Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 10 (1924)
- Issue
- 6 (8.2.1924)
- Date
- 1924-02-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 40 JÜDISCHE PRESSE Nr 6 ein Beispiel geben kannte, wie ekle grosse Gemein- Schaft durch innige Vermählung der seit Jährtausenden um Geltung ringenden Grundgedanken der Autorität und Demokratie sich selbst zur vollen Aenderung ihrer Einstellung durchgekämptft hat. Diese Umkehr wird ein Aufstieg ohne Grenzen sein. * * * Fast für jeden Menschen liegt eine Versuchung vor, dann, wenn die Verhältnisse ihm recht gegeben haben und seine Anschauung die obsiegende geworden ist, den Ruf auszustossen: ״Also ich habe doch recht gehabt!“ Schön klingt das niemals. Wir möchten deshalb viele unserer Gesinnungsgenossen warnen, dass sie dieser Versuchung nicht erliegen angesichts folgender Tatsache: Vor Reformrabbinem in Cincinnati sprach Weizmann über zionistische Politik. Er forderte hiebei die Gleichberechtigung für Juden, Chrsten und Araber. Ein führendes Organ in England steht diesen Aeusserungen ratlos gegenüber. Da wird erstens gesagt, dass׳ von der alten, stolzen Forderung: ״Palästina so jüdisch, wie England englisch ist“ gar wenig mehr zu spüren sei. Es wird ferner in den Ausdrücken tiefster Entrüstung bedauert, dass von Weizmann ein Gegensatz Juden und Christen, also eine Differenzierung nach dem Bekenntnis gegeben ist, während es doch tatsächlich für einen jüdischen Politiker nur nationale Gegensätze und nationale Forderungen geben dürfe- »Uns will es bedünken, dass man einem Politiker wahrlich dann keinen Vorwurf ,machen kann, wenn er die Realitäten des Lebens klar erkennt und sich endlich dagegen sträubt, mit gefährlichen Illusionen die Massen zu betören. Das hätte viel früher geschehen können und dann wäre die durch!Enttäuschungen schlimmster Art erzeugte Müdigkeit nicht entstanden. Es steht also jetzt, als aus dem Munde Weizmanns gesprochen, autoritativ fest, dass mit all den grosstönenden, politischen ׳Bestrebungen gründlichst aufgeräumt werden müsste. In einer dadurch geschaffenen freien Atmo- Sphäre wäre Genesung ׳und Heil auf dem Wege. Was nun aber den zweiten Vorwurf anibetrifft, so sollte es doch vielmehr als befreiende Tat :begrüsst werden, dass endlich der Wahrheit die Ehre gegeben ist, dass endlich hemmungslos eingestanden ist, wie nur das religiöse Moment den Juden von anderen Menschen scheidet, und wie in diesem religiösen Differenzpunkt der Ausgang für alles jüdische Wollen hegt- Was im stillen schon längst eingestanden wurde, was eine zionistische Konferenz in Wilna im Jahre 1918 erklärt hatte, dass das Konfessionelle dem Juden sein Dasein weist, das ist nun klar zugestanden. Wahrlich, auch dies ist eine segensreiche Umkehr. Amman — Koweit — Bagdad. Diese drei Städtenamen, aufleuchtend aus dem Chaos einer mit elementarer Wucht abrollenden Ent- Wicklung, ähneln den geheimnisvollen Worten, die eine plötzlich sichtbar gewordene Hand erbleichenden Menschen als׳ mahnende Drohung an die Wand geschrieben hat. Der erste Eindruck, den man empfängt, wenn man die kurzen Nachrichten aus dem arabischen Osteh liest, ist Verwirrung. Eine schier unkontrollierbare Fülle von Details sammelt sich in einer kurzen Spanne Zeit an, die scheinbar ganz ohne Zusammenhang zufällig und oft eine der anderen widersprechend, In keinen geordneten Komplex zu bringen ist. In A m m a n besucht König Hussein seinen Sohn- Dieser äussere Anlass wird benützt, um eine spontane Wahl des Königs zum Kalifen hervorzurufen. Alle arabischen Stämme und Parteien eilen in hellen Scharen herbei, alle Interessierten wollen die Gelegenheit nicht unbenützt lassen, um für sich das Günstigste zu erreichen. Man weiss, dass in Amman!während der offiziellen Höflichkeitsbesuche und in den konventionellen Unterredungen grosse Dinge entschieden werden. Möge man noch so oft die Unoffiziosität des Besuches König Husseins betonen, kein Mensch glaubt ernstlich daran, dass in Amman nur zweitrangige Angelegenheiten besiegelt werden. Möge England noch so fest sein Desinteressement an der Kalifenangelegenheit erhlären, diese Frage wird früher oder später eine Zeitlang, vielleicht aber auch sehr lange, die Weltpolitik beherrschen müssen. Denn an der Frage des Kalifats sind heute zu viele Staaten und Regierungen interessiert, als dass sie eine innere Angelegenheit der mohammedanischen Welt bleiben könnte. England, Frankreich, Italien — Türkei, Indien, Palästina — Russland und Afghanistan sind die Partner in diesem Spiele, das bald den ganzen Osten zur Bühne haben wird. Eines ist durch die Zusammenkunft in Amman schon erreicht worden: die geeinigte Araberfront. Es scheint, als ab das gewaltige Problem Panislamismus oder Panarabien für eine gewisse Zeit Weldler&Fürst Feinste Herrengarderoben nach Mass Lager feinster. Original engl. Stofie Wien, II., Hollandstn. 18 auf den zweiten Plan gesetzt wurde- Der spontane Zusammenschluss aller arabischen Parteien beim Besuche König Husseins in Amman wird den betreffenden Faktoren die Augen öffnen und zeigen, dass die Politik versäumter Möglichkeiten ein rasches, entschlossenes Ende nehmen muss. Während also an Amman sich eine Neuordnung der arabischen Verhältnisse vorbereitet, findet in Koweit unter dem Schutz der englischen Regierung die Konferenz arabischer Staaten statt, die sich mit der endgültigen Festsetzung und Grenzreguüerung befasst. An diesem Umstand kann man wieder einmal die Kaltblütigkeit und Sicherheit der englischen Politik erkennen und bewundern. Man bedenke: in Amman werden vielleicht alle Grenzen verschoben und neue geplant. In Koweit setzt England die bisher!- gen Grenzpfosten fester ein und befasst sich mit kleinen Regulierungen- Mag aber die Bewunderung für diese ruhige Taktik gross sein, man kann sich doch des Gefühles der Unsicherheit nicht erwehren. Geht es in Koweit um nichts anderes als um eine planmassige Erfüllung eines seit längerer Zeit bestimmten Programms? Wie dem auch sei, die nächste Entwicklung wird zeigen, ob auch diesmal Ruhe, Besonnenheit und zielmässiges Handeln über eine explosive, erregte Aktion Sieger!bleiben wird. Dass diese Kaltblütigkeit aber in Augenblicken, in denen ein rascher Entschluss notwendig ist, auch über die Waffe schnellen Handelns verfügt, erweisen die Vorfälle in Bagdad. Dort halben arabische Scheichs den Gehorsam verweigert und Anstalten zu einer Rebellion gemacht. Vierundzwanzig Stunden;lang belegte ein englisches Luftgeschwader die Stadt mit Bomben, was die sofortige Unterwerfung und Ruhe bewirkte. Allerdings ist es fraglich, von wie langer Dauer diese Ruhe ist, und ob es׳ nicht nur Ruhe vor neuem Sturm!bedeutet- Das zeitliche Zusammentreffen dieser Vorfälle gibt jedenfalls Anlass zum ernsten Denken. All diesen Vorfällen gegenüber hat das jüdische Palästina (das ein bedeutender Teil des ganzen arabischen Problems ist) nichts gegenüberzustellen, als eine unglückliche Politik der Unentschiedenheit und Ziellosigkeit. Dass man also der Entwicklung der Dinge Jn und um Palästina“ mit banger Besorgnis entgegensieht, ist mehr als berechtigt. —z- Wilson. Wilson steht vor seinem Richter. Der Ankfläjger sind viele und viele der Für- Sprecher. Es wäre gut für Wilsons Seele, in dieser Stunde festzustellen, wie sein Herz in den besten Tagen für die Schwachen und Armen, für die Gekränkten und Verfolgten schlug. Das werden ihm die Enkel Abrahams nie vergessen und die Ewigkeit gestaltet es zum rettenden Engel- Mit einer seltenen Tragik scheiterte Wilson in der Brandung, in der er das Mass zwischen Wollen und Können verlor. Einst sprach der Herr der Welt; Wer wird gehen und Achab überreden? Da sprach der Geist: loh will es tun, und sprach aus dem Munde eines irrenden Propheten. Dieser Zidkija ben Kenanjahu ist das Bild Wilsons. Und dieser Irrtum hat Könige und Völker ins Unheil gestürzt. Es sprengte der Geist, der Gedanke den Menschen. Etwas so gewaltiges, wie die durch messianische Grösse bedingte Aufhebung der Wirkungen des Geschlechtes vom Turmbau zu Babel, konnte Wilson nicht leisten. Dass er es wollte, ist seine Grösse. Dass er dieses Wollen preisgab, die tragische Schuld. Er steht vor seinem Richter. ,Der Haderech* erscheint nach kurzer Unterbrechung in bedeutend verbesserter und verg'össerter Form wieder. Ab י ächsten Monat werden diejenigen, die bis 15. Feb׳uar (10 A*ar 1) den Bezugspreis von K 100.000 für ein jahr bezahlt haben, das Blatt regelmässig monatlich zugestellt erhalten. Da der •Hatferech* eine Zeitung ist, die über die ganze Welt in vielen Tausenden Ex-mphren verbreitet, eignet er sich speziell als Insertionsorgan• Administration: Wien, II., Malzgasse 12a. Korruption und Demokratie. Eine Flut hässlichster Korruptionsaffären Oberschwemmt tagtäglich den Zeitungsleser. Ein Skandal übersteigt an Quantität den des vergangenen Tages, und indem man über die eine Gemeinheit zur Tages- Ordnung übergeht, beschäftigt schon die nächste die Aufmerksamkeit der Oefentlichkeit. Die Korruptionsaffären der jüngstvergangenen Tage sind, in chronologischer und geographischer Reihe geordnet, die folgenden: in Wien hat in den etzten Tagen eine Korruptionsgeschichte vor dem Gericht einen ״friedlichen“ Ausgleich gefunden, die, wenn sie auch rein lokalen Charakter trug, dennoch tief die wesentliche Beschaffenheit eines grossen Teiles der Wiener Journalistik der erstaunten Lesergemeinde enthüllte. In Ungarn gab ׳es wieder eine der vielen Enthüllungen des Charakters des lerrschenden Regimes. In der Tschechoslowakei beschäftigt noch immer die Spiritus-, Zucker- und Kohlenaffäre die Gemüter und beweist, dass auch dieser junge Staat bereits an der ״demokratischen“ Krankheit laboriert, die das öffentliche Leben des־ selben vergiftet. In Frankreich wird krampfhaft ein neues, womöglich umfangreicheres Panama vor den Augen der •immer staunenden Bürger verhüllt. In der Angelegenheit des Wiederaufbaues der zerstörten Gebiete wurde der nächste Anhang Poincares schwer kompromittiert, und die eben jetzt tagende Gerichts- Verhandlung des regierungsfreundlichen ״Matin“ gegen die kommunistische ״Humanite“ wird wahrscheinlich eine Fülle von pikanten Details zutage fördern, die die Fäulnis und Korrumpiertheit der französischen demokratischen Presse bezeugen werden. Endlich ist Amerika eben der Schauplatz einer grossen Skandalaffäre. Dort hat ein höchster Würdenträger und ein jetzt im Amte tätiger Minister riesige staatliche Güter zu spottbilligen Preisen und grossen Schmiergeldern für eigene Rechnung verschleudert- Wenn wir nach alldem die eigene jüdische Skandalaffäre — die Veröffentlichung Fordsoher Inserate durch jüdische Blätter in Amerika — hinzufügen, so präsentiert sich ein nicht besonders gut riechender Strauss von Skandalen, die sonderbarerweise einem führenden demokratischen Blatte, der ״Neuen Freien Presse“ i* Wien, als Beweis gilt, dass die ״grosse Krise der Demokratie noch nicht!beendet ist“. Was den letzterwähnten Gegenstand betrifft, die Inserierung Fordscher Automobile durch jüdische Zeitungen in Amerika, haben die eingezogenen Informationen belehrt, dass bereits seit längerer Zeit in den Redaktionen der jüdischen Blätter in Amerika ein erbitterter Kampf gegen die Geschäftemacherei der Administrationen tobt, der, wie es scheint, zugunsten der letzteren entschieden ist. Was eigentlich nicht zu bestaunen wäre, da es auf der ganzen Welt keine abhängigere Menschenklasse gibt als die jüdlsehen Journalisten. Bisnun war es nicht möglich, zum Beispiel gegen den redaktionellen Teil eines Blattes vom Range des ״Morning Journal“ irgendwelche Klage zu führen, da das genannte Blatt in allen Dingen einen aufrechten jüdischen Standpunkt vertreten hat. Umsomehr müsste die gesamte jüdische Presse in Europa ihren Kollegen in Amerika zu Hilfe eilen, indem sie geschlossen gegen solche Skandale, wie es eben die Veröffentlichung von Inseraten des Judenfressers Ford durch jüdische Zeitungen ist, Stellung nimmt. Dass dies bisnun nicht geschehen ist, ist unerklärlich. Oder sollte es so sein, wie der Chefredakteur des Chicagoer ״Jewish Courier“, Dr. S. M. Melamed, sich selber fragend, antwortete, dass im jüdischen Europa scheinbar seit August nichts geschehen ist oder den jüdischen Journalisten alles, was geschah, entgangen ist, da in den Spalten der jüdischen Blätter in Europa noch immer heftig über den letzten Zionistenkongress debattiert wird? Doch um auf den ganzen Komplex der gegenwärtigen Korruptionserscheinungen zurückzukommen, ist die geschämige Erklärung des führenden und typischen demo- und plutokratischen Organs selbstverständlich nichts als wieder eine typische Bemantelung des wahren Sachverhaltes. Die Häufung von Korruptionsaffären ist nicht ein Beweis, dass die grosse Krise der Demokratie noch nicht beendet ist, sondern ein Beweis, dass die Krise bereits zum Ende der Demokratie geführt hat. Die Affären sind nichts anderes als berstende Beulen auf einem faulen, durch I Modewarenhaus Brüder FischersNachf. Anton Schäfer Wien, II.. 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