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Jüdische Presse · 1923-11-16 · 46 (16.11.1923) · page 4

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Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
46 (16.11.1923)
Date
1923-11-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 362 JÜDISCHE PRESSE Nr. 46 NACHRICHTEN 0©@ Vom Tage ©@© Judendebatte. ״Sagt, was Ihr wollt — für 1mich als Arier ist die Bekämpfung des Judentums eine sittliche Idee. Donnerwerter nodhmal — icli würde ihr mein Leben opfern.“ ״Respekt. ■Aber setzen wir den Fall. Du steakst bis zum Hals im Wasser und ein Jude zieht .Dich mit eigener Lebensgefahr heraus. Würdest Du ihn zurückstossen?“ ,;Erstens!zieht mich ein Jude nicht heraus . . . mit eigener Lebensgefahr schon gar nicht ... so etwas müsste erst noch bewiesen werden, aber wenn auch: nein, ich stosse ihn nicht zurück.“ .,Warum nicht?“ ״Weil ich mich!meiner Idee erhalten muss. Wenn mich der Jude herauszieht, zieht er mich — um in seiner Sprache zu reden — auf eigene Rechnung und Qefahr heraus.“ ״Aber Du bist doch in Gefahr!“ ״Nur in der, mein Leben zu verlieren . . .“ ״ - . . und die Möglichkeit, die Rasse bekämpfen zu körnten, der Dein Retter angelhört.“ ״loh halbe ihn nicht gerufen.“ ״Mit ׳dem Munde wohl nicht. Aber vielleicht hat ihn Deine 1Not gerufen . . . oder sein sittliches Ideal: die Menschenliebe." ״Seine sittliche Idee geht mich uiahts an.“ ״Aber Deine ihn um so mehr . . . und trotzdem zieht er Dioh heraus!“ ״Erstens zieht mich ein Jude nicht heraus und!zweitens mag er das halten, wie er will. Ich bin Antisemit. Wenn er mich rettet — ich wiederhole es — so rettet er mich auf eigene Gefahr. Und seine Gefahr ist eben, dass iah ihn auch nach seiner freundlichen ׳Bemühung bekämpfen muss.“ ״Freundliche Bemühung ist gut. Wenn er nun diese Gefahr kennt und Dich trotzdem herausholt — ist das lebensklug, ist das geschäftstüchtig von ihm oder . . ״Oder idiotisch, meinst Du hoffentlich.“ ״Natürlich. Man könnte es allerdings auoh anders nennen. Tüchtig wäre es jedenfalls in Deinem Sinne nicht.“ ״Also siehst Du ein, dass ich der Tüchtigere bin.“ ״In diesem Falle sicher. ,Hm . . . Und würdest Du den Juden, wenn er bis zum Halse im Wasser steckte, auch herausziehen oder würdest Du!ihn ganz hineinstossen?" ,Erstens steckt ein Jude nie bis zum Hals itn Wasser . . . und wenn es schon so wäre: natürlich würde Iah ihm heraushelfen. Für was hältst Du mich eigentlich? Bin ich ein Christ oder ein Aschanti?“ ״Aber Mensch — dann würdest Du ja Deiner Idee doch abtrünnig werden ״Nein, zum Henker — ich würde ihn ja ׳nur herausholen, um Ehn weiter zu bekämpfen . . . das ist doch sonnenklar!“ (Das Tagebuch•) Peter Scher.!Die Woche. ® RZschon le Zion. Am 5. Tiscliri wurde ,in Risc'hon le! Zion das Fundament für eine Chassldim schul gelegt. Lodz: Im jüdischen Viertel in Lodz ist eine grosse Typhusepidemie ausgebrochen. Die Epidemie hat sich über die naheliegenden jüdischen Städtchen Kutina, Piontik usw. ausgebreitet. Der •Lodzer Stadtrat hat sofort alle Mittel •zur Eindämmung der Epidemie ergriffen. Die jüdische Be- ׳völkerung lebt in grosser Unruhe. Kowno. Oberrabbiner Brischanski aus Homel befindet sich auf der Durchreise nach Amerika in Kowno. Der Zweck der Reise ist die Information amerikanischer Kreise 1über die Lage der Juden in Russland. Warschau. Der Staatspräsident der polnischen Republik verlieh der bekannten polnischen Dichterin P. Arenstein für besondere Verdienste das grosse Kriegszeichen. Frau Arenstein erwatb sich grosse Verdienste um die MÖBEL - SPEZI AL-F AB RIK ״KÜCHENFEE" KARL KLIMBERGER & CO. WIEN, XX. BEZ., ENGELSPLATZ NR. 6 Kftahen-, Soülaf-, Vorand M&dohen- Zimmer za bill graten Preisen. Nar eitfoue Erzeugung:. Ooldene Medaille 1013. Sämtliche Kftohenhoizgeräto Filialen: I., Spiegelgasse 15 VW, Josefstädterstr. 30 IV., Sargaretenstr. 2 XVIII., Wlhrlngeratram H5 VI., Stanpergasse 51 XXI., Hauptstrasse 28 XX1, Kagran, Wagramerstrasee 118 DflMWSSBBBBI LfJ Fl LI A LEN ״. - WIEN/IV. ARGENTINIERSTR.62L, GUUSSING / STEFAN KLEE ״ GRAZ/. AUSKÜNFTE WERDEN STETS GERNE ERTEILT Organisation der polnischen Legionen noch während der russischen Herrschaft in Polen. Sie ist die Enkefta des bekannten Lubliner Gaon, genannt der ״Eiserne Kopf“ mri Schwester des Sekretärs •der Ika. Berlin. Professor F. Karewski, der berühmte jüdische Chirurg und Direktor des Berliner jüdischen Spitals, ist plötzlich verschieden. Berlin. Der Nobelpreis für Medizin ist jetzt für das Jahr 1922 vergeben worden. Erhalten haben ihn: R. V. Hill- London und Dr. Mayerhof־K׳iel, zwei Forscher, die völlig unabhängig von einander dasselbe Problem, die feinsten Vorgänge bei der Musikelzuckung. bearbeitet haben. Dr. Mayerhofs Arbeiten sind schon lange in der Wissenschaft hoch eingeschätzt! worden.!Doch konnte er ,bis beute keinen Lehrstuhl auf einer deutschen Universität erlangen, wefH er Jude ist. Oesterreich. Sijum-Feier in Wien. Wien. Montag abends fand in der Jugendgruppe ei« Sijum des שיער יומי ממבט ברכות Statt. Sr. Ehrwürden Herr Oberrabbiner Fürst, Rabbiner Dr. Ko ihn, Obmänner Schreiber, Pappenheim und eine zahlreiche Anzahl von Mitgliedern und Gästen nahmen teil an dem Feste. Das erhebende Bewusstsein, im Vereine mit vielen, viele« Tausenden auf dem Erdenrund sich täglich in der gleiche« ׳Materie unserer Thauro Hakdauscho zusammenzufinden, die glänzenden Diwrej Thauro die zum Besten gegebe« wurden, zeigten eine freudige ׳Stimmung. Die Sdhiur-Lelter, Obmann der Jugendgruppe D. ßaumgarten und Srmo« •Schreiber hielten geistreiche Ansprachen. Herr Oberkantor Braun sang in gewohnt meisterhafter Weise verschiedene שירים• Mit dem allseitigen Wunsche, dass die GemeinsCh׳a׳ft des שיעור יומי* wachse und gedeihe, schloss das erhebende Fest. Sijum-Felern in der ganzen Welt. Wien. ׳Aus Polen, Litauen, Lettland, Deutschland, Oesterreich usw. laufen Berichte über die Si!j 11 m-Feiern ei«. So hat sich die von der Kenessio Gedaulo geschaffene Institution des Daf Jojmo aufs glänzendste bewährt und bildet ein festes einigendes Band ׳Aller, die um wahres Judentum bedacht sind. Mehr Erez Jisroel-Arbeit in Oesterreich. Im Verfolg eines Beschlusses der Kenessio Gedaulo wiird bekanntlich die Palästina-Arbeit in allen Ländern forciert. Die allweltMche Palästnnazentrale Die Heilkraft der Röntgenstrahlen. Professor Seftz aus Erlangen referiert über die glänzenden Erfolge, welche mittels Röntgenbestrahlungen bei solchen Krankheiten erreicht wurden, die als gänzlich’ unheilbar galten oder deren Behandlung bisher nur ,in operativer Weise erfolgte. Die Wirkung der Röntgenstrahlen besteht darin, dass die krankhaften Körperzellen zerstört werden, sei es •an der ׳Haut oder im Innern des Körpers. ׳Die Heilmethode mittels Röntgenbestrahlungen wird schon seit Jahren mit gutem Erfolge bei als unheilbar erachteten Krankheiten angewendet, zum Beispiel bei langjährigen nässenden und juckenden Hautentzündungen. Ekzemen, Haar- und Bark■ krankheiten, verschiedenen Hautausschlägen. hauptsächlich •Drüsenerkrankungen, wie Skrofulöse. Letzthin gelang es, mit den neuesten, modernsten Röntgenapparaten so kräftige Röntgenstrahlen zu erzeugen, dass •auch die im tiefste« Innern des Körpers liegenden Geschwülste. Krebse zerstört und geheilt werden können. In dem unter der Leitung eines Facharztes stehenden Röntgeninstitut •des Pressburger Grand-Sanatoriums, welches mit den modernsten Röntgenapparaten ausgestattet ist, werden die obgenannte« Krankheiten! nicht nur :der internen{, sondern auch •der ambulanten Patienten mit grossem Erfolge behandelt. ■JB —_B■ — M _ B Iteic >e Aaswahl «ene-fter Pelzmodelle i« siimtl. relzarteu — Pariser fln m BB mmr W ■״d Wiener Geschmack vereint— erzeugt nur i» eigenen Werksiüten yU W B a unter persöul. Leitung des hesti'cnninm erteil Inhabers der Firma I u lim Pipersäero, 11., Sh Ein Mortara-Fall im 18. Jahrhundert. (Fortsetzung.) Isaak Landesmann stand, in noch jugendlichem Alter, auf der Höhe irdischen Glücke-s, er war reich, angesehen, beglückt in seinem Familienleben als Gatte einer edlen, schönen Frau und Vater dreier blühender Kinder, als plötzlich, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, ein furchtbarer Schlag auf sein Haupt niedersauste. Als Sohn eines wohlhabenden Kaufmannes im Jahre 1727 geboren und im Alter von etwas über 20 Jahren verheiratet, hatte er frühzeitig grosse geschäftliche Unternehmungen mit Erfolg begönnen, die ihn auch mit vielen aristokratischen Gutsherren in Verbindung brachten. In besonders regem geschäftlichen Verkehre stand er mit dem Besitzer der Herrschaft Pullitz, dem schon mehrfach genannten Grafen Adam Ignaz von Berchtold. Auch die Gräfin lernte ihn, der sich durch Klugheit, Intelligenz und weltmännisches Benehmen auszeichnete, kennen und fand an der Gesellschaft des jüdischen Geschäftsmannes soviel Vergnügen, dass sie sich seinen Besuch erbat, auch wenn er nicht wegen Abschluss irgendeines Geschäftes im Schlosse zu tun hatte. Aber bald hatte Isaak Landesmann erkannt, dass die Gräfin bei diesen Besuchen doch nicht so ganz selbstlos und uninteressiert sei und auch dabei eigentlich an einen geschäftlichen Handel denke. Die fromme Gräfin berührte mit Vorliebe religiöse Fragen und schlug, anfangs mit leisen, dann mit immer klareren Andeutungen dem mit aller Innigkeit an dem Glauben seiner Väter hängenden Manne ein Tauschgeschäft auf religiösem Gebiete vor. Sie wollte Isaak Landesmann bekehren und ihn bewegen, samt seiner ganzen Familie zum Christentum überzutreten. Isaak Landesmann war zu diesem Geschäfte nicht zu haben und um den peinlichen Diskussionen auszuweichen, vermied er es schliesslich überhaupt, im Schlosse zu erscheinen. Die Gräfin war hierüber erbittert. Ihrem Bekehrungseifer war durch das Fernbleiben Landesmanns zunächst ein Riegel vorgeschoben worden, aber ein Vorfall, der sich seltsamerweise gerade damals ereignete, machte es ihr möglich, sowohl ihrem Eifer und Fanatismus, wie vielleicht auch einem in ihrem Herzen zurückgebliebenen Rachegefühl Genüge zu leisten. Die Gräfin hörte, dass einer der drei kleinen Knaben Landesmanns (Jeremias, Markus und Löbel) von einer Christin, die während der Krankheit der Kinder in das jüdische Haus gekommen, heimlich getauft worden war! Ueber die Person der Christin, die in so tückischer Weise das Vertrauen der jüdischen Familie missbraucht hatte, sind zwei Annahmen bekannt geworden. Nach der einen sei es die Ortshebamme gewesen, die oft bei Geburtsfällen und Kinderkrankheiten in das Haus Landesmann gerufen wurde, die den Taufakt vorgenommeii. Aus den gerichtlichen Akten über den Prozess, den diese Angelegenheit zur Folge hatte, scheint aber mit grösserer Wahrscheinlichkeit hervorzugehen, dass es eine Gesellschaftsdame der Gräfin, ein Fräulein von Dirbsky, gewesen, die auf dem Totenbette in der Beichte die Aussage machte, sie habe bei einer Gelegenheit, als sie dem erkrankten jüdischen Kinde eine Arznei einträufelte, das Kind getauft. Sei es wie immer, Tat- Sache ist, dass nachdem die Gräfin Berchtold von der geheimen Taufe etwas erfahren hatte, im Schlosse eine Beratung stattfand, in der der Beschluss gefas׳st wurde, im geheimen Anstalten zu treffen, damit an einem bestimmten Tage dem ahnungslosen Vater in einer aller gesetzlichen Anforderungen entsprechenden Form das ״christliche“ Kind abgefordert werden könne. Der Plan wäre sicherlich gelungen, wenn er nicht rechtzeitig Isaak Landesmann verraten worden wäre. Von wem? Gerichtsordnungsmässig klar wurde es nicht festgestellt, wer diese Person war, aber es scheint aus so manchen Anzeichen hervorzugehen, dass dieser wohlwollende, von Rechts- und menschlichem Gefühle beseelte Mann niemand anderer als gerade der — Schlosskaplan gewesen. Dafür spricht nicht allein die Tatsache, dass dieser Geistliche in freundschaftlichem Verkehre mit der jüdischen Familie gestanden und eine Familientradition für diese Vermutung zeugt. Auch aus den Akten geht hervor, dass der Schlosskaplan P. Antonio in den von ihm abgeforderten Aeusserungen •sich auffallend zurückhaltend erwies und dass er sich schliesslich vom Gubernium sogar den Vorwurf hatte gefallen lassen müssen, er hätte den Taufakt lange verheimlicht. Sicherlich ist, dass Isaak Landesmann von einer ihm wohlgesinnten Persönlichkeit einen Wink über das ihm drohende Unheil erhalten hatte und nunmehr in der Lage war, sich dagegen zu schützen. Der erschrockene Vater wusste nicht, welches seiner Kinder angeblich heimlich der katholischen Kirche zugeführt worden sei, er nahm aber mit Recht an, dass alle drei gefährdet seien und um sie sich und seiner Religion zu retten, musste er alle drei durch die Flucht aus der Nähe der ihre alleinseligmachenden Pläne verfolgenden Gräfin bringen. Unter dem Schutze eines treuen alten Dieners wurden die drei im zarteste« Kindesalter stehenden Knaben in einen Wagen gepackt und zunächst nach Triesch in das Haus des dortigen Rabbiners gebracht. Nach kurzem Aufenthalt wurden dann die Kinder weiter nach Prag befördert, wo sie mit einem Schreiben an Oberrabbiner Ezechiel Landau ausgerüstet eintrafen. (Fortsetzung folgt.)

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