Mannheim
Compact Memory

Jüdische Presse · 1923-10-19 · 42 (19.10.1923) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
42 (19.10.1923)
Date
1923-10-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2629891-2629999-2630040--1180-2632904
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 42 JÜDISCHE PRESSE Seite 329 Sorge, dass das junge Geschlecht ׳im jüdischen Geiste erzogen wird — übertragen wurde. Und weil die Frau von dem Thorastudium befreit ist, ruht der grösste Tei'l der historischen Aufgäbe auf ihren Schultern, nämlich: die Fort- Setzung der national-religiösen Frad i t i o n im jüdischen Hause, von den Eltern auf die Kinder und auf die Kindeskinder ohne Aufhör. So sehen wir, dass die grösste Pflicht der Eltern, die Erziehung der Kinder, in zwei Teile geteilt wurde. Der Teil, der auf den Mann entfällt, ist, die Kinder kraft seiner männlichen Autorität und der Stärke seines Wissens zu erziehen, und die Aufgabe der Frau, die Kinder zu ernähren (körperliche Er- Ziehung) und für ihren Unterricht zu sorgen (geistige Erziehung). Und wenn wir heute sehen, dass das üdische Volk trotz der gewaltigsten Vernichtungsattentate, die im Laufe der Jahrhunderte gegen das jüdische Volk unermüdlich unternommen worden sind, doch lebt und blüht, ohne andere Lebenskräfte als die geisfcigen und moralischen zu besitzen — muss festgestellt werden, dass dies nur dank dem regsten Anteile der jüdischen Frau an der jüdischen Erziehung möglich war, eben diese ״Führen die Kinderchen in das Beth Hamidrasch“! (Fortsetzung folgt.) 71V NACHRICHTEN. ÜÜ Vom Tage yiv Hüte auf. Der Vorstand der isralitischen Kultusgemeinde hat diese Woche eine Verordnung erlassen, nach welcher die Zöglinge der Wiener Schulen während des Religionsunterrichtes bedeckten Hauptes zu sitzen haben. Viele werden diese Verordnung mit Staunen aufnehmen. Diese Vielen haben es nämlich für selbstverstündlich gehalten, dass man während der jüdischen Religionsstunden nicht ohne Kopfbedeckung sitzt- Dies würde ja fast überall selbstverständlich sein. In Wien war es doch nicht so. Die Stellungnahme der jüdischen Kultusgemeindegewaltigen in Wien zu religiösen Fragen ist ein ■interessantes Kapitel der jüngsten jüdischen Geschichte. Wien ׳war nie der Boden radikaler ׳Prinzipienkämpfe. Auch nicht in der Judengemeinde. Radikale religiöse Reform lag nicht dem Wiener Grosstadtjuden. Orgel, Sonntags- Sabbath, deutsches Gebet fanden ■hier nicht viel Anhänger. Dafür machte sich aber die gemässigte Reform, die bequemer einzuführen war und keine grossen Kämpfe provozrerte, breit. Kein deutsches Gebetbuch, nur einige deutsche Gesänge. Keine Orgel, nur ׳Hochizeitsharmonium. Keine radikale reformistische Tendenz im Religionsunterrieht, nur ein wenig Bibelkritik und Abschaffung der Kopfbedeckung.!Dies letztere hat an den Wiener Mittelschulen, besonders aber im II. Bezirke, ׳wo das religiöse Judentum noch stark ist, zu erbitterten Kämpfen Anlass gegeben, deren dichterische Schilderung eine!Neuauflage des Epos vom Frosohmäusekrieg bedeuten würde. Viel Seelenschmerz litten die orthodoxen Zöglinge an diesen Schulen, ihr ,Heroismus stieg soweit, dass sie in Perücken während des Religionsunterrichtes sassen, da sie die heilige Schrift und die heiligen Gebete nicht ohne Kopfbedeckung lernen wollten. Sieger in diesem Kleinkrieg blieben selbstverständlich die Herren Religionsprofessoren. Aber nicht für!immer. Die innere Hohlheit dieses, vom jüdischen Standpunkt aus absurden Zwanges, konnte sich nicht lange halten. ׳Immer mächtiger ׳wurde der Wunsch der thoTatreuen Judenheit, ihre Kinder von der Gewalt solcher Religionsprofessoren zu befreien. Unter den Postulaten der Wiener Orthodoxie war auch diese Forderung ein wichtiger Punkt. ׳Die Kultusgemeinde antwortete nun auf diesen!Punkt mit der Verfügung: Hüte auf! Wollten wir nun die Herren Kultusgemeindegewaltigen nach ihrer Art ehren, so würden ׳wir diese Verfügung mit ״Hüte ab“ begrüssen. Da wir aber diese Verfügung auch nach unserer Art würdigen wollen, so möchten wir in dieser Verfügung den Anfang einer besseren Zukunft erblicken, in der G. unsere Kinder vo־n areligiösen Religionslehrern behüten möge. ששש ©ie Woche. ששש Bukarest. In Husi (Moldau) sind wieder schwere Exzesse vorgekommen. Das jüdische Gemeindebad wurde überfallen und demoliert. Die Synagoge ist gleichfalls arg beschädigt worden. Die Thoralade wurde geschändet und zertrümmert. Leipzig. Die deutschvölkischen Kreise Leipzigs haben eine ungeheuere Menge deutscher 1000 und 5000 Markscheine, die wegen ihrer Entwertung nicht mehr kursieren!, ■mit judemhetzerisdhen Aufrufen bedruckt!und verbreitet. New York. Laut einer Statistik erscheinen in den Vereinigten Staaten 9 jüdische Tageszeitungen mit insgesamt 452.567 Exemplaren und 13 Wochenschriften mit insgesamt 185.496 Exemplaren. Boston. Eine Stiftung von 20.000 Dollar wurde dem jüdischen Kinderheim in Dorchester von dem verstorbenen J. C. Knowles vermacht. Jerusalem. Nach endlosen Verhandlungen fällte das Friedensgericht in Sachen der Mazzothsiteuern ein׳ Urteil gegen ■den ״Waad Hoasühkenasim“. Letztere hätte nun dem ״Waad Hair“ 100 ägyptische Pfund zu zahlen. Natürlieh hait der juristische Vertreter der ׳Asohkenasim, Dr. de Haan, die Berufung eingelegt. Moskau. Aus Moskau wird gemeldet, dass Arbeiter aus verschiedenen Distrikten in Moskau an die Sowjetregierung die Forderung stellten, ׳sämtliche jüdische Synagogen in Wohnhäuser zu verwandeln. Die Sowjetregierung soll nun die Absicht haben, diese Forderung zu erfüllen. London. Nach Zeugenaussagen über den am Freitag erfolgten Selbstmord des Baron Nathamiel Charles Rothschild, Sohnes des ersten Lord Rothschild und Präsidenten der Versicherungsgesellschaften ,Alliance“, habe sich der Selbstmörder, der an Neurasthenie litt, im Badezimmer eingeschlossen und sich den Hals durchgeschnitten. Köln. Am Erew Sukkoth starb in Frankfurt a. M. Jm Alter von 55 Jahren der frühere langjährige Vorsiteende der Aguda-Jugendorganisation!, RealsChuldirektor Dr. Gerson Lange. Hatberstadt. Der Qhalez Cb ahm hat bei den Regierungen, durch deren Länder er zur Kenessio Gedaulo und zurück!zu fahren hatte, in Würdigung seiner reifgiösen Bedenken, sich photographieren zu lassen, das Zugeständnis erhalten, dass er mit einem Pass ohne lichtbild reisen darf. Er ist der einzige auf der Welt, der ohne Bild im Passe die Grenzen der Länder überschreitet. Warschau: In der letzten Sitzung der Sejmkonunission für Militärangelegenheiten wurde der Antrag zur Befreiung sämtlicher Juden vom (Militärdienste gestellt. Auf diese Weise werde man den Juden sämtliche Rechte wegnehmen können. Wiesbaden. Die Besatzungbehörden haben dem von der Agudas Jisroel anberaumten Vortragsabend, an dem Redakteur Schachnowitz-Frankfurt über die Kenessio Gedaulo berichten sollte, verboten. Wien. In einer in Wels (Oesterreich) von Laien- Vertretern der österreichischen evangelischen Gemeinden besuchten Versammlung, wurde u. a. beschlossen, die Forderung zu stellen, ■die Bestimmungen der Kirchenverfassung über die Aufnahme in die evangelische Kirche einheitlich zu regeln und vor allem die Taufe von Juden an besonders schwere Bedingungen zu knüpfen. Dass dieser erfreuliche Beschluss nicht von Judenliebe diktiert war, beweist das weitere Verlangen ■der Ver- Sammlung ״zwecks Sicherstellung des deutschen und evangelischen Charakters der evangelischen Schulen, sowie aus völkischen, religiösen und erzieherischen Gründen jüdische Kinder von den evangelischen Schulen fernzuhalten“. Oesterreich. Die Verbandsleitung der burgenländischen aut. isr. orth. Kultusgemeinden beim Bundeskanzler. Wien. I׳m Zusammenhang mit der Audienz, die Herr Bundeskanzler Dr. Seipel dem Verbandspräses, Sr. Ehrw- Herrn O'berrabbiner L ö w y am 6. d. M. in Frauenkirchen gewährt hat, empfing der Bundeskanzle r Mittwoch den 17. d. M. die Verbandsleitung, um die Einzelheiten der Wünsche der burgenländisehen 1Kultusgemeinden an der Hand der Akten zu prüfen und die ganze komplizierte Angelegenheit, die, durch die spezifische Entwicklung und Vergangenheit der burgenländischen Gemeinden bedingt, für die österreichischen Verhältnisse ein Novum darstellt, eingehend zu behandeln. Es wurden die Fragen der inneren Verfassung der Gemeinden, ihres organisatorischen Zusammenschlusses, der Zukunft der konfessionellen Schulen und der staatlichen Zuschüsse im Detail besprochen. Der Kanzler, der die Herren der Verbandsleitung überaus liebenswürdig empfing, hat tiefes Verständnis für die behandelten Fragen an den Tag gelegt und baldige günstige Erledigung des׳ Petitums in Aussicht gestellt. Wien. Das Inspektorat des israelitischen Religions- Unterrichtes an Volks- und Bürgerschulen versendet an alle Schulen ein Rundschreiben, wonach vom Beginne des Schuljahres 1923-24 während des Unterrichtes aus den Gebetbüchern und der Bibel 1m Urtexte die Kopfbedeckung für die Lehrer und Schüler obligatorisch einzuführen ist. Rückkehr nach Zion. Weit, unermesslich weit zieht sich ein heller, In herrlichen ׳Farben schillernder Himmel. Die Linie, die dem menschlichen Auge die Grenze vortäuscht, an der sich Himmel und Erde berühren und meinander fliessen, ist unsichtbar, fast als ob in diesem Lande der Himmel nie zur Erde niedersteigen würde, die Erde ■nie den Himmel! erreichen könnte• Das von gleissender Farbenpracht fast geblendete Auge unterscheidet nur, dass den Raum zwischen Himmel: und Erde eine fast feste, wie aus flüssigem Glase bestehende Luft ausfüllt. Und in diesem wunderbaren Rahmen ist eine harte, steinerne, jeder Unbill trotzende Häusermasse eingesetzt. Runde Kuppeln, granitene Blöcke, rechteckige Würfel sind die Wohn- Stätten, Tempel und Festungen dieser Stadt. Und über alldem triumphierend, wie ein trotziger Aufschrei jahrtausendalter Riesenstimme, herrschend, doch durch sonnige, schimmernde Bläue gedämpft, der Stern Davids, der Schild Davids —Jeruschalajim! Rings um die Stadt grünende Felder. In dieser Stunde, in der ein junger Tag zu neuem Leben durch ewiges Gebot, das eben so gewaltig ist wie am ersten Tage, erwacht — atmet das satte, spriessende Grün jungfrische Seligkeit. Und Menschen hinter dem Pfluge, Menschen in Fabriken, deren Schlotte weit, ganz weit hinter der Stadt ragen, Menschen in der Eisenbahn, die in die unermessliche Ferne hinauseilt. Sie ackern das Land, das alt gewesen und versteint, unfruchtbar schien und jetzt dieses herrliche Grün trägt und nährt. Doch ein Stimmengewirr und Menschentritt lenkt ab von diesem prächtigen Bilde. Zwischen a^en Felsen, verschimmelten Quadern, bemoosten Felsen drängt sich und schreitet vorwärts eine Volksmenge. Männer, Weiber, Kinder mit Bündeln beladen, mit Sensen und Sicheln in den Fäusten, alt und jung, müde und jugendfrisch, gebeugt von Gram und hoch aufrecht von neu erwachtem Stolz, Männer und Weiber und Kinder, dem einen Ziele zu. Und es scheint, als ob bald, im nächsten Augenblicke ein Ruf sich von dieser Masse losreissen wird, von dem diese gläserne, lichtdurchströmte Luft bersten wird׳. Der Ruf: Jeruschalajiim! Von der anderen Seite aber, aus der Tiefe zwischen den Felsen, ruhig und still, bedächtig, doch fest, sanft, doch unaufhaltsam, ehrwürdige, geliebte, unvergessliche Gestalten. Ihr Blick fest, doch wehmutsvoil, auf das Ziel gerichtet, zeigt ihre Haltung, dass sie endlich erlöst sind, von einer schweren La^ befreit, dass sie endlich in die Heimat zurückkehren. Ihre Heimat — Jeruschalajim! In der Mitte aber, zwischen dichtestem Gestrtipp, verborgen zwischene Fels und Stein, gehüllt in altes, verschlissenes Gewand, den labenden Krug zu Füssen, den stützenden Wanderstab in der Hand, die Wandertasche über den gebeugten Schultern, umkränzt von wirrem, grauem Haare, das windverbrannte, in Leid erstarrte Antlitz, eine Menschengestalt. Menschengestalt? Nein, es ist ein alter Heros, ein Symbol des ewigen Volkes. Auf der Raststätte überraschte den uralten Wanderer der Aufgang der Sonne und plötzlich erscheint vor seinen müden Augen das Ziel seiner jahrtausendlanger Wanderung. Noch ist er überrascht, noch fasst er es nicht, noch glaubt er, dass Wüstenspiegelung sein altes Auge täusche, doch schon glüht Freude im müden Blicke. Ja, das Ziel ist erreicht. Und jede Fiber seines Körpers, jede Linie seines Körpers ruft erlösendes EFebens herrliches Wort: Jeruschalajim! Und horch! Vom Himmel rauscht ein Flügelschlag. Und aus Wolken, die zu Schwingen geballt, über der Erde segeln, lässt sich herab eitle Engelsgestalt. Hoch oben ragt über Berg und Fels und endet nebelhaft in der Masse des Volkes, das gegen die Stadt stürmt. Es ist die ewigeSehnsuch t, die die steinerne Masse des Volkes neu belebt hat, und die jetzt hoch zwischen den Wolken gebieterisch das Ziel weist, das sie erreichen müssen. Das ewige Ziel: Jeruschalajim! * Das ist das Bild des jungen jüdischen Malers, Leonard Durmaschkin, betitelt: ״Rückkehr nach Zion“, welches, nachdem es durch alle Städte Polens hn Triumphe zog» nun auch׳ im Jüdischen Museum, Wien, II., Malzgasse 16, zu sehen ist. # Das Kolossalgemälde ist ein Meisterwerk. Der junge Maler ist ein würdiger Schüler der alten Schule, die Werke von unsterblichem Werte schuf. Die Komposition, die Technik sind schlechthin meisterhaft. Die gleissende Farbenpracht, die breit angelegte Tonzeichnung sind Beweise sehr grossen Könnens. Und besonders die Ausarbeitung der durchsichtigen Figuren des vorwärtsstürmenden Volkes, der aus der Tiefe der Erinnerung ins heilige Land der Verheissung zurückkehrenden, alten Helden des Volkes, die, dem g-ttlichen Rufe folgend, herbeieilen, um das Land zu befreien, hält den Vergleich mit den grössten Meistern aus- Diese Figuren, die durchsichtig und nicht in festen Konturen gemalt wurden, sind von genialer Komposition. Es ist, als ob der Maler nicht wagen würde, seinem Hoffen und Sehnen, das aus tiefstem Empfinden und grosser Phantasie geboren wurde, feste plastische Form zu geben. Es sind nur seine Träume, die er für sein Volk in diesem grossen Kunstwerke als herrliche Gabe geschaffen hat. K. Schiff5 Pelzvareithaus En gros und Erzeugung I., Bauernmarkt 24 (Ecke Fleischmarkt) Tel. 67302־ Detailverkaufs - Niederlage: l.y Graben 28 Filiale: Karlsbad, Alte Wiese. PelzairfbewAhriiiifl gegen Vertieften»« Uber Ule Soraruemonet®

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.