Möglichkeit, aus Abfall, Bureaukratisierung, Versandüng zu frischer, schöpferischer Erneuerung zu gelangen. Wenn die englische Regierung dieser Ungeheuerlichkeit, die nur der krankhafte Ehrgeiz unserer Waad-leumi-Machtpolitiker geschaffen, ihr Placet erteilen sollte, so würde sie der im Mandat feierlich übernommenen Verpflichtung, die religiöse Freiheit aller Bewohner Palästinas — selbst die der orthodoxen Juden — zu wahren, geradezu ins Gesicht schlagen. Denn das Recht der religiösen Gemeinschaftsbildung ist eine elementare Konsequenz der Gewissensfreiheit überhaupt. Ungerecht und fast tückisch zu nennen ist auch die Methode, nach der die Zwangsgemeinsohaft des Waad leumi geboren werden soll. Qu׳i tacet, consentire videlur — wer •nicht rechtzeitig protestiert, wird einfach als unterworfener Untertan der Zwangsgemeinscliaft registriert, statt dass man jedem Volljährigen das Recht «verkennt, positiv zu erklären, ob er den neuen Gewalthaber für sich und seine Kinder anerkennen will oder nicht. Man rechnet offenbar damit, dass Tausende das Odium nicht auf sich nehmen werden, ihre Streichung aus den Listen der ״Laudes-Kehilla“ zu beantragen und damit das Martyrium der Befehdung und Verfolgung durch die geistlichen und weltlichen Machthaber zu ertragen. Wäre das Verantwortungsgefühl in allen Kreisen der gesetzestreuen Judenheit auf dem Erdenrund lebendig, trübte nicht die materielle Not und die eigene Sorge so oft leider die Klarheit des Urteils, die Entschiedenheit des Wollens und den Mut des Bekenntnisses — ein Sturm der Entrüstung müsste in allen Ländern der Diaspora gegen dieses Attentat auf das jüdische Erez Jisroel aufflammen und den Entwurf, trotz der Macht ׳seiner Hintermänner, wie einen Haufen welker Blätter hinwegfegen. Von denen, die am ehesten berufen wären, ihre Stimme im Namen der gefährdeten תורה der bedrohten jüdischen Zukunft, der in den Schatten der Namenlosigkeit zurückgedrängten religiösen Treue gegen den Entwurf zu erheben, von dem Oberrabbinat und seinem Leiter, dst, von!Einzelheiten abgesehen, ein Widerstand nicht zu erwarten. Oberrabbiner Kuk ist, das muss ׳heute in aller Ehrfurcht u!nd Offenheit ausgesprochen werden,!in einen doppelten verhängnisvolien Irrtum befangen, der sich aus der innersten Eigenart seiner Persönlichkeit erklärt. In eine Welt hochgesteigerter Geistigkeit eingesponnen, die der mystischen Elemente nicht entbehrt, steht er — Menschenkenntnis und praktischer Blick waren nie seine starke Seite — den klugen Politikern des ״Waad leumi׳־ in einer Haltung gegenüber, die man sub specie aeterni zwar als geistige Ueberlegenheit betrachten, in der Sprache der Alltagspolitik aber nur als vollendete Hilflosigkeit bezeichnen muss. Et hat 'immer zu schieben geglaubt und ist immer, in eine Wolke von Weihrauch gehüllt, kräftig geschoben worden. Aber selbst wenn der Einfluss des ׳heutigen Oberrabbiners Wahrheit und Wirklichkeit wäre, wenn Rabbiner Kuk kraft der Macht seiner sicherlich wunderbaren Persönlichkeit in der Tat aus den Seelen der dem alten Judentum halb Abgestorbenen die Funken der קדושה hervorzulocken vermöchte, um die er so eifrig wirbt — ist diese Eigenschaft vererbbar? Spricht nicht alle Wahrscheinlichkeit dafür, dass Oberrabbiner Kuk jedenfalls der konservativste Überrrabbiner gewesen sein wird, den die zionistisehen Politiker, die Monopolbesitzer der Jewish Agency als religiösen Repräsentanten des hypermodernen Palästina gerade noch zugelassen haben? Man lese im ״Jewish Chronicle“, was ״Mentor“ sich von dem als Annex der palästinensischen Oberrabbinats gedachten ״Weltrabbinat“ an grundstürzenden religiösen Reformen verspricht, und -man wird eine Ahnung bekommen von der unsäglichen Gefahr, die der jüdischen!Wahrheit droht durch die unnatürliehe Verquickung hochfliegender national-politischer Herrschaftspläne auf der einen und-weltfremder, •die Menschen Idealisierender Mystik auf der anderen Seite, deren Exponent das palästinensische Oberrabbinat faktisch heute ist. Wenn gar erst eines Tages dieser Tropfen mystischen Oeles von einem Töpflein aus irgend einem westeuropäischen theologischen Seminar abgelöst •wird — wie nahe liegt den Machthabern des Waad leumi diese Entwicklung —, dann werden auch denjenigen die Augen ׳aufgehen, und übergehen, die •heute in einem auf staatlichen Zwang und staatlichen Glanz gestützten palästinensisehen Oberrabbinat einen pwr für תורה ויראת שמים erblicken. So führt auch die Betrachtung der Institution des Oberrabbinats seihst in seiner engen organisatorischen. Verquickung mit der Zwangsorganisation und in seiner starken moralischen Abhängigkeit von dieser zu der klaren Erkenntnis, dass es gegenüber dem ׳Entwurf vor allem gilt, der religiösen Freiheit eine Gasse zu 'bahnen; der Freiheit, nicht für das einzelne Individuum allein, sondern für ein auf dem einheitliehen Grunde lauterster אסונה ויראת שמים auf der vorbehaltlosen Anerkennung der Thora-Autorität aufgebautes jüdisches freies Gemeinschaftsleben in Erez Jisroel. In der freien Gottesgemeinde, die sich frei nur fühlt in der kampflosen Unterordnung unter das Wort des Gesetzes חרית על הלוחות# sprudeln die Quellen der jüdischen Kraft. Ein Brief des Chofez Chaim über die Vorgänge in Wilna. ״Ich bin mit G-ttes Hilfe ein alter Mann geworden und ich habe während meines langen Lebens es erreicht, ein wenig meine Zunge zu hüten, um mich nicht mit der schweren Sünde der üblen -Nachrede zu beschmutzen. Und immer suchte ich das Schweigen, denn es ist für den Leib und die Seele das Beste. Nun aber, wo die Ehre der Thora in solch unsäglicher Weise beleidgt wird, wo die Grossen der Thora und die Führer Israels von jenen mit Füssen getreten werden, die die Thora und die Heiligtümer Jisröels entweihen; die gegen sie den Mund vollnehmen und über die ganze Welt ihre Angriffe verbreiten, so wie dies jüngst in Wilna geschehen ist, wo ein Doktor (gemeint ist Dr. Wigotzki, der gegen Rabbi Chaim Oser Grodizenski wegen seiner Stellung zur neuen Gemeindeordnung die heftigsten Angriffe richtete. Anm. d. Red.), mit Schmähungen und Beleidigungen gegen einen Grossen unserer Zeit, gegen einen Lehrer und Führer in Israel, den Gaon Rabbi Chaim Oser Grodzenski aus Wilna, und auch gegen andere Grosse in Israel aus der Stadt Wilna, aufgetreten ist, deren Hände frei von Schuld sind, nur weil sie unsere heilige Thora verteidigen und es nicht zugeben lassen wollen, dass sie zerstört werde —' da denken wir, dass man׳ jetzt nicht schweigen dürfe, weil wir sonst die Schuld auf uns laden könnten, die Schmähungen unserer Lehrer ohne Widerrede angehört zu haben. Wohl ־weiss ich, dass man auch mich wegen meiner Worte beschimpfen wird vor der ganzen Welt, wie man es ja gewohnt ist; aber davor fürchte ich mich ׳nicht und willig nehme ich alle Schmähungen auf mich, wenn es sich um die Ehre des Allmächtigen handelt. Und wir finden, dass es der Allimächtge sehr genau nimmt mit der Ehre der Führer Israels und jeden, der sie beleidiigt, zur Rechenschaft zieht. So finden wir auch, dass Mosche Rabbenu selber über seine Ehre -nicht eifersüchtig wachte, sowie es heisst, ״der Mann Moses war sehr bescheiden“, aber der Allmächtige trat für sleine Ehre ein. Und als Jerobam Ben Naboth den Götzen opferte, vertrocknete nicht seine Hand, wohl aber als er sprach: ergreift ihn, den Propheten. Und Jerusalem wurde zerstört und unser Heiligtum verbrannt, weil unsere Lehrer gegen die Beleidigung des Kamiza bar Kamza nicht einschritten. Wie nun •erst, wenn die Schmähungen gegen unsere Lehrer gerichtet werden, da sind sicherlich alle, die es sehen und hören, verpflichtet, deren Ehre zu verteidigen. Und so muss ich mich wundern über jene Thorabeflissenen der Stadt Wilna, die Schmähungen und Beschimpfungen gegen ihre Genossen und Führer schweigend hingenommen und nicht dagegen Protest eingelegt haben• Und jeden, in dessen Herzen die Gottesfurcht noch ein Plätzchen hat, muss es unsagbar schmerzen, wenn er sieht, wie tief unsere heilige Thora gesunken ist und wie sich an uns das Wort bewahrheitet hat: Der Knabe wird gegen den Greis sich erheben und der Verachtete gegen den Verehrten. Wir aber hoffen, dass der Allmächtige bald -unseren Leiden ein Ende setzen und uns für -ewig erlösenwird. NACHRICHTEN. © Neubesetzung der Rabbinerstelle in Wr.-Neustadt. Nachdem der bisherige Oberrabbiner von Wr.-Neustadt, Rabbiner Dr. Joel Pollak!mit Rücksicht auf seine Tätigkeit in Wien sich ausserstan-de erklärt hat, dauernd nach Wr.-Neustadt zu übersiedeln, und den!Wunsch geäussert ׳hat, die aus dem Standpunkte der gedeihlichen Entwicklung der Ge- ׳meändedie Rabbinerstelle mit einem Rabbiner zu besetzen, der an Stätte seiner Wirksamkeit wohnt, wurde vorige Woche Oberrabiner Milel Weiss eineinstimmig zum Oberrabbiner der Wr.-Neustädter Kultusgemeinde gewählt. Herr Oberrabbiner Hitel Weiss wirkte seit 4 Jahren in der Gemeinde Sommerein in der Slovakei, wo es ihm gelang, das religiöse Leben der Gemeinde zu neuer Blüte gelangen zu lassen. Als Schwiegersohn des verewigten akademisehen Malers Prof. Dawid Kohn geniesst er auch in Wien die •Sympathien weiter Kreise. Es ist zu hoffen, dass die religiöse Entwicklung ־der Wr.-Neustädter Gemeinde, die während .der Wirksamkeit von Rabbiner Dr. Pollak so grosse. Fortschritte, gemacht hat, durch Oberrabbiner Hilel Weiss, der seinen neuen Posten schon vor den Jomin Naurojim an treten wird, neue Impulse gewinnen wird. Hochzeit im Hause Rabbi Josef Baumgarten. Mittwoch Rosch Ghaudesch Tammus fand die Trauung des (Herrn Dawid Perlstein mit der ältesten Tochter von Rabbi Josef Baumgarten statt. Die Schiffschul war zu diesem -Anlässe festlich dekoriert und eine ungewöhnlich grosse Zahl von Freunden und Verehrern des berühmten Rabbiners und Führers fand sich ein, um an dem Feste teilzunehmen. Der alte Oberrabiner von Mattersdorf, •Ralbbi Sittiche Bunem Ehrenfeld, Hess es sich trotz seines schlechten Gesundheitszustandes nicht nehmen, an der Trauung persönlich teilzunehmen. Die Hochzeitstafel fand im Festsaale des Bayrischen Hofes statt und dauerte bei gehobener 1Stimmung der Gäste bis in die späte Nacht. Mögen׳ alle Wünsche, die an diesem Tage auf so herzlicher Weise geäussert wurden, in Erfüllung gehen. Die Bedingungen des Bodenkaufes durch den K* H. Frankfurt. (A. J. P. B.) Der Keren H a j isch uw der Agudias Jisroel ist in der Lage, guten Boden in Palästina in der Nähe Jerusalems zu dem aussergewöhnlich billigen Preise von 2,75 Pfundsterling pro Dunam abzugeben. Der Bodenerwerb ist an die Bedingung geknüpft, dass der Käufer sich verpflichtet, nicht in einer dem Thoragesetz zuwiderlaufenden Weise das Land zu bebauen, ferner bei einer eventuellen Wiederveräusserung des Bodens dem Keren Hajischuw das Vorkaufsrecht eimzuräumen. Stellenvermittlungszentrale der Audas Jisroel. 1 Frankfurt (A. J. ׳P. B.) Die Stellenvermittlungszentrale der Agudas Jisroel in Deutschland hatte am Sonntag, den 22. Juni in Frankfurt a. M. ihre erste Delegiertentagung, die von den!Angestellenaus- Schüssen Berlin, Breslau, Fulda, Fürth, (Halberstadt, Kassel, ׳Hamburg, Mainz und Nürnberg besucht war. Die erfolgreiche Haupttätigkeit des Angestelltenausschu'sses besteht in der Vermittlung von Stellen für solche Angestellte, welche auf Sabbatruhe reflektiren. Oberbibliothekar Stern 60 Jahre alt. Berlin. (J. T. A.) Am 6. Juli wird der Leiter der Jüdischen Gemeindebibliothek und der Jüdischen Kunstaus- Stellung Oberbibliothekar Dr. Moritz Stern 60 Jahre alt. Oberbibliothekar Stern, der sich in den Kreisen der jüdischen Gemeinde sowie in Fachkreisen hoher Schätzung erfieut, wurde in Steinbach (Kreis Hönfeld) geboren und war zuerst Rabbiner der israelitischen Gemeinde in Kiel, dann Schuldirekter in Fürth und Berlin. Seit 1905 steht er im Dienste der jüdischen Gemeinde, Berlin. — Von seinen zahlreichen Schriften sei erwähnt: ״Die israelitische Bevölkerung der deutschen Städte." ״Tabellen zur Geschichte der Juden und ihrer Literatur." ״Urkundliche Beiträge über die Stellung der Päpste zu den Juden." Das Wahlresultat in Lodz und Kaiisch. Warschau. Lodz und Kalisch sind die zwei Grossgemeinden in Polen, in denen die •Wahlen erst am 4. Jamus (6. Juli) vorgenommen wurden. In Kalisch hat die Aguda 7, die vereinigten zionistischen Gruppen 7, der Bund 2, Alexanderer Chassidim 3, Poale Zion 1 Mandat,׳ in Lodz haben in den ersten 13 Wahlkreisen die Aguda 11, Zionisten 7, die Unparteiischen 8, Handwerker 2, Bund 3, Poale Zion 2, Volkisten 1 Mandat errungen. Das endgültige Resultat in Lodz hängt noch von dem Zählergebnis der restlichen 12 Wahlkreise ab. Konferenz des Seimdeputaten Kirschbraun mit dem Kriegsminister General Sikorsky. Warschau. General Sikorski hat den orthodoxen Sejmdeputat Elias Kirschbraun, Mitglied der Wehrkom- -mission des polnischen Sefms, zu ׳sich gebeten, um sich mit ihm über die Lage ,der jüdischen Soldaten in der polnischen Armee auszusprechen. Abgeordneter Kirschbraun hat noch einmal alle Beschwerden, die er jüngst auch in einer Interpellation im Parlament vorgebracht hat, dem Minister vorgelegt. Es ist zu erhoffen, dass die Aussprache günstige Resultate für die in der polnischen Armee dienenden jüdischen Soldaten bringen wird. Ueberfall auf einen Rabbi und seine Begleiter. Warschau. (J. T. A.) Vor kurzem unternahm der in Polen populäre *Ostrowzer Rebbe" in Begleitung mehrerer seiner Chassidim mittels Fuhrwerks eine Reise nach Gora Kalwarja zum Besuche des ״Gorer Rebbe“. In der Nacht irrten die Fuhrwerke vom Wege ab. Die Reisegesellschaft wurde •von Bauern der Umgebung überfallen und sehr schwer misshandelt. Sogar der Rabbi erlitt Verletzungen. Erst nachdem den Bauern ein ansehnlicaes Lösegeld für angeblichen Flurschaden gegeben wurde, konnte die Gesellschaft ihre Reise fortsetzen. In •Baden bei Wien hat die unter Aufsicht des Rabbiuates׳ der’Adas*׳ Jisroel (Schlffschtrie) stehende bestbekannte Selch warehfetrik'B is en’6 ‘H ö n i g s b e r, Wien, IL, Baidgasse 6, ׳welche •ausschliesslich Mastvieh eigener Sehtaehtting veisabeilet, bereits ׳•eit Jahren in der Nähe des Kmpaikes, R e iner r in£ 18, * eine ׳Niederlassung, woselbst Ukgheh? «wteimaLlrieAe^S«lch• und *Wutfstwfcttui zu haben arid. Spezialitäten der Firma siäd: Warmes Selchfleisch, junge gebratene Gänse und heisse 'Würstchen, welch letztet* auch für Diabetiker zu empfehlen sind.

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