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Jüdische Presse · 1923-10-05 · 40 (5.10.1923) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
40 (5.10.1923)
Date
1923-10-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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(״JUDISOHE ROHRE«PO«DEIZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. JÜDISCHE PFff* Redaktion und Administration: Wien, II., Malzgasse 12a. — Telephon 49.054. Tschecho-Slowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluss: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Oesterreich, Deutschland, Polen öst. K 80.000, Tschecho-Slowakei Kö. 70, Schweiz Frcs. 10, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 7 Shilling, Rumänien 200 Lei, Jugoslawien 70 Dinar, Einzelnummer öst. K 1.500. Zahlungen für Oesterreich: PostsparkassenamtWien, Konte Nr. 13.458; für Polen: Post9parkassenamt Warschau, Konte Nr. 190.4«!&; für Ungarn: Postsparkassenamt Budapest, Konto Nr. 50.170; für Tschecho-Slowakei: Postsparkassenamt Prag, Konto Nr. 53.386; für Jugoslawien: Postsp.-Amt Agram, Ko. N. 40.217; f. Rumänien: Banca Marmarosch Blanc fit Co für Florenz fit Co, Bukarest; für die Schweiz: Postscheckk. Luzern VII. 1470. Mi•■ 40 Wien-Bratislava, 5. Oktober 1923 .ב״ה ויענה־םחגססבורג כ״ה תשיי תיפ״ד 9. Jahrg. Der hohe Alltag. Die letzten Wochen des verflossenen Jahres strahlten im Glanze grosser Feste. Das grosse Ereignis der Kenessio Gedau'1'0 mit seinen schweren, mühevollen VorbereitungsaTbeiten und schlieslich mit seinem bedeutendem, von Feind und Freund gleichmassig anerkanntem Erfolge, hatte das Leben der letzten zwei Monate im vergangenen Jahre ganz ausgefüllt und keine Zeit und Müsse zu ruhiger, reflektierender Betrachtung übriggelassen. Knapp nach der Kenessio!begannen die hohen Feiertage. Und wieder war die Seele froh gestimmt, wieder erschien Alles im Schimmer der glänzenden Tage, wie/der spielte Festesstimmung ihre herrliche Mel'odie und Hess den krassen Misston gegenwärtiger Weltlage verhallen. ׳Gestärkt durch das Gebet, gehoben und erhöht durch den Trost herrlicher, unvergänglicher Religion, empfand man die grosse Bedeutung der Kenessio noch ׳stärker, ward klar und bewusst die heilige Glorie ihrer Herrlichkeit. Nun kommt der Alltag. Düster und traurig, kleinlich und mühselig erscheint Alles ׳grau, nach den verlebten Tagen des Glanzes und der Freude. Traurig und trübe ist die Welt geworden, verwirrt und ver- •worren das Leben. Ueberall, wohin die Blicke fallen, ein wüster Knäuel schier unentwirrbarer Verhältnisse, ein kranker Taumel, rückhaltlosen Dahinlebens. Wohl .^szeh&ßran vhig-Hn^ der Welt. Doch keiner kann noch heute wissen, was aus diesem Samen reifen wird- In völliges, schreckliches Dunkel ist die nächste Zukunft gehüllt, die Gegenwart aber trauriger denn je. Des jüdischen Volkes Lage und Situation ist sonderbar. Man hat!bei genauer Betrachtung den Eindruck, als ob ein Zeitpunkt der Entscheidung eingetreten wäre, die Zeit des Zwielichtes und der Dämmerung. Von Aussen muss sich das jüdische Volk dem Ansturm unzähliger, starker, feindlicher Kräfte entgegenstellen, von Innen dem langsamen, nagendem Wurme der moralischen Zersetzung, wirksame Prohibitivmittel entgegensetzen. Doch auch hier kann man das zage Reifen einer neuen Blüte bemerken, die flege und Pflege braucht, um mächtige Frucht hervorzubringen. Die Kenessio Gedaulo, die seit Jahrtausenden wieder erste grosse, aller Welt sichtbare Demonstration des echten Judentums, des thoratreuen jüdischen Volkes, ist dieser Keim, ist diese einzige, grosse Hoffnung. Die Feste sind vorüber, ׳der Alltag kommt. Nun gilt es wieder, ins Joch ׳der täglichen Mühe, es gilt wieder die Arbeit aufzunehmen, die unendlich gross geworden ist, durch eben diese Federtage. Denn die Kenessio Gedaulo war nichts mehr und dies allein ist wahrlich gross genug, als ein heiliges Versprechen der Abgesandten des thoratreuen Judentums, hoch über alle Unbill ׳der Tage, die heilige Fahne des Gesetzes zu halten, dem!heiligen Volke im heiligen Lande, ein gesetzmässiges Leben zu bereiten. Deshalb muss ein Ruf erschallen von Land zu Land, von Stadt zu Stadt, von Gemeinde׳ zu Gemeinde: Alle an die Arbeit. Jedermann auf seinen Platz• Alle Kraft dem heiligen Werke! Wird ein Mann fehlen, wird einer erlahmen, dann wird gefährdet das Werk. Dann droht die Gefahr, dass ׳der schwache Keim verdorrt und verdirbt ׳Heilig wie die Feste, heilig wie das Versprechen, heilig wie die Pflicht zum Werke und wie das Werk selbst, muss auch der Alltag uns werden und die Werke des Alltags. Immer in solchen Augenblicken droht die Gefahr, ׳dass man im Gehege der Kleinarbeit, immer mehr vom'steilen,!beschwerlichen Wege zum grossen Ziele, in die Irre, geht und sich, nach klei- Die Bewegung, die das thoratreue Judentum und seine Ziele umfasst, darf sich durch die Sorgen des Alltags nicht zu ׳den Z i e 1 e n des Alltags verleiten und herabziehen lassen. Es muss auch der Charakter der Arbeit, diem Charakter, dem grossen Ziele angepasst werden. Das Licht des Zieles muss auch den Weg zum Ziele beleuchten. Und jedermann, der diesen Weg beschreitet, muss sich bewusst sein, dass auf ihm und seines Alltags Arbeit, das hohe Licht ruht. Ewig ist die Thora. Ewig ist das Volk. Und die schwere Arbeit unserer Tage muss entsprechend für die Ewigkeit geformt werden. Alles, was geschieht, jede kleinste Tat, muss sub specie aeternitatis vollzogen werden• Dann wird uns der graue, mühselige Tag, ein hoher Alltag werden. —-z. Forderungen der Wiener Orthodoxie. Die orthodoxen Mitglieder des Vorstandes der Kultus ge mein de haben in der jüngsten Plenarsitzung des Vorstandes folgendes Memorandum, die wichtigsten Forderungen der Wiener Orthodoxie enthaltend, überreicht. Im Namen der gesetzestreuen Mitglieder des Kultusvorstandes gestatten wir uns folgenden Antrag dem Kultusvorstande zu unterbreiten: Wir gesetzestreuen Mitglieder des Kultus- Vorstandes sind seinerzeit auf Grund der bei der Wahl erhaltenen Mandate in den Vorstand eingetreten. Bei der ersten Sitzung des Kultusvorstandes hatten wir in Erwähnung gebracht, dass wir von unseren Prinzipien durch den Eintritt in den Kultus- Vorstand absolut nichts aufgegeben haben und nach wie vor, den gleichen oppositionellen Standpunkt einnehmen. Wir können uns aus religiösen Gründen weder mit der Führung des Oberrabbinates und Rabbinates sowie der Gesamtführung des Kultusvorstandes einverstanden erklären. Gelegentlich des letzten Rosch-Haschonofestes hatte Herr Oberrabbiner, wie uns berichtet wurde, von der Kanzel des Seitenstettentempels eine Rede gehalten, in welcher er erklärt, dass die Thora in Israel nicht souverän sei. Hiemit hat Herr Oberrabbiner seine Ansicht und die seines Rabbinates offiziell deklariert. Wir habpn niemals das Ober- -rabtfinhr gemeinde in religiöser Hinsicht anerkannt und unterhalten in der Gemeide Adas Jisroel ein selbständiges Rabbinat. Wir verlangen vom Kultusvorstand:; 1. die unbedingte Anerkennung des Rabbinates : der Adas Jisroel, damit dasselbe auch das Recht hat, Gidim und Chalice zu geben und überhaupt uneingeschränkt alle Funktionen, die einem Rabbinate zustehen, auszuführen, somit auch rabbinische Gutachten an die Behörde zu erstatten. 2. Wir verlangen, dass die Schüler der Volks-, Bürger- und Mittelschulen, welche an den Religion?- schulen der Adas Jisroel und der verbundenen orthodoxen Bethausvereine in Religion unterrichtet werden, vom Unterrichte, den die Funktionäre der israelitischen Kultusgemeinde in Schulen erteilen, dis- Das jüdische Wien. Ein Amerikaner (wer denn sonst), der im Auftrag einer der vielen amerikanischen Hilfsaktionen, eine der vielen Informationsreisen durch das elende jüdische Europa machte, landete schliesslich auch in Wien, nachdem ihm, wie er später mitteilte, auch das jüdische Wien auf die Marschroute gesetzt wurde. In Wien angekomrnen, geriet der Amerikaner an den Schreiber dieser Zeilen, der als Cicerone durch das jüdische Wien dienen sollte. Wenn man so durch einen Fremden plötzlich mit dem Wunsche überrascht wird: ״Also Mister, heute sehen wir uns einmal das jüdische Wien an'4, so ist man zwar im ersten Augenblick überrascht, aber bald fasst man sich und nickt ׳bejahend zu, um das Prestige solange als möglich aufrechtzuerhalten. Selbstverständlich wird Wien mit seiner Viertelmillion Juden doch so etwas ähnliches wie jüdisches gesellschaftliches Leben haben. Und so macht man sich auf den Weg. Der Amerikaner, wissensdurstig und aufnahnibereit, der Cicerone mit einem Gefühl der Beklemmung und herannahender Verzweiflung. Den Besuch der Synagogen und Tempel lehnt der Amerikaner ab. Sein Interesse, behauptet er, sei nicht auf die bestimmt wunderbaren, altertümlichen, •architektonischen Kostbarkeiten gerichtet. Diese wollen wir uns auf einen späteren Zeitpunkt bewahren, um diese Bauten im Rahmen der ganzen Stadt zu bewundern- Der Cicerone fühlt langsam das Nahen einer Katastrophe. Doch mit aller za Gebote stehenden Redekunst wird ein Hymnus auf die fabelhaften jüdi- ׳sehen philantropischen Institutionen angestimmt, der in einer schwungvollen Aufforderung zum Besuche der bestimmt sehenswerten Anstalten ausklingt. Der Amerikaner weiss Bescheid. Der Weitrühm einer Institution wie das Wiener Israelitische Blindeninstitut, das Taubstummeninstitut, die vielen gemeinnützigen Anstalten des Jüdischen Hilfswerkes der Agudas Jisroel ist auch nach Amerika gedrungen. Gewiss werden wir uns auch ׳diese Anstalten genau ansehen, doch vorerst ist er etwas satt. Kein Wunder, wenn ׳man durch ganz Europa reisend, in jeder grösseren jüdischen Gemeinde Spitäler, Waisenhäuser ׳usw. ׳besichtigt!hat. Den Cicerone erfasst ein Unbehagen. Schuchtern wagt er die Frage, was denn in aller Welt, der Amerikaner zu sehen wünsche und was er sich denn unter dem Begriffe ״jüdisches Leben“ vorstelle, wenn nicht Bethäaser und Waisenhäuser? Der Amerikaner ist um Antwort nicht verlegen. Jüdisches Leben möchte er sehen, das heisst jüdische Menschen, jüdisches Publikum, einen lokalen Brenn- Punkt der jüdischen Gesellschaft der Stadt. Zum Beispiel ein jüdisches Theater, ein Kaffeehaus, in welehern das jüdische Publikum zusammenkommt, ein jüdisches Restaurant oder gar eine Privatgesellschaft, wo vielleicht die geistige Elite der Judenschaft verkehrt. Das möchte er. Und dies alles zusammen, mit den Synagogen und Waisenhäusern, er gibt cs zu, mit den Zeitungsredaktionen, Verlagsbuchhandlangen und Kunstsalons, usw., usw., diesen ganzen Komplex nennt er ״jüdisches Leben“. Der Cicerone ist erstaunt, dass er selbst nicht auf diese Selbstverständlichkeit gekommen ist und fühlt, wie der Stein sich von seinem Herzen wälzt. Selbstverständlich, ein jüdisches Theater gibt es doch irgendwo in der Gegend des Cafe National. Kaffeehäuser? In welchem Kaffeehaus verkehren nicht ausschliesslich Juden? Und auch eine exquisite Gesellschaft wird sich finden. Von den Erlebnissen im Theater und in den verschiedenen Cafes, Restaurants will der Schreiber nichts berichten. Es war ein Fiasko von gewaltigen Dimensionen. ״Jüdisch nennen Sie das“ — fragte beim Ausgang dieser Lokallitäten, wütend der Amerikaner. ״Glauben Sie, dass es jüdisch ist, weil man dort mauschelnd, in verdorbener jüdischer Sprache, ekelhafte Zoten und Börsengeschichten zu Gehör bekommt.“ Und er verglich diese Lokale mit anderen in New York, Warschau, Wilna. Der Cicerone wurde von Schamröte übergossen. Doch am nächsten Tage sollten Redaktionen jüdischer Zeitungen, ein Fest eines jüdischen Sportklubs und am Abend eine glänzende Gesellschaft besucht werden. Da hoffte er, wird alles gut gemacht werden. Und gibt es Worte? Die Redakteure fand der Amerikaner als ״Daitschen, die von Jüddschkeit so eine Ahnung haben, wie er von Honolulu“ — am Feste Pessl Wien I. 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