Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 9 (1923)
- Issue
- 38-39 (21.9.1923)
- Date
- 1923-09-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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JÜDISCHE PRESSE Seite 305 Nr. 38/39 Politische Tätigkeit. DJe innere Kraft der Aguda kam besonders augenfällig im politischen Leben zutage. Die Wahlen zum gründenden Sejm fanden zu einer Zeit statt, wö die Aguda-Organisation noch in den Kinderschuhen war; doch gelang es schon damals zwei Abgeordnete in den Sejm zu entsenden'. Bei den jüngsten Wahlen im Sejm, wo die Aguda eine ad hoc־I<oalition mit den anderen jüdischen Parteien gründete, konnte sie schon bereits sechs Abgeordnete und zwei Senatoren durchbringen. Und selbst diese Zahl ist noch nicht der richtige Ausdruck für die organisatorische Kraft und Mitgliederzahl der Aguda. Erez Jlsroel. Auch auf diesem Gebiete entfaltete die polnijj sehen Landesorganisation eine erspriessliche Tätigkeit. Die Sammlungen für die den ״Keren Hajischuw" wie ״Keren Erezjisroel" haben gute Erfolge gezeigt. Bei der Emigrationsfrage nach Erez Jisroel hat die polnische Landesorganisation eine wichtige Rolle gespielt. Es wurden mehrere Gesellschaften gegründet (Binjan Haarez, Bajis Wnachlo). Mehr als 1000 Dunam Boden wurden gekauft. Aktien wurden im Werte von 6000 Pfund abgesetzt. Die private Initiative wurde besonders durch die Reise des Ehrenpräsidenten der.polnischen Landesorganisation, des Grossrabbiner von Gora Kalvvaria mächtig gefördert und sie ist noch im stetigen Anwachsen. Auch auf dem Gebiet der Arbeit für Erez jisroel, will die polnische Landesorganisation ihre führende Stellung behaupten und mit guten Beispiele den anderen Landesorganisationen vorangehen. lorris Engelmann über die Zukunft Während der ersten Kenessio Gedaulo wurde auch selbstverständlich die Tätigkeit der grossen amerikanischen Hilfsaktionen besprochen. Nebst dem tiefempfundenen Danke, den alle Redner den amerikanischen Brüdern gesendet haben, wurden auch vielfach scharfe Worte der Kritik gehört. Aus vielen Ländern haben die Referenten Berichte gegeben, nach denen durch die Verwaltung der Gelder die Ursprungliehe Absicht der amerikanischen Spender verdunkelt, ja vielfach ins Gegenteil umwandelt werde. Unter dem Eindruck dieser Ausführungen hat sich einer unserer Mitarbeiter zu der Konferenz begeben, die unter dem Vorsitz des öberrabbiner Fürst, Wien,׳ mit Zu- Ziehung der Leiter der Wo'Mfahrtswerke in verschiedenen europäischen Ländern abgehalten wurde. Herr Morris Engelmann, der an der Begründung des Joint einen verdienstvollen Anteil hat und noch heute der Finanzsekretär des Zentral Relief in New York ist, ergriff nun die Gelegenheit, um über die Zukunft der amerikanischen Hilfsaktionen sich zu äussem. Vor allem erklärte Herr Engelmann, dass bei der Begründung des Joint die Vertreter der konservatrven Judenheit in Amerika eine hervorragende Rolle gespielt haben. Er legt Wert darauf, festzustellen, dass sowohl beim Joint und erst recht beim Zentral Relief Comitee die Ansprüche der orthodoxen Institutionen volle Berücksichtigung fanden. Leider war die oberste Leitung des Joint und des Zentral Relief Comitee nicht stärk genug, die Zentralen und lokalen Verwaltungen in Europa so zu kontrollieren, dass auch die ursprüngliche Absicht der amerikanisehen Spender völlige Berücksichtigung finde. Er. bedauert dies schon deshalb, weil dadurch die Dankesgefühle, die die Orthodoxie in Europa den amerikanischen Spendern gegenüber empfinden muss, beeinträchtigt werden. Dies, was die Vergangenheit betrifft. Für die Zukunft erklärt Herr Engelmann, dass die Tätiigkeit sowohl des Joint, wie des Zentral Relief Comitee endgültig liquidiert werden muss. Er empfiehlt daher der Konferenz, die alle Delegierte der ersten Kenessio Gedaulo sind, dahin zu wirken, dass diese grosse Versammlung, die auf jeden unparteiischen Zuschauer, wie er sich bezeichnen m Sensationelle Umwälzung in der dauergewellten durch die Neuschaffungen der Firma 9 BB9 (gegenüber dem Hotel Bristol) welche den Damen kostenlos :: vorgeführt werden :: En gros En detail Die grösste internationale Kunstwerkstätto für Perücken, Scheitel und Transformationen Liefert seit mehr als anderthalb Jahrzehnten den vornehmsten orthodoxen Damen aller Länder Perücken. Spezialist in Braut-Scheiteln. Diese werden der Mädchenfrisur mit verblüffender Täuschung nachgemacht. Um vor Irreführung zu schützen, bitte den Vornamen Othmar und die Adresse genau zu beachten I Von Ahron Jeruchem. Am Ausgange des Jom-Kippur, nachdem sich Rabbi Jakob Josef aus Ostroho durch Speis und Trank gestärkt hatte, sagte er zu seinem Gabbeh, er möge einen Wagen bestellen, um mit ihm ins nächste Dorf zu fahren. Bald war der Wagen zur Steile und in kurzer Zeit hatten die beiden ihr Ziel erreicht. Im jüdischen Gasthause kehrte man ein. Die Mutter des Wirtes begrüsste die Gäste und alsbald erschien der Wirt selbst. Der Rabbi stellte an ihn die Frage, auf welche Weise er seine Gebete am Jom-Kippur verrichtet habe. Erschreckt erwidert der Wirt: ״Ihr wisst also, teurer Rabbi, auch schon, dass ich an diesem heiligen Tage eine schwere Sünde begangen hab'e, allein ich bin unschuldig. Höret mich an! Als wir gestern, wie alljährlich, zur Stadt fuhren, um dort die Synagoge zu besuchen, erinnerte ich mich, dass ich dem Nichtjuden, welchem ich fiir die Zeit unserer Abwesenheit die Restauration überlicss, den Schlüssel vom Keller zu ♦32ben vergesse!) hatte. Ich kehrte allein ins Dorf zurück, während meine Familie die Reise fortsetzte. Zuhause angelangt, kam mir ein Bote des Grafen entgegen und verlangte ein grösseres Quantum Wein, da im Schlosse eine Hochzeit gefeiert werde. Ich ging in den Keiler und bediente den Mann, ' doch bald kamen noch einige Kunden und ich wurde lange zurückgehalten. Als ich endlich den Keller verlassen konnte, war es spät geworden und ich war zur Gewissheit gelangt, dass ich die Stadt nicht mehr vor Einbruch der Dämmerung erreichen konnte. Ich begab mich in mein Zimmer und da icli kein Gebetbuch hatte — dasselbe war in die Stadt mitgenommen worden — richtete ich folgende Worte zum Himmel: ״Du weisst, wie schwer ich es empfinde, dass icli heute nicht mit meiner Gemeinde vereint beten kann. Da ich kein Gebetbuch habe, und die Gebete nich auswendig sprechen kann, so will ich das Alef-Beth hersagen und du, o Herr, füge die Buchstaben zu Wörtern zusammen.“ Auf diese Weise verbrachte ich den Jom-Kippur. ,Nun, urteilt Rabbi, ob ich schuldig bin! Der Rabbi beruhigte den armen Sünder und sprach: ״Dein Gebet ist erhört worden und wurde den Gebeten der grössten Frommen gleichgestellt.“ Rabbi, auf welche dass ihr ein Sohn Die Mutter des Wirtes befragte der gute Tat sie es zurüokführen könnte, gegeben ward, dessen Gebet so hochgeschätzt wird. Die Frau antwortete: ״Es war an einem 9. Ab, als Rabbi Elimelech als Wanderer unerkannt in unser Dorf kam. Er kehrte im Gasthofe unserer Konkurrenten ein. Die Frau dieses Wirtes hatte trotz des Fasttages von dem Brote, das ihr Mann aufbewahrt hatte, gegessen. Als derselbe nach Hause kam, fragte er, wer vom Brote gegessen habe. Die Frau sagte, ein Fremdling hätte so lange um Speise verlangt, bis sie seinen Bitten nachgeben musste. Unverzüglich sattelte, der Wirt sein Ross und jagte dem Wanderer nach und verprügelte ihn. Noch am selben Abend kam der Wanderer ins Dorf zurück und kehrte diesmal bei uns ein. Da wir stark beschäftigt waren, achteten wir vorerst nicht auf ihn. Als wir ihm jedoch später Speise und Trank bieten wollten, war er verschwunden. Wir suchten ihn im ganzen Hause. Endlich hörten wir seine Stimme aus einem Kämmerlein dringen. Er verrichtete sein Abendgebet, und wir vernahmen folgende Worte: ״Herr aller Welten! Vergib dem Wirte, der mich heute schlug, denn er war Im Glauben, dass ich von seinem Brote am Fasttage gegessen habe. Vergib auch der armen Frau, die gelogen, weil sie fürchtete, verstossen zu werden!“ Als der Fremdling hierauf mit uns gespeist hatte, baten wir, er möge nns seinen Namen nennen. Zu unserer grössten Ueberrasehung erfuhren wir, dass er Rabbi Elimelech sei. Ehe er uns verliess, fragte er, welchen sehnlichsten Wunsch wir hätten. Da wir damals noch kinderlos waren, bat ich, er möge uns einen Sohn erflehen, und da mir sein Gebet so gut gefallen hatte, wünschte Ich noch, dass unser Sohn ebenso schön beten könne, wie er selbst. Rabbi Elimelech sprach: Ihr werdet einen Sohn bekommen, der auch — einmal in seinem Leben — so beten wird wie ich. Als Rabbi Jakob Josef diese Erzählung vernommen hatte, sagte er zur alten Wirtin: Die Prophezeiung Rabbi Elimelechs ist in Erfüllung gegangen. An diesem Jo-Kippur hat dein Sohn so gebetet, wie Rabbi Elimelech und deshalb hat sein Gebet so tiefen Eindruck im Himmel gemacht.“ möchte, einen überwältigenden, unvergesslichen Eindruck gemacht hat, einen Apell an die Judenheit der ganzen Welt richten soll. Eine Kommission zur Konzentration aller Landsmannschaften, soll die notwendigsten Summen feststellen, die zur Erhaltung der Gemeindeinstitutionen, zur Unterstützung der Gemeindeangestellten und vor allem zur Rettung der. Thoralehranstalten nötig sind. Es soll dann von der Kenessio Gedaulo ein Komitee eingesetzt werden, das für die Aufbringung dieser Summen mindestens moralisch verantwortlich ist. Wenn so eine grosszügige Sammelaktion, unterstützt von den grossen rabbinischen. Kapazitäten der Kenessio eingeleitet wird, ist es sicher, dass die amerikanische Judenheit trotz vielfacher Inanspruchnahme sich hervorragend an der Aufbringung dieser Summe beteiligen wird. Er selbst schifft sich noch diese Woche nach Amerika ein. Beim Poltawaer llujj. Rabbi Joel Seherin, der derzeitige Rabbiner von Koretz, gehört zu den Persönlichkeiten, die nicht nur als Produkt einer grossen Vergangenheit, sondern als Schöpfer einer besseren Zukunft zu betrachten sind. Er kam infolge Verkehrsschwierigkeiten am letzten Tag der Kenessio nach Wien, konnte bloss zum Schlüsse die Grüsse der wolhynischen thoratreuen Judenheit überbringen. Glücklicherweise blieb er noch einige Tage in Wien, so dass man Gelegenheit hattet ruhiger seinen Worten zu lauschen, als es während der Kenessio möglich gewesen wäre. Der grosse Mann, der schon als 12jähriger Knabe an der berühmten Woloziener Jeschiwa als llujj angestaunt wurde, erzählt seine Lebens- und Leidensgeschichte. Sein Ruf als Wunderknabe verschaffte ihm noch im jungen Alter eine Rabbinerstelle. In Wolhynien, in dem Gebiete Russlands, wo die Thora nicht allzu sehr gepflegt und geachtet wurde. ״Der Gute Jid“ war die geistige Autorität, das Vertrauen zu ihm hielt die Gemeinde zusammen, die Verehrung des ״Zadik“ war die feste Grundlage der Jüdischkeit. Als Rabbiner Joel Seherin ii? seiner Gemeinde eine Jeschiwa gründete, wurde das als eine revolutionäre Tat betrachtet, als eine Auf-׳ lehnung gegen die hergebrachte Sitte. Doch seine gros״ sen Fähigkeiten und seine hervorragenden menschliehen Eigenschaften haben den Groll der Chassidin? alsbald in Verehrung umgestaltet. Das Lehrhaus wurde von vielen Schülern besucht, die vom Beispiele des Rabbis angeeifert, die Thora unter den Unwissenden verbreiteten. Diese thorabeflissenen Jünger wurden dann die Träger der Tradition und des überlieferten Judentums. Als die Verehrung den Rebbeim gegenüber, von denen die Tschnobler die berühmtesten waren* immer mehr nachliess und mit dem Schwinden des Chassidismus auch die feste Grundlage des praktischen Judentums schwand, als man dem wolhynischen Juden{ der tief unwissend war, auch den Glauben an den ״Guten Jid“ geraubt hatte, wurde dem religiösen Nihilismus Tür und Tor geöffnet. Es ist geradezu unglaub* lieh, wie rasch dieser Teil der russischen Judenheit, besonders aber ihre Jugend, der väterlichen Sitte und dem alten jüdischen Brauche den Rücken kehrte. Das bedrängte Schicksal dieses Gebietes, das seit ungefähr 9 Jahren kaum zur Ruhe kam, wo jeder Wechsel des herrschenden Systems in Russland, blutige Opfer verlangte, wo seit vielen Jahren weder Hab und Leben der Juden sicher war, war Ursache, dass auch vom alten Glauben der Väter wenig zurück blieb. Es herrsehen dort geradezu chaotische Zustände. Die Jugend wird in Schulen erzogen, die teils von der zionistischen Tarbut, teils von der bundistischen Kulturliga gegriindet wurden. Beide Richtungen haben trotz der gewabl tigen Unterschiede, die sie trennen, das Gemeinsame; dass sie das alte überlieferte Erziehungssystem tmd den alten jüdischen Lehrinhalt radikal ablehnen. Um die Schäden dieser Schulen irgendwie wettzumachen; haben sich die Reste der thoratreuen Judenheit noch' n den Zeiten der Herrschaft von Kerenski unter dem Namen ״Achdus‘ organisiert. Doch konnte diese ״Achdas“-Organisation infolge der unsicheren politischen und sozialen Verhältnisse sich nicht entwickeln. Als die Bolschewiken die Herrschaft über diese Gebiete angetreten haben, konnte überhaupt von einer religiösen Erziehung der Bevölkerung keine Rede mehr sein. Audi Rabbiner Seherin war gezwungen, die alte Stätte seiner Wirksamkeit in Zniwel zu verlassen. Er Hess sich in deni, einige Kilometer von der Grenze entfernt liegenden Städtchen, Koretz nieder. Trotz schwere^ Schicksalsschläge, trotz körperlicher Schwäche, begann der nunmehrige Koretzer Raw eine Tätigkeit} deren Schilderung einem Heldengesang auf die Thora( und ihre Träger gleichkommt. Er gründete vor allem! ein Lehrhaus. Diese Gründung soll im primitivsten Sinne des Wortes verstanden werden. Es musste eitj verfallenes Haus zu diesem Zwecke erst hergestelB werden. An den Arbeiten beteiligten sich sowohl der Rabbiner, wie auch die Schüler, die mit Ürnj# aus dem bolschewikischen Russland geflohen waren! En gros und Erzeugung 1״ Bauernmarkt 24 (Ecke Fleischmarkt) Tel. 67-302 ESetailverkauf s - Niederlage : 1.י Graben 28 Filiale: Karlsbad, Alte Wiese.