Mannheim
Compact Memory

Jüdische Presse · 1924-03-14 · 11 (14.3.1924) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
10 (1924)
Issue
11 (14.3.1924)
Date
1924-03-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2629891-2630051-2630062--1371-2633115
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Wüfff 1MAT»1**P^ mpWHjW»1- Wljipi Seite 76 iOM9CHEP«E881 M h sCheinung treten werde. Der frühere Botschafter glaubt, dassdie Sow$etherrscbaft daun mit einem Schlaffe verschwinden würde. Eine ziemlich lange Periode des Elends, der Gewalt und der Anarchie werde voraussichtlich folgen. Bei Beurteilung der Möglichkeiten für den Aufbau eines neuen Russland ist, hach Paleologue, vor allem zu berücksichtigen, dass 93 •Prozent der russischen Bevölkerung Bauern sind und dass diese Bauern um keinen Preis den Boden wieder ׳herausgeben •wollen, dessen sie sich dank der Revolution bemächtigen• konnten. Die Bauern würden allenfalls dazu (beredt sein, die früheren Besitzer zum Teil zu entschädigen, um auf diese Weise den Besitz des von ihnen kultivierte!! ׳Bodens rechtmässig zu machen. Paleologue erklärt es für unmöglich, eine ernste Voraussage darüber zu machen, ob die Mehrheit des russischen Volkes nach dem von ihm erwarteten Umschwung sich für eine Republik oder für eine •Monarchie entscheiden würde. Er hält es jedoch für sicher; dass der Gedanke des alten Zarentums von allen Russen, mit Ausnahme einer winzigen Minderheit, vollständig aufgegeben wurde. Falls das russische Volk sich für edne Monarohie entscheiden wollte, würde es sich nur um eine liberale Monarchie mit parlamentarischer Staatsform handeln können. Paleologue glaubt übrigens, dass die Frage Republik oder!Monarchie nicht gleich nach dem erwarteten Umschwung aktuell werden wird, da. zuerst eine Art von 'Diktatur notwendig sein werde, um die Ordnung wfieder herzustellen. Der frühere Botschafter betonte am Schlüsse des Vorträges nochmals, er sei fest davon überzeugt, dass der Bolschewismus sich nicht halten könne, weil er keine Wurzeln im russischen Volke habe.“ Die. Auslassungen des zaristisch gesinnten französischen •Botschafters in Russland, Herrn Paleologue, sind der jüdischen Oeffentlichkeat kein Novum; ebenso wie •der zitierte Brief keine Ueberraschung enthält. Alle wissen es — und alle wollen es nicht wissen, weil sich alle der vollkommensten Machtlosigkeit bewusst sind. Darf es aber beim Alten blei'ben? Darf die jtidisehe Welt irgend etwas anderes unternehmen, wenn hier, wo dem ganzen Judentum — nicht nur dem russisefaen — die grösste Gefahr droht, nichts gemacht werden kann? Und kann hier nichts unternommen werden? Ist •die vereinigte Kraft des 14 Millionen starken Volkes nicht stark genug, ■um das grösste Attentat aufzufangen oder wenigstens abzuschwächen? Ist aber jene Kr׳aft des ganzen Volkes ffeehrt, dass man^^sie im-(Kampfe mit ^dieser Vernichfomgsattacke verwenden kann?!Fragen, •blutige Fragen! Auf •jede muss ein grauenhaftes Nein als Antwort erteilt!werden, um gleich wieder die Frage zu stellen, warum es so sei. Der jüdische Kaufmann schreibt in seinem Briefe: ״. . . Ich bin davon überzeugt, dass keine menschliche Gewalt die drohenden •Pogrome mehr verhindern kann.ו Man muss auf das schne 1 lste den Auszug der jüdischen Familien organisieren, um ein allgem'eänes Massa'ker zu verhüten.“ Also ist doch ein Mittel vorhanden. ׳Bin schreck flches Mittel, ein fast übermenschliches Mittel, ein fast unausführbares Mittel, wenn •man bedenkt, was für materielle Kraft dazu notwendig ist, um das Rettungswerk durchzuführen! Doch ob dieses Mittel richtig und durchführbar ist, ist gleichgültig. Der ungeheure Schmerz lässt es nicht zu, einen klaren Vorschlag zu nennen. Man kann nur wiederholen: Es muss etwas gesc heben; es muss in erster Linie eine gemeinsame Front sämtlicher •Parteien im Judentum geschaffen werden, die die Rettung des russischen Judentums vor sicherem Untergänge unternimmt. Alles Trennende •muss verschwinden! Alle Kraft des Volkes muss zielsicher auf dieses Werk gerichtet werden! Alles andere muss in den Hintergrund treten. Wenn die Parteien 5im jüdischen Volke sich nicht in diesem Streben einigen, so werden sie den Fluch der!Ewigkeit auf sich laden! Wer an die •Lage des russischen Judentums vergisst, der ist gleich jene m, der Jerusalems vergessen hat! —z. ist ber•!!■ ep«ebleme11 Inhalt 1 An die Leser. — Von Monat zu Monat. T. H. — Der Rabbinisohe Rat. Rabb. Dr. P. Rohn. —' Die Bedeutung einer Kenesslo lechem schomajim. Wolf Pappenheim. — Die Wahrheit wahrheltehalber. Ch. I. Eis. — Die Epoebe der Äroelt, Sch. Schönfeld. »Zeitungsruadsehau. T. H. — Keren Raatauroh. — Kei Kaureh. — Was wird ■it der Tborgesehehen? — Thora ma the alefca? Rabb. Tobias Horovitz — Srez larael. — Aua dar jiidlsohen Weit — Aue der Aguda• Bewegung — Monatekalender. RediMlanalie Leitung: Rabb. Toblu Horivltz. Adresse der Redaktion and Administration: Wien. II. Be?., le^eidseesse Nr. 26 Zur FrflhiahneallOH empfiehlt die Firma Weidlei• & Fürst Wien, II•, Hollaudstrasse 16 (Belke Kleine Sperlgaeie) ff •Inst• Harronfurdoroban Mich Mas• aus ihren eigenen feinsten und aus mitgebrachten Stoffen; Aus der Agudabewegang. Der ehrwürdige Gerer Rebbe hat sich vergangenen Schabbos in Wien aufgehalten. Er befand sieh mit seinem grossen Gefolge auf der Rückreise aus Erez Jisroel nach Polen, und die führenden Persönlichkeiten der Wiener Aguda hatten Gelegenheit, aus dem Munde des gefeierten Rabbi Einzelheiten über dessen neueste Eindrücke, welche eT im heiligen Lande empfangen hatte, zu hören. •Es ist noch keine zwei Iah re her, seitdem der Gerer tRebbe zum ersten Male in Palästina war, um nach eingehender Prüfung der Verhältnisse den ״Binjan Hooretz“ zu gründen. Er selbst beteiligte sich mit grossen Summen an dem Unternehmen und unterliess überdies keine Gelegenheit, um in Wort und Schrift das gesamte orthodoxe Judentum zu intensiver Aufbauarbeit anzueifern. Privatinitiative sollte vor allem auf industriellem Gebiete eingreifen, und darum nahm er sich auf seine zweite Tour die Spitzen der polnischen Grossindustrieflen mit. Herr Wojdislawski, der als einer der ersten Pioniere der Lodzer Textilindustriellen reich an Erfahrungen -und von seltener Grasszügigkeit ist, reiste sogflf&ich -nach Beendigung der Kenessio Gedauio, zu welcher er als Delegierter seiner Stadt gekommen war, nach Erez Jisroel. Et hatte die nötigen Vorstudien gepflogen und erwartete daselbst den Gerer Rebben, um ihm bereits fertige Elaborate zu unterbreiten. Eine Reihe grossangelegter Projekte wurde in Beratung gezogen und einige der aussichtsreichsten gehen ihrer Verwirkiiehung entgegen, unter welchen insbesondere die Textilindustrie )hervorragt. Die Gründung einer Brauerei in Haifa und׳ eine Zigarettenfabrik in Jaffa verdient wegen ihrer grosszügigen Anlage besondere Erwähnung. Es ist interessant genug, dass der Ruf zur Vereiniigung der •ganzen gläubigen Judenheit unter der Fahne von Agudas Jisroel den bestandenen scheinbaren Gegensatz von Chassidim und Misnagdim aufgehoben hat. Doch wesentlich bemerkenswerter ist die Wandlung in einzelnen Ghassidim-Rabbis selbst, welche, bisher ausschliesslich, der. Äwaudo dienend, nuhv die Noiwendigfcsäfc •?eibstä«dififm Auflr£t§!j& dej Orthodoxie erkennend, mustergültig praktische Arbeit zugunsten cvon KlaJl Jisroel leisten. Die wichtigste Aufgabe der Aguda ist, eine unabhängige Orthodoxie zu schaffen. Und dies ist auch das Ideal, dessen Durchführung der Gerer Rebbe tage- und nächtelange Arbeit widmet. Von ihm׳ geht die Initiative zur gesamten Agudatätigkeit in Polen aus. Ja, noch viel mehr. Er trägt als Präsident der polnischen Landes- Organisation die ganze Verantwortung für deren Leistungen. Diese ist heute die grösste jüdische Landes- Organisation der Weit. Sie umfasst nach vorsichtiger Schätzung mindestens 70 Prozent der ganzen jüdisehen Bevölkerung Polens, während der Rest sich auf Misrachi, Zionisten, Sozialsten und sonstige Assimilanten verteilt. Die Führer von Handel und Industrie stehen ebenso in den Reihen von Agudas J»sroel, wie die unter ״Poatej Bmunej Jisroel“ organisierten religiösen Aibeitermassen. Die Bedeutung dieser Arbeiterorganisation ist in jederlei Richtung unübersehbar. Sie ist, von dem für die Arbeiter (imerlässlichen praktischen Vorteile abgesehen, eine ungeheuer wertvolle politische Manifestation für die ge samte Aussenweit. Man hat sich nämlich an das Axiom gewöhnt, dass der Jude der Typus des Sozialrevolutionärs sei. Gegen diese falsche Ansicht in der öffentlichen •Meinung muss in entschiedener Weise Stellung genommen werden. Sie entstammt teils antisimetischer Tendepz, teils einem historisch-psychodogischen Denkfehler, war aber stark genug, selbst in!jüdischen Kreisen widerspruchslos hingenommen zu werden. Jahrhunderte andauernder Knechtung mussten •naturgemäss in vielen Rechtden kenden ein unbändiges Freiheitsgelüste auslösen. Dass dieser durch viele Geschlechter niedergedrückte Wunsch nach dem Fallen der Ohettomauern viele Juden zu Freiheitskämpfern und Märtyrern diesgr Idee machte, ist nur zu selbstverständlich. Wenn diese aber im Uetoereifer selbst jede Bindung der Religion von sich warfen und alles Bestehende zu bekämpfen begannen, ja letzten Endes zu Tyrannen der Freiheit wurden, so muss das Judentum für solche Elemente jede Verantwortung ablehnen. Nicht bloss deshalb, den, sondern weil das Revolutionäre ihm wesensfremd, weiO! sie dem Judentum in seiner •Entwicklung schaja gesetzlich verboten ist. Darum ist diese Bewegung der religiösen Arbeitermassen Polens von unschätzbarem moralischen Werte und man wird nicht fehlgelien, wenn man der kürzlich gemekLetfcn Gründung der. ״Poaiei Emunei Jisroel“ : in Palästina;. das man zum Schauplätze Rriksradfkater Sezieräbungen zu machen versucht hat, noch weit mehr kulturelle Bedeutung beimisst. Aus dem gleichen Grunde müssen seihst Fottschrittsjude alle religiösen «Bestrebungen unter ’Aidwand aller Kräfte fördern. Die Jeschiwo ist hiebt nur arterhaltend für das Judentum, sondern ein Bollwerk für die persönliche Sicherheit jedes einzelnen Juden in der Diaspora. Als der Rakower Raw vergangene Woche in Paris war, sagte ihm eine der führenden •Persönlichkeiten der dortigen ״aufgeklärten“ Juden: ״Wenn die Jeschlwos nicht existieren würden, müssten wir sie erst gründen!“ Er sagte dies in seiner Antwort auf ein •Referat des von der russisch-polnischen Aguda dorthin delegierten Raws zur Schaffung eines grosszügigen Hdlfswerkes für die wegen ihrer Gläubigkeit aus der Sowjetrepublik Geflohenen. Gegenüber diesen einzelnen entarteten Juden •Sowietrusslands, die sich als Freiheitsapositel nur dann wohlfühten* wenn sie Blut •fliessen sehen, und die keine Toleranz für Andersfühlende kennen, steht sein Bruder als Märtyrer seiner Gläubigkeit. Ihm au helfen, ist Pflicht jedes Kulturmenschen! Aber •nicht bloss aus• humanen Gründen, sondern klar und deutlich den wahren Typus des Juden vor der Weltbühne zu zeigen. A. S. Was bedeutet der Keren Hatauro für Oesterreich? Der Keren Hatauro bedeutet einstweilen nichts für Oesterreioh; er kann aber viel, ja alles bedeuten. Wenn wir von den österreichischen Thorakhranstalten sprechen, so müssen wir unterscheiden zwischen den Anstalten, die in Wien und seiner unmittelbaren Umgebung bestehen, und zwischen jenen des Burgenlandes. Im Burgenland gibt es seit Jahrhunderten Thoralehranstalten; sie haben einen guten Namen und eine gute Tradition. Das Milieu, in welchem diese Lehranstalten ihre Wirksamkeit entfalten, ist das alte, mit jüdischer Tradition gesättigte Milieu der Khiloh, wo noch als oberste Pflicht gilt, für die Erziehung der Jugend im Geiste der Thora zu sorgen. Die burgenländischen Kehiloth sind nach der Kopfzahl der Mitglieder alle Kleingemeinden; jene, die 80 bis 100 Familien beherbergen, sind schon die grössten unter ihnen. Dessenungeachtet erhalten sie Talmud-Thora-Schulen, wo die Kinder bis zum 14. Lebensjahre unterrichtetywerdeß, Jeschi־ woth; der Leitung des örtsräbotners» wo nebst den Ortsansässigen auch Bachurim aus der Fremde nach dem alten bewährten System den talmudischen Wissenschaften obliegea Die Erhaltung einer Jesphiwa bedeutet für die Ortsgemeinde eine Last, zu deren Tragung der alte ungebrochene jüdische Wille zur Forderung der Thora vorhanden sein muss. Dieser Wille ist aber heute nicht mehr so stark, wie er ehedem war. Die Bachurim bekommen im Zeitalter der Wohnungsnot nioht so leicht ein passendes Quertier. Die Verköstigung durch freiwillig gebotene Kosttage täglich bei anderen Familien passt heute weder den Gemeindemitgliedern noch den Bachurim. •Will man den Lehrbetrieb der vorhandenen Jeschiwoth — ihre Zahl beträgt heute im Burgenlande zwei (Mattersdorf und Deutschkreuz) — aufrechterhalten, so müsste man für die Wohnung und Verköstigung der Bachurim durch Internate Sorge tragen. Wohl sind Anfänge bereits gemacht worden durch Gründung von Speisehallen, jedoch schon die Erhaltung dieser Speisehallen bedeutet eine Belastung, der die Gemeinden allein nicht gewachsen sind. An die Schaffung von neuen Internaten können die Gemeinden überhaupt nicht denken. Da fällt dem Keren Hatauro eine wichtige Aufgabe zu. Es ist für die gesamte österreichische Judenheit, nicht nur für deren thoratreuen Teil, von eminenter Bedeutung, dass jene historischen Stätten, die eine jüdische Kultur reinster Prägung der Jugend vermitteln, erhalten und ausgebaut werden. Man sichert so nicht nur die Möglichkeit der ersten ausgiebigen entsprechenden Gem'lndefunktionäre, sondern d!c t haltung de! Tho!aK:mde and eines wurzelfesten jüdischen Wissens im Kreise der Mitglieder einer Gemeinde. Dass es bei dieser Sachlage dem Keren Hatauro nicht allzu schwer fallen wird, sowohl die moralischen wie die finanziellen Kräfte der östefreichischen Judenheit mobil zu machen, ist klar, denn der Wille zur Erhaltung der Lehranstalten des Burgenlandes ist vorhanden. Es muss der richtige Weg gefunden werden. Ganz anders steht es mit den Thoralehranstalten in Wien und in der österreichischen Provinz, die aui keine grosse, ruhmreiche Vergangenheit zurück* blicken, ebenso wie das Wiener Grosstadtpublikutti nicht die Fortsetzung der alten Wiener Juden« gemeinde bedeutet. Es wurde sicherlich zu jedei Zeit in Wien den Kindern Thorawissen vermittelt aber dies trug ganz und gar privaten Charakter Institutionell, von Gemeinde wegen, hat •man kauirifü aus dauergewelltem — ־ Naturhaar, garantiert unsichtbar im Tragen, Wien, 1. Bezirk, Kärntnerstrasse 8 :• liefert kurzfristig (nächst dem Stefansplatz, um die Ecke) ׳ Perücken Rudolf SCHIFF

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.