Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 38-39 (21.9.1923)
- Date
- 1923-09-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38)ft9 ____ fete feifaren Schüler büdeteü glefchzeitig cße Lehrer för die jüngeren Klassen. Im Jahre 5679 gelang es dem Roretoer Raw eine Jeschiwa mit 100 Bachurim zu gründen und Chadorim für ungefähr 300 Zöglinge zu schaffen. Für die Flfichtlingskinder bestehen besondere Anstalten. Der Unterricht beginnt von der primitivsten Stufe an, bis Mikra, Mischna und Qemoro erlernt wird. Unter den erwachsenen Schülern der Jeschiwa gibt cs viele ausgezeichnete Sofrim, die durch ihre Arbeit zur Erhaltung der Jeschiwa, die erst in der letzten Zeit ,von Amerika unterstützt wird, beitragen. Die Arbeit des Koretzer Raw hat auf die latenten Kräfte der thoratreuen Judenheit in Wolhynien belebend und an- Spornend gewirkt. In Rowao, Luck, Kowel entstanden Hwfalehfanstalten, die ebenfalls Grosses leisten. Aber der Mangel an Mitteln und an geeigneten Lehrern erschwört die Arbeit dieser Heiden, die in einer Wüste für das alte überlieferte Judentum kämpfen. Von der Kenessio Gedaulo nahmen die Abgesandten der wolhynischen thoratreuen Judenheit viel Mut und Begeistcrung mit. Falls sie die nötige Unterstützung seitens der Zentralstellen erhalten, werden sie für das thoratreue Judentum Bleibendes schaffen können. P. Der Sanoker. Der Führer der polnischen LandsmannschaftSejmdeputiefterRabbirterSchapira verdient im vollsten Masse die Anerkennung und Popularität unter seinen Landsleuten. Jedesmal, wenn der Sanoker Raw das Wort ergriff, belebten sich die durch gewaltige Arbeit ermüdeten Delegierten und hörten in atemloser Stille seinen Worten zu. Die Rede des Sanokers ist nie ein Elaborat, nie ein vorbereitetes, geschliffenes, oratorisches Meisterwerk. Und doch, ein Meisterwerk. Die Worte am Anfang seiner Rede langsam und deutlich setzend, scheint es, als ob die Gewalt der Gedanken über den Redner selbst ihre Macht ausbreiten würde, um dann Jedesmal rascher die Worte mit ange- Spanntestem Organe den Hörem entgegenzuschleudern, die nicht nur den Weg zum Hirne, sondern auch zum Herzen treffen. Wenn der Sanoker spricht, erwächst Hoffinnig. Mag auch die Situation, die er schildert, noch so trübe sein, man welss, dass er auch bald greifbare Mittel aufzeigen wird, die, wenn sie in Anwendung gebracht, die Lage des Volkes wesentlieh verbessern werden. Rabbiner Schapira Ist ein Volksführer m besten Sinne des Wortes. Die glaubenstreue üdehschaft Polens konnte sich keinen besseren Jufer im Streite, keinett vertrauenswürdigeren Führer im polnischen Parlamente wählen. Und dass gerade dieser Volksmann und Politiker in den Berätungen der Kenessio Gedaulo die Sache der Jüdischen Erziehung zu vertreten hatte, ist ein Beweis, dass die Veranstalter der Kenessio Gedaulo die besten Kräfte den jüdischen, glaubenstreuen Efzlehungsproblemert widmen und die Erziehungsfrage mit den gehörigen Mittel behandeln wollen. In der Schlussrede des Sanoker Raw wurden auch jene Worte gesagt, die am besten den grossen historischen Erfolg der Kenessio Gedaulo bezeichnen. Oberrabbiner Schapira sprach das grosse histori sehe Wort aus: Wir sind wieder ein G-ttes- Volk. Und wenn auch in diesem kleinen Wörtchen —* ״wieder“ — die ganze Tragödie, der letzten Jahrzehnte liegt, so ist die frohe Zuversicht eine Sicherung, die uns ruhiger werden lässt und uns gestattet, mit allen Kräften sich der Aufbauarbeit zu widmen. Rabbiner Dr. Pinkas Ko hu dankte Oberröbbiner Schapira für seine Worte der Anerkehnung und cße ganze Kenessio Gedaulo hatte es tief empfunden und mit grösstem Glücke zur Kenntnis genommen, dass diese beiden Männer mit vereinten Kräften die Fahne der Agudas Isroel hoch Halten werden! ־־ Der Samborer. Oberrabbiner Sejmdeputlerter L e w i n ist ein Salonredner. Wenn man ihn einmal gehört hat, so versteht man es, warum gerade er im polnischen Sejm; dem aus sehr verschiedenen Elementen zusammengesetzten SejmpMm, den Standpunkt der jüdischen Abgeordneten äuselrianderäetzt. Logisch und klar, bewusst und zielsicher, vertritt er seine Sache und lässt seinem lemperament nie die Zügel schiessen. Klare Worte, das ist sein Prinzip. Er appelliert und protestiert nicht, er beweist nur die Gerechtigkeit der Forderungen. So auch In der Sehechitafrage. Die Ausfälle und Hirngespinste der antisemitischen Hetzpresse, brandmarkt er mit einigen abfälligen Worten, um jedoch bald das Wesentliche herauszuschälen und vorzuführen. Den Bruch der Staats- Verfassung, die Verletzung der Staatsgrundgesetze und erst wenn er dieses Bewiesen hat, verlangt er *dfe Reparation. Oberrabblner Lewirt ist kein Volksmann, aber dlp Staatsmann. Und seine Rede erfüllt die Zuhörer mit einer Sicherheit und mit einer Ruhe, ale es ermöglicht, da9s Oberrabbiner Lewin vom Vollkommenen Vertrauen seiner Wähler getragen, mit'der Regierung verhandeln kann. Auch bei der Kenessio Gedaulo war Ober- ' k&wi a - Referent. in derSch-ec!hä־ta-? nccdai: .TALESFABRIK. Telephon 69-1-23 TelePhon 0923־1־ Knisbacher & Windacbaoer, Win, 1״ HeotorgssuB עדצייגט וואלל* אונד זיידענטלמדם Export nach alSen Staaten frage. Mag auch bis nun in der jüdischen Welt die Meinung nicht durchgedrungen sein, wie ungeheuer wichtig diese Frage ist und wie vielleicht dadurch eine Bresche in der jüdischen Front geschlagen werden kann, so weiss man nach den Ausführungen Oberrabbiner Lew ins es hoch zu schätzen, dass der jüdische Sejmklub ohne Rücksicht auf die sonstigen Gegensätze, in dieser Frage einträchtig vorgegangen ist. Es wäre mir zu wünschen, dass auch die anderen Ländern, wie England, Amerika, Litauen usw. solche Männer diese wichtige Angelegenheit vertreten, wie es Oberrabbiner Lewin ist. Kühl, gelassen und prägnant deutlich spricht Oberrabbiner Lewin. Doch seine Worte sind getragen von fester Ueberzeugung und von einem Geisteswillen, der im Kampfe keiner Macht weichen wird. Zielsichere Strategik, Logik und fabelhaftes Beherrschen der Materie sind die Eigenschaften, die Oberrabbiner Lewin sein eigen nennt und die im Kampfe der jüdischen Bevölkerung um bürgerliehe Gleichberechtigung in Polen, die grössten Dienste erweisen können. Jakob Rosenheim. Jakob Rosenheims Rede ist immer ein oratorisches Meisterwerk. Doch immer hat man den Eindruck, dass es dem Sprecher nicht um die Form, sondern um den Inhalt geht. Und was Jakob Rosenheini sagt, sind Worte eines überlegenen, ungeheuer viel wissenden, der Sache ganz ergebenen Mannes. Was für eine Angelegenheit — und sei es auch die kleinste, sei es auch die trockenste — Jakob Rosenheim behandelt, immer ist seine Rede ein Erlebnis. Immer greift Jakob Rosenheim an das Herz des Zuhörers, immer weiss er jeden Menschen zu interessieren und schliesslich auch zu überzeugen. Es gibt nicht viele ähnliche Männer des Wortes im jüdischen Volke. Die schwersten, wichtigsten Dinge werden Jakob Rosenheim anvertraut. Denn man weiss, Jakob Rosenheim wird diese Dinge behutsam aber entschlossen, fein aber energisch anfassen. Die Ausführung jeder Angelegenheit ist exakt, der Erfolg günstig. Wenn Jakob Ro׳senheim eine Sache übernimmt, so ist es diese Tatsache schon Bürge dafür, dass er sie bis zum letzten Punkte fortführen wird. Es gibt nicht viele ähnliche Männer der Tat im jüdischen Volke! Wenn aber Jakob Rosenheim die Sache seines Glaubens behandelt, da ist dieser Mann von einer biblischen Grösse. Von einer Intensität der Empfindungen, von einer Genialität der Geistesgrösse und Geistesfülle, die ihn an die gleichen Stelle hochhebt, an der die grossen Führer in Israel thronen. Wenn es um das jüdische Wesen geht — Jugend, Familie, jüdische Frau — dann stellt vor uns ein Kämpfer von gewaltigen Dimensionen, ein Lenker eines Volkes, wie ihn die Jahrhunderte kaum einmal hervorbringen. Es gibt nicht viele ähnliche Männer des Geistes im . jüdischen Volke! Und doch. Ein Gefühl der Beschämung ergreift uns, wenn wir bedenkeil, wie bescheiden, still, zurückgezogen dieser Mann zwischen uns lebt. Wäre Jakob Rosenhelm Mitglied .eines׳ änderen Volkes, Führer einer anderen Bewegung, die ganze grosse Welt wäre voll mit seinem Namen. Das jüdische' Volk ist gross — denn cs hat J a k 0 b R 0 s e n 11 e i m! K. Eine Festpredigt. Wenn am ersten Tage eines neuen Jahres der Führer und Seelsorger einer jüdischen Gemeinde das Wort ergreift; so geschieht es meistens, dass er das wichtigste Ereignis des verflossenen Jahres herausgreifend, an dessen positiven oder negativem Gehalte,, der Freude oder der Trauer Ausdruck gibt, in die Zukunft Ausblick hält, die andächtige Gemeinde ermahnt und tröstet, und sie zu gerechtem Wandel, zu einem für Volk und Menschheit segenbfingendem Leben auffordert und aufruft. Wie wurden die Gemüter der im Tempel ln der Seitenstettengassc betenden Juden unangenehm berührt, als Herr Oberrabbiner Dr. C h a j e s in seiner festlichen Predigt am Neujahrstage statt wie üblich ein grosses, wichtiges Ereignis des Jahres herauszugreifen und Trost, Labsal, Mahnung und Hoffnung zu spenden, sich ein Thema gewählt hat, das, wenn auch mit glänzender Verve behandelt, ein oratorisches Meisterwerk bildete, jedoch weder dem Orte, noch der Zeit, noch dem Intresse der Zuhörer entsprach und von denselben als stark deplaciert empfunden wurde. Oder ist die Angelegenheit, der Herr Oberrabbiner Chajes seine Neujahrspredigt widmete, wirklich so bedeutend, wirklich so gross und wichtig, (lass es unbedingt an diesem Tage, unbedingt an diesem Orte und unbedingt vor diesen Mensehen, behandelt werden.musste?, ' Herr Oberrabbiner Dr. Ghajes fand, dass aas wichtigste Ereignis des verflossenen Jahres dfe Kenessio Ge da ul 6 der jüdischen Orthodoxie und ihre Beschlüsse gewesen sind. Wenn auch den Betern der Seitenstätte, dieses Ereignis gar nicht so weltbewegend schien, so wurden sie am Neujahrstage eines Besseren belehrt. Wohl haben die Hörer der Predigt des Herrn Oberrabbiners, schon im Wiener Morgenblatte der ״Morgen" einen genau informierenden Artikel des Herrn J u d e x gelesen, der sich so ziemlich inhaltlich, nicht stilistisch, mit der Predigt des Herrn Oberrabbiners deckte, $ö glaubten sie doch nicht, dass ein Kongress der jüdischen Orthodoxie so wichtig sei und waren daher samt und sonders etwas degoutiert. Ö, welch ein Unrecht! Glauben die Herrschaften nicht daran, dass ein Oberrabbiner von Wien wohl wissen wird, was das bedeutendste Ereignis des verflossenen, jüdischen Jahres gewesen ist? Und dass man diesbezüglich Herrn Oberrabbiner Chajes vollkommenes Vertrauen schenken kann? Es war der Kongress der jüdischen Orthodoxie das wichtigste Ereignis des Jahres, sonst hätte ja Herr Dr. Chajes den Barnmwah-Kongress aus Karlsbad zum Thema gewählt. Man müsse sich auch vor Unterschätzung hüten. Die Beschlüsse nämlich dieses orthodoxen Kongresses warnen unheilverkündend! Der ganzen Welt laut offenbarend, stellt dieser Kongress die unbedingte, unbeschränkte Souverenität der Thora über das jüdische Leben, wieder her. Wissen die Beter des Tempels in der Seitenstättenga׳sse, der immer die Hochburg der Assimilation und der Reform gewesen ist, was diese Restauration bedeutet? Das bedeutet laut dem Kommentar des Oberrabbiners von Wien und des Montagsschmusers vom ״Morgen" schwärzestes Mitteltalter, finstersten Klerikalismus, dunkelste Reaktion. Eine ins Leben gerufene Institution, wie der R ab binis che Rat, ist eine Gefahr für das moderne Judentum, dessen Vertreter der Kommerzialrat Tschelnitz und eine Bedrohung der zionistisch-europäischen Weltanschauung, deren Vertreter Herr Oberrabbiner Chajes ist. Denn was soll für jeden Juden das Oberste und Höchste sein? Oberrabbiner Chajes, eine Autorität, der man ruhig vertrauen kann, sagt es: Souveränität des Volkes! Den frommen Betern in der Seitenstätte, so wird erzählt, gruselte es, als sie diese Worte aus dem Munde ihres Oberrabbiners vernahmen. Denn diese Worte klangen verflucht ähnlich dem, ach so vertrauten, seit 1918 fortwähnend hallendem Rufe Alle Macht dem Volke, ergo, Diktatur des Proletariates׳. 0, diese Furcht war überflüssig. Nicht so ist die Forderung des Herrn Dr. Chajes zu verstehen. Sondern wie so manche Rufer im Streite auf den zionistischen Kongressen gerufen haben: Der Souverän;,jüdisches Volk״ ging einst in altersgrauer Zeit mit der Souverenität der göttlichen Idee, ein Bündnis ein. Ein Bündnis, das nach der Auffassung eines Baruch Spinoza, bloss an die Existenz des Volkes im heiligen Lande, gebunden war. , Ein Bündnis, wie Dr. Chajes; der weiter wie Spinoza geht und es der Gemeinde verkündet, auf Kündigung. Von Unterordnung kann überhaupt nicht die Rede sein, denn beide Teile waren und sind souverän. Und wenn sich nun eine ״Sekte“ mit einigen Millionen jüdischer Anhänger findet, die auf einem öffentlichen Kongresse die unbedingte Herrschaft eines Teiles ausspricht und für den ganzen Daseinskomplex des gesamten Volkes in Anspruch nimmt, so ist es Mittelalter, Fanatismus, Unduldsamkeit und Reaktion und muss mit ebensolchem Fanatismus und ebensolcher Unduldsamkeit bekämpft werden. Jetzt wissen es die Zaddikim von der Seitenstätte und werden von nun auf der Wacht sein. Wir aber, die wir vom ersten Momente gewusst haben, dass Oberrabbiner Dr. Chajes ein glänzender Orator, ein fabelhafter Disputator, ein hervorragender Organisator und brillanter Agitator ist, wir wussten auch, dass er ein ganz moderner Mensch ist, der im modernen Zeitgeiste wurzelt und lebt, und dass er weder ein thoratreuer Jude noch ein Rabbiner ist. Wir sind dankbar für die Offenheit, mit der Dr. Chajes die Gefahr der Gottesgläu.bigc e 11 unter den Juden, von der Kanzel aus bekämpft und wir glauben seinen Worteu, die fortwährend rufen Und unermüdlich verlangen: Alle Macht dem Volke! Wir Werden auch dem Wunsche des Herrn Oberrabbiners Chajes entsprechen und den Worten seines Gebetes nicht Glauben schenken, die er (o weh, nicht zum Volke, sondern zum Himmel sandte) und die da lauteten:..,.ובכן הן פחדך USW. ״O, dass die Furcht vor Dir, Q-tt unserem Herrn, komme, über alle Deine Werke und eine heilige Scheu ergreife Alles was Du geschaffen .... So wie wir erkennen, Q-tt unser Herr, dass alle Herrschaft ist bei Dir, die Macht in Deiner Hand, die Kraft in Deiner Rechten und Dein Name gefürchtet bei Allem was DU hast geschaffen .... Da regierst Du a 11 e i n ü b e r alle Werke a u f Z i 011, dem heiligen Berge, wo einst Deine Herrlichkeit gethront und gewaltet. Irt Jerusalem der heiligen G-ttesstadt, wie geschrieben steht in Deinem göttlichen Worte: G־tt regieret in Ewigkeit, d.cin Q7־׳ Zion, durch alle Zeiten Hallelujalr‘.