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Jüdische Presse · 1923-09-21 · 38-39 (21.9.1923) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
38-39 (21.9.1923)
Date
1923-09-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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־׳»י" fl*. (״JÜDISCHE KORRESPONDENZ“) FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXE!• JUDENTUMS ״״sisssrי ״ Redaktion und Administration: Wien, II., Malzgasse 12a. — Telephon 49.054. Tschecho-Slowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluss: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Oesterreich, Deutschland, Polen öst. K 80.000, Tschecho*Slowakei Kö. 70, Schweiz Frcs. 10, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 7 Shilling, Rumänien 200 Lei, Jugoslawien 70 Dinar, Einzelnummer öst. K 1.500. Zahlungen für Oesterreich: PosisparkassenamtWien, Konto Nr. 13.458; für Polen: Postsparkassenamt Warschau, Konto Nr. 190.409; für Ungarn: Postsparkassenamt Budapest, Konto Nr. 50.170; für Tschechoslowakei: Postsparkassenamt Prag, Konto Nr. 53.386; für Jugoslawien: Postsp.-Amt Agram, Ko. N. 40.217: f.Rnmänien: BancaMarmarosch Blanc 8t Co für Florenz 8t Co, Bukarest;für die Schweiz: Postsclieckk. Luzern VII. 1470. Nr. 38/39 Wien-Bratislava, 21. September 1923 ,9 בע״ה וינה־פרעססבויג י״א תישרי תיפ״ד. Jahrg. Das Nahem des Herbstes, das die Menschen mit den Gefühlen der Wehmut erfüllt, gibt die Stirnniuns diesen Feiertagen. Die Unbeständigkeit menschliehen Seins und besonders menschlichen Glücks wird bewusst mit dem Verblühen der Natur, und so verbringen wir Juden in einer schwachen, unbeständigen, von jedem Windstoss zerstörbaren Hütte, sieben Tage unseres Jahres. In diesen Tagen aber gedenken wir jener, die ihr ganzes Jahr in einer schwankenden, ans Laub und schwachem Holz, geziminerten Hütte verbringen müssen, deren Heim kraftlos jedem Stoss feindlichen Geschickes nachgeben muss und deren Leben erfüllt ist mit Furcht vor den Qualen, die der nahende Winter bringen wird. Und weil wir Ausblick halten, wie ihnen geholfen werden und ein sicheres Dach über dem Kopfe geschaffen werden könnte, erschrecken wir im Anblick einer grosses Gefahr, die sie und uns bedroht. Sc& einigen Monaten geht ein Gespenst durch die fälschen Gassen Europas um, das Gespenst der Not und der Auflösung, das Gespenst der Einstellung der Hilfstätigkeit Amerikas. Das Zentral Relief Commitee, das Joint Distribution Commitee liquidieren, Jiless es׳ lange Zeit, und jetzt kommt aus Amerika ״die sichere Nachricht, dass. wirklich alle die Aktionen, bis zum 1. Jänner 1924 Europa geräumt haben werden. Seit dem Jahre 1914 übten diese Comitees ihre Tätigkeit in Europa aus. Mit echt amerikanischer Grosszügigkeit in Angriff genommen, wuchsen diese Aktionen in gewaltige Dimensionen und haben das europäische Judentum, das im Kriege ein fürchterliches Debakle erlitt, neues Leben eingeflösst und beim Leben erhalten. Sie retteten das östliche Judentum vor leiblichem und geistigem ׳ Tode, heilten ,die vom Kriege geschlagenen Wunden und bewirkten durch diese Hilfe, dass es heute in Europa noch so etwas gibt wie jüdische ■soziale Fürsorge und jüdische kulturelle Arbeit. Nun soll endgültig liquidiert werden. Das europäische Judentum soll sich selbst erhalten. Europäisches Judentum, das heisst das Judentum Osteuropas. Das heisst das Judentum jener Länder, deren Valuta entweder vollkommen entwertet ist oder einen minimalen Wert vorstellt. Das heisst jenes Judentum, das durch die Kriegs- und Nachkriegszeit bis an den Rand der vollkommenen Vernichtung gebracht wurde. Osteuropäisches Judentum, das heisst das Judentum Polens, der Ukraina, Russlands. Jener Teil des jüdischen Volkes, der als Kräftereservoir des jüdischen Geistes, der jüdischen Kultur, des jüdischen Gedankens und ־ der jüdischen Tat weiterhin stützen und Hilfe bringen wird. Das amerikanische Judentum hat Gewaltiges geleistet. Die Tat wird in den Annalen jüdischer Geschichte mit goldenen Lettern verzeichnet bleiben, der aus tiefstem Herzen kommende Dank ewig in jüdischen Herzen blühen. Wenn man sich, auch mit der traurigen Tatsache der Einstellung der Hilfe abfinden muss, wird man dennoch keinen י.Augenblick zweifeln, dass das amerikanische Judentum die hilfebedürftigen Brüder in• Europa, wie bisnun, auch weiterhin stützen und Iiilfe bringen werde. Docli birgt die Angelegenheit den Keim eines grossen Unglückes in sich. Es bedarf nicht mehr betont zu werden, weil es bereits unzählige Male gesagt, geschrieben, aufgefordert, verlangt, gebeten und erfleht, wurde, dass die Hilfe des amerikanischen Judentums unbedingt notwendig ist, dass das östliehe JudentüflHGtfne der Hilfe Amerikas nicht leben kann, dass keine Talmud Thora, keine Jeschiwa, kein Fürsorgevcrein und kein einziges Hilfskomitee, ohne einer Unterstützung seitens des amerikanischen Judentums existieren kann. Dass, wenn Amerika die Geldsendungen einstellen, wieder Not und Tod unter den Juden Osteuropas reiche Ernte halten werden,: dass, wie traurig es auch klingen mag, wenn die Dollars nicht sein werden, auch keine Thora in Osteuropa sein wird. Dass jüdische Geschlechter ohne jüdische Lehre aufwachsen werden, aus denen eben deshalb Schädlinge und Feinde des Volkes hervorkommen werden können. Mit kurzen Worten, dass das amerikanische Geld eine conditio sine qua non für das leibliche und geistige Leben des Grossteils des jiidisehen Volkes ist. Dieser Stand der Dinge ist den betreffenden Faktoren in Amerika bekannt, die führenden Männer im jüdischen Leben Amerikas kennen und überschauen die Situation, und dennoch .... Amerika ist des Gebens müde. Die ewige Flut der Bettelei geht den Menschen schon stark an die Nerven, und dazu ist der Ort, wohin die Gabe wander, so weit entfernt. Wohl weiss man drüben und hüben, dass die Gelder an die richtige Stelle gelangen, aber es scheint ohne Boden dieses Fass. Bodenlos wie die Gemeinheit, die das jüdische Sein in Europa bedroht, abgrundtief wie das jüdische Elend. Und es wird jedesmal ärger. Jedesmal kommt ein neues Land hinzu zur Bettlergemeinschaft. Jetzt bettelrt schon die schauderhaft ruinierten, bis vor kurzem noch blühenden, jüdischeil Gemeinden Deutschlands. Und unerschütterlich führen die Zahlen eine grauenhafte Sprache. Auf der eben jetzt stattgefundenen Ose-Konferenz wurde eine kleine Statistik der Waisen, Millionen von Witwen, Millionen von Krüpjüdischen Oeffentlichkeit präsentiert. Millionen von peln und Kriegsopfern. Fürwahr, das jüdische Volk besteht aus einem Grossteil von Waisen, Witwen und; Kriegsopfern. Amerika aber zieht sich am 1. Jänner׳ 1924 vom Kontinente zurück. Dies soll kein Vorwurf sein. Wir wiederholen abermals mit Stolz, Amerika habe Ungeheures ge- und diese Drohung ging in Erfüllung. Der dem Einsturze nahe Prachtbau musste verschleudert werden. Die Aufregungen, die Rabbi Akiba Eger durch diese Angelegenheit durchmachte, mochten wohl dazu beigetragen haben, seine schon früher in der hohen Auffassung seines Verantworlungsgefühls begründete Scheu vor den Pflichten des Ratbineramtes wieder zu erwecken und er war entschlossen, den Beruf des Rabbiners aufzugeben, um als Lehrer das kärgliche Brot zu verdienen. Nur um den Willen seiner Mutter zu gehorchen, Hess Rabbi Akiba Eger diesen schwerwiegenden Entschluss fallen und der Kindesliebe des frommen Gottesgelehrten hat es das.Judentum zu danken, dass‘der edle Mann den Platz, von dem aus er Grosses zu 1wirken berufen war, nicht räumte. Die' Wolken,•' die den ׳Horizont des gottergebenen Mannes lange verdüsterten, verzogen sich wieder. An der Seite seiner zweiten Gattin, der Nichte der' Verstorbenen, fand Rabbi Akiba Eger wieder sein trauliches •Heim und die Kinderschar, mit der sie ihn beschenkte, belebte sein HausJ Die Gemeinde bemühte sieh, ihren Rabbiner, dem bei dem : wachsenden Ruhme seines Namens immer lockendere Berufungen grosser und reicher Gemeinden zukamen, durch eine Erhöhung seines Gehaltes, die den Bedürfnissen seiner zahlreichen Familie Rechnung trug, das, Verbleiben zu ermögliehen. Er lehnte auch in treuer Anhänglichkeit an seine dankbare Gemeinde wiederholt Anerbietungen ab, die ihm eine, materiell weitaus günstigere Steilung verschafft hätte. Aber wieder waren es äussere Umstände, die zwingend ihren Einfluss geltend machten,, um Rabbi Akiba Eger zu bewegen, (njeht der eigenen• Neijgung, sondern dem (Fortsetzung.) Die Befriedigung über diese Besserung seiner materiellen Lage wurde aber nur zu bald durch mehrfache traurige Ereignisse in dem Familienleben Rabbi Akiba Egers gestört. Es traf ihn der harte Schlag, dass ihm Glückchen, seine edle Gattin, nach sechzehnjähriger beglückender Ehe, durch den Tod entrissen wurde. Nicht lange darauf wurde ein grosser Teil der Stadt das Opfer einer■ verheerenden Feuersbrunst, durch welche, viele jüdische Familien obdachlos wurden. Nicht genug damit, brach kurze Zeit darauf im Jahre 1800 ein zweiter Brand aus, durch welchen namentlich Häuser der Juden eingeäschert wurden. Zu,'diesen י die Seele des gütigen Rabbi tief bedrückenden: Vor-, fällen gesellte sich aber noch ein Konflikt in dem, der den Frieden über,alles liebende Mann],niit. dem, Vorsteher seiner Gemeinde geriet, ein Konflikt,• der ihm vollends die Ruhe des Gemütes auf ,lange Zeit raubte. Dieser Vorsteher hatte, gleich vielen seiner Glaubensgenossen, bei dem Brande den Verlust seines Hauses zu beklagen, aber während die anderen den Weisungen ihres Rabbiners gemäss, am Sabbat den Bau ihrer neuen Häuser unterbrachen, Hess der reiche und selbstbewussteMann, durch keine Ermahnung Rabbi Akiba Egers sich einschüchtern und Hess weiter am Sabbat an dem stattlichen Bau seines neuen Hauses arbeiten. Der- Rabbi hatte eine unheilvolle Drohung bezüglich der Zukunft des Hauses ausgesprochen, das unter Sabbatverletzung seiner Vollendung entgegengehe תרי~י,/ו^ל,>. VYrv^V‘!. v*:!** —״* ו״,!*! י . Wien 8. Erstes und grösstes Wiener Haus für künstlerisch ausgofUhrte Scheitel) Perücken und Transformationen aus aller• bestem! dauernd gewelltem Naturhaar. VerMNÜ der Niki« IMustHerten Frlsurenmappe kostenlos. Drängen und den Erwägungen seiner Angehörigen: willfahrend, sich mit dem Gedanken an die Lieber-: nähme eines grösseren Rabbinats zu befreunden.; Die politischen und sozialen Verhältnisse hatten es' mit sich gebracht, dass Märkisch-Friedland ge-; wissen, auch den Bestand der jüdischen Gemeinde; 'gefährdenden Veränderungen, entgegenging. Das Emanzipationsedikt hatte den Juden in Preussen; die staatsbürgerliche Gleichberechtigung und damit; auch die Freizügigkeit gebracht, die die Möglichkeit bot, die beengte und beengende Kleinstadt mit der Grosstadt zu .vertauschen, die in geschäftlicher und kultureller Beziehung so viele Vorteile ver* spricht. Alle durch die bald eingelretenen Ereignis.se; bestätigten Vermutungen, dass. die jüdische Ge-' meinde von einer rapiden Verminderung ihrer Mitglieder bedroht sei, drängten darauf, dass Rabbi! Akiba Eger, der: das fünfzigste Lebensjahr über-; schritten und eine Schar kleiner Kinder zu erhalten hätte, noch rechtzeitig den Rabbinatssitz in einer nicht nur seiner geistigen Bedeutung, sondern auch; seinen materiellen Bedürfnissen entsprechenden; grossen Gemeinde erlange. Rabbi Moses Safer machte seinen Einfluss geltend, um seinem Schwiegervater die Berufung nach der damals ebenso angesehenen als wohlhabenden Gemeinde Trietsch in; Mähren zu sichern. Aber für Rabbi Akiba Eger■ war von der Vorsehung ein weitaus bedeutender; wichtiger Posten beschieden. Die Grossgemeindci Posen, mit der• sich damals kaum eine zweite jüdische. Gemeinde messen konnte, stand vor der Rabbinerwahl. Nur eine Grösse ersten Ranges hätte Aussicht, auf diese hochragende Stelle zu kommen.1 (Fortsetzung folgt.) Gegründet 1394

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