Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 10 (1924)
- Issue
- 16-17 (18.4.1924)
- Date
- 1924-04-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10S jo&kchepkesse N*. 16/17 meiksamkeit mit echt Jüdischem Gefühl vom Aus- 1 zuge au!si Aegypten׳ hören, und diese wichtigste | Periode unserer Geschichte erfassen, dann darf uns [ um unsete Zukunft nicht bange sein. I Die wachsende Schwierigkeit, dem abnehmen־ I den למוד חתודח kräftig entgegen treten zu können, | hat vor zwölf Jahren zur Gründung der Agudas *Jis- I roei geführt. Das war prophettsdier Blick; die unge- I beuren Schäden des Weltkrieges für das Judentum I wären nie zu heilen gewesen, wenn nicht ״das Heilmittel schon vor der Krankheit beschaffen worden wäre“ und bereits eine Organisation bestanden hätte, die berufen w־ar, die eingrissenen Altäre der G-tteslehre wieder in Stand zu setzen. Unmittelbar nach פסח wird die Wiener Aguda ihre Generalversammlung abhalten, von der eine Er- Stärkung der Arbeit für למוד חתורח und ישראל pH auch in unseren Ländern ihren Ausgang nehmen muss. W. B. 1 Pessach, das Fest der jüdischen Familie. Der Ausgang aus Mizrajim, dieser Beginn des gewaltigen Entwicklungsweges des jüdischen Volkes, er war gleichsam die g־ttliche Nutzbarmachung der gesunden Kräfte, die im jüdischen Volke Schlummerten. Dass das jüdische Volk trotz iahrhundertelanger Knechtschaft noch stark genug war, das Objekt g-ttlichen Wirkens zu sein, ist von allen Wundem, die wir! } Nacherleben der Pessachtage uns in Erhmerung Dringen sollen, sicherlich der grösste. Eine der wenigen Lichtseiten unseres Volkes während seiner ägyptischen Knechtschaft war sein Familienleben. Die jüdische Familie war der Felsen* an dem alle Versuche der Pharaonischen Tyrannis, das jüdische Volk zu vernichten, gescheitert sind. Unsere alten Weisen, die nicht nur scharfe Urteilskraft, sondern auch feinen historischen Sinn besassen, haben uns überliefert, dass das Werk der Erlösung vor allem den frommen jüdischen Frauen iind der Reinheit der jüdischen Familie in Aegypten zu danken ist. Aber nioht nur in Aegypten, auch während der Gohiswanderung durch die Jahrhunderte war die jüdische Familie die schönste Perle im Diadem jüdischer Sittenreinheit. Niemand wagte sie zu verdächtigen, niemand brauchte sie zu verteidigen... Die Zeiten haben sich geändert. Die Familie a!ls d i e Form eines Zusammenlebens eines Menschenkreises ist heute schweren Angriffen ausgesetzt, von denen auch die jüdische Familie nicht verschont bleibt. Man ist heute, dank der allgemein verbreiteten materiaii- ׳®tischen Weltanschauung gewohnt, ethische und! soziale )Probleme ausschliesslich unter dem Gesichtspunkte wirtschaftlicher Notwendigkeiten zu beurteilen. Auch die Institution der Familie wird unter solchen rein ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet. Unter allen Einrichtungen, die dazu dienen, dass Nebeneinander der Menschen zu ermöglichen, kann die Familie auf die längste Vergangenheit zumckblicken. Dank des Sieges!der jüdischen Auffassung von Sinn und Zweck des Menschendaseins leben die Menschen fast auf dem ganzen Erdenrund in Famiiengemeinschäften. Man müsste aber mit Blindheit geschlagen sein, um nicht zu sehen, dass fast in allen anderen Staaten ein konzentrischer Angriff gegen die Familie in ihrer alten Form geführt wird. Der Kampf begann Zur Mhitfiraiaicen empfiehlt die Firma Weldler & Fürst Wien, II«, Hollandstrasae 16 (Eeke *kleine Sperlgasie) Mnst• Nsnriilgardsrobsn nach Maas au• ihren eigenen feineten und aus mitgebrachten Stoffen. mit den Emanzipationsbestrebungen der Frau. Die gleichberechtigte Fraü machte auch innerlich eine tiefgreifende Wandlung mit. Die Familie ward ihr zu eng: Was die Mutter noch als höchstes Glück empfand, bedeutete der Tochter zuweilen tiefstes Unglück, was die ״versklavte“ Mutter als Segen empfing, ward der ״befreiten“ Tochter zum Fluch. Auch für diese Wandlung im Seelenleben der modernen Frau werden natürlich wirtschaftliche Momente geltend gemacht, und da unser Geschlecht zumeist von Erwägungen dieser Art geleitet wird, wohnt diesen materialistischen Argumenten solch zugkräftige Gewalt inne, dass nur ganz wenige mehr die Fähigkeit besitzen, sie auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Man spricht sie blind nach, weil sie eben dem Fühlen und Denken des modernen Menschen entgegenkommen, man stellt sie als unumstössliche Axiome hin, weil sie jeder Art von Genussucht und Bequemlichkeit des Menschen wissenschaftliche Begründung verleihen. Da solche Anschauungen auch weite Kreise des jüdischen Volkes erobert haben, befindet sich auch die jüdische Familie in einem kritischen Zustande. Geheiligte Traditionen, sturmerprobte Einrichtungen wanken unter den heftigen Stössen verständnisloser Neuerer. Jüdischer Familiensinn, jüdisehe Familienreinheit, hingebende Treue und liebende Mutterpflicht der jüdischen Frau — sie alle sind nur mehr im'Urteil der nichtjüdischen Welt bare Selbst- Verständlichkeit. Jene aber, die das Innenleben des jüdischen Vollkes genauer kennen, wissen, dass eine ״moderne“ Lebensanschauung bis zum konservativsten Teil des jüdischen Volkes vorgedrungen ist... Auch in Mizrajitn lebte das jüdische Volk unter ökonomischen Bedingungen, die, nach einer materialistischen Weltanschauung, unbedingt zur Zerstörung der jüdischen Familie hätte führen müssen. Die Sorge, das nackte Leben der männlichen Nachkommenschaft zu retten, entsetzliche ökonomische Lebensbedingungen, die lähmende Aussichtslosigkeit, einmal ein freudigeres, sonnigeres Dasein zu ׳erreichen —all das konnte unsere armen ״versklavten“ Mütter nicht dazuj bringen, in der selbstsüchtigen Preisgabe ihrer ureigensten Bestimmung, Mutter zu sein, die ״Freiheit“ zu erblicken. Dass die jüdischen Frauen in Mizrajim auf der Höhe ihrer Aufgabe und Bestimmung geblieben sind, bildet einen Ruhmestitel in der Geschichte unseres Volkes. Unsere Mütter im alten Mizrajim wussten allen Gefahren der Sklaverei siegreich zu trotzen. Sie haben ihren Kindern die Erlösung gebracht. Möge es nie dazu kommen, dass ihre I freien Töchter den verderblichen Einflüssen ihrer Umgebung erliegen und uns ln ein modernes Mizrajim führen. J. P. Die nächste ]lammet' der ״Jüdischen Presse“ erseheint Freitag den 28. fiissan, 8a Jahr ״Jüdisches Hilfswerk“ der Agudas Jsroel. Aus einer Unterredung /mit dem Leiter. Das Jüdische Hilfswerk der Agudas Jisroei hat Während seines nunmehr dreijährigen Bestandes die Propaganda der Tat immer jener des Wortes vorgezogen. Nur bei ausserordentlichen Aktionen wurde die Hilfe der Presse in bescheidenem Masse in Anspruch genommen.!Wenn das heute ohne einen solchen Anlass geschieht, so folgen wir damit der Pflicht, über ein Jahr unserer Arbeit vor der Oeffentlichkeit kurz und sachlich Rechenschaft zu! geben. Vor Jahresfrist verfugte das Hilfswerk über drei Anstalten im vollen Betrieb: Ueber das Kriegs Waisenhaus für Knaben in Baden, über das Knabeninternat in Wien und über die jüdischen Lehrwerkstätten. Das war ein schon geschilderter organisatorischer Zusammenhang, welcher zuerst der schulmässigen, nachher der praktischen Ausbildung unserer Knaben diente, um diese der Gesellschaft als tätige, tüchtige Glieder zuführen zu können. Um diesen Zusammenhang gründlicher und fester auszubauen, haben wir uns entschlossen, die Knaben aus dem Internat in die Werkstättenanlage zu übersiedeln und die hiefür notwendigen baulichen Veränderungen bereits vorgenommen. Das bedeutet eine Intensivierung unserer Fürsorgearbeit, deren Vorteile genug eklatant sind, um hier erst näher erläutert werden zu müssen. Die drei Gruppen: die Schulknaben, die Lehrlinge ausser Haus und die Werkstättenzöglinge, werden jetzt beisammen wohnen. Ihre Erziehung bleibt streng geschieden. Aber daneben werden sie bei verschiedenen Gelegenheiten: bei religiösen Anlässen und Festen, bei körperlichen Uebungen und Spielen, endlich bei der Bebauung des Feld- und Gartenbodens, eine auf gegenseitige Aneiferung und Hilfe beruhende, in sich selbständige Siedlungsgemeinschaft bilden, die sich durch Vereinfachung des Aufsichts- und Wirtschaftspersonals überdies weitaus ökonomischer gestalten dürfte. So hoffen wir, hier schon in wenigen Wochen ein Zusammenwirken der jungen Kräfte zu etablieren, welches alle Beteiligten für die künftigen Pflichten des Gesell- Schaftslebens aufs natürlichste erzielt. Und das scheint uns das wichtigste; denn der bisher in den Spezialanstalten fast gewaltsam isolierte Schützling wird in der Siedlung auf das Soziale hingelenkt, wodurch nicht nur sein Pflichtgefühl, sondern auch seine Lebensfreude in beträchtlichem Masse erhöht werden kann. Wir waren uns bewusst, dass schon dieser Teil unserer Aufgabe nicht vollkommen sei, da ja sowohl ein Säuglingsheim wie auch ein Kleinkinderheim für Schützlinge im Alter bis zu sechs Jahren noch fehlte. Das sind nun seljr grosse Lücken, und sie müssen sobald als möglich gefüllt werden. Allerdings von anderer Seite. Denn wir haben weder den Mut noch die Mittel, ein derartig kostspieliges Unternehmen, wie es bekanntlich ein Säuglingsheim ist, auf uns zu nehmen, und für das Kleinkinderheim erhoffen wir die Lösung von dem in-J zwischen verwirklichten jüdischen Jugendamt. Neben diesen, der Pflege verwaister Knaben gewidmeten Anstalten haben wir auch schon für w e»b- Uche Kriegswaisen ein besonders schön gelegenes für rund 120 Kinder geeignetes Heim in Baden angekauft und in moderner Weise eingerichtet — eine Stiftung des schweizerischen Kriegswaisenfonds, von dem wir nun zum Zwecke der Eröffnung den bereits angekündigten Betriebszuschuss erwarten. Im vollen Be- Hellet und freudiger konnte der Ruf: ״Die Thora ist feouveran ln Israel“ nioht erschallen. Bündiger und. stolzer konnte das Bekenntnis zur Form!im Judentum als einem uinberühnbaren —!weil Geleit, Bürgschaft, Gleichnis und ßtticke seines Wesens — nicht abgejegt werden. Es ging ganze Judentum — gegen ganze und halbe Verneinung. Es ging um die ,goldene Kette, die nicht reissen darf. Und diesen Geist religiöser Geschlossenheit und Ent- »dhJosseriheit!atmete alles, was vom Werk der Agudas Jisirod auf der Kenessio Gedaulo sichtbar wurde — selbst das, was man der nichtjüdischen Welt zu sagen hatte. Nur dass IbieT der Nachdruck auf die Solidarität aller gottgläubigen Menschen gelegt war. Aber gerade auch dies gab der Kenessio Gedaulo ein einzigartiges Relief. Man fühlte: Nie (hätte der österreichische Bundeskanzler Seipel, ein kathoiischer Geistlicher, ein soweit!über formale Höflichkeit blnausgehendes BegrüssumgsschTelben an die Kenessio GedauQo gerichtet, wenn er nicht die religiös-disziplinäre Grundorientierung der Agudas Jlsroel erkannt hätte. Und nirgends hätte ein Protest gegen die Religionsverfolgungen In Russland so klingen können, wie er in dieser grossen ׳Versammlung klang: Nicht programmatisch kühl, ledigiich mit verletzter Gewissensfreiheit begründet, sondern von einer heissen Weile beleidigter Religiosität getragen; nicht nur der in ihrem religiösen Leben gestörten Juden, sondern aller gottgläubigen und Gott dienenden Menschen aus religiösem Mitgefühl heraus sich annehmend, nicht bloss Protest, sondern auch Bekenntnis. Mit diesem Protestbekenntmis hat die Agudas Jisroei gezeigt, dass sie fühlt, was sie soll, und dass sie •weiss, wias sie will. Wenn sich die Welt schon abgewöhnt hatte, es für möglich!zu halten, dass auch in einer jüdischen Versammlung ein unsichtbarer Finger gen Himmel weise, die Agudas Jlsroel hat sie wieder eines Besseren belehrt. Ganz dem tiefsten Sinn der Agudas Jisroei entsprach es auch, dass von den sachlichen Verhandlungsgegenständen der Kenessio Gedaulo die Frage der Er- Ziehung, des Unterrichts, der Lehre den allerbreitesten Raum einnahm. Denn wenn die Thora der alleinige Souverän im jüdischen Volke ist, dann darf ihr Herrschafts- י bereich nicht zusamenschrumpfen, dann müssen ihre alten Solulstätten erhalten und1 neue geschaffen, dann muss rebhlich Gelegenheit geboten werden, Thora zu lernen, in ihr zu forschen, sich in sie zu vertiefen. Dann müssen LehrpUne ausgearbeitet werden, die dem besonderen Lehrziel unter den verwickelten Voraussetzungen unserer Zeit entsprechen, und es müssen die Mittel aufgebracht werden, un die Pläne selbst zu verwirklichen. In allen diesen Hinsichten ist auf der Kenessio Gedaulo Erkleckliches getestet worden und es wird nur darauf ankommen, dass die!Organisation hält, was!ihre grosse Heerschau vers>rochen hat, und dass ׳insbesondere die Institution des Keren Hathora (Thorafond) günstige Ergebnisse erzielt. Allerdings: Eine Erkenntnis!ist auf der Kenessio Gedaulo nicht zutage getreten und vielleicht überhaupt in der Agudas Jisroei noch spärlich vorhanden — dass näml׳ch das Leben vorgemeistert sein muss, damit die Schule es weiter meistern kann, das heisst dass die schönste Schute nichts hilft, wenn man nicht feindselige Tatsachen feseiüigt, welche die Schule sabotieren, und dass etwas feschehen muss, damit das jüdische Volk möglichst von den ,Tatsachen befreit werde, die mit grösserer oder geringerer Schnelligkeit, mit mehr oder weniger Wucht, lärmend (der still seine Gottinnigkeit und seine Oesetzestreue und <en Willen, sie zu bewahren, zermürben und zerstören. Es fehlte an ׳grossen religionswirtschafts-, berufs- und bevölkejungspolitischen Ausblicken im Zusammenhänge mit dem so :tarken Willen zur religiösen Tat. Denn dass speziell der?:alästinaaibeit viel Aufmerksamkeit, Zeit und Liebe ge- Widmet wurde, kann wohl kaum als solcher Ausblick gewertet werden, abgesehen davon, dass hier die Absicht solchen Ausblicks. — wieder aus dem tiefsten Sinne der Agudas JiisroeJ heraus — ' (hinter der unmittelbaren Aus- Wirkung des elementaren Verknüpftseins des frommen Juden mit dem verheissenen Lande und der elemenaren Furcht vor dessen fortschreitender Entheiligung zurücktnat Im übrigen kann es der Aguda Jisroei noch sehr zustatten kommen, dass sie die Lust nach Ausblicken nicht kannte, bevor sie die Reife dazu erlangte. Um!ihre Reifung selbst aber braucht ihr, glaube ich, nach ihrer grossen Wiener Heerschau ,nicht bange zu sein: Nicht nur, dass die golusgeschichtlich•) gewordenen Hauptgruppen der Judenheit vertreten waren — die Vertreter dieser Gruppen waren auch aus deren ursprünglichstem, wesenreinstem, unverbrauchtesten Elemente, dem Volkskerm, herausgeholt, jede dieser Delegationen entfaltete ihre ,urwüchsige Eigenheit, und alle die verschiedenen Eigenheiten — die hier viel stärker hervortraten als sonst auf Jüdischen Kongressen, wo die Verschiedenartigen schliesslich doch alle an ein gemein-europäisches Paradigma angenähert sind — wuchsen im Einklang der Idee und der Lebensführung zur Kräfteernheit einer ureigenen Volksgemeinschaft zusammen. י Auch die ׳Delegation aus Deutschland war in dieser Einheit inbegriffen. Denn wenn auch bezüglich der deutsehen Juden'heit von einer Unterscheidung zwischen Volkskern und ׳denjenigen, die ׳nicht mehr Kern sind, ׳nicht gut die Rede sein kann, weil die deutsche Judenheit in allen ihren Schichten viel Fremdheit ffn sich ausgenommen und viel jüdische Eigenheit eingebüsst hat — ist dennoch gerade die Orthodoxie das Element, das durch seine Teilnähme an der Kontinuität des jüdischen Geseetzeslebens allein unter den deutschen Juden eine Brücke, die mehr als eine papierne Brücke ist, zu der originalen jüdischen Masse des Ostens offen hat.!Und man konnte auf der Kenessio Gedaulo diese Brücke in aller Wirklichkeit sich *) Der Verfasser bittet uns, hier ׳anzumerken, dass das Wort ״golusgeschichtlich“ im ״Juden“ in der Form galuthgesohichtlich erscheint, dass aber diese Aeaderung ohne sein Wissen geschah.