Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 50 (14.12.1923)
- Date
- 1923-12-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 392 JÜDISCHE PRESSE Nr. 50 bloss an das — man kann ruhig sagen — historische Gefühl des Unbehagens, mit welchem die Welt dem Grundbuche des jüdischen Lebens, dem Talmud, gegenübersteht. Hier hat eine Bösrede, die von Jahrhundert zu Jahrhundert sich fortpflanzt, in den Geistern und Gemütern ein Vorurteil aufgebaut, von dem selbst jüdische Menschen sich vielfach nicht freihalten können. Gewiss mag eine restlose Aufklärung und intime Verständigung hier unmöglich sein. Der Talmud ist eine Welt für sich, in die man hineingeboren und hineinerzogen werden muss. Auch das ge- Schickteste apologetische Verfahren wird hier an tausend Stellen zu einem toten Punkte kommen, wo der Gegensatz der Welten in einer Tiefe sich auftut, dass alle Methoden wissenschaftlicher Belehrung versagen und nur die Kunst der Ueberredung entfernte Möglichkeiten der Aufklärung und Verständigung schafft. Es ist aber doch wahrlich nicht einzusehen,;warum in einer Sache, die doch wirklich ״beruman schel aulom“ steht, nicht auch entfernet Chancen einer Korrektur der Weltmeinung ausgeschöpft werden sollten. Warum schweigen unsere Gedaulim? Warum öffnen sie nicht den Mund, um aus der Tiefe ihres Wissens und Erkennens den Edelstein der jüdisehen Wahrheit heraufzuholen, deren glanzvolle Hoheit alles Weltgeschrei, das die grosse Schar der Unwissenden nur mit betretenem Schweigen vernimmt, verstummen liesse? Warum lassen sie ihre Thora eine Rose -sein, die nur im Verborgenen blüht? Warum stellen sie ihre Thora nicht in den Strom der Weltkultur hinein, damit an der Ewigkeit des Himmlischen die Vergänglichkeit des Irdischen sich er- ,weise? Warum zeigen sie nicht der Welt, dass die vier Ellen der Halacha keinen engen, verstaubten, mit wertlosem Gerümpel erfüllten Raum, sondern alles, was menschlich und göttlich, was rein und sittlieh, was wahr und ewig ist, umspannen? Warum überlassen sie die Vertretung und Verteidigung des 'Judentums, der Thora, des Talmuds vor dem Forum der Weltmeinung Instanzen, die dieser Weltmeinung selbst gar nicht als die Berufenen gelten? Der Arbeit nach aussen muss sich die Arbeit nach innen anschliessen. Keine zeitgemässere Pflicht gibt es heute für uns, als die antisemitische Verunglimpfung der jüdischen Geschäftsmoral in ihrer ganzen Erbärmlichkeit zu erweisen. Wenn die Unterbrechung der Werktagsarbeit des Erwerbens und Verdienens durch die Heiligung des Sabbats und der Festtage etwas mehr sein soll als ״ein goldener Reif in der Nas1fJ eines Schweines“, wenn der Geist dieser Heiligung hinausdringen und hinauswirken soll auch in die Region des sogenannten profanen Lebens, wenn der Begriff der ״Abodah“, des Lebendg—ttesdienstes, des vor den Augen des Allsehenden, Allwissenden, 'Ällrichtenden sich abspielenden Menschenwandels auf Erden etwas mehr sein soll als eine poetische Phrase, die mit der feierlichen Andachtsminute, die sie erzeugt, verschwindet, wenn es wahr ist, dass!Thorat Mosche als eine das gesamte Leben beherr- Weldler&F iirst Feinste Herrengarderoben nach Mass Lager feinster. Original engl. Stoffe Wien, II., Hollandstr. 16 sehende Lebensmacht von Gott geoffenbart und von uns erfüllt sein will, dann bleibt dem jüdischen Kaufmann nichts anderes übrig, als auch in seinem Handel und Wandel Jude im Sinne der Thora zu sein und seine Assimilation an die Geschäftsmoral der anderen als die gefährlichste aller Assimilationsgefähren zu verhindern. Es wäre doch wirklich einmal Zeit, den Begriff des jüdischen Nationalismus mit lebendigem Inhalt zu erfüllen. Dieser Begriff ist hohl, er schwebt vollkommen in der Luft, solange der jüdische Kaufmann vom Geiste des modernen Wirtschaftslebens sich so restlos einfangen und beherrschen lässt, dass der Antisemitismus es wagen darf, das Judentum als den geistigen Vater des modernen Wirtschaftslebens zu verleumden. Dieser Begriff wird erst dann mit lebendigem Inhalt erfüllt, wenn einmal durch die Kraft unseres Willens die bislang noch verborgenen Schleusen sich öffnen werden, woraus das wahre jüdische Wirtschaftsideal der Thora befruchtend und Neues gebärend in diese von allen guten Geistern verlassene Welt sich ergiesst. Denn schliesslich wird man ja nicht umhin können, neben den ״Gesetzen betreffend Schechitah“, den ״Gesetzen betreffend Fleisch und Milch“ usw. auch die ״Gesetze betreffend Kauf und Verkauf“, die ״Gesetze betreffend Betrug und Uebervorteilung“ usw. zu den Kriterien jüdischer Gesetzestreue und — was für jeden Agudisten dasselbe ist — des jüdischen Nationalismus zu zählen. Einmal wird ja doch die ganze Thora zu einer alle Widerstände von innen und aussen besiegenden Weltmacht sich erheben müssen. Auch etwas mehr Aesthetik könnte uns nicht schaden. Darunter verstehe ich nicht etwa entschiedene Angleichung unserer Lebensformen an das Schönheitsideal unserer Umwelt, sondern gerade im Gegenteil gründlichere Besinnung auf das ästhetische Erbgut, das, für jeden tieferen Blick erkennbar, auf dem Grunde eines von Thora und Mizwath beherrschten Lebens schlummert. Mehr noch als unethisches Geschäftsgebaren sticht dem Antisemitismus unästhetisches Protzentum in die Augen. Gar manchen unter uns ist hier eine tiefere Bildung ihres ästhetischen Sinnes vonnöten. Nicht die Beschäftigung mit Kunst und Literatur, die für jüdische Menschen im besten Falle, gemessen am Bildungswerk der Thora, nur Surrogatwert haben' köiifien, sondern ein gründliches Uritertauchen in den heimischen Quellen jüdischer Lebensharmonie wird ihnen diese ästhetische Bildung verleihen. Keinen gröberen Veirstoss gegen die Anfangsgründe jüdischer Aesthetik kann ich mir denken als den krassen Gegensatz, der so oft selbst in chassidischen Kreisen auf tritt: der Herr des ,Hauses die Verkörperung chassidischer Weltflucht, die Frau und Töchter des Hauses im unheiligen Glanz der neuesten Pariser Mode sich verlierend. Der Antisemitismus schaut bloss ingrimmig auf den Pariser Glanz. An der Welt des wahren Chassidismus geht er nichtachtend und nichtverstehend vorbei. Gewiss ist die Aguda zum Antisemitismus innerlieh anders eingestellt als etwa der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Die Konzentrierung aller jüdischen Interessen auf die Abwehr des Antisemitismus, die Zuriickdrängung der Sorge 11m die Thora vor der Angst um das leibliche Wohlergehen, als ob es im Judentum neben der irdisehen Wohlfahrt nicht schliesslich auch so etwas wie eine geistige Substanzerhaltung gäbe —: das alles ist uns vollkommen fremd. Aber auch jenes selbstgefällige Sicheinspinnen in das heimische Nest, jenes bequeme Verschliessen aller Augen und Ohren vor den Ereignissen und Stimmungen der grossen Welt, jenes schmalstirnige Hinwegschauen über die tausend Verschlingungen, mit welchen der Schöpfer der Welt und der Thora eben diese seine Thora mit eben dieser seiner Welt verknüpfte —: das alles läuft doch letzten Endes auf eine Leugnung der Personalunion zwischen G—tt, dem Schöpfer der Welt, und G—tt, dem Schöpfer der Thora, hinaus und müsste uns darum ebenso fremd sein wie die Loslösung aller jüdischer Arbeit von ihrer geistigen Zentrale, aus der die moderne Verweltlichung des Judentums in ihren bekannten verschiedenen Formen erwuchs. Hier ersteht der Agudas Jisroel eine hohe erzieherische Mission. Sie schliesst den einzelnen an das Ganze an. Aus dem Gefühl der Zusammengehörigkeit mit dem Ganzen erspriesst das Gefühl der Verantwortung fürs Ganze. Und ist erst einmal in jedem Agudiste^ as Gefühl erwacht, dass in seiner Hand das Sr’ ,, .11 der Gesamtheit ruht, dann mag die AgucP?: den Antisemitismtis zur Tagesordnung übei ...en, der sie nicht verlassen wird, sie habe ihn denn gesegnet. Gedanken in der Abgeschiedenheit oder Der Segen der Unwissenheit. Die Abgeschlossenheit von der Welt, in der sich dieser Tage Wien und Oesterreich durch den Streik der Post befindet, schafft eine sonderbare Mischung von Aergernis und Schadenfreude bei Menschen, denen Zeitungslektüre eine Lebensnotwendigkeit ist. Man ärgert sich über die entstandenen Kalamitäten, über die Unbequemlichkeit, über das Fehlen jedweder Orientierung in der sogenannten Weltlage, beklagt den materiellen Schaden, den man selbst und den der Staat erleidet. Aber das Gefühl von Schadenfreude ist doch nicht zu verscheuchen. Wenn man schon nicht erfährt, was Gutes in der Welt geschehen ist, so erfährt man doch gleichzeitig nicht. Bücherbesprechung. Justizrat Dr. Naftall Hirsch. Ein (Blick ün seine Geistes werkstätbe. Eine׳ Auswahl aus seinen Schriften, heraiusigegeben! von ■seinen Kündern. Frankfurt ■a. M. 19123. Sänger und Priedherg, 246 S. Nennt 1man> die!besten Namen ■aus ■der Ehrenrdihe jener Vorkämpfer für dlie Emu/noth ijescharoh ׳in ■den Tagen, da d0׳r Wahnwitz ■der ״Reform“ in seiner Sünden iMaientb'liut stand, so wäre gerechter!weise ׳Na'ftäli;Hirsch s. ׳A. ■an!erster Stehe mitziuneumm. In diesem jüngsten!der Söhne Samson Raphael Hirsahs ׳lebte der Erbteil der väterlichen Denlk- und Schaf femsart sich 1i.11 votier Reinheit ■aus. Eines freilich!ging ihm ■äb: d1a׳s ׳war!die spezifische Note süiähle- »1er,!zwingender Persönllioliikeiit, die den Vatcir zuim unbestritte ne n Führer ׳seiner Zeit berief. Aber dieses Defizit twar ■ein Fehler seiner ■Tugend. Die vornehme KültMiertkeilt seines Geistes stand der irüCksichtsif reiten 'Bedenken'- losigkielit des Gegners iverständnisfremid gegenüber, ׳und darum ׳w׳ar er für den1 Frontkampf!mit Hieb und 'Panade nicht geeignet■ und geschaffen. Desto!mehr und besser aber lag ihm die Fähigkeit und Neigung ■zur konstruktiven Schafe nsart. .Und so war er ׳der gehöre ne!Leiter ׳der ,,Freien Vereinigung fü׳r die Interessen ■des orthodoxen Judentums“, ■deren!vornehmstes Ziel, die ■Sammlung der!reichen, ׳in der llsoliertuing sich verzettelnden Kräfte •der deutschen Orthodoxie!zu;verstärkter Stosskrart, nirgends besseres Verständnis als gerade bei ihm finden ,musste. Davon legen׳ d׳i׳e literarischen Beiträge, die er in den (Mitteilungen der Freien■ Vereinigung veröffentlichte, ,deren ׳zwei!das ■angezeigte Buch!zum ׳Wiederabdruck bringt, beredtes Zeugnis ab. Mit bewundernswerter Klarheit sind in ■denn!einen die positiven Aufgaben eines in sich ge- •sammelten1 und durch Einigkeit in ׳der;religiösen Einstellung starken Judentums dargestellt und gleichsam als Antithese Sn!der Abwehr der sogenannten ,,Organisationsbestrebiungen“ die Fehlerhaftigkeit einer unnatürlichen, weiiH die religiöse Diskrepanz ausseracht lassenden Verbandsbildnng in das rechte Licht gerückt. Dass ■er aber auch eine scharfe Klinge!zu führen ■wusste,!wenn die Empörung!über ,sich spreizende illgnorianlz undl!koufossio׳nef!(le Intalörianz filhim die׳ Feder führte, ׳das beweist ',die Abwehr der von 66 Wiener ׳Aerzten geigen dlie iMilah ׳gerittenen Attacke (1869), .die Nachdiohtung prophetihischer Seher wieisheit in der ,,!Politik ׳der Vergewaltigung“ .(1865) und die Rezension ■elineir anbisemitischen;Schrift: ׳über ״Die Verladung des obriMidien׳ Staates“ (1865). Zeigen schon diese Arbeiten eine seltene!Breite des fnteressenkriefises und fachlichen Wissens, so tritt .diese Beobachtung bei den exakt-wissenschaftlichen Leistungen, noch!mehr zutage. In den ״Griundz Ligen des Strafprozesses ,im ׳jüdischen Recht“ und dem ,,.Prliuzip des Beweises und!Be׳weisv!e!rfah׳rens im Rrtaiiliralprazess des jüdischen Rechts“ ׳meidet sich der geschulte Jiunisf zum Wort; ״Das Vermächtnis Roms“ (ein׳ Vortrag) verrät!den tiefen, feinen Kenner antiker Kultur und ׳Ihres Bildungswertes;!die ,,Pädagogischen Silhouetten“ enthalten eine Fülle zum ■׳Nachdenken anregender Beobachtungen ׳aus der Erziehungslehre; barmherziges Einfuhren ׳in ׳die ■Leliden und Freuden des Jugendbildners entströmt der Würdigung der ״Stellung’ und ■des;Berufs dies jüdischen Lehrers“, und von feinem sozialen Verständnis liegt׳ der Vortrag ,Einiges über die Armenpflege .־im alten Israel“ Zeugnis ab. So erwächst aus den hier vereinigten Arbeiten Naftali Hirschs sein Bild als das ׳einer ׳Persönlichkeit, der .nichts Menschliches fremd, die die Vielseitigkeit;ihrer Interessen und ihres Könnens zu harmonischer Ausgeglicheniheit zu entwickeln wusste, die — last not least — ihr ,Verhältnis zu Tauro und Jiras Schomajim nicht erst!zu gewinnen brauchte, sondern präforimiert schon in dem ■Ureigensten .!ihres Seins, in ihrer unbe ge uz teil Emuno vorrand. Möse dem Buch ein!reicher Leserkreis, mätnent־ ׳]■ich auch in der heranreifenden Jugend, die ׳daraus Bintfüihnuug und Aufklärung!über zahlreiche :Probleme der jüdischen Vergangenheit und Gegenwart zu schöpfen vermag, besohieden sein! iDr. Ed. BiberiSe'M, Berlin. Dr. Leo Deutschländer: Goethe und das Alte Testament. Omonuth-Verlag, Frankfurt a. M., 1923. Goethes Verhältnis zur Bibel, und lim ׳besonderem zum Akten: Testament ׳wird von den׳!Literaturhistorikern in!der Regel nur mehr oder weniger -flüchtig gestreift. DeutsaHlänidier umfernilnrmt es ׳nun 1i׳n seinem Buche, dien Beziehungen Goethes zur 6!ibeil iiin :ihrer ganzen Breite nachizugehen und!ihren ׳Einfluss auf Goethes (Lebens und dichterisches ,Schaffen■ zu untersuchen■. Gest!ätzt;auf!eine b!i!s ihn die kleinste; Emzellheiit ׳seihende Kenntnis der eiinsehilägigen Literatur, zeigt Deutsahlündier, wie dlie Bibel Goethes ■treueste Begleiterin van den frühesten Jugend- .talgenitiagen׳ bis ,ins späte Greise nulter war. ■Schon lim filiternhuiuse Jl'ernte׳ Goethe ׳die (Bibel!kennen und lieben. Die׳ Muittter, Frau ■Aja> war ׳eine efrige!Bibellesertitn, die sich, wie Goethe!einmall bemerkt,!111 ׳allen Lebensstüirmen!!ihre ״alttestamentliche Frömmigkeit" bewahrt hailte. Mlit feinem Verständnis lenkte sie den Lesehunger des frühreifen Knaben zur heiligen!Schrift. Verstärkt wurden diese Kindhekisieiindriücke״!als Goethe ■von .schwerer Krankheit genesen, dem Fr׳l. Kleittenberg ■näher trat. Die pietistiscii ■gesinnte neue Freundin veranstaltete regelmässige Zusammenkünfte mit gemeinsamer •Biibellekttire, an der auch Goethe regen Anteil nahm. Vo;n entscheidender Bedeutung war aber ׳doch erst Goethes Bekanntschaft mlit Herder in der Stirassburger Zeih Herder, der wie keim zweiter ׳seiner Zeit sich!i׳n!!den Geist entlegenster Kulfurepoohen hiaeinzufühlen vermochte,!]׳ehrte Goethe die Schönheit und sitillliohe (Höhe der .Bibel ganz erkennen. Herder hat ׳in diie ׳empfängliche!Seele des ■jungen Dichters!jene schwärmerische Verehrung für ׳die ׳Bibel ׳gepflanzt, der ,alle späteren Wandlungen der Weltanschauung und der;religiösen UÜberzeugung nichts .an Kraft ׳und Wärme rauben konnte. Es ׳ist, wie Deutschländer fein bemerkt,!bezeichnend, dass Goethe ■noch ׳einige Tage vor seinem Tode!jenes berühmte Gespräch mit Eckerunann führte, ׳ln!dem 'er seiner' Vea> ehriung für die Bibel zum letzten!Male Ausdruck gab. Dass solch!inniges Verhältnis zur heiligen .Schrift •auch an Goethes ]dichterischem Schaffen! nicht spurlos vorüber- En gtros und Erzeugung!.,Bauernmarkt 24 (Ecke Fleischmarkt) Tel.67-302 Detailverkaufs - Niederlage! I., Graben 28 Filiale: Karlsbad» Alte Wiese. Pelz&ufbowahrung gegen Versicherung Uber die Semmersonstc Pelzvarenhans