Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 40 (5.10.1923)
- Date
- 1923-10-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 312 JÜDISCHE PRESSE Nr. 40 pensieft werden. Nachdem im Sinne der Staatsgrund־ gesetze die freie Ausübung der Religion gewährleistet, können wir unsere Kinder dem Unterrichte der Kultusfunktionäre aus dem Grunde nicht ausliefern, da der oberste religiös geistige Führer 4er israelitischen Kultusgemeinde, Herr Oberrabbiner Dr. Chajes, sich durch seine Predigt für uns auf einen »religiösen Standpunkt dadurch gestellt hat, indem er den Boden der Thora verlassen hat. 3. Wir verlangen von dem Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde, dass der Gemeinde Adas Jisroel und den mit ihr verbundenen orthodoxen Bethausvereinen die gleichen Rechte, wie der sephardischen israelitischen Gemeinde 1m Statute der israelitischen Kultusgemeinde eingeräumt werden. 4. Wir verlangen, dass auf dem neuen Friedhofe uns ein Teil überlassen wird, auf welchem keine Grüfte errichtet, noch Urnen beigesetzt werden könuen, und auf welchem Blumenschmuck der Gräber untersagt wird. Auf diesem Teil des Friedhofes dürfen nur Leichen beigesetzt werden, die sich während ihres Lebens ׳an die reiigionsgesetzlichen Bestimmungen gehalten haben Zur Einhaltung und Ueberwachung wäre im Einvernehrmen mit' dem Rabbinate der Adas Jisroel ein dreigliedriges Komitee zu ernennen. An Gebühren für Beisetzung, Beerdigung usw. wären die gleichen Gebühren an die Kassa der israelitischen Kultusgemeinde zu entrichten, wie bei den übrigen Beerdigungen und! Beisetzungen. Nachdem in den Hetzten Jahren seitens der Mit:־■ glieder der gesetzestreuen Vereinigung öfters Eingaben an den!Kultusvorstand gerichtet wurden, derselbe: •es jedoch niemals ׳der Mühe wert fand, diese Ein״׳ gaben einer Erledigung zuzuführen, gestatten wir uns :folgendes zu bemerken: Wir bitten seitens des Kultusvorstandes Erledi.- gung des dbenangeführten Punktes bis 15. Oktober״ andernfalls .wir uns Schritte Vorbehalten. Wir bemerken bei dieser Gelegenheit, dass wir!durch die Zuerkennung der gleichen Rechte an die: Adas Jisroel wie an die sephardisch-israelitische Ge־■ meinde den Austritt aus der Kultusgemeinde und: somit deren Sprengung vermeiden wollen. In letzter Stunde appellieren wir daher an die ,Erkenntnis des Kultusvorstandes der streng orthodoxen Judenheit, durch die Gewährung der obigen Punkte die Möglichkeit zu geben, im Rahmen, der israelitischen Kultusgemeinde zu verbleiben. Die Läge in Litauen.! Die Vorgänge in׳ Litauen lenken die grösste Aufmerksamkeit des ganzen Judentums auf sich. Um die heiitige Lage genau beurteilen zu können, muss man die Entwicklung der polischen Situation bis auf den gegenwärtigen Stand verfolgt haben, da manches, was auf den ersten Blick unverständlich erscheint, bei genauerer Betrachtung geklärt wird. Das litauische Judentum ist orthodox. Bis vor dem Krieg wagt sich keine, sogenannte moderne, zersetzende Wirkungen habende Idee, in diese ,Hochbürg der gesunden, starken Reohtgläubigkeit. Das litauische Judentum war lebenstrotzend, entwicklungsfähig und orthodox. Erst der Krieg mit seinem grenzenlosen Unglück konnte diese feste Mauer ins Wanken bringen. Die das Land fluchtartig verlassende russische Armee schleppte grosse Teile der Bevölkerung, unter dem Befehle der Evakuation, ins des jüdischen Sportklubs, sah er nicht viel Jüdisches, dagegen konnte er einen Antisemitismus konstatieren, der ins Groteske steigt, abscheulich wirkt und die Ges eh schaft .... In der Gesellschaft, ich beschwöre es bei ineijnem Barte, war kein einziger, der nicht auf^ den Schimpfnamen ״Jud“ sich schüchtern ducken würde. Gesprochen wurde von Allem• Hauptsächlich aber von Operetten, Börse׳ und expressionistischer Literatur. Das einzig jüdische waren die Laifrzelach, die die Herren und ja auch die Damen beim Schwärzen sich gegenseitig miitteilten. Und diese trugen die Marke: ״Max und Moriz“. Der Amerikaner lachte sich krank und׳ schrieb nach Hause, dass die komischeste, aber auch unsympatischeste Gattung Juden in Wien wohne. Juden mit jüde'lndem ׳Geist und Herz. DeT Cicerone aber musste aus der Gelegenheit dieses Besuches ׳die Konsequenzen ziehen, dass es ln Wien ein ״jüdisches Leben“ in amerikanischem Sinne gar nicht vorhanden sei. Wir verbringen unser jüdisches Leben in der Synagoge und — zu Hause. Und es ist noch sehr fraglich, ob Leben im Theater und Kaffeehaus so durchaus jüdisch genannt werden kann. Doch müsste mehr gesellschaftliches jüdisches Leben gpflegt werden. Da er ein unverbesserlioher Optimist ist, hofft er den Amerikaner bei seinem nächsten Besuche zufriedensteilen zu können• m aller Jfrt in feinster Aus» fübrung und in ieder Preislage Ificrren• und Damtitpelze ® © 0 e © © © 0 © 0 © © © © © © Wien, 2. Bezirk, Taborstraßs 1-3 1. Stock, Tetopfion 46*7-61 {Filiale: 2. $^b®!?5fr’asse l^paratarsir anä @tf}a1*bcif(1!)|c1)ftenfei). raschest and billigst effe^ktiefi den Sfeligionsangeiegenheiten, jedweder Rechte beraubt wurde, kam schliesslich die Entscheidüng. Die jüdische Orthodoxie konnte nicht in Körper־ schäften und mit Organen Zusammenarbeiten, die das Wesentlichste im Judentum untergrub und schied aus allen national-autonomen Organen aus. So wurde endlich der Weg eingeschlagen, der der einzig richtige in derartigen Situationen ist• Es wurde auf diese Art die Verantwortung abgelehnt, die die Zionisten gerne!auf die Schultern der Orthodoxie gewälzt hätten, für Taten und Handlungen, denen die Orthodoxie vollkommen fern steht. Diese Taktik wird auch jetzt bei den Nationalratswahlen befolgt. Die Orthodoxie boykottiert die Wahlen zu diesem scheinautonamisohen Nationalrat und wird sich •nur au den Gememderatswahlen beteiligen, weil hier der Einfluss der Orthodoxie in jüdischen religiösen Angelegenheiten von grossem ׳Nutzen sein kann. Den Weg, den das orthodoxe Judentum in Litauen betreten hat, ist der einzig richtige. Es wäre •nur zu wünschen, dass dieser Weg weiter beschritteil werden soll und keine noch so schönen Versprechungen die Führer der Orthodoxie von diesem! Wege abbringen sollen. k. innere Russland. ׳Und gerade jene Gesellschaftsschichten mussten ihre Heinrat. verlassen, die Stützen und Pfeiler des jüdischen Lebens1 m Litauen gewesen sind• Als Geisel wurden: sie in weite Ländereien hinausgetrieben, während, zu: Hause, zur Zeit der deutschen Okkupation, dhs gesellschaftliche Leben zerstört wurde• So konnten in einer Zeit: der Verwirrung und1 Zer— setziing im jüdischen Leben in Litauen, die ״neuen; Reichen“, die Zionisten und! die Linksmdikalen, die;־ Macht in der jüdischen Gasse an sieh reissen. Mit der weiteren Entwicklung der Verhältnisse begann der Kampf um die Rechte des litauiscfren Judentums und da zeigte sich der äussersfe zweifelhafte Charakter der•• neuen Beherrscher der jüc&schea! Oefientlichkeit in Li•1• tauen. Die litauische Orthodbxie beging in dieser ZMt einen verhängnisvollen Fehler, dessen Folgen bis zum׳ heutigen Tage zu spüren, sind. Sie liess sich׳ widerstandslos den grossen Einfluss,, den sie auf die jüdisehen Massen ausübte, wegrraefiTnen, ja sic gab selbst die Macht in die Hände dfer Zionisten und Linksradikalen. Auf diese Art wunde־ die heutige Konstellation geschaffen. Die ,Gemeiüde—un>d Nationaltäte waren im Grunde nicht rein welflfc&i! aber auch,.nicht reib re׳li-* giös. Die ausführendeHi Organe waren aufgebaut auf dem Prinzipe der Toleranz aller Strömungen im litauischen Judentum. Baibei wurden ׳die drei Hauptgruppen, die Orthodoxie, die zionistisch-nafcionalistisch-hebraistisöhe und die links-sozial-jidisc&istische», im Prinzipe gleich anerkannt und mit gleichen Rechten beteilt, ohne dass der faktischen Zusammensetzung des Litauischen Judentums Rechnung getragen wurde, welches in seinem überragenden Teile orthodox blieb. So wuchsen die zwei anderen Gruppen auf Rechnung und Kosten der Orthodoxie und ersohütterten so das Grundprinzip der orthodoxen Landes- Politik. Sie bekamen die Gelder in ihre Verwaltung und konnten in den Gemeindsstuben Ihre Herrschaft befestigen, nachdem sie auf die äu׳sse?st zahlreichen Angestellten der KultusgemeHtden, ihren Einfluss ausübten. Die von den Zionisten und' den Linksradikalen abgegebene Parole, dass die Orthodoxie Foind jeder Autonomie ist, war selbstverständlich eine in diesen Kreisen übliche Fälschung. Die Orthodoxie Litauens war nicht gegen die Autonomie, sondern gegen diese Art von Autonomie..״ Dieses Verhängnisvolle Blendwerk einer nationalen Autonomie mit Trennung vom religiösen Kult, bewirkte, diass die Orthodoxie einseben musste, dass eine gemeinsame Arbeit mit diesen ׳Elementen nicht möglich sei, welche Feststellung früher oder später zum Austritte der Orthodoxie aus den ausübenden Organen führen musste. Lange herrschte ein unentschiedener Zustand. Zusehends wurde die Lage des litauischen Judentums schlechter. Die ■unsinnige Politik der zionistischen Mandatare und Minister, die sich von einer unkonzilianten Minoritätenpolitik ins Schlepptau nehmen liess, brachte das litauische Judentum Langsam um alle errungenen Rechte und Freiheiten. Die Judenschaft wurde durch die Taktik der zionistischen Führer, die, wie überall:, auch hier im Namen der ganzen jüdischen Bevölkerung unrechtmässig auftraten, in die unsympathische Stellung hineingetrieben, ■in der ׳sie sich im gegenwärtigen Zeitpunkte befindet. Als einzig und allein durch Schuld der zionistisehen Abgeordneten der litauische Gründungssejm den Beschluss durohführte, dass die Religion aus der Autonomie ausgeschaltet werden soll, und so einerseits die Autonomie der Juden bestätigt wurde, anderseits aber die Judenschaft im wesentlichsten, Jerusalem auf der Kenessio Gedaulo. Der Reichtum des Erlebens, das die Kenessio Gedaulo allen Teilnehmern, insbesondere den an der Arbeit beteiligten Delegierten, gebracht hat, lässt es natürlich erscheinen, dass erst allmählich die einzelnen Züge des farbensatten Bildes für die Erinnerung in voller Klarheit hervortreten und sich von dem Gesamterfebnis abheben. Das gilt auch von dem Jeruscholajim-Problem, das eine grosse Rolle vor und hinter den Kulissen der Kenessio Gedaulo gespielt und die Aufmerksamkeit der Führer insbesondere sehr stark in Anspruch genommen hat. Der Gegensatz zwischen dem von Rabbiner Kuk: geleiteten ״Misrad harabbanuth“ und dem Besdin! Rabbiner Sonnenfelds ist — warum sollte man! daraus; in den ersten Tagen der Selbstprüfung ein Hehl׳־ machen — eine schmerzende Wunde am Körper der gesetzestreuen Gesamtheit. Diese Wunde zu schliessen״ wäre ■eine heilige Aufgabe, nicht nur um des furchte baren ־ל דדשם*tילn, willen, den die wilden Gemeinde*- kämpfe in der Stadt des Friedens unausgesetzt heraufr beschwören, sondern auch weil die bitter notwendige; einheitliche Front der Erez Jisroel-Orthodoxie gegenüber 'einer hasserfüllten Phalanx thorafeindlicher Rjadikaler unter den heutigen Umständen nimmermehr Zustandekommen kann.. Ist ein Friede■ zwischen den beiden Gruppen und Gemeinden überhaupt denkbar? Dass es sieh nicht um persönliche Gegensätze handelt, nicht einmal wesentlich um persönliche Gegensätze höheren Charakters, d. h. um Einwendungen gegen die geistig-religiöse Individualität ׳Rabbiner Kuks, ist jedem halbwegs Eingeweihten klar. Im Grunde ist das thema probandum des; Jerusalemer Kampfes das gleiche, das ״Agudas JtiBroel“ der Idee nach vom Misrachi, die selbständige Orthodoxie in vielen Grosstädten der Diaspora von, d!er sogenannten Gemeinde-Orthodoxie trennt. Auf der einen Seite das klare Bewusstsein! von der inneren Notwendigkeit eines nur G-tt und seiner Thora unterworfenen, von allen unjüdischen Einflüssen befreiten Gemeinschaftskörper als einzig©: Gewähr der jiidisehen Zukunft — auf der andere» Seite die mit unverwüstlichem Optimismus festgehaltene Vorstellung, man könne auch auf dem Boden des durchaus als Irrwahn erkannten areligiösen Volksgedankens durch Ueberredung, parlamentarische Künste, Bruderliebe und gelegentliche Drohungen die prinzipiellen Gegner des מלכות שפים, auch wenn sie an führender,, einflussreichster Stelle stehen, mit in den Dienst der Thorazwecke hineinziehen. Ist dieser irrige Gedanke im Westen subjektiv verständlich, wo der zionistische und assimilatorische Liberalismus seine gefüblsmässige Betontheit und damit seine Spitze gegen rechts bereits vielfach abgestumpft hat, so entbehrt er in Erez Jisroel, wie im Osten zumeist, jedweder psychologischen Voraus- Setzung. Durch eine Gemeinschaft, in der die politisch geschulte, kulturell׳ überlegene und religiös radikal gesinnte Linke eine organisatorische Einheit mit den zwar sittlich und intellektuell höher stehenden, aber gänzlich unbeholfenen orthodoxen Massen bildet, muss Idee und Praxis des traditionellen Judentums auf die Dauer den schwersten Schaden erleiden. Gerade in Jerusalem, wo ja zur türkischen Zeit, trotz der papiernen Chacham-Baschi-Institution, völlige Gemeindefreiheit und Gewissensfreiheit herrschte, würde die orthodoxe Masse zweifellos — wenn auch nicht die politische Erfahrung — so doch genügenden Instinkt besessen haben, um sich für die gemeindliche Vormundschaft der Herren von der Linken einmütig schönstens zu bedanken — hätte das Schicksal nicht (JvךJ,^LrrnAnJמוJוnrLדו^iדnrי,v‘Jד(דn^וrMרAf^JVWV>n^^vyיnr^‘*^■*־^‘^,*^<*‘^^'^־*,* *»*»***»*«*»*»*»*»*«***»*»*•i ■•■*״**י** >»*׳א^״< י*׳ י •<■׳n* aus dauergewelltem Naturhaar, garantiert unsichtbar im Tragen, Wionj!. Bezirk, Kärntneratrasse 8 liefert kurzfristig (nächst dem Stefansplatz, um die Ecke) Perücken Rudolf SCHIFF