Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 40 (5.10.1923)
- Date
- 1923-10-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Säte 314 JÜDISCHE PRESSE Nf. 46 Nachklänge zur Kenessio Gedaulo. Einem Vertretet der J. P. Z. äusserte sidh Herr Oberrabbiner Schapiro aus Sanok über den Ausgame der Kenessio Qedatilo wie folgt: ״Die Agudas Jisroel hat sich durch diesen Kongress, der ein ״Kiddusch Haschern“ war, nach innen vollständig konsolidiert. Die Zeit ist nicht mehr fern, dass man die Aguda auch in der politischen Welt gebührend einzuschätzen wissen wird. Das Prestige der Agudas Jisroel ist durch diesen Kongress gehoben worden und es trat seither eine entscheidende Wendung im politischen Leben der Orthodoxie ein. Die Agudas Jisroel wird nicht auf hören, ihre intensive Arbeit in Erez Jisroel auf kulturellem und Wirtschaft- Hohem Gebiete mit erneuter Kraft fortzusetzen.!Die englisehe Regierung muss ein Interesse daran bekommen, dass die in der Agudas Jisroel vertretenen religiös orientierten Juden, die sich wirtschaftlich im Erez Jisroel betätigen, auch an der politischen Führung des Landes entsprechenden Anteil nehmen; die englische Regierung kann auf die politische Mitarbeit von nahezu 75 Prozent des Jüdischen Volkes unmöglich verzichten. Wir haben jedoch nicht die Absicht, in London diesbezüglich vorstellig zu werden, sondern so lange zu warten, bis die englische Regierung überzeugt sein wird, dass das ganze, am Aufbau des heiligen Landes inter- «sslerte, Jüdische Volk in der Jewish Agency vertreten sein muss. Das orthodoxe Judentum hat sich bisher im politisehen Leben nicht aktiv beteiligt und es ist daher nicht wumderlioh, dass im Artikel 4 ״vorläufig“, also nur bis zur Bildung einer allgemein jüdischen Vertretung, die Zio- *Istische Organisation als diejenige Körperschaft bezeichnet wird, mit der zu verhandeln sei. Wir beabsichtigen nicht zurzeit über diesen Punkt Verhandlungen mit der Zion. Org. anzuknüpfen; sie ist heute nicht kräftig genug, um allein die Verantwortung für alle politischen Vorgänge zu tragen, und ihre eigene Lage wird es mit sich bringen, dass sich die Jewish Agency auf ganz anderer, breiterer Grundläge konstituieren wird. Was die Erez Jisroel-Arbeit betrifft, so ist der Hauptzweck der Agudas Jisroel zurzeit — und davon legen die verschiedenen Resolutionen der Kenessio Ge- ■daulo das beste Zeugnis ab — positive Arbeit. Wir wollen zur Durchführung unseres Programmes eine grosszügige Arbeit in Erez Jisroel entfalten. Zum Beschluss des Rabbinischen Rates hinsichtlich #er Streitigkeiten zwischen der aschkenasischen Gemeinde and dem Oberrabbinat in Erez Jisroel, äusserte Ober- Tabbimer Schapiro: Die Agudias Jisroel ist bestrebt, im dieser 'Sache einen Frieden b,erbeizuführen. Der Rabbinische Rat beschloss daher, zu den Streitfragen vorderhand keine Stellung zu nehmen, sondern die Herren Rafcb. Kuk und Rabb. Sanneftfetd einzuladen, binnen sechs Monaten selbst ein Beth-Din zu bestimmen, das ihre Differenzen ausgleichen sali, Ich glaube, dass der Din-Thora in gewissen Dingen eine Vereinigung beider Gemeinden herbeiführen wird; sollte dies aber nicht gelingen, so wird man die Kompetenzen der beiden Qemeinden zu begrenzen suchen, damit Jede Gemeinde ihren eigenen Weg geht, ohne sich gegenseitig zu bekämpfen. Es werden also beide Wege, gleich welchen der Dtn-Thora einschlagen wird, unbedingt zum Frieden führen. Bis zu dem durch das Beth-Din zu fällenden Entscheid dürfen von der aschkenasischen Gemelnde keinerlei Steuern eingehoben und sie darf auch sonst nicht beeinträchtigt werden. Wir fordern für die ascbkenasische Gemeinde Autonomie und Gewissenfreiheit. Ueber die Stellungnahme zum Misrachi befragt, erklärte Oberrabbiner Schapiro, dass die Misrachisten für ihr Verbleiben bei der Zion. Ofg. heute gar keine berechtigten Argumente mehr anführen können. Handelte es sich bei ihnen früher um die politische Unterstützung des zionistischen Gedankens gegenüber der Aussenwelt, so ist diese Aufgabe nach der Balfour-Deklaration dahingefallen und Ihre Mission bei der Zion. Org. eigentlich erledigt• Der Misrachi sollte daher den Mut finden, die Konsequenzen aus der gegenwärtigen Lage zu ziehen. Nachdem die Aguda auf breiter Basis für Erez Jisroel eintritt, so bestehen die Gegensätze zwischen ihr und der Zion. Org. nur noch auf kulturellem und religiösem GeWete, also nur noch dort, wo die Misrachisten angeben, mit der Aguda einig zu sein. Ist es dem Misrachi darum zu tun, ein jüdisches Erez Jisroel zu errichten, so kann seine Arbeit doch nur in einer Untersüttzung derjenigen Organisation bestehen, welche die hiezu erforderlichen Bestrebungen und Ziele hat, und nicht in dauerndem Protestieren innerhalb einer Organisation, die auf entgegengesetztem Standpunkt steht. Wenn der Misrachi mit der Tätigkeit der Aguda noch nicht ganz einig geht, so ist ihm nach Austritt aus der Zion. Org. die Möglichkeit gegeben, in die Aguda einzutreten und in der Agudas Jisroel seinen Standpunkt zu verfechten. Eines ist sicher, dass durch die an der Kenessio Gedaulo zutage getretene organisatorische Festigkeit und durch die fortschreitende Hebung des Prestiges der Agudas Jisroel die Position des Misrachi ln der Zion. Org. nach und nach bedeutend geschwächt wird. Die Zion. Org. wird in Bälde sehen, dass die Agudas Jisroel es Ist, welche die orthodoxen Massen hinter sich hat uind die Zionisten werden dann ganz aufhören, mit dem Misrachi zu rechnen. Wie dem auch sein mag, betrachten wir die Misrachisten als unsere Freunde. Der Kongress der Aguda hat deutlich erklärt, dass an der Reinheit der Gesinnung vieler Misraohisten nicht zu zweifeln sei und wir wünschen lebhaft, dass sie uns besser verstehen. Es Ist das* heiligste Ziel der Aguda Jisroel, aus allen zersplitterten Teilen des Judentums unter der Souveränität der Tbora eine Einheit za 8ch affen. * Ueber die ethische Bedeutung des Aguda-Kongresses äusserte sich Mr. Morris Engelman, New York, Exekutiv©־ Mitglied des: ״Joint Distribution Committee“ u. a. wie folgt: Die Vereinigung so vieler, tiefe Ehrfurcht einflössender, rabbinischer Grössen, geistreicher Talmudgelehrten, genialer Köpfe und Führer des gesetzestreuea Judentums aus den verschiedensten Ländern der Diaspora an einem Orte beisammen zu sehen, hat einen überaus imponierenden und überwältigenden Eindruck auf alle g©־ macht, die das Glück hatten, dieser ״Kenessio Gedaulo“, richtiger gesagt, dieser ״Kenessio der Gedaulira" beiwohnen. Es war dies ein weihevoller und herzerhebender Anblick, der an die uralten Glanzzeiten erinnerte, als noch die Herrlichkeit der Thora alles andere im Judentum überstrahlte. Und gleich einem prophetischen Widerhall, der vom Berge Horeb ertönt, erklang es aus dem Munde dieser hehren Vertreter der heiligen Sache des jüdisch©■ Volkes, als sie in edler Begeisterung für die Wiedererstarkung des religiösen und sittlichen Ideals des tradi־ tionellen Judentums eiferten. Die Erhabenheit, die aus der Vereinigung so vieler geistiger und sittlich-religiöser Energien resultiert, wird zweifelsohne den grossen Effekt in der ganzen Welt auslösen, dass diese immanente geistige Kraftzentrale, die durch die Kenessio Gedaulo in Wien geschaffen wurde, überallhin, wo nur religiöse Juden leben, Ihren günstigen Einfluss ausstrahlen wird für die Stärkung des gesamten Judentums auf der Basis der mehrtausendjährigen jüdischen Tradition. Besonders interessant ist es, festzustellen, dass die Repräsentanten des orthodoxen Judentums hinsiohtlicb der materiellen Fragen den Schwerpunkt nicht allein auf Amerika gelegt haben, wie dies sonst bei anderen Or&anisationen üblich war. Sie haben vielmehr von der Judenheit aller Länder in gleicher Weise Opfer gefordert für die Aufrechterhaltung und Wiederaufrichtung des traditionell jüdischen Geistes und der gesetzestreuen Lebenshaltung. Jeder Jude hat die Pflicht, sich alljährlioh selbst zu b©־ steuern und sein Scherflein beizutragen, um die religiöse« Ideale des Judentums zu fördern, die Thora-Lehrstätte« und die übrigen religiösen geistigen Zentren zu festige«. Der Weltkongress der Orthodoxie gewinnt für die ganze Menschheit eine erhöhte Bedeutung. Das orthodoxe Judentum will den sittlich-religiösen, friedlichen Geist der Bibel und der göttlichen Gebote zum dominierende« Ei*־ fluss auf das Leben machen. Dies wird nicht nur für die Juden selbst von Vorteil sein, sondern auch für alle Mensehen. Durch die Rückkehr zum Glauben an Gottwird auch der Glaube an die Menschheit und die Nächstenliebe zurückkehren.“ NACHRICHTE Vom Tage 71V Mittels Flugpost. Wie jedes Jahr, hat auch diesmal die Wiener Aguda, mittels Flugpost, die von der ganzen Welt abgeschlossenen Brüder in Russland mit Arbominim versorgt. Eine telegraphische Nachricht bestätigte bereits den Empfang der Sendung, die rechtzeitig in Petrograd anlangte. Wiewohl die Tatsache eigentlich selbstverständlieh ist, dass Agudas Jisroel für diese Bedürfnisse Sorge zu tragen hat, ist es doch ein erhebendes Gefühl zu wissen, dass die Brüder in Russland, durch dargebrachte Hilfe den heiligen Tag gesetztnässig begehen können. Trotz der fast unüberwindlichen Schwierigkeiten, trotz einer hermetischen Absperrung gelangen doch die notwendigen Arbominim an ihren Bestimmungsort, wo sie, sehnsüchtig erwartet. Boten der Liebe sind von den Brüdern, denen es besser geht und die an die Brüder im Elend nicht vergessen haben. Durch die Luft nehmen diese Dinge ihren Weg, um zu den Brüdern in Russland zu gelangen. Und auch darin kann man ein Symbol und eine Deutung sehen. Dass keine irdische Macht fähig ist, dem Willen des vom thoratreuein Geiste erfüllte« jüdischen Menschen namhafte Hindernisse in den Weg zu stellen. Keine Grenzen, keine Entfernung halten stand der gewaltigen Energie eines Menschen, der vom Geiste G-ttes, seine Kraft schöpft. Sie flogen durch die Luft, die Arbominim, Jedwede irdische Hemmung aus der Höhe ihres Fluges verachtend. Denn eines muss erfüllt werden: Der Wille des g-ttlichen Gesetzes. Und mag der Mensch noch so weit im Kampfe mit der Natur fortgeschritten sein. Mag der menschliche Geist unbeschränkt herrschen über der Natur, immer sind die Werke seiner Hände und seines Geistes nur dazu bestimmt, der Herrlichkeit des Ewigen und seiner Thora in Demut zu dienen. Die Woche. ÜUE8 Warschau. Der Warschauer Schulrat beschloss, den Schulzwang für jüdische Kinder, die einen Cheder oder eine Talmud Thora mit einem Minimalprogramm für allgemeine, weltliche Bildung besuchen, aufzuheben. Warschau. Auf Intervention des Agudaführers, Sejmdeputierten Kirschbraun, wurden sämtliche Jüdischen musterpflichtigen jungen Leute vom Erscheinen vor der Musterungskommission am Roschhaschanoh. befreit. Lemberg. Das Städtchen Rozniatow wurde von einer Brandkatastrophe heimgesucht. Ueber 20 jüdische Häuser sind abgebrannt. 35 Familien sind obdachlos geworden. Lemberg. In Alt-Sambor ist ein grosser Brand ausgebrochen, dem der grösste Teil des Jüdischen Bezirkes zum Opfer gefallen ist. Der Agudaführer Oberrabbiner Sejmdeputierter L e w i n hat sofort die grösste Hilfe der Regierung in Anspruch genommen. Moskau. Laut offiziellem statistischem Bericht bilden die Juden kaum 5 Prozent der Mitglieder der kommunistlsehen Partei Russlands. Auf 1000 Juden sind kaum vier Kommunisten. New York. Der jüdische Kongress Amerikas wird nicht, wie früher gemeldet wurde, in Boston, sondern in New York stattfinden. Riga. Auf den Posten des lettischen Generalkonsuls in Berlin wurde H. Helmann, ein Jude, bestimmt. Mit dieser Ernennung wurde dem Wunsche der lettischen jüdischen Abgeordneten Rechnung getragen, wonach ein verantwortlicher diplomatischer Posten Im Auslande mit einem Juden besetzt werden soll. Prag. Das tschechoslowakische Postministerium hat dem Münchener Organ Hittiers, ״Völkischer Beobachter“, das Beförderungsrecht durch die Tschecho-Slowakei entzogen. Loadon. Die endgültige Zahl der durch das Erdbeben in Japan getöteten Menschen beträgt 84.114. New York. Der amerikanische Generalkonsul in Japan. Mr. Max D. Kiriasoff und seine Gattin, ein Jude, wurde beim Erdbeben in Tokio getötet. Sensationelle Umwälzung in der dauergewellten Perücken- und Scheltelmode durch die Neuschaffungen der Firma OTHMAR SCHIFF Wien, I., Kärntnerring 6 (gegenüber dem Hotel Bristol) welche den Damen kostenlos :: vorgeführt werden :: En gros En detail Billigste Einkaufsquelle Die grösste internationale Kun-twerkstätte tür Perücken, Scheitel und Tra s omationen Liefert seit mehr als ander!halb Jahrzehnten den Yornehmsten orthodoxen Damen aller Länder Perücken. Spezialist in Braut-Scheiteln. Di e werden der Mädchenfrisur־ mit verblüffender Täuschung nachgemacbt. Um vor Irreführung zu schützen, bit e den Vornamen Othmer und die Adresse genau zu beeohten I ■= ----- « New York. Naph einem Kabeltelegramm aus Kob« befinden sich 40 jüdische Familien, durch das Erdbeben 11 Yokohama obdachlos geworden, in grosser Not. Nach einer Konferenz der amerikanischen Hilfsaktion wunde» telegraphisch 2000 Dollar angewiesen. Die grösste jüdische Bibliothek befindet sich in New York im Besitz des Jüdischen Theologischen Seminars. Zusammengebracht worden ist diese Sammlung mit ihre* 40 000 Büchern und 4000 Manuskripten, die meisten darunter Pergament-Handschriften, von dem englischen Rechtsanwalt Elkan Nathan Adler, einem ersten Kenner der jüdP sehen Geschichte. Der Ankauf ist durch die Unterstützung des bekannten Finanzmanns Mortlmer Schiff ermöglicht worden. Die ältesten Handschriften reichen bis ins Jahr 640 zurück. Besonders reich ist die Bibliothek an Material über die Judenverfolgungen durch die spanische Inquisition und an Manuskripten über die von arabischen Juden geübte Heilkunst, Astronomie und Geometrie. Eisass. Die Gemeinde Sc ׳ha Ibach erlischt, da infolge Fortizugs kein Minjan mehr besteht. In Grossblittersdorf geht die jüdische Schule ein. Witebsk. Vor dem Revolutionsgericht der Provinz Witebsk fand ein Prozess gegen fünf Pogromanstifter aus dem Jahre 1922 statt. Die Angeklagten wurden zura Tode verurteilt und das Urteil wurde sofort vollzogen. Jerusalem. Die palästinensisch-arabische Delegatfo«, die sich unter der Führung von Husa Kazim Pascha i* London aufgehalten hat, sollte am 26. September nach Palästina zurückkehren. Buenos Aires. Der Oberrabbiner von Argentinien, Dr. S. Haiphon, ist zum Mitglied der französischen Ehrenlegion ernannt worden. Diese Ehrung wurde ihm zuteil für seine während des Krieges und nach dem Kriege den fra*־ zöslsohen Interessen geleisteten Dienste. (J. P. Z.) London. T. Der ״Palestine Exploration Fund“ bereitet emsig die Ausgrabungen in der Davtdstadfi vor. Diesen Winter wird Prof. Macatister im Norden des Ophel-Berges beginnen, während die ״Palestine Jewish Exploration Society" im Zentrum des Berges Ihre Ausgrabungsarbeiten vornehmen wird. Odessa: Zwischen den jüdischen Arbeitgebern und de■ von jüdischen Kommunisten aufgehetzten jüdischen Arbeifern herrschen jetzt grosse Zwistigkeiten wegen Einhaltung der Sabbatruhe. Die Arbeitgeber drohen mit der Schliessung der Betriebe falls Samstag gearbeitet, Sonntag aber als Ruhetag eingeführt werden soll. Die Kommunisten betrachten die Abschaffung des Sabbat als einen wichtigste* Punkt in ihrem Kampfe gegen die jüdisohe Religion. Warschau: Einige hundert Personen sind in Warschau am Ausgange des Versöhnungstages an Vergiftung^־ erschelnungen erkrankt. Es handelt sich um Fische, die in verdorbenem Zustande verkauft wurden. Tödliche Opfer dieser Vergiftung sind nicht zu beklagen. Warschau: Die polnische Quote der Auswanderer nach Amerika für das Jahr 1924 ist bereits erreicht worden. Es werden keine Visa mehr erteilt werden. New York. In New York traten 200 Schoohtlm bei Firmen, die mit Geflügel handeln, wegen Lohndifferenze»