Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 10 (1924)
- Issue
- 16-17 (18.4.1924)
- Date
- 1924-04-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr.i6/t7 jümscHEPHpsse Seite 10• wusstsein unserer Verantwortlichkeit haben wir mit der. Etablierung dieses Heimes bisher deshalb zugewartet» weit wir aus grundsätzlichen Ueberlegungen die Mittel für die dauernde Erhaltung in diesem Falle auf die uns! befreundeten Kreise des Auslandes aufteilen wollen. Ein Anfang in dieser Richtung ist bereits getan. Ein anonymer Spender aus Berlin hat uns für den genannten Zweck 500 englische Pfund zur Verfügung gestellt, den Rest f&r die ersten drei Jahre erwarten wir aus Holland, da׳ die dortigen Wohltäter es gerne haben möchten, dass ihre Sammelgelder für Auslandswaisen durch Institute unserer Leitung ihrem Zweck zugeführt werden. Im übrigen unterhalten wir mit dem hiesigen Elisabethheim,' einer Musteranstalt für verwaiste Mädchen, die beste Freundschaft und haben ihm — ohne in Selbständigkeit irgendwie einzugreifen — bei seinem praktischen Ausbau durch eine Gewerbeschule willkommen Hilfe leisten können. ln den Kreis unserer Bestrebungen für Jugendfürsorge gehören unsere werktätigen Sympathien für das Taubstummeninstitut und das Blindeninstitut in Wien, denen wir aus dem Ergebnis de£ gemeinsam mit der ״Zentralstelle“ veranstaltenden Sammeltages (ebenso wie dem schon genannten Elisabethheim) bis zur Grenze unseres Vermögens Zuschüsse geleistet haben. Hieher gehört auch die in der letzten Zeit erfreulich zunehmende; Zusammenarbeit mit dem, jüdisehen Jugendamte. Die grausame Wohnungsnot in Wiep —י sine der schlimmsten Quellen des Massenelends — hat uns veranlasst, dem Gedanken eines Wanderheimes näher zu treten, welches den aus mannigfachen Gründen durch Wien reisenden Bedürftigen für die kurze Zeit ihres Aufenthaltes eine gesunde und reinliche Unterkunft bieten soll. Ein in jeder Hinsicht geeignetes Objekt in der Nordwestbahnstrasse ist bereits angekauft und dürfte in den nächsten Wochen fertig hergestellt sein. Da. uns dieses Haus durch eben jene Wohltätejr, denen wir schon die grosse Anlage der Werkstätten Verdanken, geschenkt wurde und die Obdachlosen verhalten sein sollen, die geringe Gebühr von etwa K 3000 für das tägliche Quartier zu entrichten, haben wir in diesem Falle schon den Grundsatz der Selbsterjialtung des Instituts verwirklichen können, der allein es uns möglich macht, in einer so schwierigen Zeit, wie der unseren, eine neue, notwendige Gründung vorzunehmen. Im übrigen erwarten wir auch hier eine Ergänzung unserer Arbeit von anderer Seite, nämlich von dem ״Asylverein“, welcher für die andere Kategorie von Obdachlosen, die in Wien ihren ständigen Aufenthalt haben, ein unseren Werkstätten benachbartes Heim gerade erwerben will. Im Vordergrund unserer ausländischen Wirkungen stand die Deuitchlandhilfef Hier haben wir zunächst, und zwar sofort nach Eintritt der Katastrophe, die ersten Kinderzüge nach Wien geleitet (und nacheinander drei Schichten deutscher Kinder in befreundeten Wiener Häusern untergebracht. Ein Abkommen mit dem Todesco- Heim hat es uns ermöglicht, dieses Heim in Baden für mehrere Monate zu pachten und dort vorübergehend eine deutsche Kinderkolonie einzurichten. Den Rest der kleinen 300 Reisenden haben wir im Burgenlande und Fiume versorgt Mit dieser Aktion ging die andere, die Lebensmit telvdrsorgung, Hand in Hand. Von der namhaften Spende einer Freundesgruppe unterstützt, haben wir rund 7000 P a k e t e mit nahmhaften und haltbaren Lebensmitteln im Gesamtwert von 500 Millionen österr. Kronen in die verschiedensten Gegenden von! Deutschland geschickt und das Unternehmen — nach( einem missglückten Versuch mit einer Hamburger Firma — von Wien aus zu einem glücklichen Ende führen können. Die aus Anlass derKenessioGedaulo beschlossene Errichtung von jüdischen Hilfswerken auch in den übrigen Ländern unter der Zentrale Wien hat inzwischen durch die Etablierung von verschiedenen deutschen Zweigstellen, durch die Vorbereitung eines tschechischen, eines polnischen und eines 1 e11ländischen Hilfswerkes ernstliche Fortschritte gemacht, und unsere Leitung hat erst letzthin an einer Der moderne Pagenkopf mit Perücken von RUDOLF SCHIFF WIEN, I..KÄRNTNERSTRASSE8 (Eingaig am die Ecke) Haarkunstwerkstätte ersten Ranges Bitte, den Vorntinen Rudolf und genaue Adresse zu beachten! ׳waTben, man kannte sie die Kluft zwischen voller Eigenheit und Angefremdetsein, zwischen Püiüscbhuffc und Zylinder, Kaftan und Salonrock, zwischen (jiddisch und deutsch ׳überbrücken sehen. Man durfte Zeuge sein, wie die deutschen Juden mit plötzlich wissenden Augen in den östlichen Brüdern die Ebenbilder ihres eigenen Seins — sowie es in einer noch nicht lange verschütteten Vergangenheit gewesen war — erkannten und wie die Oestier mit einem Lächeln — halb Glück und halb sichs nicht glauben wollen — auf ihre so seltsam lernen und doch mit einem Male so seltsam nahe gekommen Brüder aus Deutschland Mickten, wie sie deren Anteil am gemeinsamen Werk willig and mit Vertrauen hinnabmen. Und dieser Anteil war nicht klein, war umso grösser, als er sich naturgemäss־ last durchaus im Organisatorisch-Methodischen und Dialektisch- Programmatischen auswirkte und das andere, das inhaltlich Gestaltende, auf einem Kongresse weniger zur Geltung kommt. Ja, es hatte oft den Anschein, als ob die Vertreter aus Deutschland, da sie sich auch als die ׳berufenen Vermittler zwischen den anderen Qruppen gaben, die Geschicke der Agudas Jisroel in der Hand, hielten. Das ist aber, zumindest vorläufig, gar nicht der Fall, und sollte es jemals so weil kommen, so müsste die Verantwortung dafür den Oestlern selbst zugescholben werden, die dann bewiesen hätten, dass sie es nicht!!verstanden, ihr starkes jüdisches Wesenskapital zur Grundfeste der in Agudas Jisroel organisierten •Orthodoxie zu machen. Der deutschen Orthodoxie am verwandtesten erwies sich die slowakische*). An sdch stehen ja die slowakischen Juden gerade an der Grenze zwischen Osten und Westen, *) Die Bezeichnung der Gruppe als tschechoslowakische ist vollständig irreführend. Es handelt sich nicht auch etwa um eine böhmisch-mährische, sondern nur am die slowakische, d. ׳h. um diejenige Orthodoxie, -die ta der Vorkriegszeit kn Rahmen der damaligen gesamtungarischen Orthodoxie gegenüber dem Staate und den Nichtorthodoxen organisiert war ׳und beute selbständig organisiert Ist. — gehören weder ganz zu den Ostjuden, noch ganz zu ׳den Westjuden. Ihre jüdische Lebenswirklfchkeit ist nicht so bTeit wie die der ersten und doch viel breiter afls die der letzten. Sie waren in ihrer Geistigkeit den Einflüssen der Aussenwelt denn doch weit mehr ausgesetzt als jene tnd doch weit weniger als diese. Aber eben die ,Notwendigkeit, sich schliesslich doch auf einen engeren Spielraum und eine anspruchsvollere Umgebung einzustellen, bat die sSowakisähe Orthodoxie zu denselben Konsequenzen geführt, zu denen, rockt ohne ihren hervorragenden Einfluss, später auch die deutsche Orthodoxie gelangte: Zur stahlhartm Forderung und zum Gedanken strenger Organisation. Nir dass sich bei!ihr, der slowakischen Orthodoxie, diese Ko|- Sequenzen! mit dem doch weit intensivieren und selbständigeren (jüdischen Leben zu einem Gesamtbilde von imponierender Wucht vereinigten. Und so sah man difc ״Slowaken“ auch auf der Kenessio Gedaulo stark, unerbittidch und — gewandt ״Finstere Gestalten“, sagte dej rasch bereite Gegner. Oder ״das Bewusstsein deT Volks־» gemeinschaft verloren“. Der Freund aber — selbst der1, der anderer Art ׳ist und bleiben will — wusste: Untei diesen ״finsteren Gestalten“ gibt es eine ganze iReihd liebt er, milder, gütiger Menschen -nebst rauheren, leidenschaftlieberen und nichts weniger als bösartigen. Und! wenn sie auch zeitweilig ״das Bewusstsein der Volks-( gemeinschaft verloren“ haben sollten, jedenfalls haben sie( und ihre Väter und Lehrmeister vor -ihnen dort, wohin sie gestellt sind und waren, ׳in langer, zäher Arbeit ein grosses Stück gefährdeter Judenheit für das Gesetz Gottes und damit auch am wirksamsten für die jüdische Volksgemein־ schaft gerettet. Die heutige ungarische Orthodoxie ist, entsprechend den geänderten politischen Grenzen, ebenfalls selbständig organisiert, deckt sich aber kn Wesen und in der Methode fast ganz mit der slowakischen. Sie bat sich erst vor Kurzem, schon nach der Kenessio Gedaulah, der Agudas Jisroel angeschlossen•. In verhältnismässig geringer Zahl war die litauische Orthodoxie vertreten. Um so tiefer war der Eindruck, ׳den ihr« Abgesandten machten. Sie sprachen nicht viefl, aber meist sachlich und eindringlich. Sie waren die Bescheidensten, die Anspruchlosesten in ihrem Auftreten und doch getragen von einem sichern Selbstbewusstsein. Und vor allem umgab eme unsichtbare und doch von allen gefühlte Aura 1ibre Persönlichkeiten. Es war, als wenn sie die Atmosphäre der grossen Jesohiwaus ׳Litauens mitgebracht hätten: sie strahlten den Glanz der reifsten und klarsten Thoraforschung aus. Keine lärmende Huldigung wagte sieb an sie heran. Man huldigte ihnen mit stiller Scheu. In ihrer jüdischen Lebensweite, mit ihrem reichen jüdischen Wissensgehalte, auch zu ännerst in ihrem Temperament ganz Ostj-uden — konnten sie doch durch ihre Gemessenheit und Sachlichkeit wie ״deutsch“ wirken. Zu den neuen Bekannten, den ״Slowaken“, vermochten sie, glaube ich, trotz mancher Berührungspunkte noch kein Verhältnis ׳zu finden. Zu einer rascheren Intimität -In Freund- Schaft, Feindschaft odeT beidem hätten sie weniger Oestier oder zumindest, wie mit den deutschen und polnischen Juden, seit jeher Nachbarn sein müssen. Die Delegation aus Polen fiel am meisten auf. Schon durch die Zahl. Auch steUte man nicht ohne ein gewisses unabweisbares Gefühl des Bedauerns fest, dass sie über grosse •parlamentarische Gewandtheit und Erfahrung verfügte, und Hess sich dann lieber von der sanguinischen Note ihres (jüdischen Bekennen« e-infangen — gegenüber der schon die Vertreter aus Litauen, geschweige die aus Deutschland, als Phlegmatiker, die aus der Slowakei als Choleriker erschienen. Man erkannte an diesen Enthusiasten die Wirkung der grossen chassidlschen Welle, die ihre Vor- •fahren erfasst hatte. Und ihr wird man wohl auch die restlos eigene jüdische Prägung zuzusebreiben haben, die hier 2u׳tage -trat Der Chassidismus hat eben durch den ge^ waltigen religiösen Anstoss, den er gab, auch die ,volkaufbauende Kraft des jüdischen Lebens gefördert.