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Jüdische Presse · 1923-09-07 · 36-37 (7.9.1923) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
9 (1923)
Issue
36-37 (7.9.1923)
Date
1923-09-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 292 JÜDISCHE PRESSE Nr. 36/37 Das grosse Erdbeben. Eine schauerliche Kunde jagt durch die Welt. Noch sind genaue Zahlen nicht bekannt, noch kennt man nicht den ganzen Umfang des grossen Unglücks. Doch ganze Städte urrd viele Hunderttausende von Lebewesen sind in einer schrecklich kurzen Zeitspanne, auf schauderhafte Art vom Erdboden vertilgt worden. Entsetzt steht die ganze Menschheit vor diesem gewaltigsten Verniditungsausbruch der Natur. entsetzt beim Gedanken, dass jedem Lande, jedem Volke Aehnliches droht. Ein Elementarereignis. Die Menschheit sieht auf eine grauenhafte Art, die ganze Machtlosigkeit, den ganzen Jammer ihres Daseins bewiesen. Qualvoll ist das Besinnen auf diese eigene Kraftlosigkeit. Es helfen nicht die Tröstungen ausgeklügelter Gedanken und auch das Wissen ob der Ursachen dieses Ereignisses, ist kein Trost. In einigen Minuten verschwinden von der Erdoberfläche Länder, Städte, Dörfer. Kultur und Technik — Produkte reifsten menschlichen Könnens, sind in einem Augenblicke in einen ■Schutthaufen verwandelt. Und in dieser grossen Not und Bedrängnis, erheben sich die tränenvollen, gehetzten Augen zum Himmel mit stiller Frage und stummer Bitte. Juden ist Grauenvollstes bewusst. Uns Ju- 11״ i.M die Ursache bekannt. Uns Juden ist auch das Heil offenbart. Aus dem tiefen Borne unseres tausendjährigen Lebens und Leidens, aus den! reichen Schatze des Erfebens uncl der Erfahrung holen wir jene drei Begriffe hervor, zwischen denen unser ganzes menschliches Erdendasein eingebettet liegt: Sünde — Strafe — ■Busse. Aus tiefstem W׳e:h, aus scbmerzcnvollstem Besinnen geboren, geht unser jüdischer Ruf an die ■Unglücklichen und an die vom Unglück Verschonten: Besinnt euch! Tut Busse und hoffet auf die grosse Gnade. Denn ■dann wird sie kommen! . ״Wer dies verstehet — kehret zurück undGott ■tröstet ihn und wendet ab von ihm Seinen Zorn und er geht nicht zu Grunde! Und Gott sah, ihre Taten ■und dass sie sich abwandten von den Wegen des ■Bösen und ׳Er tröstete sie und ■das Böse, das Er ihnen zaigedacht, erfüllte Er nicht!“ (Jona, Kap. 39־.) kr. Der XIII. Zionistenkongress. Der eben jetzt beendete 13. Zionistenkongress bedeutet einen Fortschritt. Nacbum Sokolow, der diesen Kongress, auf die Zahl 13 anspielend, den Barmizwah-Kongress nannte, hat auf diese Weise auch den R-eifeständ des Kongresses bezeichnet. Endlich hat sich, trotz aller, unter verschiedenen Schlagworten segelnden, radikalen und .partei-orthodoxen Opposition, die Meinung durchgesetzt, dass der Zionistenkon- ®ress ein Parteikongress ist, (dass er nur einen Bruchteil des jüdischen Volkes vertritt. Und mit dem Siege Wedtzmanns siegte auch ■die Anschauung, dass die zionistische Partei mit engem Parteihorizonte,^1it Parteitaktik und Parteichauvinismus, keine Entwicklungsmögliahkeiten hat, die sich gesetzten hohen Ziele nicht erreichen kann und ihr Programm nicht erfüllen können wird. Eine Frist wurde nun festgesetzt, in der die Vorbereitungen zum jüdischen Weltkongress getroffen werden sollen. Der Weltkongress, an dem die Vertreter des ganzen Volkes teilnehmen sollen, wird die Wahl der Jewish Agency vornehmen, um so eine regelrechte Vertretung nach aussenhin zu schaffen. Nun geschieht aber das Sonderbare, dass, bevor ein einziger Schritt auf diesem Wege gemacht wurde, bcvor noch überhaupt bekannt ist, ab die einzuladen־ den Organisationen am Weltkongresse teilnehmen werden können, ja bevor noch überhaupt die Frage gelöst ist, ob ein jüdischer Weltkongress zustandekommen kann, bereits über Kompetenzverteiiung gesprochen wird, und auf jeden Fall eine feste Norm festgesetzt wird, die die Vorherrschaft der zionistischen Partei auf ׳diesem Kongresse sichern soll. Es ist allerdings nicht bekannt, wie sich die Einberufer des Weltkongresses die Wahlen ׳und die Zusammen- Setzung dieser Körperschaft denken. Das Wenige, das bekannt ist, könnte weder ׳demokratisch, noch als Wahl bezeichnet werden. Der 13. Zionrftenkongress sah ein, dass es im Judentume noch eine stattliche Anzahl von Parteien, Organisationen und Gruppen gibt, auf deren Mitarbeit man bei Aufbau Erez Jisroels unter gar keinen Umständen verzichten kann. Der Misserfolg des Keren Hajessod, der ׳numerische Rückgang grosser Organisationen (Polen) haben es gelehrt. Doch wenn der Durchbruch einer solchen Anschauung zu begrüssen ist, so ist der Mangel einer Klärung, das Fehlen eines fest umgrenzten Programmes sehr zu beklagen. Alle Parteien müssen zur Arbeit herangezogen werden, das steht fest. Würde man auch nicht wissen wollen, Wie sich diese!anderen Parteien zur Mitarbeit stellen? Sollte man ■nicht zuerst erfragen, ob und welche Bedingungen für die Mitwirkung die anderen Parteien stellen werden? Die Sorge um ׳den Verlust der Hegemonie war überflüssig. Es ist schwer anzunebmen, dass jemand die Führung un׳d die Verantwortung für die Taten Anderer ׳zu übernehmen die Absicht hätte. Oder wird es angenommen, dass ein jüdischer Weltkongress weiterhin in den Bahnen zionistischer Parteiipolitik unid zionististihen Parteipragrammes fortschreiten ,wird? Er wäre dann überflüssig. Von einem Barmizwah-Kon- ®ress hätte man mehr Männlichkeit, Selbständigkeit und Klarheit angenommen. Der so viel in der zionistischen Parteipresse belächelte Kongress der jüdischen Orthodoxie, hatte doch einen einzigen Vorzug in dieser Hinsicht. Denn trotz aller Mängel ׳der äusseren Form, trotz aller ungesdhliffenen und ׳undiplomatischen Reden, ist es doch heute jedermann ׳bekannt, was!die Orthodoxie will und was sie zu schaffen beabsichtigt. Es ist vielleicht nicht so weltbewegend׳, nicht so umfangreich, ׳aber desto klarer und reeller. Auch ihre Stellung zu anderen Gruppen im Judentum ist klar präzisiert. Ihr Programm bis auf ein einziges Wort zusammengeballt: Thoratreu. Der 13. Zionistenkongress mag wohl für die eigene Partei eine Konsolidierung gebracht haben, für die neun Zehntel des jüischen Volkes, die nicht im Lager der zionistischen Partei sind, brachte der 13. Kongress keinen Strahl einer Hoffnung ■auf Besseres. Es bleibt alles beim Alten. K. Das Echo der Kenessio Oedaulo. I. Die Inlandspresse, Ein Ereignis, wie die Tagung der Kenessio Gedanlo muss selbstverständlich widerhallen. Die Presse der ganzen Welt hat auch den Kongress der jüdischen Orthodoxie als ein Faktum ersten Ranges betrachtet und behandelt. Auch die ■nicht auf Parteitendenz eingestellte jüdische Presse sah in der Kenessio Gedanlo ein bedeutendes Geschehnis, dessen Folgen von ungeheurer Bedeutung sein können. Wie bereits gemeldet wurde, haben sämtliche Zeitungen der Welt, die in Wien ihre Korrespondenten haben, den Beratungen der Kenessio mit regem Anteil gefolgt. Ebenso war die Wiener Presse fast vollzählig vertreten. Wir wollen nun im folgenden einiges herausgreifen, um ■dann im allgemeinen ■das Bild der Ken'essio Gedaulo im Spiegel gegnerischer, neutraler und freundlich gesinnter Zeitungen wiederzugeben. Was die zionistische Presse in Wien selbst anbelangt, konnte leider auch diesmal die beschämende Tat- Sache fesfcgeste'llt werden, dass der Ton, die Manier und auch die inhaltliche Argumentation unter jedem Niveau steht. Mangel an überzeugender Dialektik wird durch billige banale Ironisierung ersetzt, vollkommenste Ignoranz der allgemein jüdischen seelischen Verhältnisse, versucht man durch eine drittrangige Bewitzelung zu maskieren. Ernst fehlt vollständig und nur die beliebte Methode armseeliger Verdächtigung und provinzioneller Infamie wurde angewendet. Einige Beispiele mögen zur Illustration derartiger Berichterstattung dienen: Fanden die Berichterstatter von 18 Wiener Zeitungen, dass der riesengrosse Saal bei der Eröffnungsfeier gesteckt voll war, so ist einem derartigen Berichterstatter der Raum für die Delegierten ״von etwa 600 Personen schwach gefüllt“. ״Sekten- Zusammenkunft“ (man weiss, wie die judenfressende Hetzpresse solohe Ausdrücke gern auffängt und ummodelt) ist der Eindruck, den der Kongress auf diesen Berichterstatter ausübt. Eine Sektenzusammenkunft, der die Vertreter aller diplomatischen Behörden beiwohnen. Doch nein, es waren bloss kleine Beamte, die die erwähnten Behörden entsendeten, weiss es besser ein anderer zionistischer Berichterstatter. Ausser solchen ׳Pikanterien, wussten die ziönistisehen Korrespondenten noch zu erzählten, dass eifl Stenograph ohne Hut dagesessen ist, dass ein Rabbiner sich nicht piiotographieren liess, dass die Grossrabbiner überhaupt keine Grossrabbiner sind und ähnliche ״Wahrheiten“. Musste dann doch etwas über den Inhalt der Beratungen den Lesern verraten werden, so wurde die Reihenfolge der Temperament und Geistesriclrtung verschieden von einander, doch ■geeinigt in dem Streben, ■den inneren Bau ■des jüdischen Menschen und der jüdischen Genieinschaft auf den Grundlagen der Thora unid der überlieferten Tradition zu erhalten, bilden sie den tragfähigsten und zukunftsichers.ten Teil des jüdischen Volkes überhaupt. ln Litauen haben ■die Ereignisse eine ganz eigenartige ׳Entwicklung!genommen.!Politisch ■haben die Juden eine schwere Zeit mitzumachen gehabt. Auch in Litauen hat der Antisemitismus erheblich zugenommen ■und grossen Schaden angerichtet. Es soll aber nicht verschwiegen werden, dass die unkluge Politik der grossen Jüdischen Parteien, die der Regierung gegenüber eine agresslve, auf Kampf eingestellte,!Politik geführt haben, zur Verschärfung der Stimmung wesentlich beigtetragen hat. Diese agressive Haltung der jüdisahen Parteien ׳hat nun verursacht, dass die ■Regierung bei der!Besetzung des Postens eines jüdisehen!Ministers einen ausserhalb der Parteien stehenden, ja einen von allen jüdischen ׳Parteien abgelehnten Kandidaten, für den ׳Posten des jüdischen Ministers ernannt hat. Die Tage dieses Ministers!waren!kurz, aber diese Episode hat auch zur Verschlechterung der politischen Lage der Juden beigetragen. Erst allmählich!gelang der orthodoxen Achduth-Partei, die stets für eine friedliche Durchsetzung der jüdischen Forderungen ■eintrat, ihre politischen Grund- Sätze zur Geltung zu!bringen.!Dass die politische Atrno- Sphäre ׳heute entgiftet ist, ist das Verdienst um die Folge der politischen Einsicht!der Orthodoxie. Zahlenmässig kommt selbstverständlich!diese politische Ponderanz gar nicht zum Ausdruck, im litauischen ׳Sejin sitzen zur Zeit 7 Abgeordnete, von denen bloss einer der Orthodoxie angehört. Dieser Uebelstand ist die traurige Folge der Unorganisiertheit der Orthodoxie. Der Mangel einer orthodoxen Organisation macht sich aber nicht nur auf dem politischen Gebiete übel bemerkbar. Sowohl in der Oemeinde, wie im Nationalrat kommen die Wünsche der Orthodoxie infolgedessen nicht zur Geltung, obwohl die überwiegende Majorität der litauischen Judenheit orthodox ist. ׳Dem Mangel eirier guten Organisation ■ist ferner zuzuschreiben, dass die litauische Orthodoxie einen ihrer führenden Männer, Dr. Rachmrlewitsch, auf der politischen Arena entbehren muss. Ja es machten sioh in den letzten Zeiten Bestrebungen geltend,!diesen verdienstvollen Mann auch aus den!wirtschaftlichen Positionen, die er selbst durch die Gründung!der!grossen jüdischen Banken geschaffen hat, zu verdrängen. Es wäre ׳in Anbetracht der immer mehr sich verschlechternden Wirtschaftlage der Juden in Litauen ein derartiger ׳Sieg der 'Farteienmissgttnst sehr bedauerlich. Litauen ,ist ein Agrarstaat, die Gesetzgebung ■ist bestrebt, die Steurlast auf den ׳Handel abzuwälzen. Die Juden betreiben aber, schon infolge der!alten russischen Praxis hauptsächlich Handel, der aber durch die relativ ׳gute Valuta Litauens, im letzten Jahr sehr zurückgegangen ist. Die schlechte Wirtschaftslage drüokt vor allem die Orthodoxie. Ihr Schulwesen wird von der Regierung kaum unterstützt. Ihre übrigen■ Institutionen erfordern ebenfalls grösste finanzielle Opfer. Doch!Ist das Schulwesen der Orthodoxie der Lichtpunkt, auf den jeder thoratreue Jude in Litauen mit Stolz blickt. Mit der allmählichen Konsolidierung!der Verhältnisse kommt der Wunsch der breiten Sohlahten de jüdischen!Bevölkerung!immer mehr zum Ausdruck und di>e breite Schichte sehnt sich förmlich nach echten jüdischen Thoralehranstalten, die!den Kindern nach altem Muster Thorawissen ibeibringen. Die Zahl der Kinder, die im Alter von 13 bis 18 Jiabren an den sogenannten ״Kleinen Jesahiwohs“ Tlhora lernen, stieg in diesem Jahre fast bis 2000. Aber auch die ״Grossen Jteschiboht“ -in Slobotko, Telschi und Ponjewesch, mit ungefähr je 300 grossen ׳Bachurim sind ln Vollblüte. Telschi ist ferner ׳Dank der Einsicht, Energie und pädagogischem Talent des Rabbiners I. L. ■Bloch der Sitz vieler orthodoxer Lehranstalten geworden. Unter der Leitung von Dr. Hohberg blüht dort ein orthodoxes Mädchengymnasium. Es soll jetzt auch das orthodoxe Lehrerseminar von Kowno nach Telschi verlegt werden. Man hofft, durch diese Anstalten dem furchtbaren ׳Mangel in geeigneten!Lehrkräften •zu steuern. Ali diese Institutionen werden zu Teil mit amterikanischer Unterstützung erhalten. Die Führer!der Orthodoxie wissen, dass diese Unterstützung nicht die richtige Basis zur Er-!haltung dieser Anstalten ist, daher machen sie unemriid- ■liehe Versuche, um dfe thoratreue Judenheit zusammenzufassen, damit ihre Geltung und ihre Leistungsfähigkeit gesteigert wird. ■Die Länder des Ostens stehen im engsten Zusammenhänge mit Amerika. ׳Der grösste Teil der amerikanischen Judenheit stammt aus Osteuropa. Ihite Gefühle •ihren einstigen Heimatsländern gegenüber, sind noch immer lebendig. Diesem Umstande ist zu verdanken, dass sie vom Kriegsbeginne an, bis zum heutigen Tage die osteuroäische Judenheit über einen ■moralischen und wirtschaftlichen Zusammenbruch hinweggeholfen haben. Amerika ist real und kaufmännisch genug, um zu wissen, dass ■diese Spenden eine herrliche ■Kapitalsanlage bilden. Besonders die thoratreue Judenheit ■in Amerika hofft, dass sie in ihrem Streben, Thorarehranstalten in Amerika zu gründen, fromme Institutionen in Amerika zu erhalten, aus Osteuropa geeignete Kräfte bekommen ׳wird. Agudas Jisroel trägt sich schon seit einiger Zeit mit der Idee, eine entsprechende Delegation nach Amerika zu schicken, 11m der amerikanischen thoratreuen Judenheit, bei dem Aus- und Aufbau ihrer Reliösen- und Erziehungsanstalten behilflich zu sein. In ■diesem Jahre ist diese Delegation noch ■nicht zustande gekommen. Hoffentlich wird das künftige Jahr die Hindernisste aus dem Wege räumen. Amerika hat aber auch fiir Erez J isroe 1 und für die Mitteleuropaisehe Länder gewaltiges geleistet. In Erez Jisroel selbst kamen diese Leistungen der schwerbedrändgten Orthodoxie nur im kleinen Masse zustatten.. Die orthodoxe Judenheit in Erez Jisroel hat einen schweren Kampf zh bestehen. Die Bestrebungen, einheitliche ■Vertretungen für die Judenheit zu schaffen, wären ja ■vom Standpunkte der politischen Gelutng und Repräsentation ׳aus sehr begrüs- * .. Perücken aus dauergewelltem ,n __ _J| __'S ,M* Naturhaar, garantiert jL^.Ud.^PJUI J*■ M JT unsichtbar im Tragen, wien, 1# Bezirk, Kärntnerstrasse 8 liefert kurzfristig (nächst dem Stefansplatz, am die Ecke)

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