Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 46 (16.11.1923)
- Date
- 1923-11-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 46 Seite 361 JÜDISCHE PRESSE wir nun machen? So besteht leider der unerschiitter־ liehe Glaube, dass aus der Summe aller gewiss sehr schönen Reden, Proklamationen und Formeln, die man als Antwort auf diese Frage bekommen würde, frfcht so viel nährender Extrakt herauszuziehen wäre, um einen Deutschen zu stillen und zu beruhigen und einen Juden vor Plünderung zu schützen. Denn trotzdem in unseren Tagen der menschliche Geist vor der seelenlosen Kraft der Materie ganz ohnmächtig geworden ist, trotzdem leere Phrasendrescher das Wort führen, lässt das wirkliche Leben mit einer grandiosen Geste diesen ganzen lächerlichen Kram beiseite, webt und schafft, schlägt Wunden und heilt sie zugleich und ist herrlicher für klare Augen denn je. Denn was geschieht? Deutschland hungert und fiebert, das deutsche Volk oder nur Teile davon — dieses ist im gegebenen Momente ganz gleichgültig — durch Jahre verhetzt, fällt über unschuldige Menschen, nur weil sie Juden sind, her und vergrössert so das eigene Unglück. Während dies geschieht, regt sich in der ganzen Welt der herrliche Gedanke der Hilfe. Und in vollem Bewusstsein des Stolzes, der uns erfüllt, können wir konstatieren, dass es Juden sind, die an der Spitze der Hilfebringenden marschieren. Beispiele sind nicht notwendig. Doch ein Exempel. ist besonders lehrreich. Amerika hat für das zertrümmerte Europa ungeheuer Grosses geleistet, und auch jetzt, wo Deutschland der Hilfe bedarf, ist Amerika bereit, zu helfen. Doch es ist bekannt, dass Amerikas reichster Mann, Henry Ford, die deutschen Antisemiten mit Geld subsidiert, dank dessen es eben zu Pogromen kommen kann. Nicht bekannt ist aber, dass Henry Ford dieselben Antisemiten, die jetzt vielleicht hungern, mit Nahrung unterstützt. Wogegen es bekannt ist, dass ein Jude, Julius Rosenwaid, eine l. Million Dollar-Aktion für das notleidende Deutschland eingeleitet und selbst 100.000 Dollar für die Hungernden in Deutschland, ohne Unterschied der Konfession, gespendet hat. Der Deutsche Hugo Stinnes druckt zum Pogrom aufhetzende Zeitungsartikel. Julius Rosenwald bietet denselben vielleicht, die seine eigenen Volksgenossen totgeschlagen haben, Speise und Trank. Ist zu diesen! Geschehen noch ein Kommentar notwendig? Die heidnischen Barbaren, dje den Judenhass predigen, vergessen, dass alte Germanensitte Menschenliebe an erste Stelle unter den Tugenden setzte. Jene Menschenliebe, die heute den Juden Rosenwald zwingt, dem Deutschen die hilfreiche Hand zu bieten. Die heidnischen Menschheitsbeglücker aber vergessen, dass eine papierene Formel noch keinen Hungrigen gesättigt, keinen von Hunger und! Hetzrede Aufgerüttelten und Verführten beruhigt hat. Jene Beruhigung, die heute diejenigen Juden schaffen, die sich an die Spitze der Hilfsaktionen für das hungernde Deutschland gestellt haben. Es ist dies nicht gesagt worden, um sich zu brüsten; nur um den Beweis zu liefern, dass derienige Glaube berechtigt ist, der hofft, dass das Brot, das der Jude Rosenwald geboten hat, die Verhetzten beruhigen und den Hetzern als Lehre gelten wird, wie Juden und jüdisches Wesen beschaffen sind. Der Glaube, dass Deutschand sich nicht durch Unduidsamkeit, Pogrom und Putsch aus dem Unglück In eine bessere Zukunft hinüberschwingen kann, und dass Deutschlands Juden heute zusammen mit den anderen Deutschen leiden und dulden. Deutschland, das jetzt daran gehen muss, sich einen ihm entsprechenden Platz in der Welt zu erobern, darf sich nicht durch Judenschlägereien aus der Welt verbannen. —z. ״Die Kenessio Gedaulo und der Zionismus.“ Als in der Mitte des vorigen Jahrhunderts der preussische Staat an eine Regelung der inneren Verhältnisse in den jüdischen Gemeinden dachte, holte er sich auch bei dem und jenen ein Gutachten über die Bedeutung des Rabbiners. Der als guter Gelehrte bekannte Zunz befindet sich unter den Gefragten. Seine Antwort war eine verhängnisvolle Tat und ihr ist der innere religiöse Verfall vieler Gemeinden zu verdanken. Er Hess nämlich sein Gutachten in der Behauptung gipfeln, dass die wesentliche Tätigkeit der Rabbiner sich nach der Richtung zu erstrecken habe, dass sie entscheiden, was in der Küche erlaubt und verboten ist. An diese traurige Episode — inan könnte beinahe sagen Epoche — erinnert uns eine Aeusserung, welche sich im ״Jewish Chronicle“ unter dem Stichworte ״Die Kenessio Gedaulo und der Zionismus“ befindet. Da ist nach einer respektvollen Verbeugung vor den Thoragrössen, welche der Kenessio Gedaulo ihr Gepräge gab, doch verlangt, dass sie sich auf die vier Ellen der Halacha beschränken, und der Vorschlag gemacht, dass die Kenessio Gedaulo, das heisst die Aguda in einem modernen Geist in Uebereinstimmung mit der Gegenwart, und hauptsächlich mit Toleranz und Ueberlegung die religiösen Angelegenheiten des jüdischen Volkes beaufsichtigt; das jüdische Volk würde unter keinen Umständen eine klerikale Partei ertragen. Sieht man von der journalistischen Aufmachung dieser Forderung ab, so ist es nichts anderes, als eine Wiederbelebung des zunzischen Gedankengangs. Und doch kann uns vielleicht dieser Gegner den riehtigen Weg der Aguda zeigen, denn die versuchte Zweiteilung der jüdischen Dinge in solche, die religiöser Artung sind, und in solche, auf welche der Religion kein Einfluss gestattet werden kann, ist die Erklärung für viele Verwicklungen. Fernab von vielen Schlagwortcn muss immer wieder ausgesprochen werden, dass es das wirkliche Ziel der Aguda ist, sowohl dem Gedanken als auch der Tat nach dieser Zweiteilung entgegenzutreten. Man gebe sich keiner Täuschung hin: bis tief in die Kreise der Orthodoxie hinein erstreckt sich die Spur dieser falschen Grundauffassung für das Leben des einzelnen sowohl, wie für die Betätigung der Gesamtheit. Was die Notiz im ״Jewish Chronicle“ unter Klerikalismus versteht, ist für uns der beherrschende Einfluss der Religion in allen Dingen. Die Agiida, also auch die Kenessio Gedaulo, hat dann ihr Ziel erreicht, wenn erst einmal alle Juden eingesehen haben werden, dass Religion nicht Privatsache ist. מצבות Grabsteine מצבות aus Marmor, Granit und wette festem Kunststein sowie Grabtafeln aus Marmor samt EisengeBtcli in jeder Ausführung Solid und billig in jeder Preislage Max Kessler, Wien ■■■■. יי—■ י - 1 "" 11 —■ 11—, mßm. ־־־*1*ö&J■■ \ Kaxiif'chffltfdhle vl \: *sc Hüllen:’■'' ] Sensationelle Umwälzung in der dauergewellten Perücken- und Scheitelmode durch die Neuschaffungen der Firma OTHMAR SCHIFF I., Kärntnerring 6 (gegenüber dem Hotel Bristol) welche den Damen kostenlos :: vorgeführt werden :: En gros En detail! Billigste Einkaufsquelle! Die grösste internationale Kunstwerkstittte für Perücken, Scheitel und Transformat onen Liefert seit mehr als anderthalb Jahrzehnten den vornehmsten orthodoxen Damen aller Länder Perücken. Spezialist in Braut-Scheiteln. 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Seit Anfang dieses Jahres wurde öfters die Nachricht verbreitet, dass das orthodoxe Central Relief Comitee, das auf den verschiedensten sozialen Gebieten sich rm Joint betätigt hat und seit ungefähr zwei Jahren auf kulturellem Gebiete, das die verschiedenen Chadorim und Talmud Tlioras in den notleidenden Ländern umfasst, selbständig arbeitet, sich im Zustande der Liquidation befände. Diese Gerüchte haben sich immer mehr verdichtet, so dass seit einigen Monaten fast alle Thoralehranstalten Central- und Osteuropas mit grosser Besorgnis der schweren Zukunft entgegensahen, in welcher sie, ohne die amerikamisühe Unterstützung, in ihrer Existenz bedroht sein würden• Die ״Jüdische Presse“ hat sich verschied entlieh mit dieser Angelegenheit beschäftigt und1 wiederholt dargelegt, dass eine radikale Einstellung der Subvention seitens des Central Relief Comitees. die wunderbaren Früchte neunjähriger amerikanischer Wohlfahrtsarbeit auf einmal vernichten würde. Diese Mahnungen haben ihre Wirkung1 nicht verfehlt. Das New Yorker Central Relief Comitee hat diese Woche ein offizielles Schreiben an die ״Jüdische Presse“ gerichtet, in welchem es Bezug nimmt auf die in der ״Jüdischen Presse“ gebrachten Artikel und Aufsätze in Sachen des amerikanischen Wohlfahrtswerkes für die Chadorim und Talmud Thoras• Das Central Relief Comitee dementiert kategorisch alle Gerüdite, die über die Einstellung seiner Wohlfahrtsarbeit für die Cbadorim und Talmud Thora in Umlauf gesetzt wurden. Das Central Relief lebt, heisst es in diesem bedeut- ׳Samen Schreiben, und will seine Tätigkeit energisch fortsetzen. Die Persönlichkeiten, die an der Spitze des Komitees stehen, sind ihrer Verantwortung bewusst und sie werden sich ihrer moralischen Verpflichtung den europäischen Brüdern und ihren Thoralebr- : anstalten gegenüber auch* in der Hinkunft eingedenk bleiben. ‘ Wir nehmen diese Botschaft des Central Relief Comitees mit inniger Genugtuung zur Kenntnis. Wir veröffentlichen diese Kundgebung in dem Bewusstsein, dass die Führer und Leiter der Thoralehranstalten in Mittel- und Osteuropa, von der drückenden Sorge der nahen Katastrophe befreit, sich nun. energisch der Weiterführung ihrer Wohlfahrts-‘ arbeiten annehmen. Denn wenn auch nur die Hoffnung besteht, dass die grossen amerikanischen Führer des Central Relief Comitees neue Fonds zur Unter- Stützung der Thoralehranstalten sammeln, so wird es sicherlich noch einige Zeit dauern, bis diese Gelder an ihren Bestimmungsort gelangen• Zurzeit ist aber eine empfindliche Ebbe in der Kasse des Central Relief Comitees zu konstatieren. Die Wiener Thoralehranstalten haben z. B. seit Rösch Haschono die monatliehe Subvention nicht mehr erhalten. Und die Thoralehranstalten müssen doch existieren. Es wird die Amerikaner nur anspomen, wenn auch hier an Ort und Stelle eine grössere Aktivität entfaltet h>ird. Es ist bereits viel versäumt worden. Es hat an warnenden Stimmen nicht gefehlt, die bereits zu Zeiten, wo die amerikanischen Unterstützungsgelder mit sicherer Pünktlichkeit eintrafen, zu grösserer Aktivität angespomt haben. Die Lehren der bitteren Erfahrung der jüngsten Monate sollen dazu dienen, nun jetzt unsere Führer zur Erkenntnis zu bringen, dass das Schicksal der Thora und ihrer Lehrstätten nicht ״jenseits des Meer&s“ liegt. Werden die Hoffnungen, die nun die Botschaft des Central Relief Comitees an die ״Jüdische Presse“ erweckt, in Erfüllung gehen, so wird die amerikanische Unterstützung mit der H i 1 f sbereitschaft der h i er 1 ändis c'he n l eist •rnngs fähigen Kreise die bestehenden Thoralehranstalten nicht nur erhalten, sondern den G. s. D. immer zunehmenden Wunsch nach Ausbau und Ausgestaltung dieser Lehranstalten bewirken. Ä Ä A Ä A En gros und Erzeugung m # # #£ rn rn!.,Bauernmarkt 24 (Ecke Fleischmarkt) Tel.67-302 Schur Pßbwarcnhaus “״־,־rsir־0־ ^PF wf 4r 9 w VPP ff WW w ^P W P ™ P WP WWfP Peliaafbawabrung geyaa Versicherung aber die Samm«nnoaat8