Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 10 (1924)
- Issue
- 16-17 (18.4.1924)
- Date
- 1924-04-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 110 JÜDISCHE PRESSE N1y 16/17 diesbezüglichen!Beratung in ]Berlin teilgenommen, als deren wichtigstes Ergebnis die Entschliessung angesehen werden muss, wonach in den Zentralen des ostjüdischen Lebens Informationsstellen über alle Arten von Elends• Wanderungen eingerichtet und mit Wien in ständigem' •Verkehr treten sollen, damit unnötigen und unrichtigen Reisen mit ihren gefährlichen Folgen rechtzeitig Einhalt getan werde.; Der Propagandafilm des Wiener Hilfswerkes, welcher nach allerhand Schwierigkeiten jetzt, sowohl in Amerika wie auch in Deutschland zu laufen beginnt, dürfte die gemeinsame Arbeit aller Hilfswerke beträchtlich fördern Und uns die immer vom neuen erwarteten Mittel zur Fortführung unserer Institute wenigstens teilweise zuführen. Das Sorgenkind für eine Einrichtung wie die unsrige ist das Kapitel ״Ambulante Fürsorge“. Hier kann auf so knappem Raum über ein ,derart viel verzweigtes Problem nicht näher berichtet werden. Nur vom Standpunkt der Organisation sei hervorgehoben, dass wir, nach Kräften bemüht, auch das laufende Elend tunlichst zu mildern, allmählich in eine verheissungsvolle Arbeitsgemeinschaft mit der Kuftusgemeinde und Chewra Kadischa geraten sind, die uns bei gewisseif Fällen eine Dreiteilung der notwendigen Zuschüsse ermöglichen soll. Da wir aber mit dem Aufbau der jugendlichen Existenzen in dem Zusammenhang unserer Institutionen vollauf beschäftigt sind und diesen die uns anvertrauten Gelder flicht entziehen dürfen, haben wir bereits Vorsorge getroffen, dass nach den Feiertagen ein eigenes Damenkomitee aus unseren Kreisen die Aufbringung und Aufteilung der ambulanten Hilfsgelder auf sich nimmt. Wir würden es mit Freude begrüssen, wenn sich für dieses Feld fürsorglicher Betätigung nach dem genannten oder einem anderen Schlüssel eine Gruppierung der grossen zuständigen Wiener Vereine bilden würde, wodurch sich auch der gesamte zugehörige Apparat, insbesondere für das Recherchenwesen, ungemein vereinfachen Hesse. Als erfreulichsten Posten dieses Jahres buchen wir die verschiedensten Kundgebungen des Vertrauens für unsere Tätigkeit, die uns aus allen jüdischen Lagern und von Personen zugekommen sind, deren Wohlwollen wir auch dann schätzen, wenn uns sonst vieles von ihnen trennt. Wir verzichten, auf eine einzige Ausnahme — nicht eine Partei, wohl aber ihr Blatt — einzugehen, das unsere Arbeit bis in die letzten Tage piit sinn- und würdelosen Einfällen begleitet hat. Aber davon abgesehen, haben wir gerade in diesem Jahre das ideale Ziel aller unserer Bemühungen näher rücken und die Bereitwilligkeit zum gemeisamen Vorgehen, die wir bei jedem Anlass gezeigt' haben, auch von anderer Seite aufkotnmen gesehen. Wir haben es erlebt, dass — was jn diesen Angelegenheiten des Herzens nur natürlich ist — die Politik Halt gemacht hat vor der Humanität und der Gedanke der gegenseitigen Hilfe sich mehr und mehr durcbgesetzt hat. Unser Arbeitswille ist aufrecht geblieben, aber unsere materielle Situation ist schwieriger geworden. Auf ausserordentliche Aktionen, wie auf Sammeltagen, Films usw., kann ein auf Dauer gestelltes Unternehmen vom Horizont des unsrigen nicht bauen. Es braucht mehr als bisher die ständige Mitwirkung aller, zunächst der einheimischen jüdischen Kreise, die bedenken müssen, dass Unser Werk auch in einer Zeit wirtschaftlicher Depression nicht aussetzen kann. An ihre oft bewährte Wohltätigkeit richtet sich unser herzlicher Appell. ' Aufraf zur Sephirahzelt. Pessach nad Scbewnotb. die beiden Marksteine für die körperliche und geistige Erlösung unsere Volkes, sotten auch ln der Gegenwart Körper und Seele des jüdischen Votttes von schwerem Druck befreien. Wir rufen deshalb alle zur Arbeit für den Keren Hathora ln diesen Wochen auf. Ein Jeder, der seine Kraft ln diesem Wochen dem Keren Hathora widmen wird, sei es durch Uebernähme von Vorträgen» Sammellisten, überhaupt leg? liehe Werbearbeit, wende sich sofort an die zuständige Landesorganisathm. Zentrale des Keren Hatbpra. Was ist ״Keren Hathora"? Von Rabbiner Dr. P, Kphn. (Aus dem soeben erschienenen 1. Ifeft der Blätter des Keren Itythpra.) Grosse Wandlungen h^t das Wort Keren durchgemacht. Es ,bedeutet vor allem das Horn, die Waffe, welche der Allmächtige sonst wehrlosen Geschöpfen verliehen hat, die zugleich deren schönster •Schmuck ist. Aber Keren bezeichnet auch das weithin sichtbare!Merkmal eines Dinges, das diesem seinen besonderen Charakter verleiht. Und endlich bedeutet auch Keren den festen Stützpunkt, der die Flucht der Erscheinung überdauert, das in allen ggjjfe# Unveränderliche, Unangreifbare, Unanta&t^e. Ich denke mir, dass die Kfnessio Q§daulo %n alle diese!Bedeutungen des W$rt$$ raid^cht: hat, aJ$ sie der großen Sgfoöpfung, dfe giflga wgjifigpunkt in Brautausstattungen Billigst# Einkauffmielle in und BwpMtwaren, Chiffone, sowie in Taschgg? ypij Tischtüchern etc. •ידי Leopold Lederer SSr“’ »ן" ™?t; gries), Telephgu f$-ß-71 Telephon 57 . y . 78 Scheitel, Perücken Transformationen Brautfrlsaren aus allerfeinsteg dausrge^ellten NatuxJitir 1 i e f e r סור די סאןגעםסמען ארמאדאקסען דאסען Dgg bgkangte für individuelle Frisuren Carl Polak paeaenfiriseat* Wien, IV», Schleifmöhlg«sse 3 Pf0!n|>t und blUigst fttr In- und Ausland sssss es gros ud s& dätalL Bei Bestellungen von auswärts erbitte genaues Haarmuster und Angabe des Masses von einem Ohr zum anderen. ssss Kostenlose Vorführung der neuesten Modelle.- Beachten Sie gefälligst die Hausnummer 3 der Gschichte des Chisufc Hathora bildet, den Namen Keren Hathora sab. Oer Keren Hathora ward gehöre« aus der traurigen Erkenntnis, dass nicht ohne unsere Schuld sich die stunde erfüllt, in der תורת מונחת בקרן ויותt, dass es unsere dringlichste Pflicht ist als segensvolle Kontrastwirkung den Keren der Thora wieder hoch zu heben. Gewiss, wir haben noch Thora! Noch wird in vielen Städten gelehrt und gelernt, noch ist nicht der Odem zarter Kinderseeten erloschen, der חבל »יוזם של תינוןות בית רבן der «ach einem tiefe. Worte unserer Weisen die Welt davor schützt, 1» sittliches Ghaos zu verfallen. Noofy gib( es unfej* uns!Männer, von denen man mit Recht sagen kan« גדולים אנשי חיל, die imstande sind, aus sich heraus, aus der Kraft des Wollens zum Lehren, aus der Macht ihrer Liebe zum jüdischen Kinde, unserem Volke einen Nachwuchs zu sichern, für welchen Thorawissen!kein leeres Wort beideutet. Gewiss, noch haben wir Thora! Was uns fehlt, ist Keren Hathora, ist die Thora als Keren, als schimmernde Wehr, die de« jüdischen Menschen unbesiegbar macht hn Kampfe gefeen eine entgottete Welt. Was uns fehlt, ist die Thora als überragende Spitze jüdischen Gesamt- Ibens, als weithin sichtbares Zeichen aller unserer Betätigungen. Das Bestreben, die Thora in die Lehrstatte zu verbannen, sie für eine bestimmte Berufsklasse zu reservieren, ist ein trauriges Verfalls- Symptom unserer Zeit. Hier muss der Keren Hathora Wandlung schallen. Nicht bloss die Mehrung des Thoravyissens in der jüdischen Wejt, sondern auch die Durchdringung «iler jüdischen Lebensbeziehungeg mit dem Thorageiste, ist seine vornehmste Aufgabe. Und so bedeutet Keren Hathora eigentlich nichts anderes, als einen Weg zur Verwirklichung der Idee von Agudas Jisroel, die letzten Endes ja nur den eine« Sinn hat, di.e gesamte Lebensführung des jüdische« Menschen, des jüdischen Volkes unter das Gebot des göttlichen Thoragesetzes zu stellen. Der grosse Gedanke des אל תקרא הליכות אלא הלכות muss endlich in dem Sinne Wirklichkeit werden, dass wirk־ lieh jeder Schritt, den wir im Leben tun, Ausdruck einer Halocho wird, dass nicht nur קמעתתא unserem Handeln, sondern auch נדתא# unserem Denken und Fühlen bestimende Richtung gebe, kurz, dass die Thora in ihrer Ganzheit den unverrückbaren Wegweiser unseres Daseins bilde. In der Nichtbeachtung dieses אל תקיא liegt vielleicht die sehr ernste Antwort auf die sehr bange Frage, warum wir bei sp vielen תויח aber nicht die entsprechende Grösse ag יראת finden. Möge der קרן חתורח von diesem Gedanken getragen, in die Winkel hmemleuchten, in die man die Thpra verstossen hat, sie von dort herausholen und als Markstein auf allen Lebenswegen jüdischer Kinder aufstedlen. Neben dieser Schaffung eines alle Wandlungen des Zeitgeistes überdauernden Grundstockes au Thorawisspn und Thoraleben soll der התורה pp auch den materiellen Fundus schaffen für die Erhaltung unserer Thorallehranstalten und in unermüdlichem Bemühen so viel Mittel zusammenforingen, dass der kommenden Generation die Fürsorge für die Lebensbedürfnisse der Thoralernenden und Thoralehrende« nicht mehr solch grosse Schwierigkeiten bereite, als es heute noch der Fall ist. Der unwürdige Zustand muss aufhören, dass die Pflanzstätten des Thora- ״Verraat“ Eine Komödie der Irrungen. Vorgeschichte. Die Vertreter der palästinensisehen Landesorganisationen •der Aguda arbeiteten mit dem gerade in Erez Jisroel weilenden polnischen! Rebbeim dm Memorandum an König Hussein aus, das im wesentliche« drei Punkte von programmatischer Bedeutung enthält. Var allem wird darauf toingewiesep,!dass Agudas Jisroel eine unabhängige!Organisation der thoratreuen: Juden darsteüt, die durch die im Elul!vorigen Jahres in 1Wien stattgefundene Kenessio Gedaulo legitimiert ist. Ferner wird betont, dass Agudas Jisroel die heilige jüdische Tradition (vertritt,!im allen Ländern des Golus, ln friedlicher Zusammenarbeit mit den Nachbarvölkern zu ldfcen. ■Diese!heilige Traditio« sei für Agutdas •Jisroel auch massgebend hei dem Aufbaue des heiligen Landes, ■das Am!Mittelpunkt der Sehnsucht des jüdischen!Volkes steht und für -das es dreimal des Tages betet. •Endlich wird ■die Bitte ausgesprochen, in allen Fragen* die das jüdische Volk betreffen, die WiMensmejiming vom Agudas Jisroel einztiholen. Gang der Handlung. Kaum war dieser Sphii^t der Agudas Jisroel bekanntgeworden, als auch schon jim Zionistischen Lager der Sturm losging. •In der Sitzung des!zionistischen Aktionskomitees hob Herr Soflcolow de« Taktstock und der Chor der zionistischen Parteiorgane fiel programmgemäss ein. Was da alles an Verdrehüngen. Fälschungen und Beschimpfungen geliefert wurde, lässt sich kaum schildern. •Das •Höchste leistete wohl die sonst ernst zu nehmende ״Jüdische Rundschau“ in Berlin, die J■׳ einem Leitartikel ausführte, ein modernes jüdisches Saraigesetzbuch müsste die Aktion der Agudas Jisroel als Landesverrat Qualifizieren. Nun, zum Glück gibt es!noch kein solches jüdisches Straf ge setz, nach ■dem wohl nicht nur dieser jüngste Schritt der Agudas Jisroel, sondern auch schon deren blosse PzU-feJtt, Vjte •Überhaupt das ■Bekenntals mm ■unabhängigen tfonatreuen Judentum ^ls Landesverrat gelten• müsste, ■wähl aber gibt es ein anderes Jüdisches Strafgesetzbuch, hi dem gerade solche ffondiu»- Wenn sich •nun darüber hinaus auf der Kenessio Gedauloh zeigte, dass der Einfluss auch der chassidischen Rabbiner ׳von heute aut die polnische Judenheit und damit auch in der ■Agudas Jisroel ein grosser ist — namentboh trat dies bezüglich des anwesenden ״Gerers“ (des Rabbi von Gora Kalwaryja) 1hervor — so darf andererseits nicht übersehen werden, dass bei dem Vorhmadensein solcher Gegengewächjte, wie sie die deutsche, slowakische und litauische Orthodoxie darstellen, ein Ueberwiegen des gedachten Einflusses ■weder Tatsache wurde ■noch •zu werden droht. ,Man darf •aber auch gar •nicht glauben, dass die alten Gegensätze •Innerhalb der überlieferungstreuen Judenheit irgendwie auf der Kenessio Gedauloh in Diskussion miteinander gerieten. Davon ■war ■nicht ein Spürchen zu entdecken. Das Gebot der Stunde, das -für die Teilnehmer an der grossen Versammlung mit dem Gebote der Ewigfceit ®usammenfiel, schloss dies a ■priori aus. Ob es aber immer ■dabei!bleiben •wird, ob jene Gegensätze sich auch weiter in ihre gegenwärtige Herrschaftsgebiete friedlich teilen oder ob sie nicht einmal wieder gegeneinander ■werden ausfällig werden, oder ob sich gar über Ihnen ein dauernd Gemeinsames aufbauen wird, das sie beide eint «nd tilgt — ■ist ■natürlich eine Frage für sich. Jedenfalls scheint mir die letzte Lösung ohne eine entsprechende Gestaltung des Rabbinates der •Zukunft nicht möglich. ■Und Ich meine: Die Agudas Jisroel kann Wegbahnerin zu jener höheren Einheit und zu manch anderem Erstrebenswerten ■werden, wennn es •ihr gefallen und gelingen wird, ihre Institution des ״Grossen rabbinischen Rates*‘ so auszuweiten und zu vervollkommnen, dass dem jüdüsohen Volke «ine geistliche Behörde gegeben wird, die Weisheit der Lehre nnd Weisheit der Welt vereinigt und in ■der ■die verediiedenen Tönungen der Gestzerfüllung und der religiösen Sehnsucht vertreten sind. Doch tun von •den Zukunftswünschen ■wieder zur Wirklichkeit zurückzukommen, und zwar zu einer Wirklichkeift, die Zukunft in sich birgt: Die Kenessio Gedauloh war nicht arm qn bedeutenden! |^$j1sch$p und •war reicjh 4« froh ■bejahender lügend. Es Ist, ׳glaube tah, picht nötig, dass ■ich eine Namensliste der bedeutenden!Menschen, die zur Kenessio Gedauloh erschienen ■waren, verlege. Jeder, dem sjch die!Bedeutung ■von Menschen nicht nur dann offenbart, wenn er sie •in der leiblichen und seelischen Gewandung des europäischen In- ■tellektuellen zu Gesichte bekommt, konnte die bedeutenden Menschen in •der Gruppe des Ostens herausfinden. Und jeder, dem eine Geistigkeit nicht unfassbar ist, die eine andere Geschichte •hat als seine eigene, konnte sie innerhalb der Gruppe aus Deutschland feststellep. Ganz ebenso musste afjer auch jeder, dem die Vor- Stellung eines jungen Menschen, der sich für das alte /■udentum samt seinen übertlieferten Formen statt für tgend eine Weltanschauungs-Neuheit erwärmt, nicht! a priori ■unerträglich ist, die Jugend auf der Kenessio Gedauloh als sehr beachtenswert erkennen. Sie zeigte sich glühend in ihrer Ueberzeugung und in ■ihrem Eifer, voll heiliger Kampfeslust, stolz darauf, hüben zu stehen und nicht, Gott ,behüte, drüben, treu und diszipliniert. Dabei hatten schon ■viele von den jungen Leuten der Versuchung ins ■Auge geblickt, ja atemlos ihrer Lockrede gelauscht, um sich schliesslich doch zu be$imjen. Und war •dies alles schon weit mehr, als nach den schweren Jahrzehnten des Zurüek-gesetztselns und des 9ich-zurücksetzen־la&sens ®u erwarten war — man erlebte doch npeh grössere Ueberraschungenv So, dass manche da waren, die sich mit gar grossen Ansprüchen: ap sich u«d ihr Volk hen#ntrugen: Eine Oase soll es werden, in der eine Quelle von ,Helligkeit strömt, hinausströmt, immer mehr Wüste in Oase verwandelt — bis keine Wüst,e mehr •da ist .. . Möglich, dass solches Hineinahnen vop Ewigkeit in die Zukunft •wett über den Rahmen der Agudas-Jisroel- Aufgaben Mnausgebt. In jedem Falle aber hat sie das Recht, auf die Ahnenden selbst stolz zu sein und mit ihnen m rechnen.